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Zurück ins Leben


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 25.02.2019

Neue Behandlungsmethoden geben Schlaganfallpatienten Hoffnung


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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 3/2019

Florence Baudouin dreieinhalb Jahre nach ihrem Schlaganfall


IM JULI 2015 erwachte Floren ce Baudouin, damals 45, in einem Krankenhausbett in Paris. Ihr Körper war übersät mit Schläuchen, die ihn mit blinkenden Maschinen verbanden. Sie erinnerte sich, wie sie zusammengebrochen war, an den Hubschrauber, der kurz darauf eingetroffen war und an die Rettungskräfte, die sie aufgefordert hatten, nicht einzuschlafen. Baudouin wusste weder, wie man spricht, noch schien der Rest ihres Körpers zu funktionieren. „Mein Gehirn war nicht in der Lage, dem ...

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IM JULI 2015 erwachte Floren ce Baudouin, damals 45, in einem Krankenhausbett in Paris. Ihr Körper war übersät mit Schläuchen, die ihn mit blinkenden Maschinen verbanden. Sie erinnerte sich, wie sie zusammengebrochen war, an den Hubschrauber, der kurz darauf eingetroffen war und an die Rettungskräfte, die sie aufgefordert hatten, nicht einzuschlafen. Baudouin wusste weder, wie man spricht, noch schien der Rest ihres Körpers zu funktionieren. „Mein Gehirn war nicht in der Lage, dem Körper Befehle zu geben“, erzählt sie. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten. Etwa jeder sechste Mann und jede fünfte Frau hat im Laufe des Lebens einen Schlaganfall. In Europa ist der Schlaganfall nach dem Herzinfarkt die zweithäufigste Todesursache mit rund 433 000 Fällen jährlich. Er gilt laut einem Artikel imEuropean Stroke Journal im Juli 2018 als die Haupt ursache für langfristige Behinderungen.

Doch was ist ein Schlaganfall? Florence Baudouin hatte einen ischämischen Schlaganfall erlitten. Dabei wird die Blutversorgung des Gehirns blockiert, weil ein Blutgerinnsel eine der Hirnarterien verschließt. Derartige Gerinnsel bilden sich meist, weil cholesterinhaltige Ablagerungen, sogenannte Plaques, reißen. 85 Prozent aller Schlaganfälle sind ischämische. Die Symptome treten plötzlich und heftig auf, wenn das Blut mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff nicht mehr an dem Gerinnsel vorbeifließen kann.

Rund 15 Prozent aller Fälle sind sogenannte hämorrhagische Infarkte oder Hirnblutungen. Ursache hierfür ist ein geplatztes Blutgefäß, wodurch Blut in das Gehirn gelangt. Unter Schlaganfallmedizinern gilt: „Zeit ist Hirn“. Sobald die Neuronen (Nervenzellen) nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, sterben sie in rasantem Tempo ab: 1,9 Millionen pro Minute. Damit gehen die Funktionen, die diese Neuronen steuern, verloren.

Ein Mensch, der einen heftigen Schlaganfall erleidet, ist plötzlich nicht mehr in der Lage, zu stehen, zu sehen, eine Hand, einen Arm oder ein Bein zu bewegen. Meistens ist eine Körperhälfte geschwächt oder gelähmt – die Seite, die der vom Schlaganfall betroffenen Gehirnhälfte gegenüberliegt. Oft kann der Betroffene kaum oder nicht mehr sprechen. Im Krankenhaus behandelte man Baudouin mit gewebespezifischem Plasminogenaktivator (t-PA), um das Blutgerinnsel aufzulösen. Das als Thrombolyse oder Lysetherapie bezeichnete Verfahren kann einen Schlaganfall im Frühstadium stoppen und dauerhafte Schäden am Gehirn begrenzen.

Als t-PA im Jahr 2002 in der EU zugelassen wurde, war es der bis dato größte Durchbruch bei der Behandlung von Schlaganfällen auf dem Kontinent. Heute werden mehr als 100 000 Europäer pro Jahr mit der Thrombolyse behandelt.

Die Therapie eignet sich jedoch nicht für alle Patienten, erklärt Keith Muir, Professor für klinische Bildgebung an der University of Glasgow in Schottland. Erfolgt die Behandlung innerhalb von 90 Minuten nach Einsetzen der ersten Symptome, stellen sich bei etwa einem Fünftel der Patienten erhebliche Verbesserungen ein, sodass sie ohne bleibende Symptome entlassen werden können.

„Nach 180 Minuten profitiert jeder Zehnte, und bei einer Behandlung 270Minuten später nur noch jeder 20. Danach zeigt sich kein Nutzen mehr“, sagt Muir. Ist zu viel Zeit verstrichen, können die von der verstopften Arterie versorgten Neuronen nicht mehr gerettet werden. Außerdem ist das Blutungsrisiko im Verhältnis zu einem möglichen Nutzen zu hoch.

Selbst wenn die Thrombolyse umgehend erfolgt, wirkt sie nicht zu 100 Prozent. „Befindet sich das Blutgerinnsel beispielsweise in einer der größeren Arterien des Gehirns, also näher am Hauptstamm, ist t-PA in den meisten Fällen weniger effektiv“, erklärt Dr. Raul Nogueira, Professor für Neurologie an der Emory University School of Medicine in Atlanta, USA. Florence Baudouin hatte Glück im Unglück. Zwar konnte sie nach der Behandlung noch nicht sprechen, doch dank t-PA wurden keine weiteren Neuronen geschädigt.

Zweieinhalb Jahre nach dem Schlaganfall und dank regelmäßigem Training kann Florence Baudouin ihre rechte Hand wieder benutzen und malen


Entscheidend ist, schnell in die Klinik zu kommen

Der heute 45-jährige Umwelttechniker Jan Heussen aus Oppenheim weiß noch, dass jener Morgen Ende April 2016 begann wie jeder andere. Gegen sieben Uhr ging er nach unten, um das Frühstück für die Familie vorzubereiten. Doch als er seinen Golden Retriever Fellow füttern wollte, brach er plötzlich zusammen.

Seine Frau hörte einen dumpfen Schlag, rannte die Treppe hinunter und sah ihren Mann hilflos am Boden liegen. Sie rief den Notarzt. Jan Heussen hatte einen ischämischen Schlaganfall erlitten und erhielt im Krankenhaus sofort eine Lysetherapie.

Jan Heussen erlitt in der Klinik einen zweiten Schlaganfall – das ist nicht ungewöhnlich


Doch das t-PA löste das Blutgerinnsel nicht auf. Kostbare Minuten verstrichen, bevor Heussen in eine größere Klinik transportiert wurde. Inzwischen waren drei Stunden vergangen. Dort röntgte man sein Gehirn, um die Position des Gerinnsels zu ermitteln. Anschließend führten die Chirurgen einen Katheter in die Arterie ein, um es zu entfernen (Thrombektomie), wodurch sie vermutlich sein Leben retteten.

Bis vor Kurzem glaubten Fachleute, dass das Zeitfenster für eine Thrombektomie ebenso kurz ist wie die für t-PA – also höchstens sechs Stunden.

Doch neuere Untersuchungen haben ergeben: Bei 30 Prozent der Schlaganfallpatienten gelangt genügend Blut über kleinere Gefäße ins Gehirn. Das ver zögert die Zerstörung der Neuronen, und somit verlängert sich das Zeitfenster für eine Behandlung. Mithilfe spezieller Röntgenaufnahmen des Gehirns lässt sich feststellen, bei welchen Patienten eine derartige „kollaterale Blutzirkulation“ stattfindet. So sind Chirurgen manchmal noch bis zu 24 Stunden nach Beginn eines Schlaganfalls in der Lage, eine Thromb ektomie vorzunehmen. Professor Nogueira warnt, dass „dies einem Patienten zwar Zeit verschafft, seine Neuronen aber trotzdem absterben.“

Als Heussen nach seiner Thrombektomie erwachte, stellte er fest, dass er seinen rechten Arm und sein rechtes Bein etwas bewegen konnte. Doch wenige Stunden später waren sie vollständig gelähmt. Er hatte einen zweiten Schlaganfall erlitten.

Wer schon einmal einen Schlaganfall hatte – insbesondere wenn die anfänglichen Risikofaktoren bestehen bleiben –, hat ein erhöhtes Risiko für einen weiteren Schlaganfall. Dieses bleibt bis zu zehn Jahre lang unverändert hoch.

Nach einer zweiten Thrombektomie stabilisierten die Ärzte Heussen und versetzten ihn für 48 Stunden ins Koma. Durch ein EKG entdeckten die Ärzte die Ursache des Schlaganfalls: ein Loch in einer Herzkammer, das er wohl seit seiner Geburt besitzt. So konnte sich ein Blutgerinnsel bilden, das über eine Arterie ins Gehirn gelangte und den Blutstrom blockierte. Es gibt mehr Kliniken, die für eine Thrombolyse ausgestattet sind als für das neuere Thrombektomieverfahren. Doch Dr. Danilo Toni, Leiter der Stroke Unit am Krankenhaus Policlinico in Rom findet, dass man sich nicht zwischen beiden entscheiden sollte: „In randomisierten kontrollierten Studien wurde die Wirksamkeit einer Thrombektomie zusätzlich zur intravenösen Lysetherapie nachgewiesen.“ In den jüngsten Leitlinien wird die Anwendung beider Verfahren empfohlen. Ausnahme: wenn die Gabe des gerinnsellösenden Medikaments zu riskant ist.

Das häufig verschriebene Antidepressivum Fluoxetin (Prozac), das Heussen und Baudoin nicht verordnet wurde, kann die motorischen Fähigkeiten nach einem Schlaganfall ebenfalls signifikant verbessern. Es scheint die Verbindungen zwischen beschädigten und intakten Neuronen zu fördern.


„ICH WAR FEST ENTSCHLOSSEN, EINES TAGES WIEDER GESUND ZU WERDEN.“
FLORENCE BAUDOUIN


Die Genesung kann harte Arbeit bedeuten

Die Ärzte konnten zwar verhindern, dass Heussen und Baudouin weitere Hirnschäden erlitten. Dennoch sahen sich beide mit schwerwiegenden Behinderungen konfrontiert. „Als ich aufwachte, wusste ich nicht, wie man spricht. Ich konnte weder lesen noch schreiben, geschweige denn essen“, erzählt Baudouin. „Ich war wie ein Kind, das alles lernen musste. Aber ich war fest entschlossen, eines Tages wieder gesund zu werden“, sagt sie. Friedhelm Hummel, Professor für klinische Neurowissenschaften an der medizinischen Fakultät der Universität Genf, erklärt, dass sich die Symptome von Patienten nach einem Schlaganfall zwar ähneln, jedoch im Hinblick auf das Ausmaß, den Bereich und die Art der Schäden große Unter- schiede zwischen den Betroffenen bestehen. Diese Umstände entscheiden mit darüber, ob jemand in ein normales Leben zurückfindet.

Nach einem Monat im Krankenhaus schaffte es Florence Baudouin mit großer Willenskraft, an Krücken zu gehen und ihre rechte Hand teilweise zu benutzen. Weitere Fortschritte stellten sich ein, als sie in ein Rehabilitationszentrum verlegt worden war. Dort absolvierte sie täglich mehrere Stunden Therapie mit einem Logopäden, einem Neuropsychologen und einem Physiotherapeuten. „Wenn man mir ein Bild zeigte, fiel mir das zugehörige Wort nicht ein, und ich sagte ein anderes“, erinnert sie sich. „Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder sprechen und lesen konnte. Das Schreiben dauerte noch länger.“ Drei Jahre nach ihrem Schlaganfall ist Florence Baudouin noch immer in logopädischer Behandlung. Da sie ihren Beruf als Friseurin nicht weiter ausüben kann, übergab Baudouin ihren Salon an eine ihrer Angestellten. Inzwischen ist sie zu rund 75 Prozent genesen und entschlossen, weitere Fortschritte zu machen. Jan Heussen begann noch im Krankenhaus, eine Woche nach seinem zweiten Schlaganfall, mit der Physiotherapie. „Anfangs konnte ich meinen Arm überhaupt nicht anheben“, berichtet er. „Nach der zweiten Woche konnte ich ihn ein kleines bisschen bewegen.“ Dann folgten fünf Wochen in einer Reha-Klinik. Im Gegensatz zu Baudouin verstand er alles, was er las. Doch selbst die einfachste sprachliche Äußerung bereitete ihm enorme Schwierigkeiten. Er musste das Sprechen völlig neu lernen. Es sei frustrierend und schwierig gewesen, so Heussen, „Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen“. Mit eisernem Willen übte er weiter.

Heussen geht immer noch zur Physiotherapie und Logopädie, sagt aber, dass der Alltag für ihn die beste Therapie sei. In seiner Freizeit fährt er gern Fahrrad, geht joggen oder mit seinem Hund Fellow spazieren. Obwohl er seine rechte Hand noch nicht wieder vollständig benutzen kann und mit seiner linken schreiben muss, „versuche ich immer, alles zuerst mit rechts zu machen.“


„ES IST FRUSTRIEREND GEWESEN, WÖRTER IN DIE RICHTIGE REIHENFOLGE ZU BRINGEN.“
JAN HEUSSEN


Die Fähigkeit des Gehirns zur Neuverdrahtung

Obwohl Schlaganfälle weltweit die Hauptursache für Invalidität sind, ist unklar, wie vielen Menschen mit der richtigen Behandlung geholfen werden könnte, denen keine Aussicht auf weitere Genesung eingeräumt wurde. Dabei gibt es laut einem 2014 im FachblattTopics in Stroke Rehabilitation veröffentlichten Artikel eindeutige Belege dafür, dass mehr Optimismus angebracht ist. Viele Patienten machen auch lange nach einem Schlaganfall noch Fortschritte.

Am eindrucksvollsten wurde dies in der Fallstudie eines Mannes aus Toronto, Kanada, dokumentiert. Er hatte 1979 einen ischämischen Schlaganfall erlitten, seine linke Hand war 22 Jahre vollständig gelähmt. Doch 2001, nachdem er ein Jahr lang regelmäßig schwimmen gegangen war, zeigte die Hand plötzlich Lebenszeichen. Daraufhin begann er mit einer intensiven Physiotherapie. Zwei Jahre später war er in der Lage, mit der ehemals gelähmten Hand Münzen aufzuheben. Bei einer MRT-Untersuchung zeigte sich weshalb: Sein Gehirn hatte angefangen, neue Verbindungen aufzubauen. Sie übernahmen die Aufgaben der Areale, die beim Schlaganfall zerstört worden waren.

Diese Fähigkeit, länger bestehende Schäden zu überbrücken, wird als Hirnplastizität bezeichnet. In der ersten Zeit nach einem Schlaganfall sind betroffene Neuronen manchmal nicht zerstört, sondern nur geschädigt. Sind sie aber in der Lage, sich zu erholen, stellt sich ihre Funktion schneller und umfassender wieder her.

„Zeigt sich in den ersten 30 Tagen bei jemandem auch nur der Hauch einer Bewegung in komplett schlaffen Gliedmaßen, betrachte ich das als vielversprechendes Zeichen“, so Dr. Heidi Fusco, Professorin für Rehabilitationsmedizin am Rusk Rehabilitation Centre der Universität NYU Langone in New York. „Ich habe Patienten, die sich auch zwei, drei Jahre nach ihrem Schlaganfall erholen und Fortschritte machen.“

„Wir müssen uns von einheitlichen Behandlungsmethoden verabschieden und zu individuell abgestimmten Präzisionstherapien übergehen“, meint Professor Hummel. In seiner Forschung konzentriert er sich auf die Entdeckung von Biomarkern. Mit deren Hilfe könnten Ärzte ermitteln, welche Therapie die beste für welche Patienten ist. Oder welche Bereiche des unbeschädigten Gehirns stimuliert werden müssen, damit andere Neuronen Funktionen der zerstörten Sektoren übernehmen.

„Wir sollten begreifen, dass ein Schlaganfall eine behandelbare Krankheit ist“, erklärt Professor Muir.

Man lebt nur einmal in der Welt, hat nur einmal diese Kräfte, diese Aussichten.JOHANN WOLFGANG VON GOETHE, dt. Naturwissensch. u. Dichter (1749-1832)


FOTOS: (VORHERIGE DOPPELSEITE UND RECHTS) © MICHEL LABELLE

FOTOGRAFIERT VON HEINZ HEISS