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Zurückgelassen in AFGHANISTAN


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 35/2021 vom 29.08.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 35/2021

Chaos vor den Mauern des Flughafens Kabul, den verzweifelte Menschen tagelang belagerten

Die Wohnung liegt nur 15 Kilometer von der Freiheit entfernt. So fühlt es sich an für Lalma Dawar*, ihren Mann und ihre fünf Kinder. Denn die Freiheit, das ist für sie der Flughafen von Kabul, von wo sie nach Deutschland ausreisen könnten. Doch zwischen der Familie und dem Flughafen stehen hohe Betonmauern, zahllose Checkpoints der Taliban und die Unfähigkeit der deutschen Regierung, die Menschen zu schützen, die einst Deutschland bei seinem Engagement in Afghanistan geholfen haben.

„Die ganze Nacht habe ich Angst. Ich kann nicht schlafen. Mein Herz schmerzt“, sagt Lalma Dawar am Telefon. Sie weint. Etwa 17 Jahre unterrichtete sie an einer deutschen Mädchenschule in Kabul, deren Träger die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist. Darum müssen sie und ihre Familie jetzt um ihr Leben fürchten. Einen Tag nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban bekam Dawar einen Anruf von der deutschen Botschaft. Ob sie alle Pässe für die Ausreise habe. Sie würden bald abgeholt und zum Evakuierungsflug gebracht. Aber niemand holt sie ab, es ruft niemand mehr an. Sie seien dann selbst zum Flughafen gefahren, doch die Taliban dort hätten ihnen den Eintritt verwehrt, erzählt Frau Dawar. Sie hätten sie geschlagen. „Du hast mit Ausländern gearbeitet, du bist eine Ungläubige.“ Das hätten sie gesagt. Zwei Tage und Nächte harren die Dawars am Flughafen aus. Dann wird es dort zu gefährlich, und sie kehren in die Wohnung zurück. „Wir warten die ganze Zeit und gucken auf mein Handy“, sagt Frau Dawar aufgeregt, als dürfe sie keine Zeit verlieren. „Wann kommt jemand? Wann?“ Doch die Deutschen kommen nicht mehr. Sie sind fort.

Der Sieg der Taliban in Afghanistan ist eine Tragödie von internationalen Dimensionen. Doch die schleppende Evakuierung der afghanischen Helfer ist eine ganz eigene deutsche Farce. Genauer: ein vielleicht letztes Debakel der großen Koalition. An Hinweisen auf die Dringlichkeit von Evakuierungen mangelte es seit Monaten nicht. Sie kamen aus der Bundeswehr, aus dem Parlament, aus der Zivilgesellschaft. Aber die zuständigen Ministerien blockierten sich gegenseitig. Das Außenamt von Heiko Maas (SPD), das Innenressort von Horst Seehofer (CSU), das Verteidigungsministerium von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und das Entwicklungshilferessort von Gerd Müller (CSU) fanden zu keiner gemeinsamen Linie, jeder hatte seine spezifischen Interessen im Blick – wie so oft in den 20 Jahren des Einsatzes. In so einer Lage ist die Bundeskanzlerin gefragt, mit ihrer Richtlinienkompetenz Orientierung zu geben. Doch Angela Merkel (CDU) beließ es bei der Aufforderung, sich zu einigen. Das Ergebnis lässt sich in Zahlen ausdrücken und vergleichen: Am Freitagabend gab der britische Premierminister Boris Johnson bekannt, sein Land werde die Evakuierungen bald einstellen, man habe schon etwa 14.500 Menschen aus Afghanistan gerettet. Ebenfalls am Freitagabend empfing Ministerin Kramp-Karrenbauer die letzten deutschen Evakuierungsflüge auf der Luftwaffenbasis Wunstorf. Die deutsche Bilanz: etwa 5300 Evakuierte. Nach Recherchen von WELT AM SONNTAG waren darunter nur etwa 100 Ortskräfte deutscher Institutionen. Leute wie Frau Dawar.

EKLATANTE FEHLEINSCHÄTZUNG

Das katastrophale Krisenmanagement der deutschen Regierung lässt sich exemplarisch am Beispiel des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) studieren – jener Behörde, die auch der wichtigste Auftraggeber der GIZ ist, des Arbeitgebers von Frau Dawar. Ein Rückblick: Am 8. August fiel die Provinz hauptstadt Kundus, ein Schwerpunkt des deutschen Afghanistan-Engagements, in die Hände der Taliban. Bereits Anfang Juli hatte die Ministeriumsspitze entschieden, Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit in von Taliban kontrollierten Gebieten „vorerst nicht fortzuführen“, wie es in internen Dokumenten heißt, die WELT AM SONNTAG vorliegen. Spätestens da hätten sich Minister Müller und seine Leute also die Frage stellen müssen: Was heißt das für unsere Ortskräfte? Wie bekommen wir die Leute raus aus dem Land?

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 35/2021

Der Flughafen ist in ihrer Hand: Taliban-Kämpfer am Airport von Kabul, über den Tausende versuchten zu fliehen

Zwar behauptet das Ministerium auf Anfrage, bis Anfang August habe es „ein sehr niedriges Niveau an Gefährdungsanzeigen“ gegeben, die Frage der Evakuierung aller Ortskräfte der Entwicklungshilfe habe zu diesem Zeitpunkt nicht angestanden. In einer internen Stellenausschreibung allerdings, die WELT AM SONNTAG vorliegt, klingt das anders. Am 11. August entschied Staatssekretär Martin Jäger, eine Taskforce „Ortskräfteverfahren Afghanistan“ einzurichten. In dem „Aufruf zur Interessenbekundung“ für diese Taskforce heißt es, dass die Zahl der Gefährdungsanzeigen im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zu den Vorjahren um „über 1000 Prozent“ angestiegen sei. Ein niedriges Niveau?

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Ein US-Soldat versucht ein Kind aufzuheitern, das mit seiner Mutter auf eine Ausreise mit dem Flugzeug hofft

Erst am 12. August – also drei Tage bevor die Taliban Kabul eroberten und damit endgültig siegten – veröffentlichte das Ministerium intern eine Stellenausschreibung. Gesucht wurden 20 Referenten und Sachbearbeiter aus dem höheren und gehobenen Dienst für einen „flexiblen Pool“. Jeder Mitarbeiter bleibe in seinem Referat, müsse Unterstützung „nur im Bedarfsfall“ leiten. Es handele sich um eine „Aushilfstätigkeit“. Zeitdruck sah man in der Führung offenbar weiterhin nicht. Die Stellenausschreibung lief bis zum 19. August. Da war die afghanische Regierung längst zusammengebrochen, die Taliban kontrollierten Kabul, und die Bundeswehr hatte drei Tage zuvor ihre Evakuierungsmission begonnen. Während deutsche Soldaten mit waghalsigen Flugmanövern und lebensgefährlichen Missionen im Umfeld des Kabuler Flughafens Menschen retteten, wartete man im BMZ also auf Bewerbungen für eine Taskforce, die dabei unterstützen sollte.

ICH WAR IMMER NETT ZU DEN DEUTSCHEN. ICH HABE IMMER GERNE MIT IHNEN GEARBEITET

LALMA DAWAR, Lehrerin

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Brigadegeneral Jens Arlt salutiert vor Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) auf demFlughafen Taschkent

IN KABUL IN DER FALLE, OHNE JEDE HOFFNUNG

In Kabul herrscht nun bittere Tristesse. Immer mehr Afghanen begreifen, dass ihnen vermutlich niemand mehr helfen wird. Nicht genug damit, dass große Nationen ihre Evakuierungsflüge einstellen. Auch der Flughafen als solcher ist schwer beschädigt, seit der afghanische Ableger der Terrormiliz IS am Donnerstag einen Selbstmordanschlag dort verübte.

Zurück bleiben Tausende, die eigentlich hätten gerettet werden sollen. Doppelstaatler, Aktivisten und unzählige Ortskräfte der Bundeswehr. Er sei jeden Tag an den Flughafen gekommen, sagt einer der Männer verzweifelt am Telefon. Beinahe wäre er auch noch zum Zeitpunkt der Explosion dort gewesen. „Kurz davor stand ich dort in der Menge. Doch dann gab ich auf und ging nach Hause. Ich hatte Glück.“

Jetzt will er nicht mehr zum Flughafen gehen. „Es hat keinen Sinn mehr. Die Flieger der Deutschen sind doch weg.“ Der 50-Jährige, der sieben Jahre für die Bundeswehr gearbeitet hat, will anonym bleiben. Denn jetzt ist klar: Er muss erst mal in Kabul bleiben. Das kann er nur schwer akzeptieren. „Deutschland ist doch ein starkes, reiches Land“, sagt er. „Und wir sind doch nur ein kleiner Tropfen. Ich verstehe einfach nicht, warum sie uns nicht rausgeholt haben.“

Schon vor Wochen ist er mit seiner Frau und den drei Kindern auf eigene Faust von Masar-i-Scharif nach Kabul geflohen und hat dafür seinen gesamten Besitz verkauft. Wie viele andere ehemalige Ortskräfte lebte er während der Evakuierung in einem von Ex-Bundeswehrsoldaten privat finanzierten Safe House. Jeden Tag habe man darauf gewartet, dass die deutsche Regierung sich melden würde. „Aber wir wurden kaum informiert. Ein, zwei Mal rief irgendwer an und sagte, man würde Bescheid sagen. Dann kam nichts mehr.“

Längst haben sich die zurückgelassenen Ortskräfte in WhatsApp-Gruppen organisiert. Dort werden Gerüchte ausgetauscht und immer wieder Hoffnungen geweckt, die sich meist sogleich wieder zerschlagen. Jetzt, da klar ist, dass sich die Deutschen aus dem Staub gemacht haben, tauschen sich die Zurückgelassenen über alternative Fluchtwege aus. Doch die Grenzen zu den Nachbarländern sind zu, und wer kein Geld hat, kommt nirgendwohin. „Normalerweise kostet ein Visum für Usbekistan 60 Dollar. Jetzt, auf dem Schwarzmarkt, sind es 650“, sagt der Mann.

Doch obwohl es so schwer ist, aus Afghanistan zu entkommen, bereitet sich Europa schon auf zahlreiche Flüchtlinge vom Hindukusch vor. Die EU-Kommission ruft die Mitgliedstaaten auf, bereits in den kommenden Wochen konkrete Angebote für die Aufnahme von Flüchtlingen für das kommende Jahr zu machen – auch wegen der Lage in Afghanistan. Das Umsiedlungsprogramm der EU sei in den letzten Jahren „durchaus erfolgreich“ gewesen, sagte der zuständige Sprecher der EU-Kommission für Innen- und Migrationspolitik, Christian Wigand, WELT AM SONN- TAG wenige Tage vor dem geplanten Sondertreffen der EU-Innenminister in Brüssel am kommenden Dienstag. Seit 2015 hätten die EU-Staaten auf diesem Weg mehr als 80.000 Menschen aus Krisengebieten aufgenommen. „Bis Mitte September erwarten wir von den Mitgliedstaaten Zusagen für das kommende Jahr. Da geht es um Menschen aus verschiedenen Regionen, aber natürlich wird nun Afghanistan auch besonders im Fokus stehen“, sagte Wigand weiter. Das Ziel seien „sichere und legale Wege, für besonders gefährdete Menschen in Europa Schutz zu bekommen, also Resettlement“. Wigand weiter: „Es geht hier um klar definierte Gruppen von Menschen, die besonders in Gefahr sind, wie etwa Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten, insbesondere Frauen und Mädchen.“

FRAU DAWAR FINDET KEINEN MEHR, DER IHR HILFT

Menschen also wie Frau Dawar. Sie weiß, dass sie in Gefahr ist. Aber sie weiß nicht mehr, wie sie sich retten soll. Unter ihren Verwandten gibt es viele Anhänger der Taliban. Dadurch ist die Bedrohung für sie noch größer. Bei ihrem zweiten Fluchtversuch hat Dawar eine deutsche Flagge mit zum Flughafen gebracht. „Ich wollte die den deutschen Soldaten zeigen, damit sie sehen, dass ich zu ihnen gehöre“, erzählt sie. Doch es sind keine deutschen Soldaten mehr am Flughafen. Wieder wird die Familie mit Waffen bedroht und der Zutritt verwehrt. Ohne offizielles Schreiben des Auswärtigen Amts dürfe sie nicht ausreisen. „Ich war immer nett zu den Deutschen. Ich habe immer gerne mit ihnen gearbeitet“, hat Frau Dawar am Montag am Telefon gesagt. Vor Kurzem hat sie noch eine Sprachnachricht über die Handy-App Telegram geschickt. „Bitte helfen Sie uns“, sagt Frau Dawar darin. „Deutschland hilft uns nicht.“ Dann endet die Nachricht.

*Die Namen der Zurückgelassenen wurden für ihre Sicherheit geändert.

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