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Zusammen lebt man glücklicher


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 01.09.2021

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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 10/2021

Die Familie mit den beiden Hunden im Garten. Wenn es Streit gibt, dann tagt hier auch der Familienrat

Kurz vor dem Einzug war ein Unbe­ hagen in uns aufgestiegen. Würde das gut gehen, wenn wir ins Elternhaus meiner Frau ziehen? Wenn künftig vier Generationen unter einem Dach wohnen? Die Urgroßeltern Willi (95) und Helga (85), Großmutter Susanna (64) und dann wir: meine Frau Franziska (40), die kleine Sophia (4) und ich (50). Wir wollten uns künftig ein Haus teilen, Türklingel und Briefkasten, Sofa und Waschmaschine. Und uns war klar: Wir müssen nicht nur den Tag, wir müssen unser ganzes Leben mit anderen in Einklang bringen.

Die Idee hatten die Mütter. Franziska wollte, dass Sophia im Grünen aufwächst, Helga eine Urenkelin in ihrer Nähe haben. Und Susanna bot eben an, dass sie uns die kleine Dachwohnung im Haus überlässt. Der Plan weckte bei Freunden Kopfschütteln, aber auch Sehnsüchte.

Ein Sofa sorgt für Ärger

Den ersten Ärger gab es beim Einzug. Wir stellten unseren Beitrag ins gemeinschaftliche ...

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... Wohnzimmer: unser riesiges Sofa, orange und grün, die Kissen geblümt, alle Farben, nur eine fehlte – weiß. Die von Willis Sofa, das weichen musste. Nach der Schlepperei saß ich müde in unserer neuen Küche, als ich aufgeregte Stimmen hörte. Franziska kam gelaufen. „Opa hat das Sofa gesehen.“ Diesen ersten Ärger gekittet hat Sophia. Als sie auf Willis Schoß saß, wurde aus dem Satz „Ihr könnt gleich wieder ausziehen“ ein „Wäre ich nicht 90, könntet ihr wieder ausziehen“.

„Unser Leben ruckelte sich zurecht. Sophia war Katalysator“

Lorenz (50) über Nähe und Konfl ikte

Wir wohnen in einem eher kleinen Haus in der Nähe von München, im Erdgeschoss hat Helga zwei Zimmer für sich. Sie ist die Seele im Haus, einmal fuhren wir mit ihr zum Camping, sie schlief eine Woche auf dem Beifahrersitz. Daneben, in eineinhalb Zimmern, lebt Susanna. Als vor zehn Jahren die Finanzkrise ihr Geschäft als Puppenmacherin in Stücke schlug und ihr Lebensgefährte starb, kehrte sie ins Elternhaus zurück – und blieb: Helga und Willi begannen, alt zu werden. Im ersten Stock, neben dem Wohnzimmer, hat Willi zwei Zimmer. Er war rechte Hand des Unternehmers Charlie Bluhdorn, dem die Filmproduktionsgesellschaft Paramount gehörte. Das führte dazu, dass Willi mit Romy Schneider und Kirk Douglas verkehrte und lustige Geschichten zu erzählen hat. Ja, und im Dach nun wir. Sophia mit ihren drei Monaten war das Erste, was wir ins neue Heim trugen. Franziska – nach der Geburt erkrankt – ging mit ihr in Susannas Zimmer und legte sich ins Bett ihrer Mutter. Als ich hinzutrat, sah ich, wie sich Franziska um Sophia, Susanna um Franziska und Helga um alle kümmerte.

Sommertage. Herbstlaub, Weihnachten, Willi kam, von zwei Generationen gestützt, nach oben. „Danke, dass wir hier wohnen dürfen.“ – „Schön, dass ihr da seid.“

Zentrum unseres Hauses ist Willis und Helgas Küche im Erdgeschoss. Scheint die Sonne, verlagern sich die Treffen in den Hausgarten. Hier stellten wir im ersten Frühling das Planschbecken auf, hier serviert Helga ihren Erdbeerkuchen, den sie nach Ostern fast täglich backt. Schließlich sind die Beeren im Angebot und müssen, um Geld zu sparen, gekauft werden.

„Wie sieht es hier aus?“

Im Frühling war es dann auch, als hin und wieder Streit aufkam. „Franziska! Wie sieht es hier aus?“ – „Franziska, räum bitte meinen Geschirrspüler nicht mehr ein“, sagte Helga. – „Warum?“ – „Du machst das nicht richtig.“ – „Lorenz! Man darf die Waschmaschine nicht so voll machen.“ – „Was ist da für ein Lärm vor meiner Tür. Könnt ihr Sophia nicht mal hochtragen?“

Aber sahen sie nicht, wie mühsam es ist, mit Einkaufstüten in der Hand, Sophia auf dem Rücken? Wie schwer Achtsamkeit ist, wenn du vor Müdigkeit im Gehen einschläfst, weil du Sophia in der Nacht drei Stunden durch deine drei Zimmer getragen hast? Wir antworteten, dass sie Verständnis zeigen müssten, auf ihren Ton achten. Dass es, wenn wir schon beim Thema sind, nicht in Ordnung ist, Sophia mit Eis zu überhäufen. Und wir brauchten niemanden, der, wenn wir weg sind, den alten Lavendel aus unseren Balkonkübeln ausgräbt.

Wir wussten nicht, dass es normal ist, was da geschieht. Es ist Ausdruck von Nähe, Vertrauen. Professor Anna Machin hat es mir erklärt, evolutionäre Anthropologin in Oxford, die zu Familie, Liebe und Freundschaft forscht. Sie meinte auch, dass wir in einer perfekten Welt allein leben würden, weil es mühsam sei, den Tagesablauf mit anderen zu teilen. Im Hirn-Scan lässt es sich sehen: Gegenüber Freunden sind wir achtsamer als gegenüber der Familie. „Weil wir genetisch verbunden sind, vertrauen wir mehr in diese Beziehung“, sagt die Forscherin.

Unser Leben ruckelte sich zurecht. Sophia war unser Katalysator. Und ich musste daran denken, was Gerhard Ertl, Nobelpreisträger der Chemie, gesagt hatte: Katalyse sei wichtig – für alles. Katalysatoren vereinen. Nachdem Sophia mit Willis Rollator das Laufen gelernt hatte, eroberte sie das Haus. „Oma Susi, vorlesen!“ – „Oma Helga, Trampolin hüpfen!“ – „Opa, Trompete spielen!“ Am Abend waren alle müde; aber belohnt mit 400 Mal Kinderlachen statt der durchschnittlich 15 von Erwachsenen. Zweiter Katalysator im Haus ist Willi, für 95 recht fit, aber: Wie Sophia braucht er uns alle. Es sind die Schwächsten, die eine Gesellschaft zusammenhalten.

„Diese kleine Sophia! Sie hält hier alle auf Trab. Zwei Omas, eine Mutter, der Vater – alle rennen“

Willi (95) macht sich lustig – und ist froh über die Urenkelin

Dank Willi lernte ich: Das Alter ist ein Räuber. Keine Reisen mehr, nicht mal mehr die geliebte Arbeit im Garten. Und wir machten es ihm manchmal auch ungewollt schwer. Einmal, als wir Bilder anschauten, jeder hat was zu sagen, auch Sophia. „Die ... die …“, hebt sie an, alle warten geduldig. Kurz darauf Willi: „Als ... als …“ Und schon sprach einer rein. Und er schwieg.

Aufeinander achten

Oder als wir im Garten saßen. „Willi, wo hast du denn deine Kreuzworträtsel?“ – „Die kann ich nicht mehr lesen.“ – „Seit wann?“ – „Seit Herbst.“ Ich schäme mich. Weihnachten hatten wir ihm noch ein Rätselheft geschenkt.

Lebten Franziska und ich wie vorher, nichts wüsste ich über das Altern. Ich begann mich damit zu beschäftigen, lieh mir bei der Caritas einen Altersanzug, der die Beschwerden des Alters simulieren soll, mit Gewichten, die den Gang stören, Handschuhen, die das Greifen erschweren. Als sei ich 80. „Unsinn“, sagte Willi. „Wir brauchen stattdessen einen Anzug, der uns fühlen lässt wie 35.“

Ich sprach mit Altersforschern auf der ganzen Welt. Erstmals in der Geschichte, sagte mir der Biologe und Genetiker David Sinclair von der Harvard Medical School, lasse sich das Altern umkehren. Medizin, die Zellen verjüngen oder im Körper Prozesse auslösen, als treibe man Sport oder faste. Medizin, die Gene aktiviert, die uns gesünder altern lassen. Nur darum geht es: die Gesundheit verlängern.

Prof. Sinclair erzählte mir von Mitteln, die er und viele Kollegen schlucken. Etwa das Molekül NMN, das in Studien greise Mäuse in Rennmäuse verwandelte. Das Wissenschafts- Journal „Nature“ widmete ihm 23 Seiten. Urteil: NMN bietet „einen aufregenden therapeutischen Ansatz, Alterserkrankungen zu behandeln“. Ich bestellte die Moleküle. Helga, Susanna und ich schlucken sie. Ja, es ist vielversprechend, wie sich die Altersmedizin entwickelt. Eines aber galt immer: Ein gutes Zusammenleben zwischen Jung und Alt entfaltet große medizinische Kraft.

„Wie gut, dass ihr während der Corona- Pandemie da wart“

Helga (85) fühlte sich nie einsam

Einsamkeit kannten wir in der Pandemie nicht. „Wie gut, dass ihr da wart“, sagt Helga. So viele schöne Momente. Nie werde ich vergessen, wie alle um Sophia herumsaßen. Franziska spielte mit ihr Flugzeug, trug sie in den Armen, brachte sie heran. Sophia stieg aus, in der Hand einen Luftballon. Sie warf ihn zu Willi, zu Helga, so ging es Minuten, bis Sophia mit dem Kopf gegen den Schrank knallte und Franziska sie in die Arme nahm. Sophias Augen füllten sich mit Tränen; aber sie machte sich los. „Kein Aua“, sagte sie. Weitermachen. Mit Helga und Willi. Und die hatten gerade auch kein Aua.

Das Altern verlangsamen

Ihr Altern scheint verlangsamt. Es erinnert mich an ein Experiment, von dem mir Professor Nir Barzilai erzählte, New Yorker Altersforscher, bekannt für seine Studien mit Hundertjährigen. Für eine TV-Serie besuchten Vierjährige ein Altersheim: Malen, Singen, Lachen. Ärztliches Fazit nach nur sieben Wochen: dramatische Stimmungsaufhellung, Gleichgewichtssinn um 50 Prozent verbessert. Schrittzahl und Griffstärke verdoppelt. Die Kraft einer alten Dame hat um 15 Kilo zugenommen. Kein Wunder, dass man in Kanada Altenheime und Waisenhäuser zusammenlegt: Zusammen lebt man glücklicher.