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ZWEI LINKE HÄNDE Was ist da los?


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 06.03.2019

Tollpatschig? Krakelige Schrift? Schuhe nur noch mit Klettverschluss? Ungeschicklichkeit ist kein Schicksal! So fördern Eltern die (Fein-)Motorik ihrer Kinder

Artikelbild für den Artikel "ZWEI LINKE HÄNDE Was ist da los?" aus der Ausgabe 3/2019 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 3/2019

L otte, 5, kann sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen. In der Kita schaut sie sich gern ausgiebig Bilderbücher an. Und sie ist eine kleine Person mit einem feinen Gefühl für Fairness, Regeln kann sie gut einhalten. Beim Toben ist sie jedoch zurückhaltend, oft schaut sie lieber zu. Lotte ist auch kein Kind, das „Hurra“ ruft und schon mal zur Garderobe fl itzt, wenn die Gruppe zum Turnen aufbricht! Manchmal sagt sie dann, sie habe ...
„Manche ...

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L otte, 5, kann sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen. In der Kita schaut sie sich gern ausgiebig Bilderbücher an. Und sie ist eine kleine Person mit einem feinen Gefühl für Fairness, Regeln kann sie gut einhalten. Beim Toben ist sie jedoch zurückhaltend, oft schaut sie lieber zu. Lotte ist auch kein Kind, das „Hurra“ ruft und schon mal zur Garderobe fl itzt, wenn die Gruppe zum Turnen aufbricht! Manchmal sagt sie dann, sie habe Bauchschmerzen. Oder sie möchte sich beim Turnen lieber hinsetzen, weil ihr das Bein wehtut.
„Manche Eltern merken schon früh, dass ihr Kind etwas anders ist“, erläutert Kinder- und Jugendarzt Prof. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Es ist ein bisschen langsamer als andere Kinder, staksig beim Laufenlernen, vielleicht besonders spät und auch sonst auffällig beim Sprechenlernen. Bei anderen Kindern dagegen fällt die Ungeschicklichkeit erst auf, wenn sie in die Schule kommen und mit Stift und Papier umgehen müssen.“
Ungeschickte Kinder wie Lotte stehen sich selbst im Weg: Sie sind nicht krank, aber irgendwie auch nicht ganz in Ordnung. Manche haben nur „zwei linke Hände“, andere haben schon
beim Spielen Schwierigkeiten, sie erwischen den Ball nicht. Kneten, schneiden, kleben – es gelingt ihnen nicht wie anderen. Das kann Folgen für Körper und Seele haben: Manchmal wird Übergewicht ein Thema, weil die Kinder sich ungern bewegen, mitunter werden sie von anderen Kindern gehänselt. Oder sie sind als Spielkameraden nicht so gefragt.

Jungs sind deutlich häufiger betroffen

Die ärztliche Diagnose heißt „Dyspraxie“. Oder man benennt das Problem etwas umständlicher als „Umschriebene Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen“, kurz UEMF. Nach aktueller Schätzung sind fünf bis sechs Prozent der Kinder von einer Dyspraxie betroffen. Jungen bis zu sieben Mal häufiger als Mädchen, so die Stiftung Kindergesundheit. Frühgeborene sowie Kinder mit extrem niedrigem Geburtsgewicht scheinen ebenfalls ein höheres Risiko zu haben.
Manchmal verstärken Eltern das Problem unbewusst.

Was ist was?

Ergotherapie: Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet Gesundung durch Handeln und Arbeiten. Mit (spielerischen) Übungen werden die Bewegungsabläufe verbessert und Kraft, Koordination und Konzentration trainiert. Ergotherapie wird vom Kinderarzt verordnet und von der Kasse bezahlt, wenn die Entwicklung verzögert ist. Adressen über den Deutschen Verband der Ergotherapeuten e. V., www.dve.info
Physiotherapie: Oberbegriff für Krankengymnastik und physikalische Therapien wie Massage oder Behandlungen mit thermischen Reizen (Wärme und Kälte) oder Wasser (Hydrotherapie), wird ebenfalls vom Arzt verordnet. www.physio-deutschland.de
Heilpädagogische Ansätze: Die Vorsilbe „Heil-“ meint nicht Heilen im medizinischen Sinne. Es geht darum, bei Verhaltensauffälligkeiten oder geistigen, körperlichen und sprachlichen Beeinträchtigungen zu unterstützen – etwa mit Spieltherapien, die helfen, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln und Kontaktängste zu überwinden. Beim Kinderpsychodrama werden in der Gruppe soziale Kompetenzen wie Regeln einhalten, Rücksichtnahme, Kompromisse finden geübt. Wird von den Eltern oder dem Sozial-bzw. Jugendamt bezahlt.

Kleine Schritte auf einem guten Weg! Wer geschickt ist, fühlt sich sicher

Sie tappen dann in die Falle „Tollpatschigkeit“. Alle Menschen reagieren auf das Kindchenschema. Wenn wir ein kleines Baby sehen, wollen wir es beschützen. Bewegt ein Kind sich tollpatschig, erleben wir das als Kindchenschema. Wir wollen von diesem Kind Unangenehmes fernhalten und ihm alles abnehmen. „Das läuft ganz automatisch ab. Und so hat das Kind ständig einen Butler um sich, der schnell beim Anziehen, beim Treppensteigen, Klettern oder Basteln hilft. Aber dieser Butler hemmt eben die Entwicklung des Kindes“, sagt der Wilhelmshavener Kinderarzt Dr. Rupert Dernick.
Wenn ein Kind irgendwie nicht so behände ist wie andere Gleichaltrige, wenn es häufiger stolpert und ihm Ungeschicklichkeiten passieren: Wann ist der Moment gekommen, an dem Eltern handeln sollten? Es ist ein Warnzeichen, wenn ein Kind nichts mehr ausprobieren mag. Solange es aktiv ist, lernt es – die Entwicklung geht voran.

Bewegung im Familienalltag – ganz nebenbei

1 Mit dem Auto? Nö, lieber zu Fuß oder mit dem Rad. Jeder Schritt, jeder Pedaltritt tut gut. Man unterschätzt, wie schnell auf diese Weise viele entwicklungsförderliche Kilometer pro Woche zusammenkommen. So klappt es: Jede Treppe nehmen, die sich anbietet. Eine Station früher aussteigen und die verbleibende Strecke zu Fuß gehen. Dabei kann man auf Platten hüpfen, auf Mauern balancieren oder Fugen umgehen. Ein Schrittzähler macht Kindern (und Erwachsenen) oft Spaß!
2 Lassen Sie Ihre Kinder selbst Brote schmieren! Das ist eine großartige Übung für jeden Tag, um die Feinmotorik und Geschicklichkeit zu fördern. „Ist der Druck zu gering, bleibt die Marmelade am Messer; ist er zu hoch, bekommt das Brot ein Loch und die Marmelade landet auf dem Teller“, erklärt der Kinderarzt Rupert Dernick die Herausforderung. Auch gut: Pizzateig ausrollen und selbst belegen. Obst und Gemüse schälen, Geschirr abtrocknen.
3 Sitzen wir zu viel? Auf www.pebonline.de, der Plattform für Ernährung und Bewegung e.V., gibt es einen Sitz-Check für Kinder und für Familien. Sechs Fragen und Ihr Kind weiß: Bin ich ein „Rennpferd“ oder ein „Faultier“?

Die Versuche auf dem Fahrrad mögen noch wackelig sein, aber Fortschritte sind absehbar. Und beim Ballspielen macht die Übung den Meister, ebenso beim Schneiden, Kleben oder Auffädeln. Aber wenn ein Kind sich kaum etwas zutraut und Herausforderungen meidet, etwa nicht mehr auf den Spielplatz möchte, weil es Angst vorm Rutschen und Klettern hat, dann lernt es auch nicht weiter.


„Man kann sich diesen Prozess als Kreislauf vorstellen: Das Kind handelt. Es hat Erfolg und erfährt Wertschätzung. Und ist so motiviert, weiterzumachen. Solange der Lernkreislauf sich dreht, lernt das Kind stetig durch Handeln weiter dazu. Aber wenn das Kind nicht mehr handelt, weil es nicht gelobt wird oder ständig Misserfolge hat, dann braucht es of-fensichtlich Unterstützung“, erklärt Rupert Dernick.

Schreiben mit der Hand? Ein hervorragender Entwicklungsimpuls für ein Kind

kleine Handgriffe, großer Effekt

Was hilft? Zunächst einmal

Hilfe zur Selbsthilfe. Gerade im Haushalt gibt es viele Möglichkeiten. Rupert Dernick hat dafür FamilienErgo entwickelt, ein Trainingsprogramm, das Eltern mit ihren Kindern im Haushalt anhand von Alltagstätigkeiten durchführen können. Tisch decken, abtrocknen, schälen, Wäsche sortieren: FamilienErgo nutzt die Möglichkeiten der Wahrnehmungsförderung, die es in jedem Haushalt gibt. Und das Training „passiert“ fast nebenbei und beansprucht kaum zusätzliche Zeit, denn die Alltagstätigkeiten, in die die Kinder mit eingebunden werden, müssen ohnehin erledigt werden. Ein bewegter Alltag, Radfahren, gemeinsame Ausfl üge in die Natur, Basteln, Puzzeln und Backen – all das unterstützt zusätzlich die kindliche Entwicklung. Und Sport im Verein!

BUCHTIPPS

DAS GROSSE RAVENSBURGER BUCH DER KINDERBESCHÄFTIGUNG

von Dorothee Kreusch-Jacob. Ravensburger, 19,99 Euro. Turnen, Basteln, Forschen und Feiern: Ein Standardwerk voller Spiel- und Beschäftigungsideen, erprobt und einfach umzusetzen!

EINFACH BASTELN MIT KIDS

von Svantje Lindemann u.a. EMF, 9,99 Euro. 55 fröhliche Bastelideen (in maximal fünf Schritten) für die vier Jahreszeiten laden zum Schneiden, Falten und Kleben ein. Für Kinder ab fünf Jahren.

Gut geeignet für eher ungeschickte Kinder sind Sportarten wie Schwimmen, Reiten, Yoga oder Judo. Wichtig ist, dass ein Kind seinen Vorlieben folgen kann und Freude an der Sache hat. „Wenn das fruchtet, wenn das Kind wieder in den Lernkreislauf kommt, dann braucht es weniger Therapie“, meint Dr. Dernick.

Nicht zu spät handeln!

Bleibt es schwierig, ist frühzeitiges Hinschauen und Handeln wichtig. Eine verzögerte Entwicklung sollte nicht mit den Worten „Ach, das wächst sich schon heraus“ bagatellisiert werden. „Gerade bei Kindern mit mehreren psychobiosozialen Risiken wächst sich das häufig nicht aus. Da wächst es sich leider ein. Und je früher man da an den Rädchen dreht, desto besser und einfacher ist es, etwas zu machen“, sagt Dernick.

Immer mehr Kinderärzte arbeiten inzwischen mit der IVAN Diagnostik. IVAN steht für Interdisziplinäre verbändeübergreifende Arbeitsgruppe Entwicklungsstörung. Der Arzt oder die Ärztin schaut: In welcher Welt wird dieses Kind groß? Welche Belastungen gibt es?

Perlen stecken – eine Mühe, für die Kinder mit Geschicklichkeit belohnt werden

Und es wird eine Testung gemacht, die etwa eine Stunde dauert. Dort löst das Kind verschiedene Aufgaben. Danach ist es relativ einfach, zu entscheiden, ob ein Kind im normalen Bereich der Entwicklung vielleicht ein bisschen langsamer ist als die anderen, aber mit ein bisschen Förderung gut zurechtkommt – oder ob es intensivere Unterstützung benötigt.

„KOMM, DAS SCHAFFST DU!“ Z

von Britta Winter. Trias, 19,99 Euro. Immer mehr Kindern fällt es schwer, im Alltag zurechtzukommen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Die Ergotherapeutin beschreibt, wie Kinder lernen, die Aufmerksamkeit stärker zu steuern und die Koordination zu verbessern.

TOPFIT FÜR DIE SCHULE

von Rupert Dernick/Werner Tiki Küstenmacher. Kösel, 16,99 Euro. Brot schmieren, Tisch decken, Schuhe binden: Im Familienalltag können Kinder spielerisch ihre fein- und grobmotorischen Fähigkeiten trainieren. Ein kluger Ratgeber mit vielen alltagstauglichen Tipps.


FOTOS: GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO/ALVAREZ; FOTOLIA.COM/DANRACE, -/JOSHUA RESNICK, -/AK-DIGIART; PRIVAT