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ZWISCHEN ALLTAG UND ALLÜREN


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 43/2022 vom 27.10.2022
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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 43/2022

Seit letztem Jahr gibt es den Multivan. In zwei Längen mit Benzinern oder Diesel unter der Haube. Elektro überlässt er dem ID. Buzz

VW Multivan 2.0 TDI Lang

150 PS 7,3 l D/100 km Testverbrauch ab 51206 Euro

VW ID. Buzz Pro

204 PS 364 km Reichweite (Test) 30 Min. Ladezeit (5–80%) ab 64 581 Euro

FRAGEN SIE MALin Ihrem Freundeskreis nach Stichwörtern zum VW Bus. „Kult“, „Ikone“, „Traumwagen“ – es ist alles dabei. Nur kaum Negatives. Trotz einiger Krisen seit 1949 ist der Bulli deutsches Kulturgut. Große Fußstapfen – oder besser Fahrspuren – für die beiden Neuen. Der Multivan und der ID. Buzz sind Vorschläge, wie es für das Konzept in der Zukunft weitergehen könnte. Kleiner und sparsamer, trotzdem extrem praktisch der Multivan, vollelektrisch und durchgestylt der ID. Buzz. Zwei kernverschiedene Brüder, die auch bei den Kollegen Holger Preiss und Malte Büttner völlig unterschiedlich ankommen. Es entsteht ein Streitgespräch. Lauschen wir doch mal an der Schiebetür ...

KAROSSERIE

Holger springt wie ein übermütiges Kind durch die ...

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... Sitzreihen des Multivan, verschiebt, stellt um und baut aus, als gäbe es kein Morgen.

HOLGER:„Ist dasnichtfantastisch?

Innerhalb von Sekunden ist der Innenraum umgebaut, man hat sein Büro immer dabei!“ Zur Vorführung schiebt er die Mittelkonsole nach hinten, fährt sie hoch und klappt die Tische heraus.

MALTE:„Hab ich das richtig gesehen, dass du dafür die Stühle ausbauen musstest?“

HOLGER:„Stimmt. Und mit knapp 30 Kilogramm sind sie ehrlich gesagt auch nicht wirklich leicht. Aber guck mal, unter jedem Sitz ist sogar noch ein Staufach“, schnauftHolger,währendersichbemüht,diewegrationalisierteDrehmechanikausdemT6zuignorieren.„ImmerhinkonntesoGewichtgespartwerden.“

MALTE:„Hat ja gut geklappt. Im Ernst: Auf ein Leergewicht von 2,1 Tonnen kann man nicht wirklich stolz sein.“

HOLGER:„Die schweren Akkus hieven deinen ID. Buzz sogar auf 2,5 Tonnen. Daneben wirkt der Multivan wie eine Primaballerina neben einem Kugelstoßer! Und überhaupt willst du mir wohl kaum erzählen, dass dich das Raumkonzept des Buzz überzeugt.“

MALTE:„Wieso? Hast du dich mal auf die Rückbank gesetzt? Die ist verschiebbar und mit flach gestellter Lehne kuschelig wie Omas Sofa. Wo ist das Problem?“

HOLGER:„Du hast es selbst gesagt, Rück-BANK. Im Verhältnis 60:40, wie bei jedem profanen Kombi. Wo bleibt die legendäre VW-Bus-Variabilität?“

MALTE:„Du hast ja recht. Die bleibt auf der Strecke. Mit den Akkus im Boden war kein Platz mehr für ein Schienensystem. Umgeklappt steht sie nervig im Weg rum. Immerhin wird’s mit dem Multiflexboard matratzentauglich. Schade, dass das Ding so fummelig eingeschraubt werden muss und den Rest der Zeit sperrig in meiner Garage steht.“

HOLGER:„Schön, dass du es selbst siehst. Und was ist das eigentlich für eine Mittelkonsole?“

MALTE:„Eine praktische! Mit Fächern und Cupholdern. Wer sie nicht braucht, nimmt sie einfach raus.“

HOLGER:„Und wer fummelt sie anschließend wieder rein?“

! Die Variabilität im Buzz gleicht der eines Kombis. Zu wenig für einen echten VW Bus

MALTE:„Übung macht den Meister. Dafür bleibt sie, wo sie hingehört, nämlich vorn. Das verschiebbare Ding im Multivan krallen sich doch auf jeder Urlaubsfahrt die Kids, um hinten ihre krümeligen Kekse in die Klapptische zu reiben.“

ANTRIEB

HOLGER: „Krümel im ID. Buzz kannst du dir natürlich ersparen. Dafür bleiben genug Ladepausen.“

MALTE:„Das alte Vorurteil! Auch wenn die angegebenen 425 Kilometer Reichweite in der Praxis zu gut 360 Kilometern zusammenschmelzen, sind Langstrecken mit dem Elektrobus kein Problem. Immerhin kann der Akku mit bis zu 170 kW innerhalb von 30 Minuten von 5 auf 80 Prozent geladen werden, und schon geht’s weiter. Wunderbar kraftvoll und leise übrigens!“

HOLGER:„... und mit einer Spitzengeschwindigkeit von 145 km/h. Ich fliege derweil mit 190 Sachen an dir vorbei. Wenn ich es ruhiger angehen lasse, sind theoretisch 1000 Kilometer am Stück drin. Knapp 800 sind normal. Ohne nervige Ladesäulensucherei und teure Kekse von der Autobahntanke.“

MALTE:„Dass du Geld sparst, gönne ich dir, Diesel ist teuer genug. Außerdem brauchst du ja ein Trostpflaster, um über deinen antiquierten Motor hinwegzukommen.

„Mit seinem tiefen Schwerpunkt liegt der ID. Buzz richtig gut und macht Spaß. Kein VW Bus fuhr jemals besser.“

Malte Büttner, Redakteur

„Was die Kompetenzen eines VW Bus betrifft, ist der Multivan noch immer das Universaltool schlechthin.“

Holger Preiss, Redakteur

Im Ernst: Lässt das Pfeifen in den Ohren langsam nach?“

HOLGER:„Malte, die brummigen Zeiten der Diesel aus T3 und T4 sind lange vorbei. Der 2.0 TDI läuft absolut sämig und entspannt. Spätestens auf der Landstraße hört man doch in beiden nur noch Abroll- und Windgeräusche.“

MALTE:„Stimmt schon. Ich war beim Multivan auch überrascht, dass sie die Kombination aus TDI und Doppelkupplungsgetriebe ganz gut in den Griff bekommen haben.“

HOLGER:„Ja, die Gangwechsel sind eher harmonisch, und der Diesel kommt ob der guten Dämmung eher als Leisetreter daher. Selbst der Frontantrieb kann überraschend gut mit den 360 Newtonmeter Drehmoment umgehen.“

MALTE :„Ich fasse zusammen: gekonnte Mangelverwaltung. Beim E-Auto ist der Motor grundsätzlich sehr leise. Mit Einganggetriebe sind Schaltwechsel kein Thema, und der Hinterradantrieb ist ohnehin ästhetisch weit im Vorteil. Du kannst nicht abstreiten, dass dieser Punkt eindeutig an den ID. Buzz geht.“

HOLGER:„Da muss ich dir leider recht geben. Aber was die ...

FAHRDYNAMIK

... angeht, bin ich bei Kurvenfahrten mit meinen 400 Kilogramm weniger auf den Hüften wesentlich eleganter ums Eck geschlenzt als du mit deinem Keks-Bomber.“

! Bei vollem Tank und sanftem Gasfuß schafft der Multivan bis zu 1000 Kilometer am Stück

MALTE :„Immerhin liegt der Großteil des Mehrgewichts im Fahrzeugboden. Entsprechend tief ist der Schwerpunkt.“

HOLGER:„Irgendwann ziehen dich die vielen Pfunde trotzdem aus der Kurve, das nennt man Physik.“

MALTE:„Du nennst es Physik. Ich nenne es graue Theorie. Wer will schon mit einer dieser rollenden Einbauküchen auf den Nürburgring? Das reale Leben findet zwischen Supermarkt, Grundschule und Sportplatz statt. Hier punktet der ID. Buzz auch mit seinem fantastischen Wendekreis von nur 10,9 Metern. Ich sitze schon am Spielfeldrand, während du mit einem Meter mehr noch verschwitzt rangierst.“

HOLGER:„Ehrlich gesagt ist das Angstschweiß. Mein Multivan braucht mit warmer Bremse 38,9 Meter bis zum Stillstand.“

MALTE:„Schöner Retro-Wert, wie aus den 90er-Jahren. Der I.D. Buzz steht mehr als vier Meter früher. Bleibt zu hoffen, dass es bei dir nur an den montierten 17-Zöllern lag. Die dürften auch die Hauptursache für das wortwörtliche Abschmieren in der Pylonengasse gewesen sein.“

HOLGER:„Da war der I.D. Buzz mit seinen flachen 20-Zöllern schon schneller im Ziel. Was bei ...

CONNECTED CAR

... ja eher nicht gilt.

MALTE:„Spielst du auf die langen Ladezeiten meines Navis an?“

HOLGER:„Ja, obwohl es das gleiche System ist. Aber vielleicht fährt es so langsam hoch, weil es erst noch alle Ladestationen finden muss. Das Problem hat der Multivan nicht.“

MALTE:„Es braucht wirklich ewig, bis es sich aufbaut. Aber immerhin trainiert man so seine lokalen Ortskenntnisse. Dafür ist die Spracheingabe deutlich besser geworden.“

HOLGER:„Und trotzdem versteht sie noch immer nicht alles.“

MALTE:„Absolut überzeugend finde ich die kabellose Kopplung von Android Auto und Apple CarPlay. Auch das induktive Laden funktioniert bei beiden gut und erleichtert den Alltag.“

HOLGER:„Den Alltag würde es auch erleichtern, wenn die Echtzeit-Navigation einen nicht so häufig sehenden Auges in den nächsten Stau führen würde.“

MALTE:„Lass uns über das Thema ...

UMWELT

... reden: Auch wenn du dir jetzt wahrscheinlich die Ohren zuhältst, ich könnte es verstehen ...“

HOLGER:„Moment, nicht so schnell. Ich zähle mal auf: zwei SCR-Kats, doppelte AdBlue-Einspritzung, Reduzierung der Stickstoffemissionen um 80 Prozent, verringerter CO2-Ausstoß, verbessertes Ansprechverhalten und Erfüllung der Abgasnorm Euro 6d-ISC-FCM ...“

MALTE:„Schön auswendig gelernt. Aber am Ende läuft mein ID. Buzz komplett emissionsfrei.“

HOLGER:„Sagen wir lieber: lokal emissionsfrei.“

MALTE:„Haarspalterei! Beim Thema ...

KOMFORT

... ziehst du endgültig den Kürzeren. Trotz kleinerer Räder rumpelt dein Multivan von Schlagloch zu Schlagloch, immer quittiert von Knarzgeräuschen aus allen Ecken. Kein Vergleich zum deutlich geschliffeneren ID. Buzz. Mit seiner Elektroplattform rollt er geradezu samtpfötig ab.“

HOLGER:„Das stimmt, der Multivan fühlt sich durchweg hellhöriger an. Die Abstimmung ist aber auch auf eine höhere Zuladung ausgelegt. Wenn die Hütte voll ist, wendet sich das Blatt. Und wenn wir schon über Komfort sprechen: Die Sitze sind vorn und hinten besser als im ID. Buzz. Sitzgefühl, Auflage, Seitenhalt – fühlt sich einfach besser an. Außerdem lässt sich der Mittelsitz der zweiten Reihe zur bequemen Armlehne umklappen, während du im ID. Buzz hilflos umkippst.“

MALTE:„Das tue ich schon bei den ...

KOSTEN

Ein kleiner Aufpreis ist nicht wegzudiskutieren.“

HOLGER:„13 375 Euro nennst du klein? Die Summe muss ich erst mal in Diesel umrechnen. Was denkst du, wie weit ich damit fahren kann?“

MALTE:„Moment. Die Förderung geht noch ab. Zudem sind die Preise für beide Modelle nur theoretisch. Hast du die Aufpreislisten gesehen? Selbst Fußmatten kosten extra! Da fällt mir ein: Wenigstens Steuern bleiben mir beim ID. Buzz erspart. Wie sieht’s da eigentlich mit deinem Diesel aus?“

HOLGER:„Das sind 373 Euro im Jahr. Hinzu kommen die ungünstigeren Einstufungen in der Versicherung und die Serviceintervalle alle 30 000 Kilometer oder alle zwei Jahre. Wie oft musst du eigentlich zum Service?“

MALTE:„Bei mir auch alle zwei Jahre, aber kilometerunabhängig. Zudem wird der höhere Kaufpreis mit einem – aller Voraussicht nach – wesentlich höheren Wiederverkaufswert abgemildert. Alles in allem doch ein ziemlich klares Bild für den ID. Buzz. Oder was meinst du?“

HOLGER:„Der ID. Buzz überrascht mich schon mit seinen Qualitäten. Was die Kompetenzen eines VW Bus betrifft, also Anhängelast, Zuladung, Größe, Variabilität, Reichweite und Raumausnutzung, finde ich den Multivan aber immer noch attraktiver.“

MALTE:„Papperlapapp. Mit seinem Heckmotor hat schon der T1 das Thema Raumausnutzung nicht ausgereizt. Der ID. Buzz knüpft bei der Optik nahtlos an seine Urahnen an und fährt sich besser als jeder VW Bus zuvor. Im direkten Vergleich ist der Multivan doch ein alter Hut.“

FAZIT

MALTE BÜTTNER

Gefühlt haben wir ewig auf den ID. Buzz gewartet. Der Elektromotor ist die ideale Ergänzung für das sympathische Konzept. Denn ganz ehrlich: In noch keinem VW Bus gab es wirklich überzeugende Motoren. Sie waren entweder zu laut, zu lahm, zu durstig oder zu anfällig. Häufig sogar alles zusammen. Da fällt der Wechsel leicht. Zumal sich der ID. Buzz richtig lässig fährt. Er ist leise und geschmeidig, kraftvoll, aber nie hektisch. Dass er nur 145 Sachen fährt? Geschenkt in einem Bus. Schade nur, dass VW das Thema Variabilität so vernachlässigt hat. Ebenfalls eine große Hürde: der stolze Preis.

HOLGER PREISS

In den Punkten Anhängelast, Zuladung, Größe, Variabilität, Reichweite und Raumausnutzung ist der Multivan unschlagbar. Wer einen echten VW Bus für alle Eventualitäten des automobilen Alltags sucht, kann nur hier landen. Mit dem 150 PS starken Diesel und dem 7-Gang-DSG lässt es sich schnell und sparsam über die Langstrecke fliegen. Schade, dass die gestreckte MQB-Plattform dann doch für einiges Holpern und Stolpern bei den Fahreigenschaften sorgt. Selbst der Anschaffungspreis geht nämlich noch in Ordnung. Die Aussichten für den Wiederverkauf sind allerdings alles andere als rosig.