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Zwischen Anpassung und Widerstand


Migration und Soziale Arbeit - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 02.05.2019

Der Umgang junger Geflüchteter mit Integrationsanforderungen und die Sicht der Professionellen


„Nie macht sich einer mal Gedanken über mein gegenwärtiges Leben. (…) Derart verbittert war ich früher nicht. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben mich jedoch verändert. Insbesondere die Polizei verdirbt mir die Laune. Scheißbullen! Nur noch wenige Stunden, dann wird dieses Dreckspack mein Gesicht hoffentlich nie wieder sehen. Raus aus diesem Staat!“ (Khider 2016: 19)

Im Roman „Ohrfeige“ von Abbas Khider stellt sich der Icherzähler vor, der Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde eine Ohrfeige zu geben und ...

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Bildquelle: Migration und Soziale Arbeit, Ausgabe 2/2019

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Im Roman „Ohrfeige“ von Abbas Khider stellt sich der Icherzähler vor, der Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde eine Ohrfeige zu geben und sie am Stuhl festzubinden, um endlich gehört zu werden. Voraus gehen diesem Eklat monatelange Bemühungen, den Formularen und Papieren des Amts gerecht zu werden – nur um schließlich eine Ablehnung zu erhalten. Kahider zeichnet dabei die Ohnmacht und Frustration des Asylsuchenden nach, in der Gesellschaft anzukommen, aber eben auch den Widerstand in seiner grenzüberschreitenden Intensität, wie sie im obigen Zitat deutlich wird.
Widerständiges Handeln wird in unseren Interviews mit Geflüchteten selten so direkt geäußert. Viele Geflüchtete sehen die „Risiken des Widerstandes“ und kritisieren ihre Positionierung als „Opfer“, wenn sie etwa eigene Rassismuserfahrungen thematisieren (vgl. Scharathow 2014). In unseren Untersuchungen finden sich dafür wichtige Hinweise jenseits von Anpassung. Die Studie der Tübinger Forschungsgruppe konzentriert sich auf die Sicht der Betroffenen und ihr Handeln zwischen Anpassung und Widerstand.

Es wurden zunächst ethnografische Interviews mit 16 Fachkräften in Unterstützungseinrichtungen durchgeführt, jeweils in den gleichen Gebieten, in denen dann Interviews mit jungen Geflüchteten geführt wurden. In einem zweiten Schritt führten wir 13 leitfadengestützte Tandem-sowie Einzelinterviews mit insgesamt 18 jungen Geflüchteten (vor allem mit Bleibeperspektive) durch. Ergänzt wurden die Gespräche durch ethnografische Beobachtungen der Settings, um Besonderheiten zu erfassen.

Der Umgang junger Geflüchteter mit Integrationsanforderungen1

Die jungen Geflüchteten, das macht unsere Analyse sichtbar, entwickeln ihre Orientierungen und Handlungsstrategien im Übergang in den Beruf als Antworten auf die jeweiligen Kontexte und Settings. Diese sind recht unterschiedlich, je nachdem, ob der junge Mensch sich etwa in einem recht klargeregelten Wohnheim , in einerurbanen Lebenswelt mit größerem Freiraum – oder größeren Schwierigkeiten – oder in einerländlichen Region mit wiederum anders gelagerten Möglichkeiten und Einschränkungen zurechtfinden (muss).

Integration durch „Helfen“ als scheinbare Anpassung
Masud ist 17 Jahre alt und kam im August 2016 in Deutschland an. Er ist alleine aus Somalia geflüchtet und war dann einige Zeit in einem Lager in Libyen, in dem er, wie er in späteren Gesprächen berichtet, auch Misshandlungen ausgesetzt war. Er flüchtete über das Mittelmeer. Murad ist 15 Jahre alt und hat eine Fluchtgeschichte, die Ähnlichkeiten aufweist. Er flüchtete alleine aus dem Sudan und kam auch nach Libyen. Er traf dort in einem Lager auf Masud.
Im September 2016 wurden beide in einer Wohngruppe des Wohnheims für junge Geflüchtete in einer Kleinstadt untergebracht und bewohnten zusammen ein Zimmer. Die Stadt liegt in einer durch mittelständische Unternehmen geprägten ländlichen Region. Das Wohnheim wurde 2016 für 40 junge unbegleitete Geflüchtete eingerichtet und durch zehn Professionelle einer Sozialeinrichtung betreut. Die beiden Heranwachsenden besuchen die Berufsschule und haben (auch mit Unterstützung ihrer Betreuerin in der Wohngruppe) eine klare Lebens-und Berufsperspektive für Deutschland entwickelt. Masud will zuerst Krankenpfleger und dann Arzt werden. Murad will Krankenpfleger werden. Ihre Gründe für ihre Berufsperspektive liegen im Motiv des Helfens.

Masud: Ja. Das Wichtige ist zum Beispiel, ich mag es gerne Leuten zu helfen, egal wie alt sie sind. Im Krankenhaus gibt es verschiedene Leute, alte Leute zum Beispiel und Jugendliche und ich möchte gerne Leuten helfen und das ist ein Weg, um das zu machen. […] Ja. Egal, wo er herkommt, und egal, welche Religion er hat, von welchem Kontinent sie kommen oder so, die helfen allen Leuten.

Die zwei Jugendlichen sind zwar im Wohnheim in ein Regelwerk eingepasst, gehen aber nicht im bloßen Einhalten der Regeln auf. Sie entwickeln auch klare eigene Zukunftsvorstellungen – die genannten beruflichen Perspektiven, denen sie durch Praktika, Ausbildung etc. näher kommen wollen. Beide jungen Männer haben, unter Umständen verstärkt durch ihre Erfahrungen während der Flucht, aber auch durch ihre positiven Erfahrungen in ihrem Wohnkontext, eine ausgeprägte Hilfeorientierung entwickelt.

Masud: Ja, weil wir sind hier und die Leute aus Deutschland helfen uns und so wollen wir auch den anderen Leuten helfen. Murad: Ja, wir wollen anderen Leuten helfen.

Das Motiv des Helfen-Wollens hebt die zukünftige eigene Handlungsfähigkeit hervor, im Sinne von „ich kann helfen und etwas Nützliches tun“. Sie mobilisiert auch das Bedürfnis, zukünftig etwas von der erfahrenen Hilfe zurückgeben zu wollen. Damit fungiert„Helfen“ als eine Antwort auf Integrationsanforderungen von außen wie von innen (subjektive Seite), welche die Jugendlichen bearbeiten müssen. Anpassen heißt hier sich in den vorgegebenen Strukturen nützlich machen wollen, gleichzeitig liegt dieser Orientierung eine eigene Perspektive für die Zukunft zu Grunde. Deshalb sprechen wir hier vonsubjektiv funktionaler Anpassung.

Kritik an Diskriminierung durch Anpassungsimperativen
Für Jawid werden vor allem Grenzen und Behinderungen seines Lebensumfelds relevant. Er wohnt ebenfalls im Wohnheim in der Kleinstadt. Er ist 17 Jahre alt und floh mit 15 alleine vor dem Krieg in Afghanistan. Jawid verfügt über eine gute Ausbildung, sein Vater ist Ingenieur. Die Familie gehörte nach seinen Schilderungen zur oberen sozialen Schicht, hatte, wie er uns erzählt, ein ökonomisch gutes Leben in Afghanistan:„Auto, Schule, Familie, alles“. Im Interview machte er deutlich, dass er in Deutschland „etwas werden“ will und dass er bereit ist, sich dafür anzustrengen. Bildung und Leistung sind ihm sehr wichtig. Den Deutschkurs in der Berufsschule, für den zwei Jahre vorgesehen waren, hat er in sieben Monaten erfolgreich absolviert. Sein bildungsbiografisches, kulturelles Kapital will er später in ökonomisches Kapital umwandeln. Vor diesem Hintergrund findet er den Topos des „hilflosen Flüchtlings“ diskriminierend:

Jawid: Dann musste ich alles verlassen und dann alle denken du Armer, du hast kein Essen. Ja, sie sind Flüchtlinge, die haben kein Essen und so, das war echt schwierig. […]Die Vorstellung über die Flüchtlinge ist nicht das, was ich bin. Die Vorstellung über mich ist nicht das, was ich bin.

Der junge Mann beklagt, er werde in der öffentlichen Wahrnehmung durch das Prisma des„armen Flüchtlings “ betrachtet. Die Diskrepanz zwischen Fremd-und Selbstwahrnehmung klafft auseinander und Jawid leidet darunter. Er will Anerkennung, weiß aber gleichzeitig um die allgegenwärtigen negativen Bilder über Geflüchtete, und er weiß auch, dass er in manchen Situationen gezwungen ist, sich in dieser Rolle darzustellen. Seine Kritik an dieser für ihn diskriminierenden Situation ist eine Voraussetzung für widerständiges Handeln. Er will weg von der diskriminierenden Zuschreibung und erkennt gleichzeitig, dass er ihnen kaum entkommen kann.

Anpassung aufgrund von Angst vor negativen Konsequenzen
Der folgende Fall ist in einem anderen Setting lokalisiert: Der urbanen Lebenswelt. Eine Stadt und speziell eine Universitätsstadt stellt einen offenen Raum dar, mit vielen Möglichkeiten zu eigener Orientierung und zum individuellen Handeln. Viele Angebote für junge Geflüchtete sind auf freiwilliger Basis, sie können angenommen werden oder auch nicht. Für Amjad aus Afghanistan, der gemeinsam mit seinem Cousin Sami zum Gespräch erschien, ist diese offene Struktur positiv. Beide haben ein selbstbestimmtes Freizeitprogramm für sich gefunden und sind in unterschiedliche Aktivitäten (Sport und freiwillige zusätzliche Deutschkurse) eingebunden. Beide wollen langfristig in Deutschland bleiben und besuchen eine VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf) in einer Berufsschule.

Amjad: Wenn ich eine Ausbildung mache, habe ich fünf Jahre oder mehr eine Möglichkeit in Deutschland zu bleiben. Und jetzt werde ich eine Ausbildung machen deswegen.

Amjad möchte eigentlich weiter zur Schule gehen, jedoch steht er zum Zeitpunkt des Interviews vor der Anhörung im Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sein Umfeld rät dem jungen Afghanen, dabei einen Ausbildungsvertrag vorzuweisen, um eine Bleibeperspektive zu haben. Deswegen entscheidet er sich trotz seinem Wunsch, weiter die Schule zu besuchen für eine Ausbildung. Für ihn ist es nicht entscheidend, bei welcher Firma er eine Ausbildung macht, er möchte bloß eine„normale“, also irgendeine Ausbildungsstelle haben. Im Verlauf des Gesprächs wird sichtbar, dass keine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Beruf an sich stattgefunden hat – vielmehr verweist es auf eine, beispielsweise von Lehrpersonen bei den verschiedenen Berufsfeldvermittlungen „standardisiert“ aufgeführte Anforderung. Betont wird zusätzlich die „Funktionalität“ der Ausbildung, um den Anforderungen des BAMF entgegenzukommen: Es muss eine Ausbildung gefunden werden, um eine drohende Abweisung zu verhindern.

Amjad: Also auf jeden Fall muss ich einen Platz finden, weil ich habe, weil ich Ausbildung machen kann und ja, also muss ich einen Platz finden.

Kritik an eingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten und Widerständigkeit dagegen Integration, so wird von den befragten Fachkräften betont, hängt vor allen Dingen mit dem Zugang zur Landessprache zusammen. Mehrmals haben wir in unseren Interviews allerdings von Personen gehört, die sehr lange auf die sprachlichen „Integrationskurse“ warten mussten. Maria, eine junge Frau aus Syrien, die Onkologin werden will, sieht das „Warten “ auf weiterführende Sprachkurse als zentralen Hemmschuh ihres Vorankommens in Deutschland an.

Maria: Weil, ich warte ein Jahr, dann bekomme ich einen Kurs von drei Monate (B1, Anm. TFG) und dann wieder vier Monate, und dann bekomme ich B2. Und dann nach B2, ich weiß nicht wie lange ich dann warten muss auf C1.

Maria erläutert, dass sie selbst in der Landes-erstaufnahmestelle schon angefangen hat zu lernen – inmitten des Lärms in der Turnhalle.

Maria: Ja, in der Halle. Alle Leute sagen: Warum? (…) Aber ich kann nicht warten. Jetzt musste ich zwei Monate warten, bis

B2 anfängt. Da sage ich zu Frau L.: Ich kann nicht zuhause bleiben und warten, ich muss lernen! Dann sagt sie mir: Das kannst du, du kannst Praktikum hier machen.“

Maria ist nicht willens, die Zeit zwischen den Kursen hinzunehmen. Sie hat sich deshalb direkt an ein Integrationsprojekt gewandt, welches ihr nun im Rahmen eines Praktikums auch einen Arbeitsplatz und Möglichkeiten, die Sprache zu erlernen, zur Verfügung stellt. Anderen ist der Zugang zu den Sprachkursen komplett untersagt.
So ergeht es Zahir, der aus Afghanistan kommt und in unserem Gespräch vor allem von den Integrationshemmnissen berichtet, die ihm von außen angetragen werden.

Zahir: Weil Deutschland hat gesagt, dass afghanische Leute nicht zum Integrationskurs gehen können. Und ich mache keinen Integrationskurs, sondern ich lerne selber. Und das ist nicht. Weil ich habe ein Studium gemacht und wenn ich ein Integrationskurs gehabt hätte, vielleicht würde ich dann jetzt sehr gut deutsch sprechen. Aber jetzt nicht gut.

Zahir bekräftigt, dass dies eine unnötige Erschwernis ist und den Zugang zu Bildung, Beruf und vor allem auch zu einem positiven Asylbescheid behindert:

Zahir: Das ist nicht OK, weil ich möchte diese Arbeit machen und jetzt ist das nicht möglich und jetzt muss ich was Anderes arbeiten. Das ist nicht normal. Aber er muss das machen. Weil Flüchtlinge müssen immer.“

Damit beschreibt der junge Geflüchtete eine resignative Form der Anpassung, die seine Perspektiven beschränkt.

Eigeninitiative und Erkunden eigener Partizipationsmöglichkeiten Ibrahim, der aus dem Irak geflüchtet ist, berichtet in seinem Interview, dass er von vielen Bekannten bei allen möglichen Fragen oder Arbeiten um Hilfe gefragt wird. Für ihn hat dieses Helfen eine etwas andere Komponente als bei den eingangs erwähnten Jugendlichen Masud und Murat: Es dient ihm vor allem dazu, Kontakte zu knüpfen. Die Art der Hilfe ist dabei sekundär: Malerarbeiten, Holzarbeiten, Übersetzungen und so weiter.

Ibrahim: Ich habe Holz, zum Beispiel mein Schrank oder so was ist kaputtgegangen. Kannst du mir helfen bei, also wie es, was ich muss machen. Oder ich brauche Übersetzung. Ein Dolmetscher zum Beispiel, ich kenne viele sind nicht so lange da, dann fragen mich immer.

Ihm geht es darum, für andere in ähnlicher Lage wie er da zu sein.
Er nimmt andere junge Geflüchtete in die öffentlichen Räume, etwa ein Jugendhaus oder ähnliches, mit und hilft so, die Zugänge und Partizipationsmöglichkeiten für ihn und seine Freundinnen und Freunden weiter zu öffnen.

Kontextualisierung: Das Handeln von Professionellen in begrenzenden Settings

Im Zuge unserer Untersuchung wurden in den ausgewählten Settings 16 Sozialarbeitende interviewt. Es ging dabei um ihre Erfahrungen, ihre Restriktionen in ihrem Berufsalltag und ihr Umgang damit. Wir nutzten diese Beschreibungen, um die Gespräche mit den jungen Geflüchteten zu kontextualisieren.

Herausforderungen und Überforderung
Die Settings, in denen die professionellen Unterstützerinnen und Unterstützer handeln, stellen ein Ensemble von institutionellen Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen dar. Der Arbeitsalltag der Unterstützenden ist trotz einiger Möglichkeiten an selbständiger Ausgestaltung von vielfachen Herausforderungen, Unklarheiten, Überforderungen und auch von Resignation geprägt. Die Überforderung ergibt sich – nach unseren Gesprächen – vor allem durch prekäre Arbeitsbedingungen, Zeitdruck, zu kurze Projektlaufzeiten, fehlende konzeptionelle Vorarbeit und andere strukturelle Hürden. Das machen mehrere Gesprächspartnerinnen und -partner deutlich.

Sozialarbeiterin Iris: Ich habe da keine Konzeption gesehen, ich habe keine Anleitung gehabt, gar nichts. Also das sind für mich Schwierigkeiten. Also auch das Team ist total überfordert mit so einer Art Arbeit.

Iris beschreibt, dass es dabei nicht um die individuellen Fehlverhalten im Team geht, sondern um eine professionelle pädagogische Haltung und strukturelle Fehlstellungen, die diese erschweren. Auch fehlt die Unterstützung von außen.
Im Umgang mit diesen begrenzenden Settings werden unterschiedliche Strategien vonseiten der Professionellen entwickelt.

Normalisierung und Anpassung als Erwartung der Professionellen
In den Settings, die wir beforschten, fanden wir eine typische Erwartungshaltung an Jugendliche: Sie sollen sich an die gegebenen Normen„anpassen“ . Normen verheißen „Normalität“, sie geben Sicherheit und Bezugspunkte. Anpassungserwartungen an Normen können als ein Instrument des Umgangs gesehen werden, als eine funktionale Strategie in einem einschränkenden Rahmen. Normen sind Funktionen und Organisationsmuster gesellschaftlichen Handelns und insofern notwendig. Gleichzeitig sind sie aber nicht allgemein gültig und ewig: Immer wieder müssen sie hinterfragt werden, damit gesellschaftliche Entwicklungen stattfinden können.

Kulturalisierung als vermeintliche Lösungsstrategie
Den Erklärungsansatz der „Kultur“ fanden wir in unseren Gesprächen immer wieder. Mit einer Kritik an diesem Ansatz ist nicht gemeint, dass kulturelle Aspekte in der Arbeit mit Geflüchteten nicht thematisiert werden sollten, insbesondere, wenn man unter „Kultur“ in der Definition der Cultural Studies „the whole way of life“ (Williams 1983) versteht. Reden über die Kultur sollte in einen sozialen und gesellschaftlichen Kontext gerückt werden, da damit sonst in der Praxis soziale Ungleichheiten oder institutionalisierte Machtstrukturen verdeckt werden und Generalisierungen geschehen. Kalpaka (2005) spricht dabei von der „Kultu- ralisierungsfalle“, da mit dem Reden über Kultur häufig auch das Schweigen über Rassismus organisiert wird. Vor diesem Hintergrund kritisieren auch Marvakis und Parsanoglou die „zunehmende Rede über, Kultur‘ und, Identi-tät‘„ und beobachten eine konzeptionelle Verschiebung „vom Begriff der, Gesellschaft‘ zum Begriff der, Kultur‘„ (Marvakis/Parsanoglou 2001: 69; Williams 1983). Hinzu kommt eine neoliberale gesellschaftliche Entwicklung, die eine Spaltung in viele kleine geschlossene Gruppen begünstigt. Es hat sich eine Identitätspolitik entwickelt, die sich gegen Integration richtet. „Fast überall werden Einwanderer von der Mehrheitsgesellschaft als Bedrohung ihrer kulturellen Identität empfunden“, so der amerikanische Politologe Francis Fukuyama (2018: 121) in seinem neuen Essay. Insgesamt erschweren die genannten Punkte nicht nur die Arbeit der professionellen und ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützer, sondern isolieren die jungen Geflüchteten und behindern ihren Austausch mit anderen Teilen der Bevölkerung.

Der gesellschaftliche Kontext als Behinderung

Eine bestimmende strukturelle Schwierigkeit in den Gesprächen spielte sowohl bei den jungen Geflüchteten, als auch bei den Betreuenden eine entscheidende und gleichzeitig verdeckte Rolle: der unsichere Aufenthaltsstatus. Dieser kann als politisch gewollte Unsicherheit beschrieben werden, er betraf alle Befragten mehr oder minder unmittelbar. Der von Politik und Medien forcierte Abschiebungsdiskurs und auch die aktuelle Abschiebungspraxis mit ihren für die Betroffenen undurchschaubaren Hintergründen haben ein Klima der Verunsicherung geschaffen, das einen erfolgreichen beruflichen Weg nahezu verhindert. Hinzu kommt ein Qualifizierungsproblem bei den Betreuenden. Regularien und Strukturen sind ständigen Änderungen unterworfen.

Iris: Auch das Team ist total überfordert mit so einer Art Arbeit. Es sind halt auch leider überwiegend branchenfremde Menschen. Was ich schon als ganz großen Kritikpunkt betrachte, weil Soziale Arbeit ist nicht einfach.

Auch die professionellen Unterstützerinnen und Unterstützer kämpfen meist mit einem unsicheren beruflichen Status, es wird – aus Gründen, die sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Natur sind – im gesamten Feld der Arbeit mit geflüchteten Menschen fast ausnahmslos mit kurzen Zeitverträgen, Notprogrammen und auch unklaren Ausbildungsanforderungen gearbeitet.

Fazit

Die jungen Geflüchteten gehen sehr unterschiedlich mit den Integrationsanforderungen um und versuchen sich nicht nur an sie anzupassen. Gerade die Eigeninitiative und die Suche nach dem eigenen Weg sind entscheidend für eine gelingende Integration. In ihrer Suche nach beruflichen Wegen werden mit unterschiedlichen Strategien Lösungsmöglichkeiten ausgelotet und verworfen. Ihre Orientierung und ihr Handeln stehen dabei zwischen Anpassung und Widerstand, obgleich sie grundlegend durch den Druck des unsicheren Aufenthalts behindert werden.
Die pädagogischen Kräfte stehen in ihrer Praxis ebenfalls vor dem Dilemma Anpassung oder Widerstand. Sie haben allerdings oftmals Positionierungen und subjektive Anforderungen, die nicht selten mit denen der jungen Geflüchteten kollidieren. Zudem eint sie das Dilemma, in grundlegend einschränkenden und prekären Verhältnissen zu arbeiten: Wenn sie sich anpassen an die von außen an sie gesetzten Anforderungen, schaden sie eventuell den Geflüchteten, wenn sie sich widersetzen, schaden sie sich eventuell selbst.

Die Studie ist ein erster Schritt, um die Sensibilität für subjektive Prozesse bei den Professionellen zu fördern.

Anmerkung

1 Bei den folgenden Beispielen aus unserem Forschungsprojekt handelt es sich um Kurzbeschreibungen einiger Fälle und um Kurzfassungen von typischen Konstellationen (ausführlich in: Held et al. 2018).

Literatur

Billmann, Lucie/Held, Josef (2013): Einführung. Solidarität, kollektives Handeln und Widerstand. In: Billmann, Lucie/Held, Josef (Hrsg.): Solidarität in der Krise. Gesellschaftliche, soziale und individuelle Voraussetzungen solidarischer Praxis. Wiesbaden, S. 13–31.
Bourdieu, Pierre (1998): Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz.
Camus, Albert (1971): Der Mensch in der Revolte. Essays. Reinbek.
Fukuyama, Francis (2018): Gegen Identitätspolitik. In: Der Spiegel 42/13.10.2018.
Held, Josef (1994): Lernen, Entwicklung und politische Bildung. In: Held, Josef (Hrsg.): Praxisorientierte Jugendforschung. Theoretische Grundlagen, methodische Ansätze, exemplarische Projekte. Hamburg, S. 192–215.
Held, Josef (2015): Kategorien als Denkmittel. In: Allespach, Martin/Held, Josef (Hrsg.): Handbuch Subjektwissenschaft. Ein emanzipatorischer Ansatz in Forschung und Praxis. 1. Aufl. Frankfurt a.M., S. 87–99.
Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt a.M.
Holzkamp, Klaus (1990): Worauf bezieht sich das Begriffspaar „restriktive/verallgemeinerte Handlungsfähigkeit“? In: Forum Kritische Psychologie 26, S. 35–45.
Kalpaka, Annita (2005): Pädagogische Professionalität in der Kulturalisierungsfalle – Über den Umgang mit, Kultur‘ in Verhältnissen von Differenz und Dominanz. In: Leiprecht, Rudolf/Kerber, Anne (Hrsg.): Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Handbuch. Schwalbach/Ts., S. 387-405.
Keupp, Heiner (2016): Ermutigung zum aufrechten Gang. Statt „Furcht vor der Freiheit“ das „Handwerk der Freiheit“. In: Reheis, Fritz/Denzer, Ste-fan/Görtler, Michael/Waas, Johann (Hrsg.): Kompetenz zum Widerstand. Eine Aufgabe für die politische Bildung. Schwalbach/Ts., S. 37-52.
Khider, Abbas (2016): Ohrfeige. München.
Marvakis, Athanasios/Parsanoglou, Dimitris (2009): Zur Kulturalisierung sozialer Ungleichheit. In: Sauer, Karin Elinor/Held, Josef (Hrsg.): Wege der Integration in heterogenen Gesellschaften. Vergleichende Studien. Wiesbaden, S. 41–53.
Reheis, Fritz/Denzler, Stefan/Görtler, Michael/ Waas, Johann (Hrsg.) (2016): Kompetenz zum Widerstand. Schwalbach/Ts.
Scharathow, Wiebke (2014): Risiken des Widerstandes. Jugendliche und ihre Rassismuserfahrungen. Bielefeld.
Williams, Raymond (1983): Culture and society. 1780-1950. New York.

Prof. Dr. Josef Held, josef.held@uni-tuebingen.de
Johanna Bröse, johanna.broese@uni-tuebingen.de
Rita Hackl, rita.hackl@uni-tuebingen.de