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ZWISCHEN DEN WELTEN


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 13.10.2021

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Wenn die Coronazeit etwas Gutes an sich hatte, dann die Möglichkeit zur Einkehr und Selbstreflexion. Dies gilt nicht nur für jeden von uns, sondern auch für Musiker und Künstler. Wie viele seiner Kollegen nutzte auch Richard Z. Kruspe die freie Zeit, um in seine Archive einzutauchen, auf Tuchfühlung mit der eigenen Vergangenheit zu gehen, in Erinnerungen zu schwelgen und einige im Lauf der Jahre verloren gegangene Schätze zu bergen. Auf genau diesem Prozess basiert das vierte Album seiner Band Emigrate, die mit THE PERSISTENCE OF MEMORY erklärtermaßen ein Kapitel abschließt und uns wiederum spannende Rückschlüsse darauf erlaubt, was den Rammstein-Gitarristen in den vergangenen zwei Dekaden bewegte und umtrieb.

Eigentlich begann alles mit einer Krise: „Nach unserer letzten Tournee bin ich zum ersten Mal richtig böse abgestürzt. Ich hatte den Gedanken daran, überhaupt noch Musik zu machen, total ...

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... verloren. Mich motivierte gar nichts mehr. Ich stand mit mir in meinem kleinen Krieg und war irgendwie verloren“, erinnert sich der Multiinstrumentalist, der zu jener Zeit sogar mit dem Gedanken spielte, die Musik hinter sich zu lassen und sich künftig völlig anderen Dingen zu widmen. „Die Gegenwart, in der man eigentlich leben sollte, war so beschissen, dass ich mich in die Vergangenheit gedacht und gefühlt habe. Dadurch entstand der Gedanke, mal zu gucken, was ich damals eigentlich gemacht habe. Ich zwang mich also, ins Studio zu gehen und alte Demos zu hören.“ Durch die intensive Beschäftigung mit alten, teils längst vergessenen Stücken, die bisher nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatten, begann Kruspe, langsam wieder Freude an Musik und dem Kreativprozess zu empfinden, arrangierte hier und da ein wenig um, verfasste neue Texte und tauchte wieder voll in die Welt von Emigrate ein. „Die Vergangenheit hat mir wohl ein bisschen das Leben gerettet, dadurch habe ich dann auch wieder die Zukunft gesehen. Deshalb heißt das Album THE PERSISTENCE OF MEMORY – das Einzige, das mich in dieser Zeit festgehalten hat, waren meine Erinnerungen. Zurück in die Vergangenheit zu gehen, hat mir schlussendlich die Zukunft gezeigt.“

Vergangenheit und Zukunft

Emigrates viertes Album nimmt dementsprechend eine etwas andere Rolle im Band-Kosmos ein als seine drei Vorgänger: Es lässt sich als Konglomerat aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begreifen und beinhaltet Lieder aus knapp zwei Jahrzehnten (‘Freeze My Mind’ stammt beispielsweise als eines der ersten Emigrate-Stücke überhaupt aus dem Jahr 2001).

Eigenen Angaben zufolge überarbeitete der Urheber etwa 70 bis 80 Prozent des Materials – musikalisch sowie insbesondere textlich. Er spricht davon, dank der Auseinandersetzung mit seinem früheren Schaffen wieder eine Balance für sich selbst gefunden zu haben. Das Album zeigt demnach eine Mischung aus seinem früheren und aktuellen Ich. Dabei genoss Kruspe einmal mehr die absolute künstlerische Freiheit, für die seine Band seit jeher steht: „Das Schöne bei Emigrate ist, dass ich machen kann, was ich will. Ich versuche immer, aus der Falle herauszutreten, Menschen bedienen zu wollen. Als Künstler möchte man natürlich immer gefallen – aber das ist eine Falle!“, betont er. „Emigrate ist kein kommerzielles Projekt. Aber dadurch konnte ich mir den Ansatz bewahren, Dinge zu machen, die ich machen will, weil sie aus mir herauskommen. Es ist mir egal, was die Leute denken – das ist einfach das, was ich gerade mag.“

Musikalisch resultiert dies in einer stilistischen Mischung aus kraftvoll riffendem Metal, Rock und Industrial (‘Freeze My Mind’, ‘Yeah Yeah Yeah’), elegantem gotischen Flair (‘Blood Stained Wedding) sowie hier und da einer Prise elektronischer Samples. Teile des Werks klingen deutlich ungestümer und krachiger als der direkte Vorgänger. Im Gegensatz zu Rammstein war Emigrate jedoch stets offen für vielfältigere Einflüsse, Klänge und Kooperationen mit Blick über den Szenetellerrand hinaus. Hinterließ

A MILLION DEGREES dabei noch einen ausgeglichenen und runden Eindruck, kommt THE PER- SISTENCE OF MEMORY vielleicht etwas zerrissener daher, was wohl nicht zuletzt in seiner gestückelten und aus unterschiedlichen Schaffensperioden zusammengesetzten Machart begründet liegt. Obwohl das Werk als stimmig komponierte Zusammenstellung durchgeht, hört man darauf einen im Übergang begriffenen Künstler kurz vor dem endgültigen Umbruch. „Ich mochte immer elektronische Sounds und fand schon früher sowohl Iron Maiden als auch AC/DC geil. Generell mische ich viele Dinge, weil ich das spannend finde. Insofern habe ich keine Berührungsprobleme“, offenbart Kruspe, der während der Coronazeit seinen Traum verwirklichte und sich endlich eindringlicher mit dem Klavierspiel beschäftigte. Dabei stellte er fest, mit diesem Instrument ganz anders an den Kompositionsprozess herangehen zu können: Er genoss es, neue Musik statt auf Riffs nun vor allem auf Harmonien aufzubauen. „Ich konnte früher im Proberaum stehen und vier bis fünf Stunden mit aufgeblasenem Amp spielen. Heute nervt mich das einfach nur. Ich benutze die Gitarre immer weniger, um zu schreiben. Vielleicht hat es etwas mit dem Alter zu tun, dass man die Aggression irgendwann nicht mehr in dieser extremen Form braucht.“

Besonders reizt ihn momentan das Elektronische, das künftig womöglich eine größere Rolle in seinem musikalischen Wirken spielen könnte. Zuletzt arbeitete Kruspe bereits intensiv mit dem DJ und Keyboarder Andrea Marino, einem Freund seiner älteren Tochter, an elektronischen Remixes der Stücke. Auf dem in Kürze veröffentlichten Album ist der Italiener allerdings noch nicht zu hören. „Wir haben angefangen, die Songs in einer Zusammenarbeit elektronisch umzuschreiben, und dabei kamen ganz andere Sachen heraus.

Doch wir haben uns entschieden, die Dinge nicht zu mischen. Bevor ich das anfange, wollte ich diese Dekade Emigrate mit einem letzten Album beenden“, betont der kreative Leiter des 2005 formierten Projekts. Auf dessen viertem Kapitel tritt dementsprechend noch die an den bisherigen Alben beteiligte Mannschaft in Erscheinung. Kruspe begreift das Werk zwar nicht unbedingt als Schlusspunkt, sehr wohl aber als eine Art Kapitel ende. Dieses sei unbeabsichtigt gewesen, fühle sich heute aber richtig an und ergebe Sinn: „Manchmal tut man Dinge intuitiv und versteht nicht unbedingt, warum. Doch wenn man später in die Vergangenheit zurückblickt, versteht man es auf einmal.“

Intakte und gerissene Bande

Diese Feststellung lässt sich möglicherweise auch auf eine weitere Auffälligkeit des Albums beziehen: Da der 54-Jährige lange Zeit nicht unbedingt beabsichtigt hatte, ein neues Werk zu erschaffen, sind auf THE PERSISTENCE OF MEMORY bis auf eine einzige Ausnahme keine Gastmusiker zu hören. Dies fällt insbesondere deshalb auf, da sich auf den Vorgängerwerken SILENT SO LONG (2014) und A MILLION DEGREES (2018) ganz unterschiedliche Protagonisten die Klinke in die Hand gaben – von Motörhead-Boss Lemmy Kilmister über Korns Jonathan Davis und Ghosts Cardinal Copia bis hin zu Peaches und Musikern von Billy Talent und Seeed. Diesmal fühlte es sich jedoch einfach nicht richtig an, Gäste ins Boot zu holen, und hätte außerdem den geplanten Aufwand gesprengt, gibt Kruspe zu Protokoll: „Ich war so froh, überhaupt wieder Musik zu machen, und wollte diesen Fluss nicht stören. Bei mir passieren solche Dinge meist intuitiv und harmonisch. Wenn ich das Gefühl habe, dass es auch so funktioniert, muss ich nicht noch eine andere Stimme haben. Es gibt noch immer Personen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde, aber ich glaube, so etwas ergibt sich – oder eben nicht.“

Umso schöner, dass nach der Freundschaftsreflexion ‘Let’s Go’ vom letzten Album erneut Rammstein-Kollege Till Lindemann in einem Stück am Mikrofon steht. Dabei handelt es sich um das hauptsächlich in Fassungen von Elvis Presley und den Pet Shop Boys bekannte ‘Always On My Mind’, das gen Ende in einem ergreifenden Duett beider Sänger gipfelt. Die Ursprünge dieser Cover-Version gehen auf eine Anfrage für ein Remix-Album zurück, die im Sand verlief. Kruspe hatte jedoch bereits viel Arbeit in diesen Track investiert und bekam Elvis’ Stimme nicht mehr aus dem Kopf („Normalerweise wird man gedoppelt oder hat im Refrain sechs oder sieben Stimmen, doch er hat es geschafft, den ganzen Song in nur einer Stimme zu singen!“). Aus rechtlichen Gründen konnte er diese jedoch nicht verwenden. Also musste ein anderer Vokalist her. Schließlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er bat seinen langjährigen Freund und Kollegen mit dem tiefen Organ um Mithilfe. „Ich mag es, wie unsere beiden Stimmen zusammen klingen – da ist manchmal eine emotionale Berührung“, schwärmt Kruspe über die Kollaboration mit Lindemann, und gerät ins Philosophieren: „Manche Dinge brauchen Zeit, sie haben ein eigenes Leben. Wir versuchen immer, alles zu beeinflussen, ich bin selbst ein Meister darin. Weil ich so ein emotionaler Typ bin, renne ich sofort los, wenn etwas passiert. Ich musste erst lernen, nicht alles zu übereilen. Meine Freundin sagt immer: Don’t rush! Bei diesem Song hat es sich gelohnt, zu warten – hätte ich es mit jemand anderem gemacht, wäre es vielleicht keine so tolle Nummer geworden“, feixt er, und fährt fort: „Manchmal passieren die Dinge einfach. Es ist wie generell im Leben: Man muss vertrauen. Ich weiß selbst, wie schwer das ist, doch das Leben weiß schon, wo es hingeht. Das heißt aber nicht, dass man keine Entscheidungen treffen sollte!“

Zumal THE PERSISTENCE OF MEMORY die Conclusio beinhaltet, dass gewisse Dinge aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden wollen. In diesem Sinne verwundert es kaum, dass einmal getroffene Entscheidungen eben nicht in Stein gemeißelt sein müssen und es auch zwei Versionen von ein und demselben Lied geben kann. Das Auffällige am bereits bekannten ‘Hypothetical’ ist schließlich die Absenz des Gasts: Während auf Emigrates Zweitwerk noch Marilyn Manson das Stück intoniert, zeigt Kruspe nun in einer überarbeiteten Version als alleiniger Vokalist, dass das provokante Lied auch ohne den mittlerweile kaum mehr tragbaren Industrial-Helden bestens funktioniert. Geblieben ist das an ‘Kashmir’ angelehnte Haupt-Riff, das den Song bestimmt: „Diese Art von Beat haben wir auch bei Rammstein schon öfter verwendet, diese Art von orientalischer Harmoniekultur. Immer, wenn ich ein Album mache, ist ein bestimmter Beat in diesem Flair dabei. Klar ist die Inspiration bei Led Zeppelin zu sehen“, verrät der Musiker, und zählt ‘Spiel mit mir’, ‘Mein Herz brennt’ und ‘Dalai Lama’ als Rammstein-Songs auf, in denen sich diese Inspiration ebenfalls niederschlägt. „Es gab immer Songs, die in diesem Stil geschrieben sind, das hat sich eingebrannt.“

„Die Gegenwart, in der man eigentlich leben sollte, war so beschissen, dass ich mich in die Vergangenheit gedacht und gefühlt habe.“

Richard Z. Kruspe

Schattenwelt und dunkle Zeiten

Die Tatsache, dass THE PERSISTENCE OF MEMORY zwischen den Zeiten schwebt und dank seiner Machart Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich vereint, drückt sich auch in den Themen des Albums aus. Auf dem Artwork sieht man den Kopf des Protagonisten als eine Art Supernova im sternenreichen Himmel schweben – entrückt, entweltlicht, in ganz anderen, überirdischen Sphären. Wie angedeutet, überarbeitete und erneuerte Kruspe die Texte der Stücke und überschrieb die Empfindungen der Vergangenheit mit seinen aktuellen Gedanken und Emotionen. Trotzdem schlagen sich darin düstere Themenkomplexe wie verschiedene Enden und Abschiede, Abgesänge und Gehenlassen nieder, pendeln einige Songs zwischen Welten und Zeiten und blitzt in vielen Liedern eine offenkundig wehmütige Note durch. Der Komponist erklärt Schattenwelten und dunkle Zeiten zu einem bei Emigrate generell gerne verwendeten Thema: „Ich ertappe mich darin, führe mich selbst hinein und bewege mich mit bestimmten Substanzen darin. Ich habe einen Drang, in diese Welt zu gehen – das war schon immer so und wird sich wahrscheinlich auch nicht ändern. Vermutlich liegt es auch daran, dass ich mich in dieser Welt auch musikalisch wohler fühle als woanders. Ich glaube, dass man das unterbewusst speichert, einen das Unterbewusste dahin zurückführt und man aus dieser Quelle seine Kreationen schöpft“, drückt er seine Gedanken dazu etwas verklausuliert aus. Die Sehnsucht nach anderen (Lebens-) Welten offenbart sich auch in seinem – durchaus nachvollziehbaren – Blick auf die aktuelle Zeit: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass man gar nicht mehr weiß, was morgen ist. Es geht alles so schnell. Das liegt natürlich an der Digitalisierung unseres Zeitalters. Ich habe das Gefühl, dass wir es noch nicht geschafft haben, eine Balance zwischen digitaler und analoger Welt zu finden. Deshalb haben wir auch ein Problem mit Stillstand. Ich habe mal gehört, heutzutage liegt die Anarchie nicht in Bewegung, sondern in Nicht-Bewegung. Es ist eine superinteressante Zeit mit vielen bewegenden Themen, in der man sich viele Gedanken machen und auch mal mit sich selbst beschäftigen muss.“

Während auf A MILLION DEGREES der wunderschöne, seiner jüngsten Tochter gewidmete Ohrwurm ‘You Are So Beautiful’ herausstach, erklärt der Frontmann diesmal ‘You Can’t Run Away’ zum persönlichsten Stück der Platte und stellt auch ein erklärendes Video in Aussicht. „Ursprünglich sollte das eine James Bond-Nummer werden – ich dachte mir, ich schreibe mal den nächsten James Bond-Soundtrack“, schmunzelt der Mittfünfziger. Dank der sphärisch-dramatischen Musik und oberflächlichen Einschätzung als Liebeslied mag diese Einstufung nachvollziehbar sein; thematisch schüttelt und rührt die Nummer aber noch deutlich darüber hinaus gehende Empfindungen ins Cocktail-Glas: „Irgendwann saßen wir mit Rammstein in Frankreich und hatten eine Diskussionsrunde über Suizid. Ich kriege viele Nachrichten zu Emigrate, aber auch Rammstein: Menschen erzählen von ihrem Leben und dass die Musik ihnen geholfen hat, irgendwie weiterzumachen. Manchmal ist das sehr dramatisch; manchmal weiß ich auch nicht, was wahr ist und was nicht“, offenbart er über den Hintergrund des Stücks. Dass das Thema vielen Menschen auf der Seele brennt, ist weniger schön – die steigende Tendenz von Musikern, die Problematik aufzugreifen und in ihrer Kunst offen anzusprechen, könnte jedoch helfen. „Viele Menschen kennen diese Gefühle. Deshalb wollte ich unbedingt einen Song schreiben über den Gedanken, zu gehen, sich nicht mehr mit dem Leben zu beschäftigen und nicht mehr die Kraft dafür zu haben. Das war für mich der Grund, diesen Song zu schreiben.“

Die richtige Balance

Harte Schale, weicher Kern: Das Zusammentreffen von musikalischer Wucht und greifbaren Emotionen ist eines der Markenzeichen von Emigrate (und lässt sich auch bei Rammstein feststellen, wo zackige Riffs auf blühende Poesie und fragile Empfindungen treffen). Umso spannender ist die Tatsache, dass der Gegensatz von Hart und Weich eine ähnlich wichtige Rolle in genau dem Kunstwerk spielt, auf das sich der Albumtitel THE PERSISTENCE OF MEMORY bezieht: das gleichnamige Gemälde des surrealistischen Malers Salvador Dalí, das auch unter den Alternativtiteln „Die zerrinnende Zeit“ und „Die weichen Uhren“ bekannt ist. Auch die von Dalí vermittelten Kernthemen – das Vergehen der Zeit, Verfall, Vergänglichkeit und zugleich das Gefühl der Zeitlosigkeit – finden sich in Kruspes neuem Werk wieder. Der zwischen den Welten schwebende Künstler spielt grundsätzlich viel mit Symbolik und nutzt für Bühnen-Outfits sowie seine gerne verschiedenfarbig lackierten Fingernägel die Dualität von Schwarz und Rot. Für ihn symbolisiert dies „die Balance zwischen Liebe und Angst“. Angesichts der Tiefgründigkeiten ist man dazu geneigt, weitere Interpretationen zur optischen Welt von Emigrate anzustellen, um sich somit dem Menschen Richard Z. Kruspe weiter zu nähern. Einige Details ergeben sich allerdings auch ohne tiefere Ebene, kommen fließend zustande oder bedingen sich selbst: So stammt etwa der weiße Mantel aus dem Video zu ‘Freeze My Mind’, den der Protagonist auch auf unserem Titelfoto trägt, aus dem Kostümfundus von Rammstein und wurde für Emigrate reaktiviert.

Das Kleidungsstück inspirierte wiederum Videoregisseurin Anuk Rohde und Director Of Photography Pat Aldinger dazu, in der Kulisse Schmetterlinge aufsteigen zu lassen. „Ich hatte von einer früheren Foto-Session noch diesen Spiegelraum und wollte darin schon immer eine Performance drehen. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, die ganze Band darin zu zeigen, aber das hat nicht gepasst. Also musste jeder einzeln spielen“, resümiert der Vokalist, der im Video an der Seite des schon erwähnten Andrea Marino am Keyboard sowie Bassistin Alice Lane und Schlagzeuger Joe Letz auftritt und damit bereits die neue Besetzung seiner Band einführt. Mit dem Ergebnis ist er sehr zufrieden. „Es erzeugt eine so schöne Stimmung! Ich bin großer Fan von düsteren Fincher-Filmen und wirklich froh, dass ich Anuk gefunden habe, die diese Stimmung rübergebracht hat. Dadurch, dass wir als Emigrate eben nicht live spielen, versuche ich immer, eine Performance-Ebene zu bringen. Diesen Song fand ich am besten dafür geeignet.“ Auf die Frage, ob Emigrate auch in Zukunft als reine Studio-Band fungieren und Konzerten weiterhin Absagen erteilen wird, hält Kruspe kurz inne. Zuletzt war durchgeklungen, die Live-Zurückhaltung basiere hauptsächlich auf seiner Furcht, das wohl ausbalancierte Gleichgewicht zwischen seinen Bands aufs Spiel zu setzen. Dies scheint noch immer in ihm zu schwelen, doch schließlich meint er: „Von den neuen Mitgliedern kriege ich immer wieder Saitenhiebe – mach doch mal, lass uns doch... Sagen wir mal: Das Eis wird dünner!“

„Man muss vertrauen. Ich weiss selbst, wie schwer das ist, doch das Leben weiss schon, wo es hingeht.“

Richard Z. Kruspe

Auswandern und ankommen

Nicht zuletzt diese Aussage deutet die Umbrüche an, die Emigrate in nicht allzu ferner Zukunft bevorstehen dürften. Die Loslösung vom Gegenwärtigen ist offenkundig bereits in vollem Gang. Wenn sich ein Kapitel schließt, bedeutet dies oft auch, das Gewesene Revue passieren zu lassen und Bilanz zu ziehen. Nach vier Alben kann Kruspe mit seinem Projekt durchaus zufrieden sein: Das Ausscheren aus dem Rammstein-Kosmos ist ihm in musikalischer wie auch künstlerischer Hinsicht gelungen. Er konnte sich ausleben und ausprobieren, aber auch als ernst zu nehmender Komponist in Szene setzen und mit diversen prominenten Kollaborationen seine Rolle und Relevanz in der Musikwelt untermauern. Das Ziel, auf eigenen Beinen zu stehen statt im Gleichschritt „mitzumarschieren“, ist aufgegangen. Doch wie bei vielen anderen Menschen auch hat die Coronazeit bei Richard Z. Kruspe Prozesse verstärkt und beschleunigt, die sowieso im Umbruch begriffen waren. Dass er weiterhin neben Rammstein Musik machen wird, darf angenommen werden – wie diese klingen könnte und ob sie unter gewohntem Namen erscheinen wird, ist hingegen unklar. „Das Schöne bei Emigrate ist, dass wirklich alles möglich ist – ich werde mich nicht festlegen. Das Thema ist gar nicht da. Es ist kein Rammstein, und genau das sollte es auch nie sein: eine Institution, auf die man sich verlassen kann“, orakelt der 54-Jährige, der längst mit THE PERSISTENCE OF MEMORY abgeschlossen hat und gedanklich bereits einen großen Schritt weiter ist. Momentan genießt er die Zusammenarbeit mit dem jungen DJ und bezieht daraus neue kreative Impulse: „Wie arbeiten Kids heutzutage, wie gehen die da ran? Ich finde es total interessant, wie so jemand an einen Song herangeht“, schildert er, und drückt seine Bewunderung für seinen jüngeren Kollegen aus: „Er hat einen frischen, offenen Zugang zu vielen Dingen, bei denen ich oft denke: Nee, kann man nicht machen! Das ist das Alter und die Angst.

Wenn Kinder jung sind, haben sie meist gar keine Angst. Doch in zunehmendem Alter macht man Erfahrungen und wird deshalb ängstlicher – was ja auch wichtig ist. So läuft es oft mit gewissen Dingen: Weil man sie getan hat, glaubt man zu wissen, dass sie nicht funktionieren. Deshalb verschließt man sich davor. Ich finde es total klasse, dass junge Leute einem ein Gefühl von Offenheit geben – das Gefühl, dass etwas vielleicht doch funktionieren kann.“ Welche musikalischen Welten der gebürtige Brandenburger künftig erobern und wo er sich zu Hause fühlen wird, bleibt ungewiss. Er genießt die totale Freiheit, die nicht zuletzt davon ermöglicht wird, dass er die feste Bindung zu den Fixpunkten seines Lebens aufrecht hält – Rammstein, die Menschen in seiner Nähe, und sogar Berlin. Auch wenn er sich in der deutschen Metropole viele Jahre lang nicht gänzlich heimisch fühlte und zwischenzeitlich sein Glück in New York versuchte, glaubt er mittlerweile, zumindest in gewisser Weise angekommen zu sein: „Ich habe mir hier meine Insel gebaut. Das Letzte, was mir gefehlt hat, war ein eigener Frisörladen. Den habe ich jetzt unten im Keller, ich muss dafür also nicht mal mehr vor die Tür gehen“, schließt Kruspe lachend. „Ich habe mir hier mein eigenes Domizil gebaut, und deshalb interessiert es mich eigentlich gar nicht mehr richtig, was draußen los ist. Die Idee des Hauses, in dem ich wohne, basiert auf Freunden und Familie. Insofern sehe ich natürlich schon Menschen, aber ich gehe nicht oft raus und bin gar nicht mehr viel unterwegs. Ich bin aber auch kein Typ, der in den Wald zieht. Ich brauche die Inspiration der Stadt, nur eben auf Distanz. Ich will das alles nicht zu dicht bei mir haben.“

KATRIN RIEDL