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Zwischen Elektrosmog und Magnetfeldtherapie


skeptiker - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 20.09.2019

Magnetfelder sind ein Teil unserer Umwelt, sei es in Form des Erdmagnetfelds oder in Gestalt der Felder, die von elektrischen Geräten erzeugt werden. Wie bei vielen anderen Umweltfaktoren stellt sich so auch leicht die Frage, welchen Effekt sie auf den menschlichen Körper und auf biologische Prozesse im Allgemeinen haben. Bergen sie potenzielle Gefahren, können wir sie andererseits medizinisch verwenden, oder vielleicht sogar beides? Magnetfelder sind nicht das ersteSkeptiker -Thema, zu dem sich zahlreiche alternativmedizinische Heilmethoden und uninformierte Ängste gebildet haben. Frei verkäufliche Magnetarmbänder versprechen Linderung bei chronischen Gelenkschmerzen und Magnetfeldtherapien sind in vielen Arztpraxen verfügbar. Was wirklich an solchen Behauptungen dran ist und was wir über die biologischen Effekte von Magnetfeldern wirklich wissen sollten wird dieser Artikel erläutern.

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Bildquelle: skeptiker, Ausgabe 3/2019

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Magnetfelder sind für uns nicht direkt wahrnehmbar oder „greifbar“, was sie sehr leicht als abstraktes Konzept erscheinen lässt. Dabei sind sie als Phänomen des Elektromagnetismus aus uns und unserer Umgebung nicht wegzudenken. Für eine tiefgehende Beschreibung der Entstehung und Ausbreitung von Magnetfeldern benötigen wir die berüchtigten Maxwell-Gleichungen. Aber anstatt uns in einem Labyrinth aus theoretischer Physik zu verlieren, können wir auch ganz einfach sagen, dass Magnetfelder überall dort entstehen, wo elektrische Ladungen in Bewegung sind, z.B. in einem stromdurchflossenen Draht oder in einer Elektronenhülle. Die mikroskopischen Magnetfelder einzelner Atome, die man sich klassisch ebenfalls als sogenannten „molekularen Ampère‘schen Kreisstrom“ vorstellen kann, können in manchen Materialien gemeinsam und dauerhaft ausgerichtet sein. So wird ein makroskopisches Feld erzeugt wie in einem altbekannten Hufeisenmagneten. Ein solcher sogenannter Permanentmagnet hält sein Magnetfeld ohne weiteres Zutun aufrecht, während ein Elektromagnet die Versorgung mit elektrischem Strom benötigt. Beide Arten spielen in unserer Technik wichtige Rollen. Natürlich gehört hier noch mehr dazu, da wir in der Lehre vom Elektromagnetismus elektrische und magnetische Felder nicht voneinander isoliert betrachten können: Wenn die Stärke eines Magnetfelds zeitlich konstant bleibt, sprechen wir von statischen Feldern. Ändert sich die Stärke „langsam“, also mit bis zu wenigen hundert Kilohertz (kHz, 1 kHz entspricht 1000 Schwingungen pro Sekunde) sprechen wir von niederfrequenten Feldern. Frequenzen oberhalb hiervon gelten als Hochfrequenz und werden insbesondere in der Funkübertragung genutzt, da sie von Antennen effektiv in Form von elektromagnetischen Wellen abgestrahlt und auch empfangen werden können. Sie sollen aber hier nur am Rande thematisiert werden, da sie eher für den Mobilfunk relevant sind.
Zurück zu den statischen Magnetfeldern, oder genauer gesagt dazu, was passiert, wenn wir Stoffe einem Magnetfeld aussetzen und diese hauptsächlich mit drei Arten des Magnetismus reagieren: Ferromagnetismus, Paramagnetismus und Diamagnetismus. Ferromagneten regieren auf ein äußeres Feld mit einer weitreichend geordneten Ausrichtung auf mikroskopischer Ebene, die das Magnetfeld in dem Stoff verstärkt. Dieses Magnetfeld ist so ausgerichtet, dass es gemeinsam mit dem auslösenden Feld zu einer Anziehung kommt. Ferromagneten können oft ihre Ausrichtung behalten, nachdem das äußere Feld entfernt wurde, so kommen wir auch zu den vorher erwähnten Permanentmagneten. Klassische Ferromagneten bestehen aus Eisen, Nickel oder Kobalt, wohingegen moderne Kleinmagneten, die man für Basteleien oder Geräte verwendet, üblicherweise aus einer Neodym-Eisen- Bor-Legierung bestehen. Paramagneten reagieren auf ein äußeres Feld ebenfalls mit einem verstärkten inneren Feld – dieser Effekt ist aber viel geringer als bei Ferromagneten, und es bleibt auch keine permanente Magnetisierung zurück. Diamagneten reagieren ähnlich schwach, jedoch reduzieren sie das innere Feld ein wenig. Die meisten biologischen Substanzen sind diamagnetisch, mit dem Desoxyhämoglobin in sauerstoffarmem Blut als prominente Ausnahme.

Abb. 1: Magnetresonanztomograph mit 7 T Feldstärke vom Exzellenzzentrum für Hochfeld- MR der Medizinischen Universität Wien. Solche Geräte sind als „ultra high field systems“ bekannt und stellen die stärksten klinisch zugelassenen Geräte dar.


Zuletzt sei noch die Induktion erwähnt: Die räumliche oder zeitliche Veränderung von Magnetfeldern erzeugt induzierte elektrische Felder bzw. entlang von Schleifen sogenannte Umlaufspannungen. Diese können Ströme fließen lassen für den Fall, dass entlang der gesamten geschlossenen Schleife eine elektrische Leitfähigkeit gegeben ist. Bereits an dieser Stelle lässt sich überlegen, wo in unserem Körper überall solche Leiter zu finden sind…
Bevor wir uns dem Gebrauch und Missbrauch von Magnetfeldern widmen, müssen wir aber noch, damit die Feldstärke zu einem sinnvollen Begriff wird, eine Einheit definieren und in einen Kontext setzen. Die moderne abgeleitete SI-Einheit für magnetische Feldstärke (genauer gesagt, die magnetische Flussdichte) heißt Tesla (abgekürzt mit T), benannt nach dem Erfinder Nikola Tesla, der Pionierarbeit in der Elektrotechnik geleistet hat, aber auch in Zusammenhang mit angebli- chen Todesstrahlen und Erdbebenmaschinen schon öfter imSkeptiker Erwähnung fand (z. B.Skeptiker 2/2011, S. 108 - 116). 1 T zählt schon als hohe Feldstärke, zum Beispiel direkt an der Oberfläche der oben erwähnten Neodym- Magneten. Im Vergleich dazu befindet sich das Erdmagnetfeld mit starken regionalen Schwankungen in der Größenordnung von 50 μT. Bei modernen Magnetresonanztomographen (MRTs), die Magnetfelder über eine vergleichsweise große Raumregion aufbauen, zählt alles über 3 Tesla bereits als „Ultrahochfeld“. Spezielle Physikexperimente können kurzfristig über 1000 T erzeugen. Die stärksten bekannten natürlichen Quellen von Magnetfeldern sind Neutronensterne, die an der Oberfläche mehr als 108 T erreichen können. Biologisch sind wir natürlich nur an das Leben im Erdmagnetfeld gewöhnt und können uns daher die Frage stellen, was passiert, wenn wir uns in ein hunderttausendmal stärkeres Feld begeben, um eine MRT-Untersuchung zu machen.

Abb. 2: Warntafel an der Zugangstüre zu einem MR-Scanner. Neben den Feldern gilt es auf die Lärmgefahr zu achten und Herzschrittmacher fern zu halten. Auch Uhren, Telefone und Bankkarten müssen draußen bleiben.


Magnetresonanz – starke Felder für starke Bilder

Ganz oberklug könnte man hier sagen: wohl nichts auffällig Schlimmes, sonst würde keine Ethikkommission und kein Medizinproduktegesetz so ein Gerät zulassen. Noch klüger könnte man einwerfen: Etwas Magnetisches wird schon passieren, sonst könnten wir mit so einem „MR-Scanner“ keine Bilder machen. Das stimmt auch beides, aber im Detail soll uns die MRT-Technik als Beispiel für die Anwendung von Magnetfeldern dienen und aufzeigen, was die stärksten Magnetfelder, denen man sich als Mensch praktisch aussetzen kann, so alles mit uns anstellen.
Neben der Röntgen-Computertomographie ist die Magnetresonanztomografie ein Eckpfeiler der modernen medizinischen Bildgebung – zwar sind die Messzeiten länger, jedoch wird keine ionisierende Strahlung verwendet und man kann viele verschiedene Bildkontraste erzeugen. Aber um die medizinischen Implikationen geht es hier nicht. Wenn wir von Magnetresonanz sprechen, meinen wir in diesem Kontext eigentlich die nukleare Magnetresonanz (NMR), eine Interaktion mit Atomkernen. Aber da „nuklear“ für den Hausverstand als schlecht gilt, ist das „N“ in NMR den Public Relations zum Opfer gefallen, und in der Praxis wird die Bezeichnung NMR fast nur noch für Geräte in der analytischen Chemie verwendet. Bei der MR-Bildgebung misst man grundsätzlich und hauptsächlich die Signale der Wasserstoff- Protonen in Wasser-Molekülen, egal ob sich diese in einem Lebewesen oder einer Wasserflasche befinden. Das funktioniert, kompakt gesagt, so: In einem statischen äußeren Magnetfeld, beim MRT mit einem supraleitenden Elektromagneten erzeugt, werden nukleare Spinzustände aufgespalten, d. h. sie haben nicht mehr dieselbe Energie. Mit Photonen der richtigen Frequenz kann man nun Atomkerne zwischen den aufgespaltenen Zuständen wechseln lassen. Diese Änderung ist jedoch nicht stabil; wenn sich die Kerne wieder in den Ausgangszustand zurückbewegen, bedeutet das eine lokale Veränderung des Magnetfeldes, die, wie bereits erwähnt, einen Strom in nahen Leitern induzieren kann. Das Signal, das wir mit sogenannten MR-Spulen auffangen, würde uns aber so nur verraten, ob das gemessene Objekt Wasserstoff enthält oder nicht. Wenn wir zusätzlich mit räumlich und zeitlich variierbaren Feldern, den sogenannten Gradientenfeldern, die lokalen Resonanzfrequenzen manipulieren, können wir unser gemessenes Signal räumlich kodieren und mit ein bisschen Mathematik (Fourier-Transformationen) Bilder daraus machen. Die zur Erzeugung der Gradienten notwendigen Spulen sind der Grund, warum MR-Messungen so laut sind, da es zwischen ihrem Gradientenfeld und dem statischen Feld zu Kräften kommt, die sich zeitlich schnell ändern, mit Frequenzen im akustischen Bereich. Dadurch vibrieren die Gradientenspulen gut hörbar, und wenn man die Ströme der Gradientenspulen entsprechend steuert, kann man ein MRT auch als sehr teuren Lautsprecher verwenden.


» Was passiert, wenn wir uns für eine MRT-Untersuchung in ein starkes Magnetfeld begeben? «


Indirekte Risiken

Diese Messmethode interagiert mit Atomkernen, und der Signalweg selbst bedingt nur eine Exposition mit nichtionisierender Strahlung (mit einer Frequenz von ca. 42 MHz pro Tesla, also niedrigere Frequenzen als im Mobilfunk), die auf wenige W/kg limitiert ist. Alleine der Aufenthalt im Magnetfeld führt zu interessanten Auswirkungen auf unseren Körper, jedoch sind die größten Risiken für unsere Gesundheit im MRT indirekt. Der Lärm, den die Vibrationen der Gradienten erzeugen, kann ohne Gehörschutz schädlich werden. Ferromagnetische Objekte, die in die Nähe des Scanners gebracht werden, können angezogen und damit zum Projektil werden. Im Falle einer Schere oder Sauerstoffflasche ist das eine tödliche Gefahr. Implantate können ebenfalls bewegt und bei aktiven Implantaten wie Herzschrittmachern kann die Funktion beeinträchtigt werden. Leitende Implantate wie Drähte, aber auch Tätowierungen, die metallische Pigmente enthalten, können als Antennen wirken, sich erwärmen und Verbrennungen verursachen. Ersteres kann eine Abwägung zwischen dem Nutzen der Messung zur Diagnose und dem Risiko einer Verletzung nötig machen. Letzteres ist aber in Europa bei Tätowierungen aus diesem Jahrtausend sehr unwahrscheinlich, da die meisten Tätowierfarben organische Pigmente enthalten (Callaghan et al. 2019). Leider gibt es mehr Anekdoten als Daten zur Inzidenz von tätowierungsverursachten Verbrennungen, aber zumindest ein Bericht deutet darauf hin, dass das Risiko sehr gering ist (Callaghan et al. 2019). Im Zweifelsfall kann man die Haut durch die Auflage eines feuchten Tuchs kühlen und damit Verbrennungen vermeiden.
Erwähnenswert ist eine weitere indirekte MR-Gefahr, und sei es auch nur, um den Namen Chuck Norris in diese Geschichte hineinzuquetschen: Für gewisse Messungen werden Kontrastmittel (überwiegend auf Gadolinium-Basis) verabreicht, die z. B. einen Tumor besser sichtbar machen. Risiken bestehen vor allem bei Nierenschäden, abgesehen davon wurde in den letzten Jahren herausgefunden, dass sich diese Kontrastmittel auch im Gehirn ablagern können. Auch wenn keine negativen Folgen bekannt sind, verwendete man daraufhin sicherheitshalber andere Kontrastmittel. 2017 wiederum wurde bekannt2, dass Chuck Norris‘ Frau Gena nach einer Routine- MR-Untersuchung wegen rheumatoider Arthritis, die mit Kontrastmittel durchgeführt wurde, schwere Krankheitssymptome zeigte. Die Klinik wurde verklagt und die Familie Norris investierte Millionen US-Dollar in „alternative“ Behandlungen. Eine extrem seltene Nebenwirkung von Kontrastmitteln oder Symptome ihrer Erkrankung? Während diese Frage geklärt wird, profitieren zumindest die Wunderheiler.

Alle diese Gefahren sind jedoch keine primär vom Magnetfeld ausgelös ten biologischen Effekte, und noch wichtiger, lassen sich durch sorgfältige Umsetzung von Sicherheitsstandards kontrollieren und vermeiden. Daher sind die Expositionsgrenzwerte relativ großzügig. So definiert z. B. die Richtlinie 2013/35/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 über Mindestvorschriften zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch physikalische Einwirkungen (elektromagnetische Felder)3 für Felder bis zu einem Hz einen Grenzwert von 8 T für Arbeitsbedingungen für gesundheitliche Effekte und 2 T für sensorische Effekte. Zusätzlich wird bei allen MR-Einrichtungen ein Kontrollbereich von 0.5 mT als Sicherheitsgrenze für aktive Implantate definiert und gekennzeichnet.

Mensch und Magnetfeld

Kommen wir nun zu von Magnetfeldern ausgelösten Phänomenen im menschlichen Körper. Waren Sie schon einmal in einem MRT und haben dabei ein Schwindelgefühl gespürt? Falls ja, dann haben Sie schon den wahrscheinlichsten sensorischen Effekt auf unseren Körper wahrgenommen. Aber nicht den einzigen, viele weitere interessante Effekte wurden auch vom Autor selbst schon erlebt.
Zuerst sollten wir uns daran erinnern, dass wir durch die alltägliche Exposition an das Erdmagnetfeld gewöhnt sind, so wie das auch bei radioaktiver Hintergrundstrahlung oder vielen Chemikalien (Dihydrogenmonoxid z. B.) der Fall ist. Der grundlegende Mechanismus der Interaktion von Organismen mit Magnetfeldern, abseits des oben beschriebenen leichten Dia- oder Paramagnetismus, besteht hauptsächlich in der Interaktion des Feldes mit elektrischen Ladungen und Leitern. In einem elektrischen Leiter, wie z. B. einem Nerv, kann eine Magnetfeldänderung einen Strom induzieren. Eine elektrische Ladung, die sich in einem Magnetfeld bewegt, erfährt eine Kraft orthogonal zur Richtung des Feldes und der Bewegung (ein Kreuzprodukt), bekannt als Lorentz- Kraft. Auf magnetische Dipole wirkt in einem äußeren Magnetfeld ein Drehmoment, das versucht, den Dipol am Feld auszurichten.
Beginnen wir mit unseren Sinnen. Besonders häufig bei MRTs ab 3 T (was einem modernen klinischen System hoher Leistung entspricht) ist ein Schwindelgefühl oder das Gefühl, eine Kreisbewegung zu machen, wenn man in die Röhre geschoben wird. Dem liegt eine Stimulation des Gleichgewichtssinns zugrunde, die erst in den letzten Jahren verstanden wurde (Roberts et al. 2011). Unser vestibuläres System im Innenohr enthält drei Bogengänge, in denen Flüssigkeit, die Endolymphe, als Reaktion auf Drehungen unseres Kopfes zu fließen beginnt und dabei auf Haarzellen drückt. Deren Signal wird von unserem Gleichgewichtssinn interpretiert. Nur nicht in einem Magnetfeld, denn die Endolymphe ist ionisch, daher reicht bereits ein statisches Magnetfeld, um eine zusätzliche Kraft auf die Haarzellen zu erzeugen (Roberts et al. 2011), mit verstärken Effekten durch Induktion, wenn man sich im Feld bewegt. Im Ruhezustand lässt sich diese Beeinflussung des Gleichgewichtssinns anhand des Nystagmus, einer unwillkürlichen Augendriftbewegung, die in einem Magnetfeld direkt abhängig von Feldstärke und Orientierung zum Feld verändert ist, sehr gut nachweisen. In einer Kontrollgruppe aus Personen mit pathologisch dysfunktionalem Gleichgewichtssinn wiederum zeigte sich keine Änderung des Nystagmus.

Auch unsere optische Wahrnehmung kann beeinflusst werden. Magnetische (und elektrische) Felder können kleine Lichtblitze, sogenannte Phosphene, auslösen. Wie dies im Einzelnen geschieht, ist noch unbekannt, vermutlich sind eine Stimulation von Retina, Sehnerv oder visuellem Kortex am Mechanismus beteiligt. Darüber hinaus kommt es manchmal zu einer Stimulation des Geschmackssinns, dem sogenannten elektrogustatorischen Effekt, der sich als metallischer Geschmack im Mund äußert. Der Wirkmechanismus ist auch hier unbekannt, es handelt sich aber nicht um aus Zahnfüllungen oder Implantaten gelöste Metalle, wie man es mutmaßen würde. Beide Effekte treten jedoch bei klinischen MRTs extrem selten auf.
Nachvollziehbarer und sogar tatsächlich eine Einschränkung beim Design von MRTs ist die periphere Nervenstimulation (PNS). Schnell wechselnde Felder wie die geschalteten Gradienten, die MR-Bilder möglich machen, induzieren Ströme im peripheren Nervensystem, die als Störsignale zu Muskelzucken führen. Eine unangenehme Sache, und daher streng limitiert. Gradientensysteme in MRTs dürfen maximal 200T/s an Feldvariation erzeugen, was gar nicht einmal so wenig ist. Selbst geringere Schaltraten könnten die Herzreizleitung beeinflussen, jedoch sind die entsprechenden spektralen Anteile in MRTs bewusst unterdrückt. Auch in einem EKG kann man ab 0.3 T Veränderungen durch induzierte Spannungen in der Aorta erkennen, die zum Beispiel die T-Welle verändern (Tenforde et al. 2005), aber unbedenklich sind und in Tierversuchen nicht zu anhaltenden Änderungen nach der Exposition führen. Grundsätzlich verändern sich auch die Membranpotentiale der Axonen (Fortsätze von Nervenzellen) selbst, dieser Effekt ist jedoch sehr gering und sollte eine Änderung von 10 % der Potentiale erst bei 24 T erreichen.

Abb. 4: „Animal Magnetism: The Operator putting his patient into a crisis“, aus „A Key to Physic, and the Occult Science“, Ebenezer Sibly (1794).


Starke Magnetfelder führen darüber hinaus zu erhöhter Viskosität des Blutes, was sich in langsamerem Blutfluss manifestiert, und zumindest in einer Ex-vitro-Studie 30 % Verlangsamung bei 10 T erreicht hat (Haik et al. 2001). Eine Studie (Gayathri et al. 2019) mit Simulationen zu den Effekten von Magnetfeldern zeigte jedoch nur etwa 1-prozentige Veränderungen von Flussgeschwindigkeit und Blutdruck bei so hohen Feldstärken. Es mangelt hier also noch ganz klar an gesichertem Wissen. Das Blut selbst enthält durch das Hämoglobin ein paar Gramm Eisen pro Person, was uns natürlich nicht gleich ferromagnetisch macht, aber möglicherweise die Viskositätsveränderungen erklären könnte. Einen interessanten Unterschied gibt es aber zwischen sauerstoffarmem und sauerstoffreichem Blut, denn Desoxyhämoglobin ist paramagnetisch, während Oxyhämoglobin diamagnetisch ist. Der resultierende Unterschied im Bildkontrast zwischen beiden beträgt nur wenige Prozent, genügt aber für eine der wichtigsten Anwendungen der MR-Bildgebung: den BOLD-Effekt (blood oxygenation level dependent ). Auf diesem basiert die gesamte funktionelle MRT, bei der aus dem Signalkontrast zwischen sauerstoffarmem und sauerstoffreichem Blut auf die Aktivität von Hirnarealen geschlossen wird, unter der Grundannahme, dass besonders aktive Hirnregionen mehr Energie brauchen und daher mehr Sauerstoff aus dem Blut aufnehmen. Diese Methode erlaubt den Neurowissenschaften und der Psychologie, direktere Informationen über die Vorgänge in unserem Gehirn zu beziehen.


» In verblindeten Studien können „Elektrosensible“ keine Felder erspüren. «


Auch molekulare und biochemische Vorgänge können durch die Ausrichtung von Spins und die Aufspaltung von Energieniveaus in Molekülen ausgelöst werden, was unter anderem als MARY (magnetic field modulation of reaction yields ) oder MFE (magnetic field effects ) bezeichnet wird. Es gibt Theorien, die diese Effekte als Wirkmechanismus der Wahrnehmung von Magnetfeldern mancher Tierarten wie z. B. Tauben ansehen, ansonsten ist die Forschungslage bezüglich konkreter biologischer Effekte derzeit sehr dünn.

Elektromagnetische Felder

Auf hochfrequente Felder, also elektromagnetische (EM) Strahlung, soll an dieser Stelle nur am Rande eingegangen werden, da das Thema schon öfter imSkeptiker diskutiert wurde (z. B.Skeptiker 4/2004, S. 136 - 143). Kurz zusammengefasst, wird hier die elektromagnetische Leistung bei Wellenlängen größer als der des sichtbaren Lichtes im Körper in thermische Leistung umgesetzt, d.h. absorbiert. Die Effizienz hierfür hängt stark von der Wellenlänge ab, von der lokalen Leitfähigkeit im Körper und den weiteren Randbedingungen. Eine gewisse Erwärmung verkraften wir ganz gut, da der Körper auch Erwärmung durch Bewegung vertragen kann. Nur Gewebe, die nicht durch Flüssigkeitsaustausch gekühlt werden, wie z. B. unsere Augenlinsen, sind empfindlicher. Nichtthermische Effekte sind ein hochgradig kontroverses Diskussionsthema („Handystrahlung“ uvm.), aber üblicherweise korrelieren gefundene Effekte negativ mit der Qualität der Studien und die derzeitigen Grenzwerte für EM-Strahlung sind nach wissenschaftlichem Konsensus sicher. Das alles schützt nicht vor psychischen Leiden, die als Elektrosensibilität bekannt sind. Betroffene Menschen glauben, durch elektrische, magnetische oder EM-Felder beeinträchtigt zu werden. Allerdings ist schon länger bekannt4, dass in verblindeten Studien „Elektrosensible“ keine Felder erspüren können. Daher kann man ihre real gefühlten Leiden wohl als Nocebo-Effekte ansehen.
Zwischen statischen und hochfrequenten Feldern gibt es aber auch noch niedrigfrequente Felder, zu denen auch diejenigen der oben beschriebenen geschaltenen Gradientenfelder gehören, die PNS auslösen können. Hier sagt die Studienlage, dass unterhalb von 10mT bei 50Hz keine erfassbaren Effekte auftreten dürften (Modolo et al. 2016).
Als letzte Frage bleibt hier: Wie steht es um die Kognition in einem starken Magnetfeld? Funktioniert unser Gehirn überhaupt noch so, wie es soll? Das ist dann relevant, wenn man starke Magnetfelder zur Erforschung der Gehirnfunktion verwendet. Hierzu gibt es eine sehr interessante Studie (Heinrich et al. 2013), die einfach verblindet 41 Versuchspersonen eine neuropsychologische Evaluation der Kognition jeweils in einem 1.5 T, 3 T, 7 T und einem Sham-MRT (Scanner mit abgeschaltetem statischen Magnetfeld) absolvieren ließ. Hierbei konnten keine signifikanten Effekte auf die mentale Leistungsfähigkeit gefunden werden. In einer anderen Studie (van Nierop et al. 2012) wurde allerdings eine Beeinträchtigung von Konzentration und Aufmerksamkeit bei Versuchspersonen beobachtet, die ihren Kopf im Streufeld der Scanner-Öffnung bewegt hatten. Auch im Bereich der Kognition zeigt sich also, dass eine Bewegung im Magnetfeld zu mehr Effekten führen kann. Als sehr interessant erwiesen sich aber einige Nebenergebnisse der ersten Studie: Die Teilnehmenden wurden gebeten, eine Schätzung abzugeben, in welcher Feldstärke die jeweilige Messung stattfand, wobei eine Signifikanz nur für die 7 T MRTs gefunden werden konnte, die von 35 % richtig „erfühlt“ wurden. Ebenso wurden Wahrnehmungsphänomene erfasst, mit dem kurzgefassten Ergebnis, dass Schwindelgefühl von 66 % bei 7 T und 25 % bei 3 T wahrgenommen wurde, Nystagmus und Phosphene nahezu ausschließlich nur bei 7 T auftraten und der elektrogustatorische Effekt von 2 - 3 Versuchspersonen bei allen vier Testreihen gespürt wurde. In einer anderen Multicenter-Studie (Rauschenberg et al. 2014), in der über 3000 MR-Messungen mit 7 T und 9,4 T-Systemen untersucht wurden, gaben ungefähr 20 % der Gemessenen Schwindelgefühle an, die stark genug waren, um als störend empfunden zu werden, und 5 % spürten den elektrogustatorischen Effekt. Am stärksten wirkte sich jedoch der Lärm der MR-Messung aus, der von einem Drittel als störend empfunden wurde. Das passt zu unseren Erwartungen aufgrund des bisherigen Wissensstandes, für genauere Aussagen zur Häufigkeit der Phänomene würde jedoch eine größere Studienpopulation benötigt. Eine rezente Studie verbindet die Änderung von EEG-Alpha-Wellen bei schnellen Veränderungen im Amplituden- Bereich des Erdmagnetfelds (Wang et al. 2019), konnte aber keine Effekte in der Wahrnehmung der Versuchspersonen feststellen. Auch hier bleibt der zu Grunde liegende Wirkmechanismus noch unklar.
Wir können aber auf jeden Fall den Schluss ziehen, dass die meisten magnetischen Effekte nur durch extrem starke Felder wahrnehm- oder messbar werden. Diese finden wir aber nur in MRTs mit einer Feldstärke von mehreren T in einer räumlichen Verteilung, die eine ganze Person aufnehmen kann – und nach derzeitigem Wissensstand ist die zumindest kurzzeitige Exposition bis zumindest 8 T unbedenklich. Wir verstehen leider noch viele Details der Wirkungen nicht, besonders weil viele wahrnehmbare Phänomene so selten auftreten oder die Effektgrößen selbst bei 7 T im niedrigen Prozentbereich bleiben. Werden wir noch neue Effekte entdecken können? Das ist durchaus vorstellbar. Werden weitere, gründlichere Studien vielleicht noch irgendwelche schädlichen Effekte finden? Das ist nicht auszuschließen, aber sehr groß werden sie wohl nicht sein, sonst wären sie wohl schon entdeckt worden.

Medizinische Anwendung von Magnetfeldern – Mangelnde Anziehungskraft

Angesichts der bisher erwähnten Effekte und der Mühe, sie selbst bei starken Feldern nachzuweisen, ist zu erwarten, dass alle Ansätze zur therapeutischen Anwendung von Magnetfeldern starken Anforderungen genügen müssen. Die grundsätzlichen Annahmen, auf die wir hier treffen, sind der Angst vor Feldern diametral entgegengesetzt – statt Feldern grundsätzliche Schädlichkeit zu unterstellen, wird hier die Anwendung von Magnetfeldern als generell gesundheitsfördernd und positiv gesehen. Als Begründer dieser Idee kann man Franz Anton Mesmer sehen, der im 18. Jh. damit begann, Schmerzen zunächst durch „Auflegen“ von Magneten zu behandeln. Als Wirkungsweise vermutete er jedoch nicht den herkömmlichen, sondern einen „animalischem“ Magnetismus. Schließlich wurden Heilströme mit Händen, Gesten und „magnetisierten“ Gegenständen übertragen. Allerdings hatte die französische Akademie der Wissenschaften bereits damals die Heilwirkung als psychologischen Effekt erkannt. Heutzutage werden zumindest reale Magneten verwendet, und zwar üblicherweise auf zwei verschiedene Arten: Statische Magneten, die an der Körperoberfläche getragen werden, oder Wechselfelder, die von Elektromagneten erzeugt werden, die man für kurze Zeit auf Körperteile einwirken lässt. Damit nicht zu verwechseln sind Geräte der Elektrotherapie, zu denen auch Defibrillatoren und Herzschrittmacher gehören, oder die Anwendung von hochfrequenten elektromagnetischen Wellen, was auch Laser und sichtbares Licht einschließt. In diesem Gebiet gibt es zwar auch genug evidenzfreie Methoden, wie die transkutane elektrische Lipolyse, aber diese sind ein eigenes Thema.

Bild 5: Beispiel-Magnetarmband, bequem per Online-Versandhandel zu erwerben und in edler Optik verpackt. Auf der Innenseite gibt es neben den eingeklebten Magnet sogar noch in schwarz, weiß und rot, „Anionen“, „Germanium“ und „Infrarot“ [sic]


Die Wechselfelder, die man zumeist alsPulsed electromagnetic frequency (PEMF) bezeichnet, wurden für hunderte Anwendungen vorgeschlagen, von Gelenkschmerzen, Gewebeheilung, Schmerztherapie, Tumoren, Muskelstimulation bis zur Zerebralparese (Bewegungsstörungen durch frühkindliche Hirnschädigung). Untermauert wird dies meistens mit Be- hauptungen, die zwischen Pseudowissenschaft, New Age und methodisch schlechten Studien anzusiedeln sind. Als Wirkmechanismen werden eine Verbesserung von Durchblutung und Zellstoffwechsel oder Effekte auf Zellmembranen und Nerven genannt. Während alle diese zwar mit starken Magnetfeldern verändert werden können, erzeugen die meisten solcher Therapiegeräte Felder in einer mT-Größenordnung und bis zu 60 Hz, also weit unter den Stärken, bei denen wir überhaupt erkennbare Effekte erwarten würden. Ein Beispiel ist die Restoration von „strömenden Potentialen“ im Knorpel mit 1 mT bei 30 Hz.
Abgesehen vom grundsätzlichen Zweifel daran, dass PEMF-Geräte einen Effekt haben können, gibt es weitere Kritikpunkte: Es mangelt an plausiblen Erklärungen für die angenommene Wirkung. Die Eindringtiefe und Feldverteilung sind schwer kontrollierbar, wahrscheinlich kommt im Gewebe noch weniger Magnetfeld an. Worauf basiert die Wahl der Feldstärke und der zeitlichen Exposition? Auch hier lohnt sich ein Blick auf die Studienlage: Der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger befasste sich 2010 mit der Thematik und kam basierend auf 39 Reviews (von denen 31 wegen mangelnder Qualität ausgeschlossen wurden) zu folgendem Schluss5: „Es besteht Evidenz zur Magnet(feld)therapie auf Level 1-3 für die Nichtwirksamkeit (gegen Schmerz, zur Symptomverbesserung bei Carpal Tunnel Syndrom) bzw. widersprüchliche Wirksamkeit (bei Fibromyalgie, Osteoarthritis) der statischen Magnettherapie.“ 1 Weitere Metaanalysen seither bezüglich Osteoathritis (Negm et al. 2013) und Heilung von Knochenbrüchen (Griffin et al. 2011) lassen sich mit „bestenfalls extrem schwache oder inkonklusive Ergebnisse“ zusammenfassen, wobei gerade die verbesserte Heilung von Knochenbrüchen (teilweise auch mit invasiven Feldspulen) im Internet sehr gerne als Paradebeispiel für PEMF-Therapie verwendet wird. Diese Annahme geht offenbar auf eine Studie von 1974 (Bassett et al. 1974) zurück, bei der in einem Tierversuch PEMFs zur Induktion von Strömen, die die Knochenheilung verbessern sollten, verwendet wurden. Interessanterweise beklagten sich die Autoren damals, dass „Scharlatane“ die Elektrotherapien durchführten, und ein Mangel an soliden Daten die Akzeptanz dieser Methode behindere. Es scheint sich an beiden Umständen seither wenig geändert zu haben. Die Therapie mit statischen Magnetfeldern basiert hauptsächlich auf lokal getragenen Permanentmagneten, wie Armbänder, Ringe, Magnetpflaster, aber auch „erweiterten“ Produkten wie Magnetdecken und Schlafmasken. Oft kommt es zu Hautkontakt, gerne auch an angenommenen Akupunkturpunkten, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Besonders Armbänder werden zur Linderung von Gelenkschmerzen und zur „Heilung“ von Arthritis verwendet, oder auch als Allheilmittel ohne spezifische Diagnose. Als Wirkmechanismus gilt die Devise: „Es ist ein Feld, es wird schon irgendetwas machen“. Im März 2019 erbrachte eine schnelle Suche allein auf Amazon mehr als 7000 Treffer für „Magnetarmband“ und über 3000 für „Magnettherapie“. Konkret bestehen solche Gerätschaften aus tragbaren Objekten, Kleidung oder anderen Textilien, in denen mehrere Neodym-Magneten, wie sie aus dem Bastelbereich kommen, befestigt sind. Diese können zwar an ihrer Oberfläche tatsächlich starke Felder (1 T) haben, aber dieses Feld ist extrem lokalisiert und fällt schon in wenigen Millimetern Abstand stark ab. Damit kann es nicht einmal weit genug in unseren Körper eindringen, um überhaupt ein Gelenk ausreichend zu durchdringen. Deshalb sind MRTs so große Maschinen mit tonnenschweren supraleitenden Magneten, damit das Feld weitreichend und homogen genug sein kann, um darin einen Menschen zu messen. Wie unter diesem Umständen ein Magnetarmband wirken soll, ist fraglich, ebenso wie die Feldverteilung im Detail aussieht. Behauptet wird allerhand: erhöhter Blutfluss, bessere Sauerstoffversorgung, Beeinflussung und Korrektur von „bioenergetischen Feldern“, „Energieflüssen“ oder Chi, Einfluss auf Ionenströme im Körper (legitim, sofern das Feld weit genug penetriert), Schmerzlinderung, besserer Schlaf oder ein gestärktes Immunsystem. Auch eine direkte Wirkung auf das Eisen im Blut wird gerne angenommen. Dass das anders funktioniert, wurde oben bereits geklärt. Aber wer sagt, dass eventuelle Effekte ausschließlich positiv wären? Die Verwendung als Allheilmittel ohne spezifische Diagnose und Dosis gibt grundsätzlichen Anlass zur Skepsis. Auch damit haben sich mehrere Metaanalysen und Reviews befasst und konnten generell keine Vorteile finden (Finegold et al. 2006), keine Schmerzlinderung (Pittler et al. 2007) und ungenügende Sachlage für Hilfe bei Osteoarthritis feststellen (Pittler et al. 2007, Macfarlane et al. 2012), sowie keinen Effekt bei rheumatoider Arthritis nachweisen (Richmond et al. 2013). Ein Problem hier ist, dass sich der Vergleich zu Placebos relativ schwierig gestaltet, weil schnell auffällt, ob der magnetische Gegenstand mit ferromagnetischen Alltagsobjekten interagiert oder nicht.


» Die Felder von Pulsed electromagnetic frequency (PEMF)-Geräten erzeugen meist Felder weit unter den Stärken, bei denen erkennbare Effekte zu erwarten sind. «



» Auch ohne Evidenz sind Magnetfeldtherapien ein einträgliches Geschäft. «


Auch ohne stichhaltige Evidenz stellen Magnetfeldtherapien ein einträgliches Geschäft dar, das schon 1999 weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar Umsatz generierte23. In Deutschland gehören Magnetfeldtherapien zu den individuellen Gesundheitsleistungen, die nicht von den Krankenkassen finanziert werden. Ein relativ billiges und harmloses Gerät, das profitable Sonderleistungen ermöglicht, oder ein ebenso billiges Armband mit ein paar eingefassten Magneten stellt eine verlockende Einnahmequelle dar.
Zum Abschluss soll eine Methode mit tatsächlich nachweisbaren Effekten erwähnt werden: die Transkranielle Magnetstimulation (TMS), an der gegenwärtig geforscht wird. Hier werden gepulste Magnetfelder eingesetzt, die mit mehreren T für Sekundenbruchteile elektrische Ströme im Gehirn induzieren und damit wiederum Aktionspotentiale in Nervenzellen auslösen. So kann man Muskelzucken oder Phosphene kontrolliert auslösen, je nach stimuliertem Hirnareal. Derzeit wird diese Methode für Hirnforschung und Diagnostik eingesetzt, aber es gibt auch Vorschläge, TMS therapeutisch zu verwenden, um Hirnfunktionen zu manipulieren, z. B. um Depression zu lindern. Das ist aber noch bestenfalls Zukunftsmusik.
Fassen wir zusammen: Bei sehr starken Magnetfeldern gibt es eine breite Palette von Effekten, die aber selbst bei hundertausendfachen Erdmagnetfeld- Stärken selten oder schwer zu erkennen sind, dafür aber auch sehr wahrscheinlich keine langfristigen Beeinträchtigungen verursachen. Therapeutische Anwendungen in der Form von PEMFs und am Körper getragenen Magneten sind nach dem derzeitigen Wissensstand unwirksam bzw. ohne erkennbare Wirkung. Was allerdings einen tatsächlichen Nutzen in der Medizin hat, sind die Bilder, die wir mit Magnetresonanztomographen aufnehmen können.
Dieser Artikel basiert auf dem gleichnamigen Vortrag bei Skeptics in the Pub in Wien vom 16.10.2018.

1 1 - 3 bezieht sich auf die Evidenzklassen randomisierter kontrollierter Studien. Evidenzklasse 1: mindestens eine Metaanalyse oder Studie guter Qualität; Evidenzklasse 2: wenigstens eine hochwertige Studie; Evidenzklasse 3: mindestens eine methodisch hochwertige nichtexperimentelle Studie]
2 Did a gadolinium contrast agent used for MRIs “poison” Chuck Norris’ wife Gena? respectfulinsolence.com/2017/11/22/did-gadolinium- used-poison-chuck-norriswife-gena/ (2017).
3 Richtlinie 2013/35/EU des Europäischen Parlaments und des Rates, eurlex.europa.eu/legal-content/DE/ TXT/?uri=CELEX%3A32013L0035.
4 Kaul, G. (2006): Ergebnisse und Befundzusammenhänge aus der Beobachtung einer „Elektrosensibilität“ gegenüber einem 50-Hz-Magnetfeld und dem GSM-Funkfeld eines Mobiltelefons. In: Kurzfassung eines Fachvortrages anlässlich der Informationsveranstaltung „Elektromagnetische Felder bei der Anwendung moderner Mobilkommunikation“ am 07.11.2006 in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin.
5 Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. Magnetfeldtherapie,www.hauptverband.at/cdscontent/load?- contentid=10008.564486. (2010).\

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Dipl.-Ing. Gilbert Hangel, PhD

hat an der TU Wien Technische Physik studiert. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit einem Modell des Stromnetzes von Frankreich, das von Wasser- und Atomkraftwerken gespeist wird. Thema seiner Promotionsarbeit war hochauflösende spektroskopische Bildgebung des menschlichen Gehirns mit dem 7-Tesla-Magnetresonanztomographen. Seit Februar 2016 ist er Postdoc am Exzellenzzentrum für Hochfeld-MR, wo ihm ein Projekt des Wissenschaftsfonds bewilligt wurde.

Glossar

►BOLD: „Blood oxygenation level dependent“; im MRT erkennbarer Bildkontrast durch magnetische Unterschiede zwischen sauerstoffarmem und sauerstoffreichem Blut.

►Elektrogustatorischer Effekt: Metallischer Geschmack im Mund, der durch nicht geklärte Stimulation des Geschmackssinnes entsteht.

MARY/ MFE: Magnetic field modulation of reaction yields/magnetic field effects; Beeinflussung von chemischen Reaktionen durch die Aufspaltung von molekularen Energieniveaus im Magnetfeld.

►MRT, Magnetresonanztomographie / Magnetresonanztomograph: Methode der medizinischen Diagnostik, die Schnittbilder mit verschiedenen Bildkontrasten erzeugen kann.

►NMR, Nukleare Magnetresonanz: Grundlegender Effekt der Magnetresonanztomographie.

►PNS, Periphere Nervenstimulation: Durch starke magnetische Wechselfelder erzeugte künstliche Stimulation des peripheren Nervensystems, die zu Muskelzuckungen führen kann.

►Tesla (abgekürzt: T): Einheit für magnetische Flussdichte, die allgemein als Feldstärke bekannt ist. 1 T stellt schon ein sehr starkes Feld dar.

TMS, Transkranielle Magnetstimulation: Stimulation von Aktivität in Gehirnarealen durch mehrere T starke gepulste Magnetfelder, die Aktionspotentiale auslösen kann.

►PEMF, Pulsed electromagnetic field: Therapiegeräte, die gepulste Magnetfelder verwenden.

►Phosphene: durch elektromagnetische Einflüsse in unserer Wahrnehmung erzeugte Lichtblitze und Leuchterscheinungen.

►Magnetische Stimulation des Gleichgewichtssinns: Magnetisch induzierte Ströme in den Bogengängen drücken auf Haarzellen und lösen Schwindelgefühl und Bewegungswahrnehmungen aus.

►Kontrastmittel: werden bei MRT-Untersuchungen verwendet, um das Signal in pathologischen Regionen zu verstärken. Sie können besonders bei Nierenproblemen zu Nebenwirkungen führen.

Link-Tipps:

►Gilbert Hangel: Zwischen Elektrosmog und Magnetfeldtherapie”: Vortragsvideo von “Skeptics in the Pub” Wien:www.youtube.com/watch?- v=MjkMcXTNTwA

►International Society for Medical Resonance in Medicine:www.ismrm.org/

►Exzellenzzentrum für Hochfeld-MR Wien:hfmr.meduniwien.ac.at/

►Informationen über MR-Sicherheit:www.mrisafety.com/


Grafik: Adobe Stock - Tohay Vector

Foto: Gilbert Hangel

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Grafik: Wikimedia Commons - NewYorkCityProductions

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