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ZWISCHEN GLE TSCHERN UND MURMELTIEREN


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 13.10.2021

A bsage, Absage, Absage – der Rotstift wütete dieses Jahr erneut in meinem Laufkalender, verschob Hoffnungen erneut aufs Folgejahr. Selbstorganisierte Laufprojekte hielten mich bisher bei Laune, doch im Laufsommer klafft ein Loch. Während ich nach einer Belastung ähnlich eines Marathons am liebsten mit ein paar Höhenmetern, schönen Aussichten und abseits vom Asphalt suchte, kam der Großglockner Ultra-Trail (GGUT) genau richtig.

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Im Angebot steht unter anderem der Klassiker: Die 110 Kilometer einmal rund um den mit 3.798 Metern höchsten Berg Österreichs. Der Großglockner Ultra-Trail gilt mit seinen 6.500 Höhenmetern als “einer der härtesten Ultra-Trails”, verspricht der Veranstalter. Für mein Ego klingen solche Superlative immer verlockend. Zwar geht es nicht hinauf auf die Spitze, sondern einmal darum herum – doch ist es nicht vermessen von mir, mir das zuzutrauen? Als Hamburger Deern? Zwei kürzere ...

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... Rennen über 84 beziehungsweise 57 Kilometer führen ebenfalls durch die Glocknergruppe. Deren Streckenbeschreibungen lassen mein Herz auch höherschlagen. Schlussendlich mache ich das, was ich sonst nie mache: Ich entscheide mich für die kürzeste aller Strecken. Der Weißsee Gletscherwelt Trail (GWT) verspricht mich über 35 Kilometer an drei Gletschern vorbeizuführen, rundherum Hunderte Gipfel mit mehr als 3.000 Metern Höhe. Allein die Bilder im Kopf ziehen mich magisch auf den Trail.

Mit Start um 7 Uhr läutete mein Gletscherwelt Trail als erster Wettbewerb und auf neuer Strecke das Wettkampfwochenende ein. Start des Rennens ist am sogenannten Enzingerboden, einem Hochplateau auf 1.480 Meter Höhe in der „Weißsee Gletscherwelt“, dem beliebten Ausflugsziel für Alpinist*innen, das diesem Rennen seinen Namen gibt. Nach dem Startschuss geht es für mich und etwa 400 weitere Trailrunner über einen Schotterweg unterhalb der Bergbahn zunächst stetig bergauf. Ein paar tragen Stöcke – ich kann mich nicht erinnern, wann ich das rhythmische Geklapper zuletzt gehört habe. Der letzte Trailwettkampf ist zu lange her. Nach etwa einem Kilometer gelangen wir zum Grünsee und laufen rund 500 Meter an seinem Ufer entlang. Danach geht es steiler, teils in Serpentinen, bergauf und ich stütze mich öfter auf meinen Oberschenkeln ab. Puh, die Hügel im Hamburger Volkspark ziehen sich nicht so lang hin, amüsiere ich mich über mein Training. Nach etwa sechs Kilometern bergauf ist die erste Verpflegungsstation am Berghotel Rudolfshütte erreicht. Hier tut sich mir ein hochalpines Aussichtseldorado auf und ich feiere den ersten Verpflegungspunkt fast wie ein Finish – endlich angekommen in der Welt der Gletscher und 3.000er-Gipfel. Ich fülle meine Flasks mit frischem Wasser, kann einem Schluck Cola nicht widerstehen und lasse den Blick kurz schweifen. Was haben wir heute für ein Wetterglück!

Dass ich mich für die Kurzstrecke entschieden habe, wird mit bestem Sommerwetter belohnt. Noch ein kleines Stück bergauf, dann kommt der Downhill. Bis hier oben konnte ich noch vorn mitlaufen, aber jetzt erwartet mich das, was ich nicht kann. Es geht technisch schwierig bergab zum Stausee Tauernmoos und gleich wieder bergwärts über das Dach der Strecke, dem Kapruner Törl (2.639 Meter). Um mich herum riesige Bergsturzblöcke – und ein herrlicher Rundblick in das Kapruner Tal und das Stubachtal. Der niemals-müde Fotograf Philipp Reiter springt neben mir her in dieser imposanten Naturkulisse, trittsicher wie ein Steinbock. Auch Gämsen und Murmeltiere begleiten uns abseits des Trails – ein Glück, wer sie erspäht! Der Berg ist Lebensraum für zahlreiche Tiere und seltene Pflanzen. Über uns kreisen Greifvögel, auf meinem Rucksack landet ein Schmetterling. Wie sehr ich das liebe, ich Großstadtpflanze.

Bergab rutschen wir über ein Schneefeld, dann weiter auf feinen Trails entlang des Stausees Mooserboden. Er wirkt fast wie ein Fjord. Wow, dieses Panorama! Nach der Überquerung der gewaltigen, gefühlt nie enden wollenden Staumauer ist der zweite VP erreicht. Das liebe ich besonders am Trailrunning, die Vielseitigkeit. Anders als auf Asphalt zählt hier nicht nur Ausdauer und Tempohärte. Die eine ist besser im Downhill, dafür vielleicht schwächer bergauf, auf geraden Passagen zeigt sich, wer noch Luft für eine Tempoverschärfung hat. Darüber hinaus muss die Trittsicherheit im rauen Gelände und auf Schnee bewahrt werden. Es gilt Nervenstärke zu beweisen, wenn man unerwartet an eine Kletterpassage mit Trittbügeln und Klammern gerät. Ich bin unendlich dankbar für dieses kleine Abenteuer! Jeden Stolperstein nehme ich mit Leichtigkeit, lebe im Moment und genieße einfach das Jetzt. Alles was vorher war, das Kopfzerbrechen, ist nicht wichtig. Doch „Beine an, Kopf aus“ kann in alpinem Gelände schnell gefährlich werden. Und so schweifen die Gedanken, anders als beim „stumpfen“ Geradeauslaufen, in den Bergen nicht ab. Das Gehirn ist so beschäftigt, dass es keine Kapazität mehr für anderes hat. Fürs Grübeln zum Beispiel. Nirgends ist mein Kopf so fokussiert wie auf dem Trail. Bloß nicht stürzen, bloß den cleversten Weg finden. Downhill. Nach vorne lehnen, los trau dich!

Ich bin nicht immer die Allermutigste beim Bergablauf und lerne mit jedem Schritt. Wie sehr ich es liebe hier zu laufen. Nicht viele Zuschauer säumen die Strecke, und so nehme ich ihre Reaktionen auf uns Läufer*innen genau wie die Landschaft bewusst wahr: ein Lächeln, das mir geschenkt wird, das Glitzern des Sees, Steinmännchen, anerkennende Zurufe. Kleine Highlights, die dafür sorgen, dass wir uns glücklich schätzen und leicht fühlen können.

Während ich am Mooserboden ein letztes Mal Wasser nachfülle, laufen die Schnellsten bereits in Kaprun ein. Ich lasse mir die Zeit, die ich brauche, mit Spaß an der Bewegung und Spaß am Lernen. Als ich nach fünf Stunden 47 Minuten als Altersklassenfünfte im Ziel einlaufe, bin ich glücklich darüber, wie viel mutiger und sicherer ich mit jedem Meter Downhill geworden bin. Eine Bergziege kann nur werden, wer regelmäßig in technischem Gelände läuft, und doch blicke ich mit Zuversicht auf den Transalpine Run. Auch der Herausforderung werden wir uns mit Freude und Leichtigkeit stellen – und vielleicht doch ab und zu den Kopf ausschalten.