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Zwischen Himmel und Sumpf


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tip Berlin TV & Streams - epaper ⋅ Ausgabe 17/2022 vom 17.08.2022
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Wie die Kulisse eines ?Mad Max?-Films: das Tacheles vor der Renovierung

Eisschollen treiben unter der Oberbaumbrücke, in vielen Altbauten brennen noch Kachelöfen. Während auf den Straßen die Menschen durch den Schnee schlittern, schreiten bei „Fashion Week“ und „Bread & Butter“ die Models über die Laufstege. So begann das Jahr 2010. Ist das wirklich erst ein gutes Jahrzehnt her? Schon zu Beginn der siebten und vermutlich finalen Staffel der Mammut-Dokumentationsreihe mit Berliner Archivmaterial stellt sich das Gefühl ein: Das scheint sich in einem ganz anderen Zeitalter abgespielt zu haben.

Gestartet war das riesige Projekt 2018 mit der Idee, jedem Jahr zwischen Mauerbau 1961 und Mauerfall 1989 eine 90-minütige Folge zu widmen. Die Archivaufnahmen wurden ergänzt durch aktuelle Interviews mit Zeitzeugen, es entstand eine kaleidoskopartige Mischung aus großer Historie und scheinbar banalem Alltag. Die Idee war so einfach und genial zugleich, dass weitere Staffeln folgten über die Zeit ab der Wende und die Nachkriegsjahre. Nun kommen neue Folgen zum letzten Jahrzehnt, die im Corona-Jahr 2020 enden sollen.

Erstaunlich vieles, was sich in den 10er Jahren abgespielt hat, lässt sich aus heutiger Sicht als eine Art Vorzeichen lesen. Schon 2010 war der Himmel über Berlin für Flugzeuge gesperrt. Allerdings nicht aus Infektionsangst, sondern weil der isländische Vulkan Eyjafjallajökull seine Aschewolken durch ganz Europa pustete. Fünf Tage keine Flüge – was damals für die frustrierten Passagiere eine Katastrophe war, fühlt sich im Nachhinein wie ein Luxusproblem an. Dass der BER im Mai 2010 Richtfest feierte, klingt jetzt ohnehin wie ein schlechter Witz. Auch die Sache mit den EHEC-Keimen in Bio-Sprossen, die 2011 durch widersprüchliche RKI-Meldungen Gastronomen zur Verzweiflung brachte – „Sprossen wasche ich heute noch zehnmal ab“, erzählt Tim Raue-Partnerin Marie-Anne Wild – klingt nach zweieinhalb Jahren Pandemie-Leid der Branche wie eine Lappalie.

Diese Assoziationen werden nur durch die geschickte Wahl von Material und Interviews gesteuert. Der Erzähltext, diesmal gesprochen von Jasna Fritzi Bauer, bleibt ganz in der jeweiligen Gegenwart, nimmt nichts vorweg. So auch im Fall des Canisius-Kollegs. An diesem Jesuiten-Gymnasium wurden 2010 sexuelle Missbrauchsfälle aus den 70er Jahren bekannt. Rückblickend war das der Stein, der den großen Skandal innerhalb der gesamten katholischen Kirche ins Rollen brachte. „Das hätte dir nicht passieren müssen, wenn einer vorher aufgepasst hätte,“ sagt das Opfer Matthias Katsch. Ein Satz, der angesichts der verstörenden Versäumnisse von Kirche und Tätern, umso bitterer anmutet.

Eigentlich ist es auch egal

Auch mit Blick auf manche politische Affäre wird deutlich, wie sich schon in diesen wenigen Jahren Werte verschoben haben. Im März 2011 musste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nach der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit seinen Posten räumen. Demonstranten halten Schilder mit „Gutt-Bye“-Sprüchen in die Höhe und hängen Schuhe an die Zäune, um der Rücktrittsforderung Nachdruck zu verleihen. Dass heute eine Berliner Bürgermeisterin im Amt ist, die es auch nicht so genau nahm mit dem korrekten Zitieren, regte weitaus weniger auf. Hat Franziska Giffey einfach weniger geschummelt als Guttenberg oder weniger dreist gelogen? Hat der Doktortitel seinen Nimbus verloren, oder hat sich einfach die Ansicht durchgesetzt, die schon 2011 ein Passant zur Guttenberg-Affäre raus haute: „Eigentlich ist es auch egal, die sind doch ohnehin alle gleich“?

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Udo als Musical am Potsdamer Platz, hier mit seinem ?Mädchen aus Ostberlin?

Alle gleich? Doch nicht ganz.Während der Name Klaus Wowereit sich tief ins Gedächtnis eingeprägt hat, ist der seines einstigen CDU-Koalitionspartners und Innensenators Frank Henkel schon wieder fast vergessen.Mit erstaunlicher Selbstironie erzählt Henkel von seinen Schwierigkeiten, sich für den Wahlkampf fotografieren zu lassen und wie er von Wowereit an gut gelaunten Tagen „Henkelchen“ genannt wurde. 2011 zogen außerdem die heute ebenfalls im politischen Niemandsland gestrandeten Piraten mit erstaunlichen 8,9 Prozent in den Landtag ein – und mit ihnen eine Reihe schräger Gestalten. Manche zu schräg. Unheimlich muten aus heutiger Perspektive die Bilder von Latzhosenmann Gerwald Claus-Brunner an, der 2016 ein Stalkingopfer und anschließend sich selbst umbrachte.

Bei aller Themenschwere werden zwischendurch auch heitere Bilder eingeworfen: Wildes Wasserspritzen am Alex an einem heißen Frühlingstag oder Aufnahmen von einer der letzten legendären Gemüseschlachten auf der Oberbaumbrücke, bei der sich Kreuzberger und Friedrichshainer mit faulen Tomaten und verschimmelten Gurken bewarfen und die 2011 erstmals von den Kreuzbergern gewonnen wurde.

Aber insgesamt zeigt diese Staffel deutlich,wie über die Jahre hinweg Mietpreiswahn, Fremdenfurcht und Gewalt zunehmen. Dabei spielt das Jahr 2015 eine Schlüsselrolle. Wie viele muss auch die Künstlern Margit Schild ihr Atelier in Kreuzberg räumen. Die französischstämmige Autorin Prune Antoine berichtet,wie sie sich für eine Roman-Recherche mit einem muslimischen Geflüchteten anfreundet und wie diese Freundschaft ins Wanken gerät, als im Januar die Redakteure von Charlie Hebdo und im November die Konzertbesucher im Bataclan von Islamisten erschossen wurden.

Im Sommer bilden sich vor dem im Chaos versinkenden LAGeSo lange Schlangen Geflüchteter. Die Hebamme Simone Logar erzählt, wie sie damals Schwangere vor Ort versorgte und auf Angela Merkels „Wir schaffen das“-Satz dachte: „Natürlich schaffen wir das. Ja, was denn sonst?“ Heute scheinen sich viele nicht mehr so sicher. „Berlin ist eben immer noch ein Sumpf, da bleibt man manchmal auch stecken.“ Den Satz sagt Schauspieler Frederick Lau mit Blick auf Sebastian Schippers One-Take-Film „Victoria“,der 2015 auf der Berlinale einen Silbernen Bären bekam. Aber er passt auf erstaunlich viel, was sich in der Hauptstadt abspielt.

Schade eigentlich, dass wir nun wohl erst das Ende dieses Jahrzehnts abwarten müssen, bis es eine neue Reihe der „Schicksalsjahre“ geben kann. Aber vielleicht haben die Macher:innen ja auch schon einen neuen Kniff in petto, wie sich das nach wie vor fesselnde Dokumentations-Projekt doch noch weiterführen ließe.

RBB ab 27.8., 10 Episoden à 90 Min

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