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ZWISCHEN HOFFNUNG UND VERZWEIFLUNG


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 12.01.2022

Artikelbild für den Artikel "ZWISCHEN HOFFNUNG UND VERZWEIFLUNG" aus der Ausgabe 2/2022 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

A ls 2019 das letzte Korn-Album THE NOTHING erschien und mit dem Titel ‘The End Begins’ startete, hätte man denken können, es gehe nun wirklich auf das Ende zu. Nicht, weil die Musik in irgendeiner Form verbraucht klang, denn das Gegenteil war der Fall: Die Kalifornier können sich seit fast 30 Jahren als strikte Konstante ansehen, wie es sie in ihrem Genre nur selten gibt. Vielmehr klang es inhaltlich danach, als würde das Ganze hinabsteuern in einen traurigen Ort der Resignation – oder eben ins Nichts. Wer im Bilde ist, kennt auch den Anstoß dieser Fahrtrichtung. Nur wenige Monate vor der 13. Platte wurde Sänger und Texter Jonathan Davis mit dem Tod seiner Frau Deven Davis konfrontiert. Das wiederum passierte nur kurze Zeit, nachdem bereits seine Mutter verstorben war.

Und wie es seit Anbeginn der Band-Geschichte Usus ist, finden sich Erfahrungen wie diese unmittelbar auf den Alben von Korn ...

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... wieder. So war es bereits auf dem Band-betitelten Debüt von 1994, auf dem Davis unverblümt darüber singt, wie er als Kind missbraucht wurde (‘Daddy’). Und so haben sich eben auch besagte Ereignisse auf THE NOTHING ausgewirkt, dessen Düsternis sich geradezu auf den Hörer zu übertragen vermag, als wäre er ein Teil des Ganzen. Zeilen, die davon handeln, dass Glück ein Club sei, „in dem ich niemals sein werde“, sprechen eben für sich (‘The Loss’).

AUS DEM NICHTS EMPOR

Spätestens seit November vergangenen Jahres wissen wir jedoch, dass mit ‘The End Begins’ nicht das wirkliche Ende gemeint war. Ohne große Reden erscheint die erste Single ‘Start The Healing’, und kurz darauf auch das Artwork des neuen Albums REQUIEM, welches das Gesicht eines Babys zeigt, das zwischen riesigen Fingern zerdrückt wird. In eine Diskografie, auf deren Coverartworks Kinder immer wieder in kuriosen, schauderhaften Szenarien auftreten, lässt sich dieses nur allzu gut einordnen. (Man denke auch hier an das Debütalbum KORN: Ein Mädchen sitzt auf einer Schaukel, vor der sich der furchteinflößende Schatten eines Mannes ausbreitet. Bei FOLLOW THE LEADER von 1998 ist es ebenfalls ein Mädchen, das auf einem Hüpfkastenfeld herumspringt, jedoch umringt von dunklem Nebel und nur einen Schritt vom tiefen Abgrund entfernt.) Doch im direkten Vergleich mit der tiefen Trauer der Vorgängerplatte überrascht besagte Vorab-Single mit einem deutlichen Hoffnungsschimmer. ‘Start The Healing’ spricht noch immer von Leid und Gefahren, von Wut und von Narben, doch wie der Titel bereits verrät, geht es ebenso darum, die „Schmerzen zu durchbrechen und mit der Heilung zu beginnen“. Aus dem Nichts entsteht ein Neuanfang. Auf die Frage, ob dieser Neuanfang einem Konzept unterliegt, antwortet Sänger Jonathan Davis im Interview: „Das ist schwer zu sagen. Es sind vielmehr Dinge, die mir passiert sind oder Gedanken, die in jenem Moment einfach in meinem Kopf waren. Vieles davon ist auch unbewusster Mist, aber ich überlasse es trotzdem meinem Kopf und lasse es einfach raus. Es gibt keine klare Richtung, es passiert einfach, und ich habe das auch noch nie infrage gestellt. Also nein: Ich würde es nicht als Konzept bezeichnen. Es ist für mich eher ein kleines Tagebuch.Dort steht alles drin, was in meinem Leben in jenem Moment los war.“

„ES IST FÜR MICH EIN KLEINES TAGEBUCH. DORT STEHT ALLES DRIN, WAS IN MEINEM LEBEN IN JENEM MOMENT LOS WAR.“

JONATHAN DAVIS

ORTE DER INSPIRATION

Auch wenn die Pandemie ebenfalls Teil dieses Lebens gewesen sein mag, hat sie es nur indirekt in das kleine Tagebuch geschafft. „Vielleicht unterbewusst“, sagt Davis. „Aber was sie beigetragen hat, bezieht sich mehr auf die Art und Weise, wie wir bei diesem Album zusammengearbeitet haben. Es war ganz anders als sonst, weil wir diesmal Zeit hatten. Wir haben regelmäßig Sessions absolviert, bei denen wir uns zehn Tage am Stück getroffen haben, um den Rest des Monats wieder zu pausieren. Anschließend folgten weitere zehn gemeinsame Tage, und so weiter. Aber auch was den späteren Studioprozess angeht, lief es diesmal anders: Normalerweise ist es so, dass sich die Jungs im Studio alle Zeit der Welt nehmen und danach die Tournee buchen. Meinen Teil muss ich dann schnell fertigbekommen, weil es dann auf die Konzerte zugeht. Es war schön, dass ich den Gesang diesmal ohne Druck aufnehmen konnte.“ Sein Leben hat sich zu jener Zeit nur an zwei Orten abgespielt: im Studio und in seinem Haus. „Ich war wirklich froh darüber, mal wieder woanders hingehen zu können, statt mich nur in meinem Haus aufzuhalten. Es war gut, einfach das tun zu können, was ich liebe, nämlich mit meiner Band Musik zu machen. Wir haben uns alle zusammen verkrochen, was teilweise auch anstrengend war, aber ich hatte somit eine gute Abwechslung zu meinem Haus.“ Dennoch spricht Davis vor allem auch bei Letzterem immer wieder von einem Ort der Inspiration. Darüber, dass er dort etwa eine große Sammlung skurriler Dinge besitzt, hat er schon häufig öffentlich gesprochen: Schädel und ausgestopfte Tiere (die er unter anderem in Südafrika selbst erlegt hat, um davon arme Familien über längere Zeit hinweg zu ernähren); religiös aufgeladene Skulpturen; Gegenstände, die einst als Eigentum von Serienmördern galten. Sein Haus ist voller

Dinge, die – wie der Musiker sagt – spirituell aufgeladen sind und eine starke Aura verbreiten. Sie ziehen ihn an und inspirieren ihn. Zugleich sieht er sich selbst als friedlichen Menschen, der sich stets zum Licht bewegen will. Er befindet sich sozusagen im Gleichgewicht zwischen der Dunkelheit jener Objekte und seiner eigenen Erfahrungen, die ihm als Inspirationen dienen, und dem hellen Gegenteil, nach welchem er dennoch strebt. Dieses Gleichgewicht nimmt auch auf REQUIEM eine Rolle ein, wie sich später zeigen wird. Um jedoch einen letzten kurzen Trip in die Vergangenheit zu unternehmen: Neu ist dieser Ansatz nicht.

GETEILTES LEID

Beispiele wie der zuvor genannte Titel ‘Daddy’ – Songs also, die sich mit traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen – finden sich bei Korn immer wieder: Ein weiteres von vielen ist etwa die Single ‘Falling Away From Me’ vom Album ISSUES von 1999. Sowohl der Text als auch das dazugehörige Video sprechen über toxische, missbräuchliche Beziehungen und darüber, was diese anrichten können – all das jedoch nicht, ohne auch einen Ausweg miteinzubeziehen. Liest man sich unter den YouTube-Videos der Band die Kommentare der Hörer durch, stößt man nicht selten auf Menschen, die sich mit den Inhalten der Band identifizieren können. Um beim genannten Beispiel zu bleiben: „Als dieses Lied herauskam, machte ich genau das Gleiche durch“, schreibt etwa eine Person über die besagte Single von 1999. Aus einer missbräuchlichen Erziehung sei eine missbräuchliche Partnerschaft geworden, doch der Titel habe ihr dabei geholfen, „die Wut in Treibstoff zu verwandeln. Ich verließ ihn, habe unsere Jungs mitgenommen und ein neues Haus gekauft, bin beruflich aufgestiegen und meine Kinder sind heute glückliche, anständige Menschen.“ Auf die Frage, ob sich Jonathan Davis derartige Kommentare manchmal durchliest, antwortet er: „Auf jeden Fall, immer wieder. Wir machen auch manchmal Meet & Greets, um die Fans zu treffen, und wenn mir dann jemand sagt: ,Ey, du hast mir geholfen, ich habe mich euretwegen nicht alleine gefühlt‘, dann ist das für mich das Größte, was passieren kann.

Das ist eine enorme Errungenschaft. Ich mache die Musik, weil ich sie liebe, aber wenn man es dadurch auch noch schafft, Leben zu verändern und zu verbessern, dann hebt das die Sache auf ein ganz anderes Level. Das ist einfach mächtig. Musik ist ein universelles Ding: Sie spricht jeden auf unterschiedliche Weise an und kann eine magische Wirkung haben.“ Genau dieses Phänomen lässt sich auch bei der neuen Platte beobachten: Während THE NOTHING aufgrund der genannten Ereignisse selbst für Korn außergewöhnlich düster erscheint, ist auf REQUIEM die Balance zwischen Dunkelheit (obgleich diese immer ausgeprägt bleibt) und Hoffnung durchaus zu spüren. Und auch Kommentare wie der herangezogene tauchen weiterhin auf. „Ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich diesen Song gebraucht habe“, kommentiert ein Fan die Single ‘Start The Healing’. „Ich kämpfe täglich mit chronischen Schmerzen. Gerade, als ich anfing, mich zu fragen, ob ich das gewinnen könnte, hörte ich mir diese Single an, und mein Kampfgeist war wieder geweckt. Ich bin dankbar dafür, dass mir die Musik von Korn durch meine dunkelsten Zeiten hilft.“ Davis sagt selbst, er habe viel Mist erlebt. Dass er jedoch nun ein gutes Leben führt – so hofft er –, kann anderen zeigen, dass sie es auch schaffen können. Das ist für ihn das genannte Gleichgewicht zwischen der Dunkelheit und dem Licht, das sich überall wiederfindet – sei es in seinem Haus oder in der Musik.

EINORDNUNG DES NEUEN ALBUMS

Korn haben den Metal der Neunziger Jahre entscheidend mitgeprägt, wobei sie immer wieder gerne dem Nu Metal zugeordnet werden. Da allerdings in ihrer Musik (ausgenommen FOLLOW THE LEADER, das auf Kooperationen mit Rappern gesetzt hat) nie eine Spur von HipHop enthalten war, grenzt sich die Band selbst von diesem Begriff ab. Sie hat ihren eigenen Stil für sich entdeckt – Korn klingen schlicht und einfach nach Korn. Nach einer zwischenzeitlichen Phase um 2006 herum, in der sie mit SEE YOU ON THE OTHER SIDE durch ungewohnt moderne Elemente auf sich aufmerksam machten (viel Elektronisches, leichte Ansätze des Industrial Rock; auf dem späteren Album THE PATH OF TOTALITY wurde dies durch Dubstep-Experimente nochmals zugespitzt), kehrten sie anschließend wieder zurück zu ihren Wurzeln. Mit dem Album KORN III: REMEMBER WHO YOU ARE von 2010 wurde ein Zeichen gesetzt, indem sie wieder mit Ross Robinson, dem Produzenten ihrer Anfangszeiten, zusammenarbeiteten. Seitdem lassen sich die Platten wieder ganz der alten Stilistik zuordnen. Auch auf REQUIEM trifft das zu, wenngleich mit Chris Collier abermals ein neuer Produzent hinter den Kulissen steht. Davis erklärt, weshalb sie sich für ihn entschieden haben: „Chris hat schon mit vielen Bands zusammengearbeitet. Er ist sehr talentiert, spielt sehr gut

„JEDE PLATTE NIMMT EINE ANDERE STIMMUNG AUF, DIE IMMER ABHÄNGIG IST VON DER ZEIT, IN DER SIE ENTSTEHT.“

JONATHAN DAVIS

Schlagzeug und noch vieles anderes. Und weil wir uns gut mit ihm verstanden haben, hat sich das mit der Zusammenarbeit einfach ergeben. Es hat alles sehr gut funktioniert und er hat dazu beigetragen, dass die Platte eine besondere Stimmung erhalten hat.“ Vor allem mit dem letzten Punkt spricht der Musiker etwas Entscheidendes an, denn obwohl die letzten Alben stilistisch in eine Richtung gehen, gibt es für ihn dennoch starke Differenzen zwischen ihnen: „Jede Platte nimmt eine andere Stimmung auf, die immer abhängig ist von der Zeit, in der sie entsteht. Ich kann das kaum in Worte fassen, es ist einfach eine andere Atmosphäre, die es nirgendwo anders gibt“, so Davis. „Jeder sollte sich einfach ein Bild davon machen. Wir sind alle zufrieden mit den Aufnahmen. Die Leute sollen es sich also einfach anhören. Genießt es, hört es bis zum Ende durch, lasst es auf euch wirken.“

Um über das Phänomen Jonathan Davis noch einige Details herauszuholen, hat eine Schnellfragerunde zum Schluss des Gesprächs noch folgende Dinge ergeben: Sein Lieblings-Horrorfilm ist ‘Der Exorzist’, sein Lieblingssänger Robert Plant. Das beste Metal-Album ist seiner Meinung nach Panteras VULGAR DISPLAY OF POWER, das beste Album überhaupt THE DOWNWARD SPIRAL von Nine Inch Nails. Besonders stolz ist Davis darauf, Vater zu sein; das perfekte Wort für das Jahr 2021 lautet für ihn „bittersüß“. Und auf die Frage, ob Limp Bizkit oder Linkin Park besser seien, antwortet der Musiker: „Scheiße, das sind beides meine Freunde. Ich entscheide mich für Schweiz: neutral.“

RAPHAEL SIEMS

„MUSIK IST EIN UNIVERSELLES DING: SIE SPRICHT JEDEN AUF UNTERSCHIEDLICHE WEISE AN UND KANN EINE MAGISCHE WIRKUNG HABEN.“

JONATHAN DAVIS