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Zwischen Lucy und Woodstock


Archäologie in Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 14.11.2019

Von den Anfängen der Menschheit bis in die jüngste Vergangenheit, alles wird zum Thema der Archäologie, einer faszinierenden Wissenschaft, die stets mit überraschenden Entdeckungen und Erkenntnissen aufwartet: Zeit für ein Resümee.


Als AiD‐Leser sind Sie natürlich bestens über die Vorgänge in der Welt der Archäologie informiert. Eine Zeitschrift kann sich jedoch immer nur mit Einzelaspekten intensiv beschäftigen. Aber es lohnt für jeden an der Archäologie Interessierten – und wer sollte dies eigentlich nicht sein –, sich immer wieder einen kompakten Überblick zu verschaffen, der Entwicklung und ...

Artikelbild für den Artikel "Zwischen Lucy und Woodstock" aus der Ausgabe 6/2019 von Archäologie in Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Archäologie in Deutschland, Ausgabe 6/2019

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... Höhepunkte unserer Wissenschaft aufzeigt. Um dies zu untermauern, lassen Sie uns schlaglichtartig einige Stichpunkte herausgreifen.

Archäologen nutzen Spuren der Vergangenheit, um die Gegenwart zu deuten – ganz gleich ob dies ein Jahrmillionen alter Knochen oder eine Dosenlasche aus Woodstock ist.


Grabungen obsolet?

Muss man angesichts dieser Entwicklungen befürchten, dass Spaten und Schaufel in Bälde ausgedient haben, Ausgraben obsolet und Restaurierung unnötig wird, weil die Funde digital erfasst vorliegen und imaginäre Museen auch zu Hause mittels Datenbrille durchstreift werden können? Besteht die Gefahr, dass die »junge« Wissenschaft Archäologie sich von allem Greifbarem entfernt, sich selbst »zerlegt«? Ansätze sind sicher da, aber was in Zukunft geschieht, bleibt vorläufig Science Fiction. Reales und taktiles Erleben wird die Menschen sicher weiter in den Bann ziehen.

Die Schlangen vor den Uffizien oder dem Prado werden Jahr für Jahr länger, die Menschentrauben vor der Mona Lisa immer größer. Auch archäologische Museen oder Ausstellungen, die mit spektakulären Funden aufwarten, erreichen stattliche Besucherzahlen. Grabungen, bei denen interessierte Laien mitmachen können, erfreuen sich so großer Beliebtheit, dass sie stets einem Numerus clausus unterliegen.

Eingedenk dieses enormen Interesses hat sich eine der ältesten archäologischen Institutionen, die zum Deutschen Archäologischen Institut gehörende »Romisch‐ Germanische Kommission« entschlossen, nach zehn Jahren wieder eine Art Bilanz der archäologischen Wissenschaft zu ziehen und den so notwendigen kompakten Überblick allen Interessierten in Buchform zugänglich zu machen.

Rekonstruktion der 1974 in Äthiopien entdeckten »Lucy«.

Spuren des Menschen

Eine Bilanz zum Stand archäologischer Forschung heute, bei der auch die Historie nicht zu kurz kommt: Wissenschaftler stellen ihre Spezialgebiete und die unterschiedlichen Epochen in gut verständlicher Weise dar. Den Rahmen steckt der Untertitel des Buches ab: 800000 Jahre Geschichte in Europa.

Spuren des Menschen 800000 Jahre Geschichte in Europa

Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann und Philipp von Rummel (Hrsg.) wbg Theiss/ Deutsches Archäologisches Institut (Darmstadt/Mainz 2019), 552 S. mit rund 500 farb. Abb., Preis 50 Euro.

Spuren des Menschen

Eine Bilanz zum Stand archäologischer Forschung heute, bei der auch die Historie nicht zu kurz kommt: Wissenschaftler stellen ihre Spezialgebiete und die unterschiedlichen Epochen in gut verständlicher Weise dar. Den Rahmen steckt der Untertitel des Buches ab: 800000 Jahre Geschichte in Europa.

Spuren des Menschen 800000 Jahre Geschichte in Europa

Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann und Philipp von Rummel (Hrsg.) wbg Theiss/ Deutsches Archäologisches Institut (Darmstadt/Mainz 2019), 552 S. mit rund 500 farb. Abb., Preis 50 Euro.

Eng verknüpft: römische Villa und Fernstraße

In den 1990er Jahren war in Oberndorf (Ldk. Rottweil) bei Rettungsgrabungen im Gewerbegebiet »Rankäcker« eine außergewöhnliche römische Villa untersucht worden. Damals wurden im Verband umgekippte Mauern freigelegt, was weltweit für Aufsehen sorgte. Bei aktuellen Untersuchungen im Rahmen der nun zu Ende gehenden Erschließung konnte jetzt die nahe vorbeilaufende Fernstraße von Rottweil nach Sulz erfasst werden. Zunächst stellte sich heraus, dass die Fernstraße eine Vorläuferin hatte: eine gewalzte Naturpiste mit seitlichen Straßengräben, die dem natürlichen Geländeverlauf folgte. Sie könnte in frühflavische Zeit um 75 n.Chr. datieren. Erst nachträglich entstand die geradlinige Römerstraße, die teils schräg über die alte Trasse zog. Neben Straßengräben und unbefestigten »Randstreifen « besaß sie zudem einen gut 6m breiten Damm aus Steinen mit Kies als Fahrbahn. Noch heute verläuft die Überlandstraße nach Sulz in ihrer Flucht.

Die Straßengräben der ersten Römerstraße hielten auf ein Tor auf der Südwest - seite der frühesten Villeneinfriedung zu. Dieses Tor war jedoch nur anfänglich in Benutzung und wurde bei Umbauten aufgegeben. Wie sich nun herausgestellt hat, verlegte man den Hauptzugang damals auf die Nordwestseite der Villa. Beim Bau der geraden Straße wurde nämlich dort auch eine neue Zufahrt angelegt. Der östliche Straßengraben der Hauptstraße ist dazu unterbrochen bzw. biegt von Norden und Süden kommend als Begleitung der Zufahrt Richtung Villa ab. Anlässlich einer Erneuerung hat man den Straßengraben der Fernstraße an der Einmündung des Villenzugangs durchgezogen. Eine Holzkonstruktion ermöglichte nun den Übergang. Zuletzt wurde dieser Weg gepflastert und bis an den Straßendamm hingeführt, den man zudem randlich partiell absenkte. Diese Konstruktion wirkt im Gegensatz zu den früheren Baumaßnahmen improvisiert.

Fernstraße und Villa sind demnach baulich eng miteinander verknüpft. Die Naturpiste und die erste Villenanlage entstanden nicht nur gleichzeitig, die Straßenbauer hatten die Villa auch als integralen Bestandteil der Infrastruktur in ihre Planungen mit aufgenommen. Daraus darf man folgern, dass die Anlage staatlichen Aufgaben diente, möglicherweise als Straßenstation. Ob das bis zum Schluss so blieb, wird erst eine Aufarbeitung der nun zu Ende gehenden Grabungen ergeben.

| K. Kortüm

Oberndorf-Bochingen. Jüngere Phase der Römerstraße Rottweil– Sulz mit Damm, unbefestigten Seitenwegen und Gräben. Die moderne Straße im Hintergrund setzt die Römerstraße fort.


Großes Gräberfeld der Schnurkeramik

In der Kirschengartenstraße in Heilbronn konnte 2018 auf einem knapp 1 ha großen Grundstück ein ungewöhnlich vielfältiger Einblick in die Besiedlungsgeschichte der Stadt gewonnen werden. Ausgrabungen im Vorfeld der geplanten Überbauung des am Westfuß des Wartbergs auf einer alten Neckarterrasse gelegenen Areals erbrachten Siedlungs - befunde der Bandkeramik, der mittleren Bronzezeit, der Urnenfelderkultur und der frühen Latènezeit. Die Überdeckung durch abgeflossenes Sediment hatte für gute Erhaltungsbedingungen gesorgt, sodass neben zahlreichen Gruben auch mehrere Pfostenbauten überliefert sind.

Die eigentliche Überraschung aber war die Aufdeckung eines schnurkeramischen Friedhofs. 24 Gräber, wohl einst alle von Hügeln überdeckt, verteilen sich über die gesamte Fläche, wobei der Eindruck von Reihen entsteht, die von Norden nach Süden ausgerichtet sind. Die meisten Gräber werden von Kreisgräben mit Durchmessern zwischen 2,7 m und 6,2m eingefriedet, in denen sich gelegentlich Spuren eingestellter Hölzer beobachten ließen. Reste der Hügelschüttungen konnten leider nicht dokumentiert werden. Der Erhaltungszustand der Skelette variiert stark, die Anzahl der in einer Grabgrube beigesetzten Individuen konnte daher nicht immer sicher bestimmt werden. In der Mehrzahl der Gräber ist aber jeweils nur ein Skelett angetroffen worden. Mindestens zweimal liegen Doppelgräber vor, in denen ein Erwachsener und ein Kind bestattet sind. Für zwei weitere Kinder sind Einzelgräber angelegt worden. Allen To- ten gemeinsam ist die Beisetzung in Seitenlage mit angehockten Beinen, die Orientierung der Körperachse von Osten nach Westen überwiegt, wobei die Schädel teils im Osten, teils im Westen liegen.

Heilbronn. Schnurkeramische Bestattung. Vor dem Oberkörper ein großer Becher, zwei Steinbeile und Tierknochen als Reste von Speise - beigaben.


Die Beigaben umfassen Gefäße in allerdings sehr schlechter Erhaltung, Steinbeile, Pfeilspitzen und andere Silices sowie Tierknochen als Überreste von Speisebeigaben.

Die Restaurierung der Funde wie auch die anthropologische Bearbeitung der Skelette stehen noch aus. Größere Friedhöfe der endneolithischen Schnurkeramik sind in Baden-Württemberg bislang nur aus dem Tal der Tauber im Nordosten des Landes bekannt. Eine kleinere Gräbergruppe wurde vor wenigen Jahren in Leingarten, ebenfalls im Kreis Heilbronn, ausgegraben. Mit dem neuen Gräberfeld im Stadtgebiet Heilbronn ist nun einer der größten Bestattungsplätze des 3. Jt. v. Chr. in Südwestdeutschland entdeckt worden, dessen Auswertung interessante Aussagen verspricht.

| M. Garcia, A. Neth

Bayern

Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege Abt. Bodendenkmalpflege Hofgraben 4 80539 München
Tel. 089 2114-358, Fax 089 2114-401
AiD-Korrespondentin: Dr. Doris Ebner
doris.ebner@blfd.bayern.de

Bernstein, Gold und Glockenbecher

Im Rahmen von bauvorgreifenden Untersuchungen kam Ende 2017 in einem Neubaugebiet in Eching im Landkreis Freising eine Gräbergruppe mit Kreisgräben zutage, die zur Glockenbecherkultur gehört. Die endneolithische Glockenbecherkultur wird in die Zeit von 2600 bis 2200 v.Chr. datiert.

Neben den typischen Hockerbestattungen befand sich in zwei der neun Grabgruben auch Leichenbrand. Besondere Aufmerksamkeit erlangte ein Befund aufgrund der außergewöhnlich reichen Beigaben. Etwa in der Mitte der Grabgrube entdeckten die Ausgräber ein dünnes, an den Schmalseiten durchlochtes Goldblech, fünf kleine Goldperlen, eine größere Anzahl von runden und mindestens neun große rautenförmige Bernsteinperlen. Eching ist bisher der fünfte Fundort in Bayern, an dem solche durchlochten Goldbleche geborgen wurden. In Anlehnung an die Vergleichsfunde wird davon ausgegangen, dass diese Goldbleche Teil eines organischen Kopfschmuckes aus Holz oder Leder waren. Für die fünf kleinen Goldperlen findet man in dieser Form und aus diesem Zeitabschnitt bisher keine Vergleichsbeispiele.

Eching. Zwei Glockenbecher: Die Gefäßform gab der endneolithischen Kultur ihren Namen.


Eching. Goldblech aus einem besonders reich ausgestatten Grab der Glockenbecherkultur.


Eine weitere Überraschung lieferten die ersten anthropologischen Analysen an den menschlichen Knochen aus den Gräbern. Bis auf eine etwa 20 bis 40 Jahre alte Person, die etwas abseits nördlich der Gräberreihe bestattet worden war, handelt es sich bei den Körperbestattungen ausnahmslos um Kinder zwischen eineinhalb und neun Jahren. Die Untersuchung des Leichenbrandes steht noch aus.

| D. Hurka

Enthauptet im Grab

Im Vorfeld der Erschließung eines Wohngebiets wurde in Aschheim bei München eine kleine Gruppe spätantiker Körpergräber freigelegt. Die sechs Toten dürften vornehmlich in das 4. Jh. n.Chr. datieren und zu einem bereits bekannten ländlichen Gehöft gehört haben, das nur etwa 100 m östlich der Fundstelle liegt. Ein Grab zeigte sich sehr auffällig: Bei dem männlichen Individuuum war der Schädel abgetrennt und auf den Bauch gelegt worden. Ob die Enthauptung zum Tode führte oder nachträglich geschah, kann nicht gesagt werden. Schnitt- oder Hackspuren an den Wirbeln waren nicht zu beobachten, die schlechte Knochenerhaltung ist für deren Nachweis allerdings hinderlich. Dennoch scheinen weitere Indizien eher für eine Abtrennung des Schädels nach dem Tode zu sprechen: Eine Zwiebelknopffibel fand sich nicht wie sonst üblich im Schulterbereich, sondern verlagert zwischen den Beinen des Toten. Eine bronzene Gürtelschnalle lag bei seinen Füßen. Weiterhin fand sich etwa 20 cm oberhalb des Bestatteten in der Grab grube das Skelett eines Fuchses, der nach Ausweis einer Radiokarbondatierung ebenfalls in die Spätantike gehört und wohl kurz nach der Anlage des Grabes dort eingebracht worden war.

Aschheim. Spätantikes Männergrab mit Schädel im Bauchbereich. Zwischen den Beinen die Zwiebelknopffibel.


Wie die Zwiebelknopffibel verrät, handelte es sich hier offensichtlich um einen römischen Amtsträger, der nach seinem Tod eine besondere Behandlung erfuhr. Aus welchen Motiven heraus und durch wen, kann man nicht mehr erschließen. Spannend ist allerdings, dass sich ähnliche Befunde der gleichen Zeit vermehrt im römischen Britannien finden, während sie in Süddeutschland äußerst ungewöhnlich sind.| A. Pütz

Aschheim. Zwiebelknopffibel der zweiten Hälfte des 4. Jh. aus dem Grab des enthaupteten Mannes, noch nicht restauriert.


Brandenburg

Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum Wünsdorfer Platz 4–5 15806 Zossen
Tel. 033702 211-1200, Fax 033702 211-1601
www.BLDAM-brandenburg.de
poststelle@BLDAM-Brandenburg.de
AiD-Korrespondentin: Petra Woidt

Zweispännig in die Ewigkeit

Rücken an Rücken, mit dem Kopf im Westen, hat man vor etwa 5000 Jahren zwei Rinder in eine rund 1,5 m breite Grube gebettet und mit Rollsteinen überdeckt. Die ungefähr von Westen nach Osten orientierte Eingrabung kam in der Nähe von Felchow in der Uckermark ans Licht. Solche Deponierungen sind in der Kugelamphorenkultur häufig. Sie werden als Zugtiergespanne gedeutet, die als eigenständiges Opfer oder Beigabe zu menschlichen Gräbern in die Erde gelangten. In Felchow standen am Kopf der Tiere ein unverzierter konischer Napf und ein mit Dreiecken aus Bogenstichen verziertes weitmundiges Gefäß. Hinter den Rindern lagen weitere Skelettteile junger Rinder sowie von Schafen und Schweinen – und auch hier die zerdrückten Reste einer Kugelamphore. Ein besonderer Fund ist ein halbrunder Bernsteinanhänger von etwa 3,5 cm Durchmesser und 0,7 cm Dicke. Er hat eine erhaltene und drei ausgebrochene Durchbohrungen am Rand. Bislang gibt es nur eine Handvoll vergleichbarer Stücke aus der Zeit der Kugelamphorenkultur. Ein ähnliches, allerdings rundes Exemplar stammt von einer Rinderbe- stattung der zeitgleichen Havelländischen Kultur im brandenburgischen Buchow- Karpzow.

Um den östlichen Abschluss des Befundes genauer abzugrenzen, wurde die Grabungsfläche nach Osten erweitert. Zum Erstaunen der Ausgräber fanden sich jedoch statt einer klaren Befundgrenze erneut Skelettreste von Rindern und Gefäßscherben von Kugelamphoren. Das Befundende war erst nach knapp 8m erreicht. Anscheinend liegen hier zwei Kultgruben so dicht hintereinander, dass ihre Grenzen zerfließen – Überreste eines komplexen Opferrituals in der späten Jungsteinzeit.| E. Kirsch, U. Dirks

Zahlungsmittel Goldspirale

Münchhausen. Goldene Doppeldrahtspirale, zur Bezahlung geeignet und nur schwer zu fälschen.


Doppelter Golddraht mit Endschlaufen, zusammengeschmiedet zu einem Ring, so sehen die markanten Spiralen aus, die in der Niederlausitz keine ausgesprochene Seltenheit mehr sind. Der jüngste Fund kam auf einer etwa 1m hohen Geländekuppe nahe Münchhausen in der Niederung der Kleinen Elster zutage, einem gern genutzten Siedlungsplatz. Der Draht ist 0,8 mm stark. Das Stück gehört mit nur 2 g, viereinhalb Windungen und 11mm Innendurchmesser zu einer kleinen Variante dieses vom Endneolithikum bis zur frühen Eisenzeit auftretenden Typs. An der Kleinen Elster zwischen Lausitzer Landrücken und Magdeburger Urstromtal liegen solche goldenen Doppelspiralen von zwei Fundplätzen der bronzezeitlichen Lausitzer Kultur vor: Nur 5 km nördlich wurde 1934 bei Sonnewalde ein Gefäß mit zwölf Exemplaren entdeckt. 22 km südöstlich lag auf dem Bestattungsplatz von Saalhausen mit über 800 Gräbern eine kleine Goldspirale in einer Grube mit Brandrückständen. Dieses Vorkommen innerhalb eines Siedlungsgebietes ist bemerkenswert.

Golddrahtspiralen sind Trachtzubehör, das wie anderer Schmuck oft paarig getragen wurde. In erster Linie waren sie aber wohl ein Zahlungsmittel in der Bronzezeit. Hinter verschiedenen Gewichtseinheiten verbergen sich unterschiedliche »Währungen«. Der endlose Drahtring ist fälschungssicher, denn ohne den Verlust einer Schlaufe lässt sich nichts abtrennen.

| L. Pahl, E. Bönisch

Bremen

Freie Hansestadt Bremen Landesarchäologie An der Weide 50a 28195 Bremen
Tel. 0421 361-3267, Fax 0421 361-3168
AiD-Korrespondent: Dr. Dieter Bischop
dieter.bischop@landesarchaeologiebremen.de

Göpelwerk und Kaufmann

Der Abriss und anschließende Neubau eines Teils der Bremer Arbeitnehmerkammer in der Ostertorswallstraße erforderte eine archäologische Begleitung. Das Grundstück liegt östlich der Domimmunität unmittelbar hinter der Stadtmauer. Trotz der nur geringen Eingriffstiefe des Neubaues von 40 cm und einer tiefen Störung durch einen rezenten Keller gaben sich bald nach dem Abriss des Nachkriegs - baues archäologische Befunde zu erkennen. Schichtpakete, Mauerverläufe und aus Steinen gesetzte Fußböden des 18. bis 19. Jh. wurden freigelegt und dokumentiert. Von der hochmittelalterlichen Besiedlung nahe der Domburg zeugen nur Scherbenfunde aus Fundamentgruben. In knapp 4m Tiefe durch Bohrungen nachgewiesene anthropogene Schichten bleiben größtenteils unberührt.

Auffällig ist im Hinterhofbereich des Grundstücks ein aus schmalen gelben Sand- und Ziegelsteinen ringförmig gesetztes Pflaster von fast 5m Durchmesser.

Bremen. Ringförmig gesetztes Pflaster der frühen Neuzeit, vermutlich Rest eines Göpelwerkes in der Ostertorwallstraße.


Der zentrale Bereich war durch eine rezente Punktfundamentsetzung gestört. Die deutliche Abnutzung der teils durch Druck abgesenkten Steine ist möglicherweise durch den Betrieb eines Göpels zu erklären, bei dem Zugtiere im Kreis um eine mittig verlaufende Achse liefen. Vermutlich stellt der Befund Teil eines frühneuzeitlichen Göpelwerkes für ein urkundlich an dieser Stelle nicht nachweisbares Handwerk dar.

Bremen. Relieffragment mit dem Wappen des Dirich Meyer (1582– 1645) aus der Ostertorwallstraße. Unten Wappen aus dem Mitgliedbuch der Bremer Jacobi-Bruderschaft.


Ein schöner Fund aus dem Bereich südlich dieser Pflasterfläche ist der Rest eines farbig gefassten Reliefsteines aus Obernkirchener Sandstein. Zu erkennen ist neben Rocaillen ein nahezu vollständig erhaltenes Wappen, das im mittleren Feld ein Sensenblatt zeigt sowie oben von zwei und unten von einer Blüte eingefasst ist. Das Wappen kann dem Kaufmann Dirich Meyer (1582– 1645) zugeordnet werden, der 1622 als Mitglied der Jacobi-Bruderschaft geführt wurde. 1628 wurde er als Eltermann in das Gremium der »Elter leute des Kaufmanns« zu Bremen aufgenommen.

| D. Bischop, F. Jordan

Hamburg

Archäologisches Museum Hamburg/ Helms-Museum Abteilung Bodendenkmalpflege Museumsplatz 2 21073 Hamburg
Tel. 040 42871-3690, Fax 040 42871-2684
AiD-Korrespondentin: Dr. Elke Först

Im Wettlauf mit der Polizei

Zu den Großbaustellen Hamburgs zählt das Areal nördlich der neugotischen Kirchenruine St. Nikolai an der Willy-Brandt- Straße, die als Mahnmal für die Opfer der Zeit des nationalsozialistischen Regimes viele Touristen anzieht. Die Baustelle umfasst Grundstücke, die Ende der 1960er Jahre neu bebaut wurden. Fast alle liegen auf dem Areal des hochmittelalterlichen Burgwalls Neue Burg, auf dem 1188 die Hamburger Neustadt als Kaufleutequartier gegründet wurde (vgl. AiD 6/ 2017, S. 48).

Mit der Gründung einher ging der Bau der 1195 erstmals erwähnten späteren Hauptkirche St. Nikolai, die zunächst als Kapelle auf dem Wall der Neuen Burg im Nordwesten errichtet und später zur Hallenkirche ausgebaut wurde. 1842 fiel sie einem Brand zum Opfer, wurde abgerissen und überbaut. Der neugotische Nachfolger entstand wenige Meter weiter nach Südosten. In den überlieferten Stadt - ansichten und Plänen ist der zum Vorgängerbau gehörige Kirchhof östlich und südlich der Kirche zu verorten. Eine Einfriedung des Kirchhofs zur angrenzenden Wohnbebauung und zum westlich angrenzenden Hopfenmarkt ist bildlich nicht überliefert.

Gräber des Kirchhofs wurden verschiedentlich bei Baumaßnahmen aufgedeckt: 1889 hat man beim Ausschachten der Baugrube für eine Bedürfnisanstalt unter dem Hopfenmarkt etwa 600 Särge und verfaulte Sargreste ausgegraben, die bis in eine Tiefe von 3,7 m reichten. Weiter südlich wurde 1983 im Gehwegbereich der Willy-Brandt-Straße ein umgelagerter Brettersarg entdeckt, 2006 die Bestattung eines Kleinkindes in einem Brettersarg aus der ersten Belegungsphase, die in die Zeit der Nikolaikapelle fällt.

Ende Juni wurden Knochenfunde nördlich der Kirchenruine St. Nikolai im Wölberstieg gemeldet, als man die Unterkante einer alten Baugrubensicherung in Form einer Schlitzwand untersuchte. In 2,5 m Tiefe stieß der Bagger auf eine intakte, von Westen nach Osten ausgerichtete Sargbestattung und zog mit der Schaufel den Schädel heraus. Die sofort alarmierte Polizei barg die sichtbaren Skelettteile und überstellte sie der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf. Die Sargreste verblieben vor Ort und konnten eingemessen und dokumentiert werden. Trotz der unglücklichen Umstände markiert der Fund im östlichen Bereich des alten Kirchhofs einen kleinen Schritt zum Verständnis der stadtgeschichtlichen Entwicklung des Kirchspiels St. Nikolai, die bis heute weitgehend im Dunkeln liegt.

| E. Först

Hamburg. Von der Baggerschaufel erfasster Schädel, links davon Bretter des Sarges.


Hessen

hessenArchäologie Schloss Biebrich/Ostflügel 65203 Wiesbaden Tel. 0611 6906-131, Fax 0611 6906-137 AiD-Korrespondentin: Dr. Beate Leinthaler beate.leinthaler@lfd-hessen.de

Ober-Erlenbach. Reich ausgestattetes Frauengrab der frühen Eisenzeit. Befund bei der Ausgrabung und Freilegung in der Restaurierungswerkstatt.


Die Tote vom Hühnerstein

Während der Erschließung eines rund 11 ha großen Wohngebiets bei Ober-Erlenbach, ein Stadtteil von Bad Homburg vor der Höhe, wurde das Areal von einem ehrenamtlichen Mitarbeiter mit Genehmigung der Behörde begangen. Der Mitarbeiter konnte Oberflächenfunde bergen, wodurch das Landesamt für Denkmalpflege erste gesicherte Hinweise auf die Existenz eines Gräberfeldes der frühen Eisenzeit erhielt. Die anschließend in Auftrag gegebenen geophysikalischen Prospektionen erlaubten im Nachgang eine nahezu punktgenaue Lokalisierung der dazugehörigen Befunde, die es dann im weiteren Bauablauf vor einer unkontrollierten Zerstörung zu bewahren galt.

Im Verlauf einer seit Sommer 2018 durchgeführten Ausgrabung wurden auf dem Gelände mit dem Flurnamen »Am Hühnerstein« seither über 200 Befunde dokumentiert und ausgegraben. Neben archäologischen Überresten, die belegen, dass dieses Gebiet am Südrand der Wetterau bereits in der Jungsteinzeit für Siedler attraktiv war, sind vor allem die eisenzeitlichen Befunde hervorzuheben, unter denen sich auch 35 Körpergräber der frühen bis mittleren Eisenzeit (5.–3. Jh. v.Chr.) befinden. Soweit durch die Erhaltungsbedingungen eine Ansprache noch möglich war, zeigt sich bei den Bestattungen ein sehr breit gefächertes Spektrum an Beigaben, bei dem vier besonders reich ausgestattete Gräber auf die Existenz einer lokalen Elite hinweisen, darunter eine Frau mit Bronze- und Goldschmuck. Der Nachweis von zu diesem Gräberfeld gehörigen zeitgleichen Siedlungsstrukturen gelang allerdings bei dieser Maßnahme nicht. Die Untersuchungen sind inzwischen abgeschlossen.| K. Mückenberger

Siedeln in der Bachaue

Im Zuge der Kampfmittelräumung im Bereich der zukünftigen Trasse der Ortsumgehung Büdingen-Büches mussten Sondagelöcher angelegt werden. Dabei wurde im Jahr 2017 eine mittelalterliche bis frühneuzeitliche Fundstelle am südlichen Ortsrand von Büches entdeckt. Die archäologischen Befunde liegen im Bereich der heutigen Aue des Seemenbachs. Sie waren durchgängig mit bis zu 1,5 m mächtigen Schwemmschichten überlagert. Somit bestand keine Gelegenheit, die Fundstelle im Vorfeld etwa durch Feldbegehungen, Luftbildarchäologie oder eine geomagnetische Prospektion zu erkennen.

Im Zuge der sechs archäologischen Schnitte, die im Verlauf der Straßentrasse im Jahr 2018 angelegt wurden, konnten drei Hausgrundrisse aus dem 13. bis 16. Jh. und eine zur Siedlung gehörende Ufer - befestigung erfasst und dokumentiert werden. Darüber hinaus wurden diverse Holzpfosten geborgen. Die ältesten Holzreste datieren in das Jahr 1206. Die frühesten Befunde, darunter ein Steinfundament, gehören ebenfalls in das hohe Mittelalter. Es handelt sich um den ehemaligen südlichen Ortsrand von Büches, der sich über die letzten Jahrhunderte sicher nicht zuletzt bedingt durch den steigenden Grundwasserspiegel in der Seemenbachaue hangaufwärts verlagert hat. Die gut erhaltenen Befunde von Büches geben einen beispielhaften Einblick in die Entwicklung im Umfeld einer Aue am Rande der Mittelgebirgszone im Rhein-Main-Gebiet und deuten an, welches archäologische Potenzial gerade in den Tälern kleiner Fließgewässer vermutet werden kann.

| J. Lindenthal, A. König

Büdingen-Büches. Fundament eines hochmittelalterlichen Hauses.


Mecklenburg- Vorpommern

Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern Landesarchäologie Domhof 4/5 19055 Schwerin
Tel. 0385 58879-643, Fax 0385 58879-344
AiD-Korrespondent: Dr. Detlef Jantzen
d.jantzen@kulturerbe-mv.de

Wilder Eber

Im wahrsten Sinne des Wortes »Schwein« hatte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Peter Wenzel aus dem Landkreis Vorpommern-Rügen im März 2019. Er entdeckte bei der systematischen Fundaufnahme einer spätslawischen Siedlung in der Gemarkung Tribohm die Figur eines kleinen Ebers aus Buntmetall. Erst beim Reinigen des »artgemäß« verschmutzten Tieres wurden Kreisaugenpunzen auf der Oberfläche sichtbar, kreuzförmig auf den Schenkeln und linear entlang des Nacken - kamms angeordnet. Die sehr realistische Nachbildung der gespaltenen Klauen, der darüber sitzenden Afterklauen oder des Hodensacks verrät einen kunstfertigen und in naturalistischer Darstellung geübten Handwerker.

Die naturnahe Darstellung und die deutliche Betonung der aufgerichteten Nackenbürste findet – zumindest formal – die besten Parallelen in einigen römischen Bronzen Britanniens. Dort hat sich die Zahl ähnlicher Tiere nach der letzten wissenschaftlichen Bearbeitung von 1979 durch intensive Detektorsuche stark vermehrt. Wilde, aggressive Eber belebten die Mythen und Heldensagen der griechischen Antike, aber auch Kelten, Römer und germanische Stämme kannten, fürchteten und verehrten diese Tiere. Frühmittel - alterliche Belege für eine bildnerische Darstellung fehlen weitgehend, sieht man von einer fragmentarischen Holzfigur aus dem frühmittelalterlichen Wolin in Westpommern ab. Schlüssel zum Verständnis des Ebers aus Tribohm können die Kreisaugen auf der Oberfläche sein. Sie sind ein gängiges Muster des Frühmittelalters und treten unter anderem auch auf Gewichten auf. Ist es nur Zufall, dass das Schwein mit 199 g dem Durchschnittsgewicht der silbernen Ringe vom Permer Typ entspricht?

Diese waren eine gängige Gewichts- und Materialeinheit slawischskandinavischer Hacksilberökonomie in weiten Teilen des Ostseeraums und Osteuropas. Die Eberfigur könnte also, vielleicht auch sekundär, als genormtes Gewicht genutzt worden sein.| C. M. Schirren

Tribohm. Vollplastische Eberfigur mit kreisaugenverzierter Oberfläche. Länge 5,5 cm. Die Abbildung ist zur Hervorhebung der Details digital bearbeitet.


Bernstein in eisenzeitlichen Körpergräbern

Archäologische Untersuchungen bei der Erweiterung eines Neubaugebietes in Erichshagen, Landkreis Nienburg/ Weser, ergaben weit über 1600 Befunde fast aller Zeitstellungen. Aus der älteren vorrömischen Eisenzeit (etwa 5./ 6. Jh. v.Chr.) stammen Siedlungsgruben, die Funde der Nienburger Gruppe lieferten. Siedlungen dieser Gruppe sind bislang rar. Dem gegenüber kennt man zahlreiche Gräberfelder mit Urnen, die einen deutlichen Einfluss aus dem Hallstattkreis zeigen.

Erichshagen. Rohbernstein, insgesamt etwa 215 g, aus einem Körpergrab der Nienburger Gruppe.


Etwas abseits der Siedlungsbefunde kamen nun auch in Erichshagen vier Gräber zum Vorschein. Sie lagen isoliert in einer fast befundleeren Fläche. Was eine große Überraschung war: Es handelte sich nicht um Brandgräber, sondern Körperbestattungen, wie sie in der Nienburger Gruppe sonst nicht auftreten. Die Grabgruben waren langoval bis langrechteckig und etwa 2,25 bis 2,45 m lang sowie 1,15 bis 1,25m breit. Die Tiefe betrug noch bis 25 cm. An den Rändern setzten sich schwarzgraue Verfärbungen ab, was auf Einbauten schließen lässt: Es dürfte sich um Holzkammergräber handeln. Am Rand einer Grabgrube war in der Mitte das Basisteil eines Gefäßes aufrecht stehend deponiert. In einer weiteren konnte ein Scherbendepot aus Siedlungskeramik mit einem Mahlstein dokumentiert werden. In den anderen beiden Gräbern fanden sich nur vereinzelt Scherben. Das Schlämmen der Grubeninhalte erbrachte nur einzelne kleinste Knochenbrandstückchen. In einem Grab fand sich zudem eine kleine dunkelblaue Glasperle von 5 mm Durchmesser sowie eine zweite von 3,3 mm aus vergoldetem Silber. Einmalig ist aber, dass alle Grabgrubenfüllungen durchsetzt waren mit Rohbernstein. Die Mengen liegen zwischen 10 und ca. 800 g. Insgesamt konnten über 5000 Bernsteinfragmente geborgen werden. Aufgrund der nur sehr geringen Tiefe der Gräber ist von einer ehemaligen Überhügelung auszugehen. Diese bisher einmaligen Befunde werfen zahlreiche Fragen auf. Nicht nur aufgrund der reichen Bernsteinbeigaben kann wohl von einem besonderen Status der Bestatteten ausgegangen werden.

| K. Gerken

Bardowick. Holzkeil zwischen den Stammhälften, welche die Brunnenröhre bilden: Mit den Keilen erweiterte man den Durchmesser.


Ungewöhnlicher Brunnen an altem Handelsplatz

Unter den Gärten des heutigen Fleckens Bardowick im Landkreis Lüneburg liegen die Reste einer bedeutenden frühmittelalterlichen Stadt verborgen. Schriftlich wird der Ort erstmals 795 n.Chr. erwähnt. 805 n.Chr. legte Karl der Große fest, dass der Handel zwischen dem fränkischen Reich und den Slawen nördlich der Elbe hier abgewickelt werden müsse, wodurch Bardowick in der nachfolgenden Zeit zu einer bedeutenden Handelsstadt erwuchs. 1189 n.Chr. wurde die Stadt von Heinrich dem Löwen zerstört und erreichte danach nie wieder ihren alten Status.

2018 konnten bei Ausgrabungen Reste des Ortes freigelegt werden, darunter ein Grubenhaus und mehrere holzverschalte Brunnen. Einer dieser Brunnen hatte eine besondere Bauweise. Die aus einem Baumstamm gefertigte Brunnenröhre, etwa 960 n.Chr. errichtet, hat annähernd die Form einer Acht, was von der natürlichen Form des Stammes herrührt.

Außerdem zeigten sich an den einziehenden Stellen der Röhre Reparaturen. Hier wurden Risse abgedichtet und mit Metallklammern verschlossen. Den Stamm hatte man, wie bei Baumstammbrunnen üblich, der Länge nach gespalten, ausgehöhlt und wieder zusammengefügt. Ungewöhnlich ist aber, dass zwischen den Stammhälften Keilhölzer eingefügt wurden, um so den Durchmesser der Brunnenröhre zu vergrößern. Ein später dort errichteter Brunnen aus der Zeit um 1010 n.Chr. hat ebenfalls einen außergewöhnlich großen Durchmesser. Dieser über den »Hausgebrauch« gesteigerte Wasserbedarf könnte mit einer Gerberei zusammenhängen, die vermutlich an dieser Stelle betrieben wurde.| A.Wiebers

Vor der Wesermündung. Neuzeitliches Wrack am Rand der Kaiserbalje.


Wrack im Watt

Auch im Wattenmeer sind gelegentlich Bodendenkmale zu finden: abgesehen von Resten überfluteter Siedlungen vor allem gestrandete Schiffe, die durch veränderte Strömungen freigespült werden. Der jüngste Fund konnte im Juni dokumentiert werden, mit Unterstützung des Wasser- und Schifffahrtamtes Bremer - haven und des ERC-TIMBER Projekts am Saxo-Institut der Universität Kopenhagen. Das Wrack war im April am Rand der Kaiserbalje entdeckt worden, einem großen Priel im Hohe-Weg-Watt vor der Wesermündung. Da der Priel sich verlagert, bestand die Gefahr, dass der Rumpf in die Wasserstraße abrutscht und zum Hindernis würde. Aus diesem Grund mussten die Überreste beseitigt werden.

Das Wrack wurde bei Niedrigwasser an Ort und Stelle gesäubert, beschrieben, fotografiert und mittels Fotogrammetrie aufgenommen. Drei Wochen später konnten die an Land gebrachten Hölzer weiter untersucht und Proben für dendrochronologische Datierungen genommen werden. Es handelt sich um ein rund 16 m langes und etwas mehr als 4m breites Schiff mit flachem Boden, das vermutlich dem späten 19. Jh. zuzuordnen ist und die Kanäle und Flüsse sowie gelegentlich auch Küstengebiete von Ostfriesland bis Hamburg befahren haben dürfte. Von der letzten Ladung waren noch einige Backsteine an Bord. Reste von Steinkohle können auf eine frühere Ladung hinweisen und die sorgfältig ausgebesserte Innenbeplankung mag für feuchtigkeitsempfindliche Waren wie etwa Getreide sprechen. Porzellan- und Steinzeugscherben sowie Teile der Ankerkette sind Zeugen des täglichen Lebens an Bord und der Bedienung des Fahrzeugs. Über Zeitungsmeldungen oder Versicherungsverzeichnisse wird es vielleicht noch möglich sein, Name, Eigentümer, Strandungsdatum und Umstände des Schiffverlustes zu ermitteln.

| M. Belasus, J. E. Fries

Nordrhein-Westfalen

LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland Endenicher Straße 133 53115 Bonn
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AiD-Korrespondentin: Dr. Michaela Aufleger Michaela.Aufleger@lvr.de LWL-Archäologie für Westfalen An den Speichern 7 48157 Münster
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AiD-Korrespondent: Dr. Marcus Trier
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Erste Rassel im Rheinland

Bei der Untersuchung spätbronzezeitlicher Gräber vor der Zerstörung durch den Kiesabbau in Aldenhoven, Kreis Düren, kam ein im nördlichen Rheinland singulärer Fund zutage: eine tönerne Rassel. Das kleinteilig zerscherbte, aber nahezu vollständige Stück hat eine doppelkonische Form und misst maximal 5,5 cm im Durchmesser. Am Umbruch sitzen kleine warzenartige Knubben, der Rasselkörper ist mit Strichgruppen verziert.

Aldenhoven. Tönerne Rassel aus einem spätbronzezeitlichen Grab.


Die Rassel fand sich zusammen mit Bruchstücken einer späturnenfelderzeitlichen Schale und eines Schrägrandbechers in einem weitgehend zerstörten Brandgrab. Leichenbrand konnte nicht geborgen werden, sodass Geschlecht und Alter der bestatteten Person offen bleiben. Wenngleich Rasseln häufig aus Kindergräbern stammen, muss es sich nicht zwingend um ein Spielzeug handeln. Eine Funktion im allgemeinen Grabritus oder im Rahmen eines Abwehrzaubers ist ebenso gut denkbar.

Am Niederrhein waren Rasseln bislang unbekannt. Wir kennen sie vereinzelt aus dem Mittelrheingebiet, regelhaft aber aus der Lausitzer Kultur in Sachsen (Niederlausitz), Brandenburg, Polen und dem Norden Tschechiens. Weitere Verbindungen zur Lausitzer Kultur wurden im Fundgut nicht beobachtet. Die Rassel aus dieser einfach ausgestatteten Gräbergruppe, die einem Gehöft unter den zeitgleichen Siedlungsbefunden zugerechnet werden muss, bleibt im hiesigen Gebiet zunächst einzigartig und ungewöhnlich.| P. Tutlies

Bandkeramik an der Peripherie

Am nordwestlichen Rand der Jülicher Lössbörde an der Peripherie der rheinischen Bandkeramik wurde im Frühjahr 2018 eine Siedlung dieser Stufe bei Erkelenz- Borschemich im Tagebau Garzweiler untersucht. Die Maßnahme erfolgte im Rahmen einer Lehrgrabung der Univer - sität Köln (Institut für Ur- und Frühgeschichte), finanziert von der Stiftung zur Förderung der Archäologie im rheinischen Braunkohlenrevier.

Erkelenz-Borschemich. Mit großen Rotlehmbrocken und Holzkohleresten verfülltes Pfos tenloch eines bandkeramischen Hauses.


Die Fundstelle gehört zur nördlichsten Siedlungsgruppe der Bandkeramik, über die bislang wenig bekannt ist. Im Rahmen der Ausgrabung konnten sechs Hausgrundrisse und ein Erdwerk dokumentiert werden. Als Besonderheit ist die Entdeckung von Pfostenlöchern zu werten, die mit mächtigen Rotlehmpaketen verfüllt waren. Die Auswertungen sollen nun klären, ob einzelne Häuser oder Teile davon abgebrannt sind bzw. ob Pfosten gezielt gezogen wurden und beim Bau verwendeter Lehm von oben in die Pfostenlöcher nachgerutscht ist. Da bislang zwar zahllose bandkeramische Hausgrundrisse untersucht wurden, der ehemalige Laufhorizont jedoch in keinem Fall erhalten war, ist dies von besonderer Bedeutung für die Bandkeramikforschung. Sollte sich bestätigen, dass die Pfosten gezogen wurden, ist denkbar, dass in den Pfostenstandspuren Reste der ehemaligen Lauffläche erhalten sind. Der geborgene Rotlehm, insgesamt 32,8 kg, soll daher bezüglich geglätteter Flächen, Tonzusammensetzung und Brenntemperatur analysiert werden.| S. Scharl

Mittelalterliches »Römerlager«

Im Bergischen Land gibt es zahlreiche mit Wällen und Gräben befestigte Anlagen, über die häufig nur wenig bekannt ist. Eine solche Wallanlage ist das »Römerlager« in Gummersbach-Lieberhausen, das exponiert auf einem Höhenrücken errichtet wurde. Es besteht aus einem Wall, der eine Fläche von 170m×140m umschließt, und einem Vorwall von 200 m Länge. Heute liegt die Anlage auf einer Halbinsel der Aggertalsperre. Forscher des frühen 20. Jh. hatten sie aufgrund ihrer annähernd rechteckigen Form als »Römerlager« bezeichnet, ohne über konkrete Hinweise auf die Datierung zu verfügen.

Gummersbach-Lieberhausen. Blick in einen Sondageschnitt durch den umlaufenden Wall der Anlage auf der Halbinsel der Aggerhalbinsel.


Aktuelle Ausgrabungen durch die Außenstelle Overath des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland erbrachten nun neue Erkenntnisse zum Bau der Wälle. Während das Material für den umlaufenden Wall bei Planierarbeiten gewonnen wurde, stammt das für den Vorwall verwendete vornehmlich aus dem vorgelagerten Spitzgraben. Auch die zeitliche Einordnung der Anlage war mithilfe von 14C-Datierungen möglich. Die Errichtung lässt sich in das Frühmittelalter (7.–10. Jh.) und die Aufgabe in das Hochmittelalter (11.–12. Jh.) datieren. Die Bezeichnung »Römerlager« ist somit als ein Relikt der langen Forschungsgeschichte zu verstehen und entspricht weder der tatsächlichen Nutzung noch der Zeitstellung. Erneut bestätigt sich hier, dass eine moderne Klärung der Datierung solcher Anlagen geboten ist, um die Besiedlungsgeschichte einer Region besser verstehen zu können.| N. Balkowski

Archäologie mit Sprengstoff

Für die Briloner Hochfläche im Hochsauerland ist ein ausgedehnter aktiver Bergbau auf Kalkstein charakteristisch. Durch den modernen Kalksteinabbau sind zahlreiche archäologische Fundstellen betroffen, die vor der Erweiterung der Steinbrüche ausgegraben werden müssen. Problematisch hierbei ist vor allem die archäologische Dokumentation von alten Bergbauspuren: Zahlreiche oberflächennah erkennbare Pingenzüge mit Halden sind die Relikte eines alten Abbaus von Erz. Er zielte auf ehemalige Hohlräume im Kalkstein ab, die mit eingespültem Lehm und Erzen verfüllt waren – so genannte Schlotten – und zumeist annähernd senkrecht in die Tiefe reichen. Dieser Bergbau konnte vor seiner Zerstörung bislang nur an der Oberfläche und wenige Meter in die Tiefe verfolgt und dokumentiert werden. 2018 bis 2019 gelang es nun exemplarisch in einem mehrstufigen und dem Bergbauvortrieb angepassten Dokumentationsverfahren, mehrere Pingenzüge bis auf ihre Sohle zu verfolgen. Zunächst erfolgte die Freilegung der Pingen und Halden.

Brilon. Freigesprengtes Profil im Steinbruch. Die Archäologen stehen am oberen und unteren Ende einer Schlotte.


Danach wurde mit einem Großbagger ein 5m hohes Profil quer durch den jeweiligen Pingenzug angelegt. Schließlich, nachdem der Steinbruchbetreiber das Profil abgetragen hatte, wurde die Sprengung des darunter liegenden Gesteins in Profilrichtung realisiert, wodurch die Endtiefe des Altbergbaus bis in über 20m dokumentiert werden konnte.| M. Zeiler

Kirche im Gemüsegarten

Die örtliche Geschichtswerkstatt und Pfarrer Christoph Beyer sammeln seit längerer Zeit Hinweise auf die erste Pfarrkirche im Kirchspiel Vlotho im Kreis Herford. Dabei wurden sie auf einen Gemüsegarten in Vlotho-Wehrendorf aufmerksam, in dem immer wieder menschliche Knochen und Bruchsteine zutage traten. Eine Grabung der LWL-Archäologie für Westfalen brachte Gewissheit, als der Bagger den Grundriss einer kleinen Kirche mit 16m langem und über 8m breitem rechteckigen Saal freilegte. Auch vom Fußboden haben sich Reste erhalten: Ein Bereich bestand aus senkrecht gesetzten Bruchsteinen, ein anderer aus waagerecht gelegten Steinen. Ältere Vorgängerbauten konnten nicht beobachtet werden, sodass es sich sehr wahrscheinlich um die erste Pfarrkirche auf dem heutigen Stadtgebiet von Vlotho handelt.

Eine jüngere Ausbauphase belegt ein innen an die Südwand angesetztes Pfeilerfundament, das von einer wahrscheinlich spätestens im 12. Jh. eingewölbten Decke stammt. Zu dieser Zeit wurde im benachbarten Valdorf eine neue Pfarrkirche errichtet. Dadurch verlor die Wehrendorfer Kirche an Bedeutung, sodass ein weiterer Ausbau ab diesem Zeitpunkt ausscheidet. Dennoch wurde die Kirche bis ins 18. Jh. instand gehalten und ihr Umfeld für Bestattungen benutzt. Erst 1828 wurde sie – damals bereits als Ruine – endgültig abgerissen.| S. Spiong

Vlotho-Wehrendorf. Fundamente von 1,2m Mächtigkeit gehörten zum Saal der ostwestlich ausgerichteten Kirche. Der Chor liegt heute unter einer angrenzenden Garage (links oben).


Der »schiefe Turm« von Vreden

Vreden war im Mittelalter eine überregional bedeutsame Stadt, was nicht zuletzt auf ein in karolingischer Zeit gegründetes Damenstift zurückgeht. 1389 errichtete Bischof Otto IV. zur Sicherung der Westgrenze des Fürstbistums Münster und zum weiteren Territorialausbau an der Stelle des heutigen Rathauses eine Burg. Nach der erfolgreichen Eingliederung der Herrschaft Ahaus in das Hochstift zu Beginn des 15. Jh. kennzeichnen vor allem ständig wechselnde Verpfändungen an verschiedene Besitzer die weitere Geschichte der Anlage. 1608 als bereits länger verfallen beschrieben, wurde die Burg 1699 durch die Errichtung eines Herrenhauses unter Verwendung alter Bausubstanz überprägt. Letztes dient heute als Rathaus der Stadt Vreden. Bereits 1970/71 fand man im Zuge der Rathauserweiterung Teile der vormaligen Anlage.

Vreden. Fundamentreste von Burgturm und Umfassungsmauer während der Ausgrabung.


Im Zuge von Tiefbauarbeiten konnten nun ergänzend die Fundamente eines annähernd quadratischen Turms der Burg freigelegt werden. Das zweischalige Mauerwerk hat sich bis in 2m Tiefe erhalten und ruht grabenseitig auf einer einfachen Holzkonstruktion. Statische Mängel, bedingt durch den sandigen Untergrund und mangelhafte Lastabtragung über einen geeigneten Pfahlrost, spiegeln sich in markanten Setzungsrissen. Dies erklärt wohl, warum in zeitgenössischen Karten die Bezeichnung »schiefer Turm« zu finden ist.| B. Grundmann, K.Wegener

Rheinland-Pfalz

Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz Direktion Landesarchäologie Festung Ehrenbreitstein 56077 Koblenz
Tel. 0261 6675-1534, Fax 0261 6675-4114
AiD-Korrespondent: Michael Schwab M.A.
michael.schwab@gdke.rlp.de

Römer im Bims

Beim Abbau vulkanischer Bimsablagerungen des Laacher See-Ausbruches wurde in der Gemarkung Ochtendung im Kreis Mayen-Koblenz oberhalb des Nette-Tales am Emminger Hof ein römischer Bestattungsplatz aufgedeckt und durch die Außenstelle Koblenz untersucht. Der Emminger Hof gehört zu den alten Hofanlagen der Vordereifel. Orte, die von der Vorgeschichte bis heute kontinuierlich besiedelt waren. Unter dem Areal ist seit längerer Zeit auch ein antiker Gutshof bekannt, der immer wieder bei Erdarbeiten angeschnitten wurde. Während des Abtrags einer bisher landwirtschaftlich genutzten Parzelle an der Südseite des Hofes, konnten ungewöhnlich reich ausgestattete Brandgräber aus der frühen und mittleren Kaiserzeit dokumentiert werden, die sicherlich zur römischen Villa an dieser Stelle gehören.

Eine quadratische Aschenkiste aus Tuff wurde unmittelbar unter dem Pflughorizont durch den Bagger freigelegt. Nach Abnahme des giebelförmigen Deckels zeigte sich der Inhalt vollkommen intakt und ohne eingeschwemmtes Sediment. Insgesamt neun Glasgefäße, drei Becher, eine Vierkantflasche, zwei rippenverzierte Gefäße, drei Balsamarien sowie ein Henkelkrug und ein Honigtopf aus Keramik lagen unversehrt im Inneren. Reste von feinem Gewebe auf der Oberfläche der Gefäße deuten darauf hin, dass die Beigaben in ein feines Tuch eingeschlagen oder damit überdeckt waren. Der Leichenbrand war in einem hölzernen Kästchen mit Bronzebeschlägen deponiert, das in der Mitte der Tuffkiste stand. Die Gefäße gruppierten sich ursprünglich um das Holzkästchen herum. Die Holzbretter waren in großen Teilen noch erhalten, sodass sich Struktur, Aufbau und Größe vollständig rekonstruieren ließen. Im Honigtopf waren zwei Fische als Speisebeigabe enthalten (s.u. »Eingelegte Makrelen«).

Dieses Ensemble wirkte verlagert. Das deutet darauf hin, dass die Platzierung der Grabbeigaben wohl erfolgte, als die Aschenkiste noch am Rand der Grabgrube stand. Beim Herablassen in die Grube fielen die Gefäße um und verrutschten. Nach erster Sichtung datiert die Bestattung in die Zeit um 100 n.Chr.

| A. v. Berg, M. Poschmann, E. Decker

Ochtendung. Nach dem Abnehmen des Deckels von der Aschenkiste werden die reichen Beigaben sichtbar.


Eingelegte Makrelen für das Totenreich

Die oben beschriebene römische Brandbestattung aus der Zeit um 100 n. Chr. bei Ochtendung enthielt ein Keramiktöpfchen mit gut erhaltenen Fischknochen, die sich als Überreste von Makrelen (Scomber sp.) bestimmen ließen. Das überraschte, weil dies kein in der Region vorkommender Süßwasserfisch ist. Offensichtlich handelt es sich um ein Importprodukt, das über große Entfernung in die Eifel transportiert und deshalb zuvor konserviert werden musste. Archäozoologische Hinweise deuten vermehrt darauf hin, dass eingesalzener Fisch aus dem Süden in die nördlichen Provinzen importiert wurde. Dies lässt sich insbesondere für das 1. und den Beginn des 2. Jh. belegen. Erhaltung und Anzahl der Knochen lassen im aktuellen Fall darauf schließen, dass zwei mehr oder weniger vollständige, vielleicht in Stücke geschnittene, relativ kleine Exemplare mit einer geschätzten Länge zwischen 19 und 23 cm in das Gefäß gegeben wurden. Die Schädelkapseln zeigen charakteristische Spuren: Es wurde jeweils der vordere Kopfbereich abgetrennt. Diese teilweise »Enthauptung « bewirkte ein schnelles Ausbluten der Makrelen und dadurch eine verbesserte Haltbarkeit. Es handelte sich bei der Grabbeigabe wohl um »salsamentum «, einen in Lake »marinierten« Fisch. Diese beliebte Fischzubereitung sollte, neben anderen Getränken und Speisen, das Wohlergehen im Totenreich sicherstellen und ist auch als Reminiszenz an den mediterranen Migrationshintergrund der verstorbenen Person zu werten.

| M. Poschmann; A. v. Berg

Ochtendung. Knochen von Makrelen aus einem Topf in der Aschenkiste. In der Mitte die manipulierten Schädelkapseln.


Saarland

Landesdenkmalamt Bodendenkmalpflege Am Bergwerk Reden 11 66578 Schiffweiler
Tel. 0681 501-2485
w.adler@denkmal.saarland.de
AiD-Korrespondent: Prof. Dr. Wolfgang Adler

Bronzezeitlicher Meißel bei römischer Villa

Bei den Ausgrabungen in der römischen Großvilla von Borg, Gemeinde Perl, Kreis Merzig-Wadern, traten auch wichtige vorgeschichtliche Funde und Befunde zutage. Neben Befunden der ausgehenden Spätlatènezeit, die zu einem hölzernen Vorgänger der römischen Phasen gehören, sind ein Grab der Kupferzeit sowie eine Gräbergruppe der späten Bronzezeit (Urnenfelderzeit) zu nennen. Gleichzeitig mit dieser kleinen Nekropole ist das hier vorgelegte Fundstück: ein Bronzemeißel, der rund 700 m von den Gräbern entfernt, wenig außerhalb der römischen Großvilla, bei Anlage eines neuen Besucherparkplatzes entdeckt wurde. Der Einzelfund stammt aus einem Bereich, der dicht von römerzeitlichen Befunden umgeben war. Ob das Werkzeug bereits in der Bronzezeit dorthin gelangte oder erst in der römischen Kaiserzeit, lässt sich nicht sagen. Zweifellos ist es aber in die Bronzezeit zu datieren, sehr wahrscheinlich an deren Ende. Datierbare Gegenstücke liegen beispielsweise aus den urnenfelderzeitlichen Hortfunden von Crévic (Frankreich, Lothringen) und Reitnau (Schweiz, Kanton Aargau) vor. Der lanzettförmige bronzene Meißel ist 16,3 cm lang und 72 g schwer; die Breite der Schneide beträgt nur 9 mm. Das Werkzeug hat einen massiven, unregelmäßig facettierten Griff. Die Oberfläche wurde nach dem Guss mit dem Treibhammer überarbeitet, die noch immer scharfe Schneide ausgehämmert und fein überschliffen. Es sind keine Gebrauchsspuren erkennbar. Im Gegensatz zu der Masse der spätbronzezeitlichen Meißel hat das Gerät keine Tülle mit einer Schlagfläche aus Holz, die bei Bedarf leicht erneuert werden konnte. Vermutlich handelt es sich um ein Gerät zur Metallbearbeitung, z.B. zum Abschroten von Gussnähten. Der Meißel kam in der Flur »Auf Schiffels «, Gemarkung Oberleuken, zutage, wo eine römische Fernstraße und eine Herberge samt Nebengebäuden lagen.

Oberleuken. Beim Archäologiepark »Römische Villa Borg« fand sich ein Meißel aus Bronze, Länge 16,3 cm.


Bronzezeitliche Befunde sind von dort nicht bekannt. Ein so wertvolles, massives, schweres und zudem neuwertiges Werkzeug wäre in einer Siedlung ohnehin ungewöhnlich. Dort wurden Werkzeuge in der Regel benutzt und, sobald unbrauchbar geworden, eingeschmolzen. Ihr Metallwert muss beträchtlich gewesen sein. Geräte ohne Gebrauchsspuren findet man dagegen regelmäßig in Horten oder Gewässerdeponierungen. Der Meißel war vermutlich absichtlich verborgen worden, nach der Patina in der Erde, entweder als Einzelstück oder zusammen mit anderen Bronzen. Der ursprüngliche Fundzusammenhang dürfte jedoch bereits in römischer Zeit zerstört worden sein.| W. Adler

Sachsen

Landesamt für Archäologie Sachsen Zur Wetterwarte 7 01109 Dresden

Tel. 0351 8926-199, Fax 0351 8926-666
www.archaeologie.sachsen.de
info@lfa.sachsen.de
AiD-Korrespondent: Dr. Hans-Peter Hock

Vor 3000 Jahren – Gräben gliedern die Siedlungslandschaft

Bei Ausgrabungen im Rahmen der Sanierung einer Ferngasleitung bei Kitzen im Landkreis Leipzig wurden einige jüngstbronzeitliche Grabenabschnitte freigelegt. Hervorzuheben ist ein besonders eindrucksvolles 4,8 m breites Grabenstück, das von Nordnordwesten nach Südsüdosten orientiert war und das auf einer Länge von 25 m in der Trasse verfolgt werden konnte. Der im Querprofil trichterförmige Graben erreichte eine Gesamttiefe von etwa 1,8 m gemessen vom Baggerplanum.

Kitzen. Auf der Sohle des Grabens (links) lagen besonders viele bronzezeitliche Funde.


Aus der Verfüllung wurden über 2000 Keramikfragmente, sehr viel Rotlehm, zahlreiche Tierknochen, mehrere Reib-, Schleif- und Klopfsteine sowie über ein Dutzend Silexartefakte geborgen. Etwa einen halben Meter über der Sohle des Spitzgrabens lag eine besonders fundreiche Schicht mit massiven Holzkohlebeimengungen. Bereits im Jahr 1999 waren mehrere ähnliche Gräben ungefähr 300 m nördlich bei Ausgrabungen im Vorfeld des Baus der Bundesautobahn 38 entdeckt worden. Der besonders massive Graben bei Kitzen bildet somit einen weiteren Teilabschnitt eines kilometerlangen, weit verzweigten Grabensystems, das die Landschaft, die am Ende der Bronzezeit offensichtlich dicht besiedelt war, weiträumig gliederte.

Chemnitz. Bronzering mit eingepunztem »X« aus Schichten des 13./ 14. Jh. Neben der persönlichen Bedeutung für den Besitzer hatte dieser Ring auch einen gewissen materiellen Wert.


Während viele dieser sogenannten »pit alignements« – Grubenreihen, wie sie nach englischen Befunden genannt werden, – nahezu fundleer sind, ist bei dem durchgehenden Grabenstück von Kitzen die Vielzahl der Fundobjekte auffallend. Dies ist als Hinweis dafür zu werten, dass in der unmittelbaren Nähe des Grabenabschnitts eine zeitgleiche Siedlung existiert haben muss.| M. Dalidowski

Ein herber Verlust?

Von Sommer 2018 bis Frühjahr 2019 fanden in Chemnitz an der Bahnhofstraße archäologische Grabungen statt. Das 5700m2 große Areal lag außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern in der ehemaligen Johannisvorstadt und direkt neben dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz.

Kitzen. Das Profil (rechts) zeigt: Es handelt sich um einen Spitzgraben.


Das Befundbild wurde von Arbeitsbzw. Vorratsgruben, Pfostenlöchern, Brunnen und Latrinen sowie Schmelz- und Töpferöfen der feuergefährlichen Gewerke geprägt, die eine kontinuierliche Nutzung des Geländes ab dem 13. Jh. belegten. Die Stadt wurde spätestens im ausgehenden 12. Jh. im Auenbereich des Flusses Chemnitz errichtet, in den außerdem von Osten noch der Gablenzbach mündete. Das Grabungsareal lag also inmitten eines großen Schwemmfächers, der sich eindrucksvoll anhand fluviatil abgelagerter Kiese und nacheiszeitlicher Auelehme abzeichnete. Zwei Überschwemmungshorizonte des 14. und 16. Jh., welche die Bebauung zerstörten und damit in weiten Teilen versiegelten, belegen gravierende periodische Hochwasserereignisse auch nach Einsetzen der Siedlungstätigkeit. Aus einem Fundhorizont des 13./ 14. Jh. stammt ein kleiner Bronzering, auf dessen Schmuckplatte sich schwach die Linien einer Gravur – möglicherweise einer Blütenrosette – abzeichnen. Auf den Schultern zeigt das Schmuckstück je ein von Doppellinien gerahmtes eingepunztes »X«. Bei dem Objekt handelt sich um einen typischen Verlustfund. Was für den ehemaligen Träger ein Kümmernis gewesen sein mag, ist für die sächsische Archäologie ein seltener Glücksfall.| S. Schöne

Sachsen-Anhalt

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landes museum für Vorgeschichte Richard-Wagner-Straße 9 06114 Halle (Saale)
Tel. 0345 5247-30, Fax 0345 5247-351
www.lda-lsa.de
poststelle@lda.stk.sachsen-anhalt.de
AiD-Korrespondentin: Manuela Schwarz M.A.

Altsteinzeitliche Funde aus dem Eis?

Bei Haldensleben findet man seit 2017 abgerollte, patinierte Feuersteinartefakte, wie sie sonst nur in pleistozänen Flussschottern bei Kiesabbau oder im Braunkohletagebau auftreten. Hier werden sie nun auf einer Ackerfläche ausgepflügt und auf der geologischen Karte bezeichnet als »Bildung der vorletzten (Saale)Eiszeit, Sand, meist trocken, z.T. auf […] Geschiebemergel «. Das ist ungewöhnlich: Sandstraten entstanden auf Moränen bei Gletscherschmelzen inmitten einer lebensfeindlichen eiszeitlichen Umwelt. Ein einzelner bearbeiteter Stein aus einer älteren Klimaperiode mag umgelagert »überlebt« haben – das Auftreten von über 130 Stücken auf engem Raum spricht aber gegen diese Umlagerung.

Haldensleben. Schaberartiges Abschlaggerät mit »Clactonbucht-Retusche «: Oben die Rückseite, unten die Unterseite. Breite 6,2 cm.


Lübs. Vergoldete Schmuckscheibe des 12./ 13. Jh. Durchmesser 3,4 cm.


Die Abschläge – Kernsteine und Geräte sind selten – zeigen Merkmale, die sie zwischen die »altpaläolithischen« Funde aus der Kiesgrube Wallendorf bei Halle und die »mittelpaläolithischen« vom Faustkeilfundplatz Markkleeberg bei Leip zig platzieren. Beide gehören in die Saale- Eiszeit, von der wir dank neuer Datierungen mitteldeutscher Steinzeitstationen durch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig wissen, dass sie vor etwa 400000 Jahren begann und rund 270000 Jahre dauerte – und damit doppelt so lange wie die ganze Weltgeschichte danach bis zum heutigen Tag.

Es gab mehrere Kalt- und Warmphasen, bei denen sich Eis und Mensch in der Landschaft abwechselten. Künftige geologische Forschungen sollen zeigen, wohin innerhalb dieses langen Zeitraumes die Neufunde gehören. So liefern sie einen Beitrag zur Geschichte der frühen menschlichen Expansion in »polnahe« Gebiete der nördlichen Hemisphäre.

| Ch.Waldenheim, Th.Weber

Fabelwesen am Pferdegeschirr

Bei Oberflächenbegehungen auf einem Höhenzug am Niederungsrand der Elbe bei Lübs im Jerichower Land wurde eine Schmuckscheibe mit romanischer Durchbruchzier aus dem 12./ 13. Jh. geborgen. Das Stück hat einen Durchmesser von 3,4 cm und besteht aus Buntmetall mit vergoldeter Schauseite. Die Durchbruchzier wurde durch Ausschneide- und Treibearbeiten hergestellt. Eine Hängevor richtung ist nicht vorhanden bzw. abgebrochen.

Dargestellt ist ein im Kreis gefasstes, nach rechts schreitendes vogelartiges Fabelwesen mit zwei tatzenförmigen Füßen und nach hinten geworfenem Kopf. Auge, Flügel und Zehen sind durch Gravuren angedeutet, die die plastische Wirkung der einzelnen, leicht gewölbten Teile verstärken. Daneben zeigt sich Rankenwerk: Vom umlaufenden schmalen Reifen aus legt sich eine Schlinge um den Hals des sich windenden Geschöpfs, eine andere ergreift die Schwanzpartie. Das im mittelalterlichen Verständnis für das Böse stehende Fabelwesen ist somit im Ring und in den Ranken der Schmuckscheibe gefangen und seine Kraft damit gleichsam gebannt.

Buchillustrationen, Ritteraquamanilen und überliefertes Zaumzeug belegen, dass durchbrochene Zierscheiben wie die von Lübs als Pferdegeschirrbestandteile fungierten. Sie waren meist am Brust-, Kopf- oder Schweifgeschirr befestigt und dienten dem sozialen Repräsentationsbedürfnis des Besitzers eines wertvollen Reitpferdes. Auch hatten sie wohl eine apotropäische, also Unheil abwehrende Funktion.

| D.Wehner

Schleswig-Holstein

Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein Schloss Annettenhöh Brockdorff-Rantzau-Str. 70 24837 Schleswig
Tel. 04621 387-34
AiD-Korrespondentin: Birte Anspach M.A. birte.anspach@alsh.landsh.de Lübeck: Hansestadt Lübeck Der Bürgermeister Bereich Archäologie und Denkmalpflege Meesenring 8 23566 Lübeck
Tel. 0451 122-7154
archaeologie@luebeck.de
AiD-Korrespondent: Dr. Manfred Schneider

Lübeck. Maschinenfundament aus Backstein und Zementmörtel mit Eintiefungen unbekannter Funktion von einer modernen, industriellen Produktionsstätte. Hier, im Herzen der Altstadt, wurde bis 1942 Marzipan hergestellt.


Zwei Dirham aus Ostholstein

Im Rahmen des Projekts »Feste Fehmarnbeltquerung « wird seit 2017 die Schienentrasse archäologisch erforscht. Bei einer Siedlungsgrabung in Heringsdorf im Kreis Ostholstein wurden mit dem Metalldetektor zwei außergewöhnliche Silbermünzen gefunden. Es handelt sich um Bruchstücke islamischer Dirham: Offenbar wurden sie bewusst zerbrochen, da hier nur der Silberwert galt; solche Bruchstücke bezeichnet man als Hacksilber. Ein Dirham wurde unter Hârûn ar-Rashîd (786– 809 n.Chr.) geprägt. Er entstand zwischen Oktober 803 und Dezember 805 im heutigen Schahr-e Rey bei Teheran. Der zweite Dirham stammt aus dem Randbereich des islamischen Einflussgebiets; er wurde in der Mitte des 10. Jh. im Gebiet der Wolga-Bulgaren unter Mikā’īl b. ğa’far in Bulġār geprägt, heute autonome Republik Tatarstan, Russland. Die Münzen wurden von Lutz Ilisch und Sebastian Hanstein in Tübingen bestimmt.

In diesem Zusammenhang ist ein Schatzfund des späten 10. und frühen 11. Jh. aus Heringsdorf von Interesse, steht er doch in zeitlicher Nähe zu den jetzt gefunden Münzen. Obwohl Heringsdorf in der slawischen Region Wagrien liegt, fehlen auf der Grabung slawische Befunde, stattdessen wurde der Randbereich einer eisenzeitlichen Siedlung erfasst. Dennoch stehen die Funde sicher im Zusammenhang mit der slawischen Periode und zeigen, dass die weitreichenden Handelsbeziehungen, wohl über viele Stationen, islamische Münzen nach Ostholstein brachten.

Während der ältere Dirham an den Beginn einer Periode intensiven Handels zwischen islamischer und europäischer Welt datiert, markiert der zweite das Ende dieser Beziehungen. Die Handelsströme wurden in der Mitte des 10. Jh. durch Kriege und Konflikte wieder gestört. Da die Münzen teils sehr lange Umlaufzeiten hatten, können allerdings keine Aussagen über die Zeit der Deponierung getroffen werden. In unmittelbarer Nähe führt heute eine Bundesstraße von Grömitz nach Heiligenhafen. Sehr wahrscheinlich bestand diese Landverbindung schon im Mittelalter, möglicherweise gingen die Münzen im Zusammenhang mit diesem Weg verloren.| M. Kühlborn

Heringsdorf. Zwei Dirham aus der islamischen Welt. Die Silbermünzen wurden absichtlich zerteilt. Als Zahlungsmittel diente nur der reine Metallwert, so genanntes Hacksilber. Größte Breite der Bruchstücke ca. 1 bzw. 1,5 cm.


Holzkeller und Marzipan

Anlässlich eines geplanten Tiefgaragenbaus wurde das Parkplatzareal an der Ecke Braunstraße/ Einhäuschen im Bereich des Lübecker Gründungsviertels im Juni 2019 archäologisch untersucht. Die angrenzenden Parzellen waren von 2009 bis 2016 Gegenstand umfangreicher Ausgrabungen, die neue Erkenntnisse zur Siedlungsgeschichte der Hansestadt erbrachten.

Das alte Grundstück Braunstraße 34 wies im Mittelalter die klassische Bebauung mit einem zurückliegenden Holzkeller auf, der wohl im 13./ 14. Jh. von einem giebelständigen Vorderhaus aus Backstein überbaut wurde. Im hinteren Grundstücksbereich befand sich vermutlich bis ins Spätmittelalter noch ein Hof, der Platz für unerlässliche Einrichtungen in Form einer Backsteinkloake mit einem Durchmesser von 3,6 m bot. In der Neuzeit wurde das Vorderhaus nach Norden erweitert und der Hofbereich zu Gunsten eines Kellerraumes aufgegeben. Weitere prägende Einschnitte brachten die Um- und Einbauten zu einem modernen Fabrik - gebäude nach 1872 mit sich. Der Katasterplan von 1895 deutet an, dass zumindest der hintere Kellerraum Ende des 19. Jh. jedoch wieder aufgegeben und erneut als Hof genutzt wurde. Im Vorderhaus zeugt ein massives, aus Backsteinen und Zementmörtel gemauertes Maschinenfundament von einer industriellen Nutzung des Hauses. Ab 1911 war dieses im Besitz eines Unternehmens, das bis heute auf Backbedarf spezialisiert ist. Das Fundament diente als Unterbau für Maschinen, die Marzipan, Persipan und Nougat herstellten, die ab 1933 im Sortiment geführt werden, eine Tradition, die in Lübeck bis heute anhält. Mit der Bombardierung der Stadt 1942 im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude auf dem Grundstück beschädigt und wohl spätestens mit dem Bau der Schulen in der Nachkriegszeit abgebrochen. Die Keller wurden verfüllt und die Fläche mit einer Asphaltdecke versiegelt.

| L. Schulten

Thüringen

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AiD-Korrespondentin: Julia Raasch-Bertram M.A.

Gerber, Färber und Spitäler

Auf dem Inselplatz in Jena werden vor der Erweiterung des Universitätscampus seit April 2018 großflächige Grabungen durchgeführt. Das Areal liegt direkt nördlich der für die Stadtgründung wichtigen Furt über die Saale. Insbesondere ein im Kern während des 17. und 18. Jh. angelegtes Wohn- und Handwerksviertel wurde im westlichen Teil freigelegt, dessen Bewohner vor allem Gerberei betrieben. Die ehemals parallel zu einem 1938 zugeschütteten Saalearm verlaufende Gerbergasse kam ebenso wie die angrenzenden Hofparzellen wieder zutage. Aufgrund der Nähe zum Fluss ließ sich eine außergewöhnlich gute Erhaltung organischen Materials beobachten, die eine detaillierte Dokumentation zahlreicher technischer Anlagen, vor allem von Gerberbottichen, ermöglichte. Diese teilweise mehr als 5000 l fassenden Behälter wurden in dichter Reihung in den Häusern sowie den zugehörigen Hofarealen angetroffen.

Jena. In den Gerber - häusern standen dicht an dicht Holzbottiche.


Jena. Großer Holzbottich um 1675, datiert mittels Jahrringen.


Darüber hinaus konnte die historisch überlieferte Entstehung der östlichen Vorstadt zwischen zwei Saalearmen durch die Entdeckung spätmittelalterlicher Bebauung am Südostrand des Platzes nun auch archäologisch belegt werden. Mächtige Sedimentpakete über den ersten Siedlungs schichten sind Zeugnis von gewaltigen Überschwemmungen, die den Vorort mehrfach zerstörten. Von den noch laufenden Untersuchungen wird insbesondere eine Klärung der Frage erwartet, ob die spätmittelalterlichen Überreste in Verbindung mit den Spitälern zu St. Nikolaus und zu St. Maria Magdalena zu bringen sind. Das Männerspital mit Kapelle wurde nach Aussage schriftlicher Quellen im Jahr 1353 vor das Saaletor verlegt, jedoch vermutlich bereits in den 1980er Jahren größtenteils undokumentiert bei der Errichtung eines Kaufhauses zerstört.

| R. Knechtel, T. Schüler

Reihengräber der Aunjetitzer Kultur

Wegen der Erweiterung des Wohngebietes »Auf dem Keßlinge« auf einem spornartigen Rücken am Rand von Ettersburg bei Weimar führte das Landesamt bis Juli 2019 Ausgrabungen durch. Bereits 2016 konnten dort jungneolithische Siedlungsbefunde und der 50 m lange Abschnitt eines gleichzeitigen Erdwerkes erfasst werden. (4400–3500 v.Chr.). Vom Erdwerk konnten nun weitere 130m dokumentiert werden. Der von Nordosten nach Südwesten verlaufende Graben ist bis 2m breit und reicht 1,8m unter die Oberfläche. Dazu gehören Pfostenstellungen, Gruben sowie zwei etwa 8m lange parallele Gräben, ebenfalls von Nordosten nach Südwesten. Gefunden wurden Gefäßreste mit breiten Bandhenkeln und tief gestochenen Ornamenten, die parallele Linienbänder bilden, sowie Feuersteinartefakte und Knochenpfrieme.

Ettersburg. Bestattung der Aunjetitzer Kultur. Das Skelett ist trotz der geringen Befundtiefe gut erhalten.


Der Fokus lag jedoch auf einem frühbronzezeitlichen Bestattungsplatz der Aunjetitzer Kultur. 15 Gräber, darunter eine Doppelbestattung, waren nordsüdlich orientiert. Die Bestatteten lagen mit angezogenen Beinen auf der rechten Seite, der Kopf im Süden mit Blick nach Osten. Eine gruppenweise Anordnung mit zwei bis drei Individuen lässt familiäre Bande erwägen, über die genetische Untersuchungen Aufschluss geben werden. Starke Erosionsvorgänge sind vermutlich die Ursache der geringen Grabtiefe von teils nur 30 cm unter der Humusoberkante. Trotzdem ist die Erhaltung der Skelette bei Erwachsenen und Kindern außergewöhnlich gut. Obwohl Metallfunde fehlen, ist die Ausstattung der Gräber bemerkenswert mit bis zu fünf Keramikgefäßen, darunter die typische Aunjetitzer Henkeltasse, Becher, Krug, Schüssel und Teller.

Zwei männliche Bestattungen fallen etwas aus dem Rahmen: Einer wurde ohne Beigaben bestattet, der andere ohne Keramik, dafür aber mit fünf Pfeilspitzen, zwei Schabern, einem Feuersteinbeil, einem Eberzahnmesser, einem Knochenpfriem und einem Knochenwerkzeug zur Bearbeitung von Feuerstein.| A. Mayer