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Zwischen Luxusgut und Massenware


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 22.02.2019

Wendl ruft in Rudolstadt eine Sammlung mit über 300 Snuffbottles auf


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2019

Die kleine Auswahl an Snuffbottles zeigt die enorme Vielfalt an Farben, Formen und Materialien


Man kann einen „Gerhard Richter“ für mehrere Millionen erwerben. Aber man kann ihn auch bereits für weniger als 1000 Euro ersteigern. Für einen japanischen Farbholzschnitt können 1 Million Euro notwendig sein – oder nur zwei-, dreihundert. Solche Preisdifferenzen sind weder bei westlicher noch bei fernöstlicher Kunst ungewöhnlich. Das sehr spezielle Genre der chinesischen Snuffbottles bildet da keine Ausnahme. 25,3 Millionen Hongkong-Dollar (ca. 2,4 Millionen Euro) kostete im November 2011 das bislang teuerste Exemplar bei Bonhams in Hongkong. Das gläserne Fläschchen aus der Zeit des Kaisers Qianlong (1735 – 1796), mit dem Bildnis einer jungen Europäerin bemalt, ist eine besondere Rarität. Deshalb der ungewöhnliche Preis. Denn selbst fünfund sechsstellige Zuschläge bleiben eher die Ausnahme, während vierund vor allem dreistellige die Regel sind. Wobei die großen Häuser nur recht ungern Objekte akzeptieren, die weniger als 1000 Dollar oder Pfund einzubringen versprechen. Das zeigte sich bei Christie’s am 14. Februar in London, wo insgesamt 73 Snuffbottles deshalb gebündelt zu zwölf Losen mit bis zu zehn Exemplaren aufgerufen wurden. Lediglich zwei – eine aus Jadeit, die andere aus zweifarbigem Rauch-Bergkristall – durften mit einer Taxe von 2000 Pfund als Solisten agieren.

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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2019

LIMIT 240 € Snuffbottle, Pfirsich mit Hörnchen, Elfenbein, sign., H. 4,5 cm


Die Fläschchen sind aus allen nur denkbaren Materialien gefertigt


Das Kunst-Auktionshaus Wendl im thüringischen Rudolstadt teilt solche Bedenken nicht. Das verrät der Katalog zum 28. Februar, in dem die ersten 100 Losnummern – teils einzeln, teils zu Konvoluten von bis zu 19 Exemplaren gebündelt – mehr als 300 Snuffbottles umfassen. Die Limits bewegen sich jedoch in einem Rahmen, für den „erschwinglich“ keine Übertreibung ist: Das Ganze beginnt bei 80, 90 Euro und endet mit fünf Beispielen, für die 240 Euro angesetzt wurden: Mit diesem Limit werden zwei Snuffbottles der Qing-Zeit aufgerufen (eine „Schildkröte“ aus weißer Jade und ein „Kürbis“ aus Nephrit-Jade), ferner eine gläserne Flasche aus dem frühen 19. Jahrhundert (bei der aus dem roten und schwarzen Überfang ein Angler geschnitten wurde, Abb.), eine rot und golden bemalte „Zikade“ aus Porzellan, die in der Zeit der Republik (nach 1911) entstand, sowie ein „Pfirsich“ aus Elfenbein, auf dem drei Hörnchen sitzen (Abb.).

Denn diese Schnupftabak-Flaschen, selten größer als acht Zentimeter, sind aus allen nur denkbaren Materialien gefertigt. Neben Jade, Glas und Kupfer mit Emailmalerei dienen dazu auch Achat, Speckstein, Karneol, Jaspis oder Koralle, Lack, Bernstein und Elfenbein. In der Sammlung, die Wendl versteigert, finden sich außerdem zwei Snuffbottles aus Kamelknochen (Limit 120 Euro) und eine aus Walnuss. Die Formen reichen von schlichter Einfachheit bis zu kunstvollen Steinund Glasschnitten. Bei denen wird besonders geschätzt, wenn die verschieden getönten Schichten oder Einschlüsse ornamental einbezogen und so – wie beim Gemmenschnitt – mehrfarbige Landschaften oder Figuren herausgeschliffen werden. Hoch angesehen ist außerdem die Kunstfertigkeit, die Innenseiten der kleinen Glasflaschen mit Szenen oder Texten zu bemalen.

Tabak lernte China im frühen 17. Jahrhundert wahrscheinlich durch die Portugiesen kennen. Anfangs wurde er geraucht und blieb als exklusiver Genuss wie als distinktives Ritual den Beamten am Hofe und den Literati vorbehalten. Gegen Ende der Ming-Dynastie (1637) sollte damit dann Schluss sein. Mehrere kaiserliche Dekrete verboten Tabak als „die Lungen zerstörend und das Blut verderbend“. Mit geringem Erfolg, denn inzwischen waren Tabakpflanzen nach China eingeführt und heimisch geworden. Unter den Qing (seit 1644) bürgerte sich – durch den Import europäischer Kaufleute in Kanton – dann der Schnupftabak ein. Angeblich half er gegen Migräne, Kopf-und Bauchschmerzen, aber auch gegen Malaria, Cholera und Insektenstiche. Und weil Medizin in Fläschchen aufbewahrt wurde, kamen für den Schnupftabak die Snuffbottles in Mode – oft als ein Recycling normaler Medizinfläschchen avant la lettre. Zugleich entstanden teure Kunststücke, die der Kaiser als Auszeichnung verschenkte. In der Mongolei ist es noch heute vielfach üblich, zum (Mond-)Neujahr beim Besuch eine Snuffbottle (Khuurug) als Geschenk zu überreichen.

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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 3/2019

LIMIT 240 € Snuffbottle, Überfangglas, geschnitten, frühes 19. Jh., H. 9,5 cm


Wer sich auf das Sammeln von Snuffbottles einlässt, wagt sich in ein schwer durchschaubares Labyrinth von Luxusgut und Massenware. Er kann sich auf bestimmte Motive konzentrieren – beispielsweise auf Tiere oder Früchte. Er kann der Vielfalt der Formen Tribut zollen – und etwa die beiden Snuffbottles aus Schildpatt erwerben, einen Polyeder mit 14 Flächen und eine Doppelflasche mit quadratischen Grundrissen (Limit zusammen 80 Euro). Oder ihn reizt es, dem Reichtum der Materialien zu huldigen. Die Sammlung Wachter, die Wendl versteigert, geizt mit keinem Genre. Sie verzichtet auf strenge Kategorien und spiegelt stattdessen ein Repertoire der Möglichkeiten, das Gängiges genauso wenig verachtet wie Ausgefallenes. Das kann eine bestechend schlichte Flasche der Qing-Zeit aus Gagat sein (Limit 120 Euro) oder ein höchst ungewöhnliches Fläschchen, nur 6,5 Zentimeter groß, das aus Achat wie ein Inrō gestaltet wurde (Limit 150 Euro) oder, gerahmt von zwei Elefantenköpfen mit schwarz eingelegten Augen, eine Elfenbein-Bottle mit beiderseits erotischen Szenen (Limit 50 Euro). Jedenfalls muss, wer solch eine hübsche Kleinigkeit ersteigert, nicht – wie bei jeder Packung mit „aecht altbayerischem Schmalzler“ – ein Etikett darauf kleben, das warnt: „Dieses Tabakerzeugnis schädigt Ihre Gesundheit und macht süchtig“. Obwohl: süchtig können Snuffbottles durchaus machen, sammelsüchtig.

WENDL Rudolstadt, Auktion 28. Februar bis 2. März, Besichtigung 23. – 27. Februar


Abb.: Wendl, Rudolstadt

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