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Zwischen Paris und Berlin


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tip Berlin TV & Streams - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 24.05.2022
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Als der Kulturkanal ARTE am 30. Mai 1992 auf Sendung ging, war das erklärte Ziel, der deutsch-französischen Freundschaft neuen Schwung zu verleihen. Und damit auch die europäische Idee voranzutreiben. Auf die blickte man damals bekanntermaßen mit größerem Optimismus. Noch im gleichen Jahr wurde der Maastricht-Vertrag unterschrieben, das Vertragswerk, auf dem die Europäische Union beruht.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte wohl kaum jemand, wie sehr das Projekt der europäischen Integration 30 Jahre später unter Beschuss stehen würde – politisch, wenn man auf Rechtspopulist:innen allerortens blickt, auf den Brexit oder nach Ungarn oder Polen.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist das mit dem Beschuss leider zudem ganz wörtlich zu verstehen.

Mitterand und Kohl

Das Prestigeprojekt, mit dem sich die damaligen Regierungschefs François Mitterrand und Helmut Kohl gerne schmückten (auch wenn man sich zumindest im Fall des ollen Pfälzers schwer vorstellen mag, dass er mit Vergnügen ARTE guckte; die Programmgestaltung sollte sich bald als im guten Sinne abseitig erweisen), war dies- und jenseits des Rheins durchaus umstritten, gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen. Finanziert wird der Sender bis heute größtenteils durch Rundfunkgebühren. Der Marktanteil liegt derzeit bei 1,1 Prozent in Deutschland. In Frankreich ist er zwei- bis dreimal so hoch.

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?Wild Republic? (li.) ?Flee? (ganz oben), ?Europa. Kontinent im Umbruch?

Auch wenn ARTE nie auf die Quote schielen musste, leicht machte es sich der Sender nicht. Statt sich in einer Bildungsbürger-Nische einzurichten, fand man Wege, leichte Themen intelligent aufzubereiten.

Und umgekehrt. Auch die Herausforderung, Europa zu erklären, hat ARTE angenommen, anfangs zögerlich, seit ein paar Jahren mit Schwung, etwa bei dem breit aufgestellte Reportagemagazin „ARTE Re:“, das so unaufgeregt wie nüchtern in schon so manchen Abgrund blickte.

Als gute Idee erwies sich, nicht auf Talkshows zur politischen Meinungsbildung zu setzen. Die glänzen im Programm ebenso durch Abwesenheit wie eine Sportberichterstattung. Mittlerweile läuft das Programm mit polnischen, italienischen, spanischen und englischen Untertiteln, vier Fünftel der Europäer:innen können ARTE in ihrer Muttersprache verfolgen.

Jubiläumswoche

Seine Nische konnte der Sender auch dadurch behaupten, dass die Verantwortlichen beizeiten verstanden, wie unausweichlich der digitale Wandel ist. Das Zusammenwachsen klassischer TV-Formate mit neuen Medien gingen sie vergleichsweise beherzt an.

Als erster Sender stellt ARTE Abrufvideos bereit. Heute ist man unter anderem auf Youtube präsent, mit bemerkenswerten Zugriffszahlen. 2019, noch bevor die Pandemie alle aufs Sofa zwang, gab es eine Milliarde Abrufe im gesamten digitalen Bereich. Die Mediathek ist zu einer Plattform geworden, auf der sich nicht nur Erhellendes findet. Sie besitzt auch mehr Unterhaltungswert als so mancher Streaminganbieter: Popkultur in Form von Dokus oder sehenswerter Eigenproduktionen von ARTE concerts; Serien aus europäischer Produktion; Arthouse-Kino.

All das, was ARTE ausmacht, gibt es anlässlich der Jubiläumswoche in verdichteter Form. Neben Publikumslieblingen der letzten Jahre ist dabei durchaus Neues zu entdecken. Die Reihe „Nachbarschaftsgeschichten: Paris/ Berlin“ zum Beispiel beleuchtet, was die Metropolen trennt und verbindet – und an welchen Stellen die stete Konkurrenz produktive Folgen hatte. Zurück in düstere Zeiten blickt Volker Schlöndorffs Drama „Diplomatie“ von 2015: auf die Nacht im August 1944, als die Alliierten vor den Toren von Paris standen und Hitler den Befehl gab, die Stadt zu zerstören. Das intensive Kammerspiel rekonstruiert, wie der schwedische Konsul Raoul Nordling beim deutschen Stadtkommandanten General von Choltitz interventierte.

Zudem lockt das Bingewatching: Über die Serie „Wild Republic“, ein Thriller um eine Gruppe jugendlicher Delinquenten, die in den Alpen resozialisiert werden sollen, haben wir schon im letzte Heft ausführlich berichtet. Darüber hinaus präsentiert der Sender eine neue Eigenproduktion: „Europa.

Kontinent im Umbruch“. In Anbetracht des permanenten Krisenmodus, in dem wir uns befinden – nicht erst seit Corona und dem Krieg in der Ukraine – stand die Doku-Reihe vor der Herausforderung, Schwerpunkte immer wieder neu zu justieren. Fragen, wie die Energiewende zu wuppen ist oder wie die agrarische Zukunft aussehen könnte, haben durch die Auswirkungen des Krieg eine noch größere Dringlichkeit bekommen. Doch auch um das Transportwesen, um Reisefreiheit oder die Digitalisierung soll es gehen – aus Perspektive derer, die an und mit konkreten Lösungen arbeiten.

Eine bewegte Geschichte erzählt der animierte Dokumentarfilm „Flee“, der auf einer wahren Geschichte beruht. Amin kam im Alter von 16 Jahren aus Afghanistan nach Dänemark – allerdings unter anderen Umständen, als der unbegleitete Geflüchtete vorgab, um in dem Land bleiben zu können.

Mittlerweile lebt er ein erfolgreiches Akademikerleben zwischen den USA und Europa. Richtig angekommen ist er jedoch nie; was wohl auch mit den schwarzen Löchern in seiner Vergangenheit zu tun hat. Unter denen leidet nicht zuletzt die Beziehung zu seinem Freund. So entschließt sich Amin, seinem Jugendfreund, dem Filmemacher Jonas Poher Rasmussen, die ganze Geschichte zu erzählen. Herausgekommen ist eine bemerkenswerte, minimalistische Animation, für die es zahlreiche Preise und Nominierungen gab – unter anderem für drei Oscars.

So bleibt nur zu sagen: Alles Gute, ARTE!

Neben dem Interrail-Ticket ist der Sender die wohl schönste Entdeckungstour, die die europäische Zusammenarbeit hervorgebracht haben. Auf weitere 30 Jahre!

Nachbarschaftsgeschichten: Paris/Berlin Sendung ab 28.5., 7.30 Uhr, in der Mediathek 28.5. bis 27.7.

Diplomatie Sendung am 27.5., 20.15 Uhr, in der Mediathek 27.5. bis 3.6.

Wild Republic Sendung am 26.5., 2. und 9.6 jeweils 22.00 Uhr, in der Mediathek 19.5. bis 9.7.

Europa. Kontinent im Umbruch Sendung am 31.5. um 20.15 Uhr und 1.6. um 21.30 Uhr, in der Mediathek 24.5. bis 25.5.2023

Flee Sendung am 30.5., 20.15 Uhr, in der Mediathek 23.5. bis 28.7.

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