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Zwischen Triumph und Schmerz


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 70/2022 vom 14.06.2022

FRENCH OPEN

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Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 70/2022

Seine Rückhand setzt Rafael Nadal longline auf die Linie – unerreichbar für Finalgegner Casper Ruud. Dann wirft er seinen Schläger zu Boden, schlägt lächelnd die Hände vor dem Gesicht zusammen und geht leicht in die Hocke. Es ist sein 14. Sieg bei den French Open, sein 22. Grand Slam-Titel insgesamt. Als Pete Sampras 2002 seinen 14. Major-Titel gewann, dachte die Tenniswelt, dieser Rekord sei nicht zu übertreffen. Nadal schaffte diese vierzehn Siege alleine in Paris – historisch! Doch um so weit zu kommen, musste Nadals Körper unglaubliche Strapazen auf sich nehmen.

Noch zu Beginn des Jahres war nicht sicher, ob es Nadal überhaupt noch einmal schaffen würde, auf die große Bühne zurückzukehren. Fast fünf Monate hatte der Spanier pausiert, um sich nach seiner Operation am Fuß auszukurieren. Bereits 2005 wurde bei ihm das sogenannte Müller-Weiß-Syndrom im Fuß diagnostiziert, eine ...

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... chronische, degenerative Erkrankung des Kahnbeins, die eine Deformierung des Mittelfußknochens zur Folge hat. Schon damals war nicht sicher, ob er seine Karriere fortsetzen könnte. Mithilfe von Einlagen balancierte er seine Schwachstelle im Fuß aus. Allerdings mit der Folge, dass andere Körperteile, wie die Knie, zu stark belastet wurden. Immer wieder kämpfte Nadal gegen Beschwerden in den Knien, der Hüfte und im Rücken an. Dass sein Fuß der übermäßigen Belastung seit mittlerweile mehr als 17 Jahren standhält, grenzt an ein Wunder.

Als Nadal nach seiner langen Pause wieder auf die Tour in Australien 2022 zurückkehrte, zählte er nicht zum Favoritenkreis – zu lange hatte er gefehlt und keine Spielpraxis gehabt. Aber der Linkshänder überraschte die Tenniswelt mit einem unvergleichlichen Comeback: Nachdem er das 250er-Turnier in Melbourne gewann, siegte Nadal auch bei den Australian Open. Trotz zwei Sätzen Rückstand setzte er sich im Finale gegen Daniil Medvedev nach fünf Stunden und 25 Minuten durch. „Letztlich weiß ich seit vielen Jahren, dass es für meine Fußprobleme keine Heilung gibt. Also versuche ich, es irgendwie weniger schmerzhaft zu machen“, gab Nadal nach seinem 21.

Grand Slam-Sieg zu. Ihm war klar, dass wieder Phasen kommen werden, in denen seine Verletzung ihn ausbremsen würde. Dass es allerdings wenige Monate später ein Rippenbruch sein würde, der ihn zur nächsten Pause zwang, sah der 35-Jährige nicht kommen. Im Indian Wells-Finale gegen Taylor Fritz war Nadal nicht in der Lage, seine volle Leistung abzurufen, weshalb er sich dazu entschied, in der Sandplatzsaison kürzer zu treten. Lediglich in Madrid und Rom trat er an, mit einem frühen Aus im Viertel- bzw. Achtelfinale.

Allerdings war es hier nicht die Verletzung an den Rippen, die ihn einschränkte, es war wieder der Fuß. Wenig optimistisch reiste er deshalb in die französische Hauptstadt. „Es gibt nichts, wovon ich mich erholen könnte. Der Schmerz ist immer da, er wird nicht ver- schwinden“, sagte er. „Aber ich fühle mich etwas besser.“ Und wie schon die Geschichtsbücher zeigen, gibt es kein anderes Turnier, das dem Spanier mehr am Herzen liegt als Roland Garros. Weshalb er jedes Jahr aufs Neue probiert, seinen Leistungen der vergangenen Jahre gerecht zu werden.

In den Gesprächen, wer wohl dieses Mal den Paris-Titel holen würde, fiel sein Name, neben jenen von Novak Djokovic, Carlos Alcaraz und Stefanos Tsitsipas. Sich selbst sah Nadal allerdings weit von der Favoritenrolle entfernt. „Es gibt einige Spieler, die in einer deutlich besseren Verfassung sind als ich“, analysierte er. „Leider hatte ich hier nicht die Vorbereitung, die ich gerne gehabt hätte.“ Ein letztes Mal spielte er auf seine Verletzung an. „Für mich geht es darum, wie stark der Schmerz ist und ob er zulässt, dass ich wirklich mit Chancen mitspielen kann oder nicht.“ Danach wollte er nicht mehr auf seine Blessuren angesprochen werden. Tennis stünde schließlich im Fokus und er wolle einfach nur, so gut es eben geht, trainieren und spielen.

Durch seine ersten Partien gegen Jordan Thompson, Corentin Moutet und Botic van de Zandschulp kämpfte er sich weitestgehend ohne Schwierigkeiten, drei klare Dreisatzsiege. Erst gegen Felix Auger-Aliassime, der von Nadals Onkel Toni gecoacht wird, kam Nadal ins Straucheln. Es war nicht nur der Kanadier, der Nadal mit mächtigen Aufschlägen und Power-Grundschlägen beschäftigte, dem Spanier fehlte der Fokus. Er machte viele unerzwungene Fehler und war bei den wichtigen Punkten nicht auf der Höhe. Dennoch schaffte Nadal es, das Momentum zu seinen Gunsten zu drehen und das Match im fünften Satz für sich zu entscheiden. „Ich hatte einige Probleme“, sagte der 36-Jährige später, wollte aber nicht weiter darauf eingehen.

Plante Nadal sein Karriereende in Paris?

Elf Stunden und 43 Minuten stand Nadal in der ersten Turnierwoche auf dem Platz – wohlgemerkt: die Trainingsstunden nicht einberechnet. Eine Belastung, die der Körper des 36-Jährigen erst mal verkraften musste. Dass seine Viertelfinal-Partie gegen die topvorbereitete Nummer eins, Novak Djokovic, kein Selbstläufer werden würde, war auch Nadal klar. „Aktuell ist er besser als ich. Aber ich werde kämpfen, rennen und immer an eine Chance glauben“, sagte Nadal. Und genau das tat er auch. Nach vier Stunden und 12 Minuten, genauer gesagt in der Nacht um 01:12 Uhr, einem verlorenen zweiten Satz und zahlreichen Passierbällen und Netzangriffen später, stand der Linkshänder im Halbfinale von Paris. Inwieweit ihm seine Fußverletzung zu schaffen machte, sah man Nadal nicht an. Mit seiner Aussage „Ich weiß nie, welches Match in Roland Garros mein letztes sein wird“ versetzte er die Tennisfans aber in helle Aufregung. Plante Nadal etwa sein Karriereende in Paris?

Wird es sein letztes Turnier sein? „Ich glaube eher, was er meinte war, dass er jedes Match spielt, als sei es sein letztes“, versuchte John McEnroe im Gespräch mit tennis MAGAZIN (s. Seite 40) das Statement des Spaniers zu entschärfen. Doch bereits vor der Halbfinal-Partie gegen Alexander Zverev wurde Nadal humpelnd auf dem Trainingsgelände Jean Bouin gesehen. Spätestens zu Beginn des Matches am Freitagnachmittag war dann auch den meisten Zuschauern klar, dass der Spanier nicht mit einhundert Prozent spielte. Zwar lieferten sich die Beiden einen unerbittlichen Kampf, physisch schien Nadal dem Deutschen aber unterlegen zu sein. Sobald Zverev ihn zu langen Ballwechseln und weiten Laufwegen zwang, war Nadal unterlegen, was ungewöhnlich für ihn ist. Sein Vorteil: Auf mentaler Ebene war er Zverev überlegen, der im Verlauf des Spiels vermehrt einfache Fehler einstreute, die Nadal im Match hielten.

Es war schließlich die Ironie des Schicksals, dass Zverev sich kurz vor dem Tiebreak im zweiten Durchgang ausgerechnet am Fuß verletzte und aufgeben musste (s. Story ab Seite 22). Auch wenn Nadal sich ursprünglich nicht als Favoriten gesehen hatte und seine Vorbereitung und Verletzung ihm allen Anlass dazu gaben, schaffte er es doch, zum 14. Mal das Endspiel in Paris zu erreichen. Auf die Frage, ob er einen gesunden Fuß einem Grand Slam-Titel vorziehen würde, antwortete er: „Ich ziehe es vor, mein Finale am Sonntag zu verlieren und dafür einen neuen Fuß zu bekommen. Gewinnen ist schön, aber das Leben ist wichtiger als jeder Titel.“

Mittlerweile lag sein Stundenkonto bei knapp 19 Stunden Spielzeit. Finalgegner Casper Ruud aus Norwegen, der sich zuvor gegen den dänischen Newcomer Holger Rune im Viertelfinale und den Kroaten Marin Cilic im Halbfinale jeweils in vier Sätzen durchsetzte, brauchte eine Stunde weniger Arbeitszeit. Aber dennoch war es Rafael Nadal, der das Endspiel in gewohnter Manier dominierte und keinen Zweifel an seinem Status als „King of Clay“ ließ. Allerdings war es nicht der Moment, in dem Nadal seine Trophäe in die Luft hielt, auf den die Tenniswelt hingefiebert hatte. Es war seine Ansprache nach dem Match.

Mehrere Spritzen vor jedem Match

Denn noch immer stand im Raum, ob es nun der letzte Auftritt des 36-Jährigen gewesen sei. Als er seine Siegerrede mit den Worten „ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich werde weiterkämpfen“ abschloss, ging ein erleichtertes Raunen durch das Publikum. Wie aber hatte der French Open-Sieger, der Roger Federer und Novak Djokovic mittlerweile zwei Grand Slam-Titel voraus ist, es geschafft, so weit zu kommen, Gegner wie Auger-Aliassime, Djokovic und Ruud zu bezwingen, seine Schmerzen zu überwinden? Und wie würde es weitergehen für Nadal?

Natürlich drückte Nadal nach dem Finale erst mal seine Freude über seinen 14. Titelgewinn aus, bevor er sich dem unumgänglichen Thema stellte. Er hatte es vermieden, über seinen Gesundheitszustand zu sprechen, weil er sich „auf Tennis fokussieren und den Gegnern den Respekt zollen wollte“, erklärte er. Im Voraus hatte er allerdings versprochen, dass er – sobald das Turnier für ihn beendet sei – Bericht erstatten wollte, was nun wirklich Sache war mit seinem Fuß. „Ich habe Nerveninjektionen bekommen, um den Fuß zu betäuben“, erklärte Nadal. Mehrere Spritzen habe er vor jedem Match erhalten, um den Fuß ruhig zu stellen. „Ich hatte kein Gefühl im Fuß“, sagte er. Bewusst war ihm auch, dass mit „einem schlafenden Fuß“ ein hohes Risiko verbunden sei, weil er kein Gefühl in der Drehung seines Fußgelenks hatte. „Es ist offensichtlich, dass ich unter den Umständen, unter denen ich gerade spiele, nicht weitermachen kann und will“, erklärte er.

Wie sieht nun konkret seine Zukunft aus? Kann er weiterspielen? Eine Antwort auf diese Fragen konnte der 36-Jährige nicht geben. Was für ihn klar ist: „Mit einem schlafenden Fuß kann ich nicht weiter antreten.“ Für die nächsten Wochen sei daher geplant, den Versuch zu unternehmen, die Nerven dauerhaft zu betäuben. „Wenn das funktioniert, mache ich weiter. Wenn es nicht klappt, ist es eine andere Geschichte.“ Was ihm auf seinem Weg in die nächsten Wochen allerdings helfen wird, ist seine mentale Einstellung: „Ich bin immer positiv, das nimmt den Schmerz etwas weg.“ Wer seine Karriere in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß, dass Nadal kein Typ ist, der aufgibt und den man abschreiben sollte. Erfolgreiche Comebacks schienen in seinem Fall oft unmöglich. Aber dann kam er doch zurück und holte den nächsten großen Titel – vielleicht sogar schneller als man glaubt.