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Zwischen Verzweiflung und Hoffnung


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 50/2022 vom 14.04.2022
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Nach drei Wochen Flucht durch die Ukraine waren Anita Krylova und ihr Freund Maksym mit ihren Pferden im EquiClub in Polen angekommen.

„Sie müssen erst lernen, Hilfe anzunehmen. Das fällt ihnen schwer. Sie sind sehr stolz.“

Ilona Turowska über die bei ihr untergekommenen Flüchtlinge aus der Ukraine.

Ohne meine Pferde gehe ich nicht!“ Von dieser Haltung ließ sich die 31-jährige Pferdetrainerin Anita Krylova nicht abbringen. In ihrer Heimat Kiew ist Anita unter Pferdeleuten gut bekannt. Sie ist eine von wenigen in der Ukraine, die Freiarbeit mit Pferden machen und das auch unterrichten. Sie bietet aber beispielsweise auch Kinderunterricht an. Zehn Pferde hat sie selbst, eines gehört einem Mitglied ihrer Truppe. Jemanden zurücklassen? Undenkbar! Egal wie sehr ihr Freund Maksym, Vater ihres ungeborenen Kindes, drängte. Schon in der ersten Kriegsnacht war Anita vom Donnern der einschlagenden russischen Geschosse aufgewacht. Es war Eile geboten. Wenn Flucht, dann jetzt. Aber Anita, schwanger im sechsten Monat und Mutter einer ...

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... neunjährigen Tochter, konnte nicht. Entweder mit den elf Pferden oder gar nicht. Also organisierte Fahrzeugbauer Maksym einen LKW, den er in drei Tagen und zwei Nächten mit Hilfe von Freunden zu einem Pferdetransporter umbaute. Er schlief eineinhalb Stunden, dann brachen sie zusammen mit Anitas Tochter und Mutter sowie weiteren Freunden, den elf Pferden, zwei Hunden und einer Katze auf gen Westen. Polen war das Ziel. Drei Autos und ein LKW mit Anhänger, ein ganzer Konvoi. Sie galten als humanitärer Tross und Maksym konnte als Fahrer mit ihnen ausreisen. Auf dem umgebauten LKW fanden die acht Großpferde Platz. Die drei Ponys, darunter die zweijährige Przewalski-Stute Vanilka, die als drei Tage altes Fohlen von einem Feuerwehrmann bei der Bekämpfung der Waldbrände im Sperrgebiet in Tschernobyl gerettet und von Anita großgezogen worden war, fuhren im Anhänger hinterher. Doch aus der Ukraine herauszukommen, gestaltete sich als schwierig. Nicht nur, weil der Weg lang ist, sondern vor allem, da sie immer nur 20 Liter pro Tag nachtanken durften und dann eben bis zum nächsten Tag warten mussten. Das nächste Problem waren die Erfordernisse der EU für die Einfuhr von Pferden aus Drittstaaten. Ein Teil von Anitas Gruppe hatte keinen Chip und keinen Equidenpass. Das und noch viel mehr musste erst geregelt werden. Dabei hatten sie Hilfe aus Polen. Über Facebook hatte Anita Kontakt zu Ilona Turowska aufnehmen können, die in der Nähe der Grenze zur Ukraine einen Reitstall betreibt und nicht nur Platz für alle Pferde hatte, sondern auch ihr Bestes tat, um mit den Behörden zu verhandeln. Dennoch dauerte die Odyssee der Familie und Freunde mit ihren Tieren rund drei Wochen. Zwischendurch musste Anita wegen Kontraktionen ins Krankenhaus. Der Stress, sagt sie. Vor der polnischen Grenze mussten sie noch einmal zittern, ob sie nun auch wirklich alle Papiere beisammen hatten und ob sie rechtzeitig fertig werden würden, denn als sie ankamen war Samstag, es war noch eine 18-köpfige Gruppe Pferde vor ihnen dran und Sonntags arbeitet der kontrollierende Veterinär nicht. Und würden die Grenzbeamten den eigentlich nicht als Pferdetransporter zugelassenen LKW durchlassen? Aber schließlich hatten sie es geschafft, sie hatten die polnische Grenze passiert. „500 Meter hinter der Grenze mussten wir erstmal anhalten. Wir haben alle geweint“, erinnert Anita sich und muss schon wieder hart schlucken. Nach rund drei Wochen Nonstop Adrenalin waren sie in Sicherheit. Für alle erst einmal unfassbar.

Neue Heimat?

Wir treffen Anita und ihre Crew im polnischen Zamlyniec, wo sie im „EquiClub“ von Ilona Turowska und ihrem britischen Mann Mark Wheatly untergekommen sind. Die beiden haben sich hier einen Traum erfüllt. Sie züchten Hannoveraner Springpferde, bilden sie aus, stellen sie auf Turnieren vor und verkaufen auch. Allerdings nicht ganz auf die konventionelle Art. Es gibt zwar einen Stall, der an die Reithalle „made in Germany“ (O-Ton Ilona) angrenzt, aber der ist leer. Ilona hält den Großteil ihrer Pferde 365 Tage im Jahr draußen auf Paddocks. Nur ihre Turnierpferde – sie ist schon international gesprungen – kommen nachts rein. Ilona hatte nicht nur Platz für die Pferde, sie bot den Flüchtlingen auch eines ihrer drei Sommerhäuschen an einem See in der Nähe des Stalles an. In einem der anderen wohnt bereits eine andere Familie, im dritten leben Ilona und Familie. Es geht ihnen gut, auch finanziell. Zu helfen ist ihnen eine Herzensangelegenheit. „Ich habe zu meinem Mann gesagt: ,Wer weiß, was noch passiert? Vielleicht sind wir die nächsten …‘“

Doch wie sich herausstellt, könnte aus der Notsituation etwas ganz Neues entstehen. Auch wenn Ilona aus der Sportund Anita aus der Showpferdewelt kommt, ihre Philosophien passen zusammen. Beide finden, dass Pferde vor allem nach draußen gehören und dass es ihnen am besten geht, wenn man möglichst natürlich mit ihnen umgeht. Ilona will sowieso vermehrt Kinderunterricht anbieten. Anita hat die Pferde und das Know-how. Das Ganze könnte also eine echte Win-Win-Situation werden, sollten Anita und ihre Familie bleiben.

Großzügigkeit und die Folgen

Mit einer solchen Perspektive vor Augen geht es Anita besser als den meisten ihrer Landsleute. Und trotzdem – während sie das alles erzählt, ist Anita gefasst. Doch als ihre Mutter sich zu ihr auf die Bank setzt, ist es damit vorbei. Sie klam- mern sich aneinander fest und weinen. Es dauert, bis Anita sich wieder einigermaßen gefangen hat und weitererzählen kann. Man merkt: Das, was sie in den letzten Wochen erlebt haben, kommt gerade alles wieder hoch. Nur wenn Anita sich mit ihren Pferden beschäftigt, die so eifersüchtig um ihre Aufmerksamkeit buhlen und so zärtlich zu ihr sind, scheint sie ihre Sorgen für einen Moment zu vergessen. Dann strahlen ihre Augen. Aber dann verdüstert sich das Gesicht wieder. Dennoch ist Anita unendlich dankbar für die Hilfe und Güte, die sie erfahren hat. „Ich wusste ja gar nichts von Ilona, als wir über Facebook Kontakt aufgenommen haben. Aber ich hatte das Gefühl, sie hat ein gutes Herz.“ Das hat sie nicht getrogen. Und da ist sie nicht die Einzige in Polen.

Auch Freunde von Ilona haben Flüchtlinge aus der Ukraine bei sich aufgenommen. Das allerdings wird zunehmend zur Herausforderung. Der polnische Staat unterstützt seine Bürger zwar, aber Geld gibt es erst, wenn die Flüchtlinge weitergezogen sind. Das mag aus logistischer Sicht für die Behörden am einfachsten sein, für die Gastgeber ist es eine Katastrophe. Denn welche normale Familie kann es sich schon leisten, plötzlich doppelt so viele Menschen zu ernähren? Ilona berichtet von einem Bekannten, der in seinem Haus Ferienwohnungen vermietet, die er nun den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat. Inzwischen wohnen 25 Menschen bei ihm. „Wie soll das gehen?“, lautet die rhetorische Frage. Rund 100.000 Ukrainer pro Tag kommen über die Grenze nach Polen, meldete uns das polnische Veterinäramt im Zusammenhang mit einer ganz anderen Frage. Manche ziehen weiter. Aber Polen ist ein großes Land. Selbst auf der Durchreise müssen die Menschen essen und schlafen. Die Bewohner hätten inzwischen regelrecht Angst, überrannt zu werden, erfahren wir von verschiedenen Seiten.

Grenzsituationen

Der nächste Grenzübergang zum EquiClub ist Dorohusk, gut 70 Kilometer entfernt. Wir wollen uns ein Bild machen, wie es dort zugeht. Schon von weitem sieht man Fahnen jenseits der Schallschutzwände der Autobahn wehen. Sie gehören zu verschiedenen Hilfsorganisationen, die an den Grenzübergängen Zelte aufgestellt haben, um die Flüchtenden in Empfang zu nehmen. Sie werden mit Essen und Trinken versorgt, erhalten Telefonkarten und Futter für ihre Tiere. Wer abends kommt, kann sich an einem Feuerkorb und mit bereitgehängten Decken aufwärmen. Das ist nicht nur in Polen so. Unsere Kollegin Pauline Roy Chowdhury (geb. von Hardenberg) lebt inzwischen in Rumänien und hat dort zusammen mit dem sitzer begann, Malteser Hilfsdienst mehrere Grenzübergänge zur Ukraine besucht, darunter auch solche, die eigentlich nur Fußgängerbrücken über den jeweiligen Grenzfluss sind. „Die Helfer gehen den Flüchtenden schon entgegen und helfen ihnen mit dem Gepäck“, berichtet Pauline. Am Brückengeländer warten Stofftiere auf die ukrainischen Kinder. Ein bisschen Trost auf dem Weg ins Ungewisse. „Die Kinder haben das dankbar angenommen“, sagt Pauline.

Siret ist der meistgenutzte Genzübergang zwischen Ukraine und Rumänien. Hier wurde eine ganze Zeltstadt errichtet, um den Menschen zu helfen. Die Bereitschaft dazu ist groß. Rumänien ist ein armes Land. Und trotzdem teilt man, was man hat. Aus Deutschland ist die Organisation Equiwent vor Ort. Was Hufschmied Markus Raabe einst aus Mitgefühl für die ostrumänischen Arbeitspferde und ihre bitterarmen Be­ ist inzwischen ein Riesenhilfsprojekt. Davon profitieren nicht nur die Menschen mit Pferden, deren Tiere in der vor Ort tätigen Tierklinik von Equiwent in Quarantäne aufgenommen werden. Equiwent kümmert sich auch darum, dass Haustiere gechippt werden, damit sie in die EU einreisen dürfen – auf eigene Kosten. Die Organisation hat außerdem humanitäre Hilfsprojekte in die Wege geleitet: ein Waisenheim, ein Krankenhaus, ein Flüchtlingszentrum und ein Lazarett in der Ukraine werden regelmäßig mit Hilfsgütern, Medikamenten und Verbandsmaterial beliefert. Im Fokus der Arbeit von Equiwent steht es, nachhaltig wirksame Strukturen zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen und Tieren in Ostrumänien zu schaffen. Die Tierklinik, die die Organisation aus Warendorf vor Ort gebaut hat, ist ein Beispiel dafür. In Rumänien wie auch in Polen hören wir immer dasselbe: Was man braucht, ist Planungssicherheit. Und für Planungssicherheit braucht man Geld. Aber was passiert eigentlich mit den Spendengeldern? Das ist eine Frage, der wir im Reitsportzentrum Lesna Wola auf den Grund gehen wollen.

Logistikzentrum Lesna Wola

Das Reitsportzentrum Lesna Wola, das vielen Reitern der Region als Austragungsort für Turniere bekannt ist, liegt in Rzeszów im Südosten Polens. Momentan werden die eigentlich für Veranstaltungen vorgesehenen Stallzelte allerdings anderweitig genutzt. Die nationale reiterliche Vereinigung der Ukraine hat dort zusammen mit der European Equestrian Federation EEF und dem Weltreiterverband FEI eine Art Umschlagsplatz eingerichtet für Pferde, die aus der Ukraine gerettet werden konnten. Sie können hier eine Weile ausru- hen, ehe klar ist, wo sie vorerst bleiben können. Dafür wird derzeit eines der vier Stallzelte genutzt. In dem anderen sind Waren untergebracht – Futter, Heulage und Einstreu, die gespendet wurden. Entweder werden sie von den Fahrern, die in die Ukraine reisen, um dort Pferde abzuholen, mitgenommen und verteilt, oder aber Menschen aus der Ukraine können kommen, um sich hier einzudecken, damit sie die Pferde versorgen können, die aus verschiedenen Gründen nicht außer Landes gebracht werden können.

Vor Ort ist Charlie für die Organisation zuständig. Charlie ist Engländerin und als Freiwillige in Polen im Einsatz. Im richtigen Leben ist sie im Eventbereich für die Veranstalter von unter anderem der Royal Windsor Horse Show und dem Turnier in der Londoner Olympiahall zuständig. Mit provisorischen Lösungen und temporärer Infrastruktur kenne sie sich also aus, lacht sie. Sie betont aber auch, dass es viele Rädchen seien, die ineinandergreifen, um möglichst viele Pferde aus der Ukraine herauszubekommen: „Als Einzelperson vor Ort können wir Feedback geben, was benötigt wird und wo die Probleme liegen. Aber es braucht Menschen, die die strategische Übersicht behalten, Prioritäten setzen können und die Kontakte haben, um Probleme effizient zu lösen. Wenn man alleine ist, kann es leicht passieren, dass man sich in einer Einzelgeschichte verliert, obwohl da Hunderte sind, die Hilfe benötigen. Mit vielen Menschen in ganz Europa kann man viel mehr erreichen.“ Das Ganze laufe dadurch sehr organisiert ab. Hilfsgesuche können gesammelt und gemeinsam „bearbeitet“ werden. Wenn beispielsweise ein LKW mit Futter & Co. in die Ukraine hereinfährt, kann er ja mehrere Ställe anfahren und womöglich gleichzeitig Pferde aufnehmen und rausbringen. Es wird dokumentiert, welche Pferde welcher Besitzer von wo kommen und wohin sie gehen. „Wir können mehr Pferde herausholen, wenn wir zusammenarbeiten, als wenn einzelne Splittergruppen, mal hier und mal da ein Pferd retten“, ist sie sicher.

„Wir können mehr Pferde herausholen, wenn wir zusammenarbeiten.“

Die Britin Charlie über die Kooperation der Verbände unter dem FEI-Dach

Die Pferde, die zum Zeitpunkt unseres Besuches aufgenommen worden sind, sind allesamt wertvolle Sportpferde. Sie werden locker am Halfter longiert, eines buckelt fröhlich auf dem kurzerhand zum Paddock umfunktionierten Reitplatz, andere grasen am Halfter in der schon recht warmen Sonne. Ihnen geht es gut. Aber als sie ankamen, habe man nur noch erahnen können, dass es sich hier eigentlich um bestens trainierte Athleten handelt, sagt Charlie. „Sie waren zum Teil dehydriert und hatten stark an Gewicht verloren. Sie standen tagelang auf dem LKW. Sie zwischendurch abzuladen, wäre zu gefährlich gewesen. Man weiß ja nicht, wie sie in dem Chaos reagieren und da ist es einfach sicherer, sie auf dem Transporter zu lassen, ehe sie sich losreißen.“ Zumal nicht alle Fahrer versierte Pferdemenschen sind und nicht alle Pferde – so, wie diese jetzt – von ihren Pflegern begleitet werden können. „Wir werden auch Pferde mitnehmen, die frei herumlaufen, bei denen gar nicht klar ist, wem sie gehören.“ Das ist beruhigend zu hören. Vor allem angesichts der ja bereits auf Social Media kursierenden Videos von Menschen, die in ihrer Verzweiflung ihre Pferde freilassen. Oder anderen, die tatsächlich in ihrem Stall verbrannt sind. Ob diese Bilder und Geschichten echt sind, wissen wir nicht. Aber jeder, mit dem wir darüber gesprochen haben, kennt und bestätigt sie.

Koordinierte Hilfe

Laut polnischem Veterinäramt sind bis Ende März 126 Pferde aus der Ukraine nach Polen exportiert worden. Sie alle hätten über die erforderlichen Gesundheitszeugnisse verfügt. Der Weltreiterverband FEI hat Ende März eine Pressemitteilung herausgegeben, in der über den Stand der Dinge in Sachen Ukraine-Hilfe informiert wird. Unter anderem vermeldete der oberste Tierarzt Göran Åkerström, dass die Europäische Kommission Anpassungen am derzeitigen Gesundheitszeugnis für Pferde vorgenommen hat, um die Einreise der Tiere zu vereinfachen. Diese neue Version würde momentan bei der FEI geprüft.

Insgesamt wurden bis Ende März 375 Tonnen an Material unterschiedlichster Art gespendet, überwiegend Futter und Einstreu. Dazu seien über die Website helpukrainehorses.eu 75.000 Euro an Spendengeldern zusammengekommen. Wie die verwaltet werden, wollen wir von Charlie in Lesna Wola wissen, denn immer wieder hörten wir von verzweifelten Ukrainern, die sagten, bei ihnen käme keine Hilfe an. Auch von Korruption war die Rede. Charlie berichtet, dass die Organisation ähnlich der in einem großen Unternehmen ist: „Wenn ich eine Ausgabe tätigen will, etwa einen Gabelstapler kaufen, muss ich einen Antrag stellen und den begründen.“ Sie ist sehr froh über die Spendenbereitschaft, sagt aber auch: „Was wir am nötigsten brauchen, ist die Sicherheit, dass wir auch noch in einigen Monaten genügend Material haben.“ Denn wann sich die Lage wieder normalisiert, ist noch lange nicht abzusehen und es ist menschlich, dass nicht direkt Betroffene einer Krise nach einer Weile zur Normalität zurückkehren und die Probleme anderswo aus den Augen verlieren. Davor warnen auch die Verbände FEI, EEF und UEF.

SO KÖNNEN SIE HELFEN

Organisation der ukrainischen FN, der EEF und der FEI https://helpukrainehorses.eu/

Hufschmied Markus Raabe, der mit seiner Organisation nicht nur Tieren, sondern auch Menschen in der Ukraine hilft Equiwent.org

Private Spendenseite von Anita Krylova pomagam.pl/anita_krylova

Wenn man die Geschichten hört, die Charlie erzählt, leuchtet schnell ein, dass das auf keinen Fall passieren kann. Eine ist zum Beispiel die eines alten Mannes, der sich in der Ukraine bereit erklärt hatte, mehrere Pferde, Hunde und Katzen für die eigentlichen Besitzer zu versorgen. Der Mann schlafe inzwischen auch bei den Tieren, denn sein eigenes Haus existiert nach einem Bombenangriff nicht mehr. Er kam in Lesna Wola an und war am Ende seiner Kräfte, sagt Charlie. 500 Kilometer sei er gefahren, in einem uralten Auto mit einem noch älteren Anhänger, „in dem ich nicht mal ohne Pferd von hier bis dort gefahren wäre“, veranschaulicht Charlie, mit Gesten eine 100 Meter-Distanz andeutend. Sie habe dem Mann zu essen gegeben und Auto und Anhänger bis unters Dach mit Material beladen. Aber dann mussten sie ihn wieder ziehen lassen. Charlie wirkt nicht wie ein Mensch, der leicht aus der Fassung zu bringen ist. Aber nun kämpft sie mit den Tränen. Doch der Mann habe ihr hinterher eine SMS geschrieben. Zumindest hat er sein Ziel wieder heil erreicht. Alles andere – ein Fragezeichen. Wie für so viele seiner Landsleute momentan.

Therapeut Tier

Die Bilder, die sie gesehen haben, die Ängste, die sie durchgestanden haben, die Ungewissheit, die sie quält, die totale Abhängigkeit von der Güte anderer, die ihren Stolz verletzt und ihnen auch noch das letzte nimmt, ihre Würde – all das sind Faktoren, die nicht spurlos an den Menschen vorbeigehen. Ilona Turowska berichtet von ukrainischen Flüchtlingskindern, die bei Bekannten untergekommen sind und die nicht mehr reden. Ihrer Einschätzung nach wird es da großen Bedarf an psychologischer Unterstützung geben. Charlie hingegen glaubt, die wichtigsten Therapeuten sind die Tiere. Und wenn man sich den vielleicht acht-oder neunjährigen Jungen anschaut, der sich mit einer an Verzweiflung grenzenden Zärtlichkeit an die Dogge hängt, die mit ihm, seiner Mutter und den Pferden aus der Ukraine geflohen ist, ist man geneigt, ihr zu glauben. Wohl jeder weiß, dass die Stunden im Stall einen so manchen Alltagsärger zumindest kurzzeitig vergessen lassen. Als Anita auf dem Paddock zeigt, wie sie mit ihren Pferden arbeitet, ist sie so konzentriert und bei ihnen, dass alles andere einschließlich Kamera usw. in den Hintergrund rückt. Es ist berührend zu sehen, wie liebevoll die Pferde auch mit ihr umgehen. Sie scheinen richtiggehend eifersüchtig auf denjenigen zu sein, der gerade die volle Aufmerksamkeit genießt. Später erzählt Anita uns, dass sie zwei ganz große Vorbilder hat: Frédéric Pignon und Linda Tellington-Jones. „Ich würde sooo gerne zur Equitana fahren und die beiden kennenlernen“, schwärmt sie. Das wäre ja theoretisch möglich, aber sie sagt, Maksym habe Bedenken wegen der anstrengenden Reise und der Schwangerschaft. Ich sage dazu erstmal nichts, aber in meinem Kopf wächst eine Idee.

Wieder in Deutschland schreibe ich eine E-Mail an die Equitana. Ich kenne das Team, weil wir schon seit langem zusammenarbeiten. Ich frage vorsichtig an, ob sie sich vorstellen könnten, dass wir Anita zusammen diese Reise ermöglichen. Ich hatte gerade erst auf „Senden“ gedrückt, da klingelt bereits das Telefon. Am anderen Ende das Presseteam der Equitana: „Wir haben deinen Blog gelesen und wollten das selbst schon vorschlagen. Wir stiften die Eintrittskarten zur Messe und zur Show und das Hotel!“ Ich bin überwältigt. Wir werden die Kosten für den Flug übernehmen. Jetzt muss nur noch Anitas Arzt die Erlaubnis für die Reise erteilen. Ein paar Tage später ist alles in trockenen Tüchern. Anita und Maksym können die Equitana besuchen. Wir alle freuen uns riesig. Anita sagt, sie auch. Aber es ist eine Zurückhaltung zu spüren. Vermutlich hat sie einmal mehr das Gefühl, vom Goodwill anderer abhängig zu sein. Vielleicht ist es aber auch der Zwiespalt, dass für sie ein Traum in Erfüllung geht, während Bekannte in ihrer Heimat Fotos ihrer Pferde posten, die in ihren Ställen verbrannt sind, oder die von den Russen auf der Weide erschossen wurden.

Der letzte Eintrag auf Anitas Facebook-Seite vor Drucklegung dieses Heftes waren Bilder der Verwüstung aus ihrer Heimatstadt Charkow. Hoffentlich ist ihrem Vater nichts passiert! Wird sie trotzdem zur Equitana kommen? Und wenn ja, wird sie zumindest ein bisschen Freude empfinden können? Kann man das überhaupt? Darf man das überhaupt? Die Geschichte lehrt uns: Wir sind ziemlich gut im Weitermachen. Das liegt wohl in der Natur eines jeden Lebewesens. Ich frage Anita, wie sie nun den Russen gegenüber empfindet. Sie sagt, sie sei nicht wütend, empfinde keine Aggressionen. „Was bringt das? Wir wollen Frieden, keinen Krieg.“

Autorin

Dominique Wehrmann

Im ersten Moment war die Freude riesig, Anita ihren Equitana-Traum erfüllen zu können. Der nächste Gedanke war: Aber es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Inzwischen denke ich, viele Tropfen können einen Stein zum Abkühlen bringen. Und nicht nur die Menschen in der Ukraine brauchen Solidarität und Hilfe …