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Zwischen Wildwuchs und Waxing


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 11.08.2021

Artikelbild für den Artikel "Zwischen Wildwuchs und Waxing" aus der Ausgabe 9/2021 von Psychologie Heute. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 9/2021

Wasser braust aus dem Duschkopf, die Hände massieren Shampoo ins Kopfhaar. Schaum tropft auf Schultern und Rücken. Während eine Hand noch in den Haaren wühlt, angelt die andere schon nach dem Rasierer auf dem Wannenrand. Geschmeidig gleitet die Klinge über die Haut, die Fingerkuppen fühlen nach, ob schon alle Stoppeln beseitigt sind. Wasser aus, abtrocknen, kämmen und föhnen. Die heiße Luft pustet ein paar Haare ins Waschbecken.

Jeden Morgen werden Millionen Badezimmer auf der Welt zu Orten zwischen Wohl und Wehe – zwischen den Kopfhaaren, die wir hegen und pf legen, Körperhaaren, die wir nicht ertragen, und den feucht-fädrigen Knäueln im Abf luss oder Waschbecken, die nur noch eines sind: Müll.

32,45 Euro pro Kopf, insgesamt gigantische 2723 Millionen Euro Umsatz prognostiziert das Umfrageportal Statista im Segment Haarpf lege für Deutschland in diesem Jahr. In einer Umfrage unter 1020 Frauen gaben ...

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... 41 % der Befragten an, bis zu 50 Euro pro Friseurbesuch auszugeben, 26 % bis zu 100 Euro. Diese Erhebung, ebenfalls bei Statista zu finden, erfolgte 2017. Frauen, die sich Achseln, Beine und den Intimbereich waxen lassen, oder Männer, die frei von Arm-, Bein-, Brust- und Bauchhaaren sein möchten, geben pro Entfernung nicht selten 70 bis 100 Euro aus.

Ausschlaggebend für das Schicksal des Haares ist die Stelle, an der es wächst. Es gibt die „richtigen“, also erwünschten Stellen, an die Haare notfalls sogar transplantiert werden, und die „falschen“, an denen schon der kleinste Stoppel nervt.

Dabei bestehen Haare bis auf minimale Unterschiede an allen Körperstellen aus dem gleichen Material: Sie sind Horngebilde aus Proteinen und ähnlich wie Finger- und Fußnägel überwiegend tote Materie. Der größte Teil eines Haares ist also schon tot, wenn es noch shampooniert und in Form geföhnt wird, nicht erst wenn es am Waschbeckenrand klebt. Jeden Tag 60 bis 100 Haare zu verlieren ist völlig normal.

Wie kommt es jedoch, dass wir Haare derart unterschiedlich wahrnehmen? „Lange Kopf haare, aber eine dünne, kurze Körperbehaa- rung und eine starke Intimbehaa- rung sind etwas typisch Mensch- liches“, sagt Ada Borkenhagen, Psychoanalytikerin und Profes- sorin an der Universität Magde- burg mit Forschungsschwerpunkt „Körperoptimierung“. „Primaten haben im Gegensatz zu uns kurzes Kopf haar, dichtes Fell und einen kahlen Geschlechtsbereich. Mit Charles Darwin und später Winfried Menninghaus, einem der Direktoren des Max-Planck-Inst ituts für empirische Ästhetik, kann man feststellen, dass hier eine sexuelle Selektion stattgefunden hat: Wir finden Haare an den Stellen schön, an denen Affen sie gerade nicht haben, und umgekehrt missfallen sie uns dort, wo Affen welche haben.“

Wenn wir lange Kopf haare kultivieren und Beinhaare epilieren, dann betonen wir manchen Forscherinnen und Forschern zufolge also das, was uns als Menschen ausmacht, um uns von Affen zu distanzieren. Körperhaare sind der unzivilisierte, animalische Rest, der wegmuss; die Rasur ist das Ergebnis evolutionären Drucks.

„Allerdings können solche biologischen Präferenzen von kultureller Mode überlagert werden“, sagt Ada Borkenhagen. „Deshalb konnte zum Beispiel in westlichen Gesellschaften die Intimrasur als Trend entstehen.“

Martin Gründl, der als Psychologieprofessor an der Hochschule Harz zu Attraktivität forscht, sieht das etwas anders: „Den Menschen früher war die Verwandtschaft mit dem Affen gar nicht klar. Affen waren Tiere und damit etwas völlig anderes. Es gab also keinen Grund, sich zu distanzieren.“

Lieber verweist Gründl auf die Antike: „Schon bei den alten Griechen und Römern versuchten Männer, sich durch die Entfernung von Körperhaaren von vermeintlich weniger kultivierten Menschen abzuheben – in ihren Augen ,Wilde‘ beziehungsweise ,Barbaren‘. In zweiter Linie war die Rasur innerhalb derselben Kultur dann wohl ein Statussymbol, dass das Privileg freier Zeit zur regelmäßigen und gründlichen Entfernung von Körperhaaren zeigen sollte.“

Ob nun Affen oder Barbaren: Durch den Umgang mit Haaren signalisieren wir Nähe beziehungsweise Distanz zu einer Gruppe. Wir zeigen, welchen soziokulturellen und ökonomischen Hintergrund wir haben und welche politische Orientierung; Haare geben Hinweise auf unser Geschlecht, Alter, den Gesundheitszustand und vielleicht sogar die Religionszugehörigkeit.

Möglich ist das vor allem, weil Haare sich im Gegensatz zu anderen Teilen des Körpers sehr leicht verändern lassen. In aller Regel wachsen sie ja wieder, außerdem kann man mit Perücken, falschen Wimpern und sogar Brusthaartoupets nachhelfen. Wer seine Nase korrigieren möchte, muss sich dagegen einer Operation unterziehen, wer einen Arm oder ein Bein verloren hat, muss ein Leben lang mit einer Prothese auskommen.

Ob strenger Scheitel, lange Mähne oder Irokesenbürste – eine Konstante scheint es bei aller Unterschiedlichkeit soziokultureller Vorlieben dennoch zu geben, zumindest beim Kopf haar: „Glänzendes dichtes Kopf haar wird über alle Kulturen hinweg als attraktiv wahrgenommen, weil es ein Zeichen von Jugend und Gesundheit ist“, sagt Martin Gründl.

Doch nicht nur über Alter und Gesundheitszustand geben die Haare Auskunft: Eine psychologische Studie von Reinhold Bergler und Tanja Hoff zeigte, dass gepf legte beziehungsweise ungepf legte Haare große Auswirkungen darauf hatten, ob jemand sympathisch oder unsympathisch wirkte. Manche Befragte glaubten an Haaren sogar Temperament, Fortschrittlichkeit oder Intelligenz ablesen zu können. Zwar seien Haare durchaus „Transportsysteme von Gefühlen, Persönlichkeitsmerkmalen und Stilvorstellungen“, so Bergler und Hoff, besonders die männlichen Probanden der Studie hätten sich aber bei ihren Einschätzungen anhand der Haare grob verschätzt.

Haare symbolisieren Macht. Angela Merkels Frisur wurde mit den Jahren voluminöser

„Dass Menschen allgemein glauben, was schön ist, sei auch gut – wer also attraktiv ist, sei intelligenter, freundlicher, geselliger, gewissenhafter, und wer unattraktiv ist, habe negative Charaktereigenschaften –, haben viele Studien nachgewiesen“, sagt Martin Gründl. „Das sind natürlich Vorurteile. Aber Menschen glauben daran.“

Entsprechend wird klar, warum Haare sogar in Bereichen eine Rolle spielen, in denen man es zunächst nicht vermuten würde: Nachdem eine Imageberaterin in einem Interview behauptet hatte, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder töne seine Schläfen, zog dieser bis vor das Bundesverfassungsgericht, um die Verbreitung der Nachricht zu verbieten. Die Nachrichtenagentur habe schlampig recherchiert, weil sie nur bei der Imageberaterin, nicht aber beim Kanzler selbst nachgefragt habe, entschied das Gericht letztlich.

Ob Schröder nun getönt hat oder nicht, wird also im Bereich des Ungewissen bleiben. Doch das Gerede um seine Haare offenbarte die eigentlichen Fragen der Gesellschaft: Ist Schröder noch fit genug für das Amt? Kann er die Leistung erbringen, die von ihm erwartet wird? Ähnliches wiederholte sich Jahre später, als es um die Frage ging, ob Donald Trumps Haare echt seien oder in Wahrheit eine Perücke.

„Bei höherstehenden Persönlichkeiten ersetzt das Haar die frühere Königskrone. Haare sind Insignien der Macht. Auch Angela Merkels Frisur ist mit den Jahren voluminöser geworden“, sagt Christian Janecke, Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, der zu Frisuren geforscht hat. Auch pompöse Lockenperücken der Barockzeit zeugen von dieser Symbolik.

Wie bedeutungsvoll Haare sind, zeigt sich aber auch in ganz anderen Situationen: Wenn Locken von Idolen oder Angebeteten wie Trophäen behandelt werden. In Schmuckdöschen und Anhängern wurden Haare früher lange auf bewahrt und beispielsweise um den Hals getragen. Franz Liszt, gefeierter Komponist, Pianist und Dirigent im 19. Jahrhundert, soll sich sogar einen Hund gehalten haben, der als heimlicher Lockenlieferant für seine Verehrerinnen diente. Vor ein paar Monaten wurden sechs Haare von Kurt Cobain versteigert – für 14 145 US-Dollar.

Und auch in Religionen werden Haare immer schon verehrt wie gefürchtet. So schildert das Alte Testament, wie Simson aufgrund seiner langen Haare übermenschliche Kräfte erlangt. Als es den feindlichen Philistern gelingt, ihn zu scheren, können sie ihn gefangen halten. Weil sein Haar in der Gefangenschaft allerdings wieder wächst, bringt Simson den Philistertempel mit bloßen Händen zum Einsturz und reißt tausende in den Tod.

In Anlehnung an diese Erzählung lassen die Rastafaris, Anhänger einer religiösen Befreiungsbewegung aus Jamaika, noch heute ihre Haare wachsen. Dreadlocks sind ihr Markenzeichen, Bob Marley war ihr berühmtester Vertreter.

Kein Wunder, dass immer wieder versucht wurde, die Macht der Haare unter Kontrolle zu bringen, vor allem wenn es sich um weibliches Haar handelt, das seit jeher auch für die Macht der Verführung steht. In islamischen Kulturen und teilweise auch im Christentum sollen Kopftücher verhindern, dass Frauen aufgrund ihrer Haare zu Objekten der Begierde werden; strenggläubige verheiratete Jüdinnen tragen Tuch oder Hut oder scheren ihre Haare kurz und tragen eine Perücke. Der Anblick ihres unverhüllten Kopfes ist dem Ehemann vorbehalten.

Damit ist die Haargestaltung einmal mehr Ausdruck von Geschlechtszugehörigkeit. Auch außerhalb von religiösen Vorschriften geben gesellschaftliche Codes vor, wie Männer beziehungsweise Frauen ihr Haar zu tragen haben.

Dass heutzutage alles akzeptiert werde, ist ein Trugschluss.

Menschen wie Conchita Wurst, bekannt vom Eurovision Song Contest 2014, die sich als langhaarige Diva mit Vollbart nicht in das binäre Männlich-weiblich-Schema pressen lässt, haben entsprechend mit Anfeindungen zu kämpfen.

Auch weiter unten am Körper gelten strenge Unterschiede bei den Geschlechtern: 7 % der Männer, aber 71 % der Frauen enthaaren ihre Beine, 48 % der Männer und 76 % der Frauen die Achseln. So das Ergebnis einer Umfrage des Markt- und Meinungsfor- schungsinstituts YouGov aus dem Jahr 2016. Aller- dings gab es deutliche Altersunterschiede. So entfernten sich unter den älteren Befragten 28 % der Männer die Schamhaare und 38 % der Frauen, unter den jüngeren waren es jeweils mehr als doppelt so viele: 67 % der Männer und sogar 81 % der Frauen.

„Das Medienzeitalter hat den Kontrollmechanismus der Scham keineswegs suspendiert. Und nichts steuert unser Verhalten so sehr wie die Angst vor Beschämung. Wir möchten dem Bild entsprechen, das wir uns von uns selbst gemacht haben, und wir schämen uns, wenn wir diesem Ideal nicht genügen“, schreiben Ada Borkenhagen und Elmar Brähler in ihrem Paper Schamlos. Der Trend zur Entfernung der Intimbehaarung.

Was passiert, wenn man versucht, dieses Ideal zu brechen und seine vermeintliche Freiheit auszuleben, hat Bloggerin Kristina Lang deutlich zu spüren bekommen. Sie rasierte sich nirgendwo. Und ging im Bikini an den Strand, obwohl sie, wie sie sagt, dunkle Haare und einen „Haarwuchs wie ein sibirischer Tiger“ habe. Die Leute hätten gelacht oder sogar angefangen zu würgen, wenn sie vorbeigegangen sei, sagte sie in einem Video von Ze.tt, einem Onlinemagazin des Zeitverlags. Ob es nun die fehlende Distanzierung von Affen oder von „unkultivierten Barbaren“ war, die den Ekel hervorrief, können wir nicht wissen. Möglicherweise spielten auch Gedanken an Körperf lüssigkeiten wie Achselschweiß, Urin, Kot, Sperma und Periodenblut eine Rolle – Substanzen, mit denen Körperhaare manchmal in Berührung kommen. Oder ganz einfach die Irritation durch das Ungewohnte.

Aber vielleicht waren es gerade die Haare, die Kristina Lang letztlich zu einem Date verhalfen. Rein biologisch betrachtet sorgen Körperhaare dafür, dass Pheromone, also sexuelle Lockstoffe nicht so schnell verf liegen.

Trotz aller Courage hat auch Kristina Lang überlegt, vor dem ersten Sex mit dem Date alles abzurasieren. Sie habe sich gefühlt „wie ein Wolf “. Aber siehe da: „Ich habe es sofort angesprochen, ich hab’s sofort gezeigt – und es war kein Problem“, erzählt sie freudestrahlend im Video.

Allerdings sollte man die Haare nicht isoliert sehen: „Ob wir jemanden als attraktiv wahrnehmen und damit positiv bewerten, hängt immer von vielen Merkmalen ab, zum Beispiel auch von der Haut“, sagt Attraktivitätsforscher Martin Gründl.

Das klingt tröstlich für alle, die mit ihren Haaren hadern. Oder erst recht schlimm: Haarpf lege allein reicht also nicht. Auch die Hautpf lege muss passen. n

ZUM WEITERLESEN

Reinhold Bergler, Tanja Hoff: Psychologie des ersten Eindrucks. Die Sprache der Haare. Deutscher Instituts-Verlag, Köln 2001

Winfried Menninghaus: Das Versprechen der Schönheit. Suhrkamp, Frankfurt 2003

Alle Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website: psychologieheute.de/literatur