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Zwischen zwei Welten


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

»Doktor Schiwago« in der Musikalischen Komödie Leipzig als deutschsprachige Erstaufführung


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Jurij Schiwago (Jan Ammann) und Lara (Lisa Habermann) behandeln den Soldaten Janko (Stephen Budd)


Foto: Kirsten Nijhof

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Anfang des 20. Jahrhunderts auf einem Friedhof in Moskau: In eleganter Trauerkleidung versammelt sich die russische Aristokratie um einen kleinen Jungen und einen großen Sarg. Altertümliche Laternen strahlen nur ein wenig gedimmtes Licht aus und legen eine dunkle, schwermütige Atmosphäre über die Szenerie. Paukenschläge, dramatische Streicher und Bläser untermalen den Schrecken und die dramatischen Szenen, die die nächsten fast dreieinhalb Stunden die Bühne der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig erfüllen. »Doktor Schiwago«, im Original »Doctor Zhivago – A New Musical«, entfaltet in seiner deutschsprachigen Erstaufführung seine erzählerischen Qualitäten und seine feine musikalische Bearbeitung des ursprünglich literarischen und prominent verfilmten Stoffes.

Das noch relativ neue Musical feierte 2006 im kalifornischen La Jolla Play House Uraufführung. Die Musik für das anspruchsvolle Werk schrieb Lucy Simon, die Liedtexte stammen vom Team Michael Korie und Amy Powers, Michael Weller adaptierte die Romanvorlage von Boris Leonidowitsch Pasternak (1957). 2011 tourte das Stück unter der Regie von Des McAnuff erfolgreich im australischen Sydney, Melbourne und Brisbane. Im Jahr danach folgte Seoul, 2014 zog Skandinavien nach. 2015 eröffnete erneut eine amerikanische Produktion, diesmal am Broadway in New York, jedoch mit geringem Erfolg. Am 27. Januar 2018 feierte die deutschsprachige Erstaufführung an der Musikalischen Komödie Leipzig Premiere, für die jetzt wenige Folgetermine im November und Dezember feststehen.

Cusch Jung inszenierte die Geschichte um den russischen Arzt aus Moskau spannend und feinfühlig, sodass das emotionale Stück niemals Gefahr läuft, in einem Schlamm aus Kitsch zu versinken.

Feinfühlig klingt auch die Musik. Lucy Simon entwarf eine Partitur, die abwechslungsreich ist und dennoch dicht und in sich geschlossen wirkt. Themen werden angespielt, wiederholt, variiert und zusammengeführt. Mal sind Volkstänze zu erleben, mal Kampfaufmärsche untermalt. Liebeslieder und Duette gibt es in »Doktor Schiwago« zuhauf, dennoch nicht so, dass man ihrer überdrüssig würde. Wechselnde Paarungen sowie Situationen und ergreifende Melodien finden sich zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Das Buch von Michael Weller stellte sich der Herausforderung, den äußerst umfangreichen Roman um 1957 von Boris Pasternak zu kürzen, zu straffen und dennoch die Geschichte verständlich und logisch zu erzählen. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1903 bis 1929 im Leben des Jurij Schiwago, von seiner Kindheit bis zu seinem Tod. Dabei umgeht Cusch Jung erfolgreich Langwierigkeiten, obgleich die Leipziger Produktion sogar mehr als die Länge der überaus erfolgreichen Verfilmung aus dem Jahr 1965 von David Lean mit Omar Sharif und Julie Christie in den Hauptrollen hat.

Der eingangs beerdigte Vater des kleinen Jurij Andrejewitsch Schiwago beging Selbstmord, nachdem er seine Millionen durch Spekulationen verloren hat. Jurij kommt daraufhin in eine Pflegefamilie und wächst dort behütet auf. Die leibliche Tochter Tonia ist seine Spielgefährtin, die zunächst zu einer engen Bezugsperson und später zu seiner Ehefrau wird. Jurij ist leidenschaftlich in Dichtung vernarrt und beginnt, auch selbst zu dichten. Im realen Leben zieht er jedoch ein Medizinstudium der »brotlosen Kunst« vor, auch weil es ihm wichtig ist, seinen Dienst an der Menschheit zu leisten. Jahre später begegnet der Arzt auf einer Weihnachtsfeier Lara Guichard, die ein Attentat auf Viktor Komarovskij verübt. Er ist ein Mitschuldner am Tod von Schiwagos Vater und Laras eigener dunkler Schatten. Als Liebhaber ihrer Mutter hat er Lara vergewaltigt. Der junge Doktor Schiwago ist von ihr fasziniert und sucht nach dem Attentat erfolglos nach ihr. Währenddessen zieht Lara mit ihrem Ehemann Pavel Antipov in den Ural, um Komarovskij zu entgehen. Nachdem der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, wird Jurij an die Front gerufen, um als Arzt im Lazarett zu dienen. Dort trifft er nach einiger Zeit die geheimnisvolle Lara wieder, die dort freiwillig als Krankenschwester arbeitet, um ihren Mann, den nun berühmten Revolutionär Strelnikov, zu suchen. Während Jurij und Lara gemeinsam Patienten behandeln und die Auswirkungen des Krieges erleben, kommen sie sich näher.

Nach Ende des Dienstes kehren beide jedoch in ihr altes Leben zurück. Jurij findet sein Zuhause in Moskau in den Händen des Staates wieder und wird verhört. Mehrere schlimme Winter bringen Not und Krankheit nicht nur über ihn und seine Familie. Im Frühling ziehen die Schiwagos auf ein Anwesen in Varykino. In der nächstgelegenen Stadt Jurjatino will Schiwago in der Bibliothek Studien betreiben, als er Lara zum ersten Mal nach dem Frontdienst wiedersieht. Beide beginnen ein Verhältnis. Doch Jurij wird während des Russischen Bürgerkriegs von einem Hauptmann der Rotgardisten entführt, gefangen gehalten und später für medizinische Dienste benutzt. Erst nach Jahren gelingt ihm die Flucht. Als er zurückkehren kann, ist seine Familie aus Sicherheitsgründen weggezogen. Lara nimmt ihn auf, pflegt ihn und sie lieben einander. Schließlich fällt Laras Mann bei der kommunistischen Bewegung in Ungnade und wird zum Tode verurteilt. Er kehrt ein letztes Mal zu Lara zurück, führt ein langes Gespräch mit Jurij, um sich anschließend zu erschießen. Komarovskij, Laras Peiniger, tritt erneut auf den Plan und klärt die Liebenden über die prekäre Lage im Land auf. Er will Lara zur Flucht verhelfen, diese will jedoch nur mit ihrem Geliebten gehen. Jurij bittet sie daraufhin, um ihrer Sicherheit willen mit Komarovskij in die fernöstliche Republik zu reisen. Er würde nachkommen, doch das tut er nicht. Schiwago kehrt zurück nach Moskau und vermisst Lara schmerzlich … Der Kreis schließt sich. Nur ist es diesmal Jurij Schiwago, der beerdigt wird.

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Nach dem Frontdienst im Lazarett wagt Lara (Lisa Habermann) einen Neubeginn im Ural


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1. Tonia Schiwago (Hanna Mall) und Schiwagos Geliebte Lara Antipov (Lisa Habermann) treffen in der Bibliothek aufeinander


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2. Pavel Antipov (Bjorn Christian Kuhn, auf dem Tisch) fuhrt die Rebellen an, rechts jubelt Lara (Lisa Habermann)


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3. Lara (Lisa Habermann) wird von Viktor Komarovskij (Patrick Rohbeck) bedrangt. Spater ist ausgerechnet er ihre Rettung


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4. Jurij Schiwago (Jan Ammann) und Lara (Lisa Habermann) kommen sich im Lazarett naher


Fotos (5): Kirsten Nijhof

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Jurij Schiwago (Jan Ammann) dient im Ersten Weltkrieg an der Front als Arzt


Foto: Kirsten Nijhof

Die Stimmung des düsteren und schwermütigen Stücks wird vom politisch-historischen Kontext bestimmt. In Zeiten von Oktoberrevolution, Bürgerkrieg und Weltkrieg sowie damit einhergehenden Straßenkämpfen, Schlachtfeldszenen und Hungersnöten – einer allgemeinen Umwälzung der Verhältnisse – ist der Mensch auf der Suche nach sich selbst und einer Welt, die er versteht und die ihm Halt gibt. Die Lichtstimmung in der Musikalischen Komödie ist dementsprechend dunkel, geheimnisvoll und indirekt beleuchtet, als ob das Licht aus dem Inneren der Bühne käme. Auch strahlen sich die Patrouillen mit Taschenlampen an, als würden sie sich selbst suchen und näher beleuchten wollen. Das wenige Licht setzt das fulminante Bühnenbild von Karin Fritz in Szene, lässt es romantisch oder bedrohlich wirken.

Das Moskauer Familienhaus der Schiwagos präsentiert sich als besonders schöne Fassade mit liebevoll detailreicher Ausstattung. Verzierte Tapeten, ein eleganter Kamin, viele Spiegel und Bilderrahmen mit Gemälden weisen auf die ehemalige Pracht hin. Später dominieren Kontraste: Edle Holzgalerie in Varykino, dann stehen Jurij und Lara vor einem kargen Zimmer mit Ziegelwand und Bett. Das Feldlazarett wird mit wenigen wirksamen Mitteln dargestellt: Ein Schreibtisch, an dem der Arzt schreibt, wird zusammen mit einem zweiten Tischchen zur Krankenliege. Dahinter sieht man Säcke auf dem Schlachtfeld – ein grünes Tarnnetz bedeckt die Innenausstattung des Anwesens aus einer vorherigen Szene und evoziert das Kriegsgeschehen und die bedrohliche Situation. Fließende Szenenwechsel durch schnelle Bühnenumbauten und eine gelungene Verbindung der Szenen lassen alles wie aus einem Guss wirken. Mirko Mahrs (Choreographie) Volkstänze und Marschbewegungen sitzen und tragen zu einem authentischen Bild des Zeitenwechsels vom zaristischen zum kommunistischen Russland bei.

Der Ton in der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig ist bereits zu Beginn der Spielzeit optimal ausgesteuert, sodass Chor, Sprechtexte, Gesang der Darsteller sowie das gut besetzte Orchester klar zu hören sind. Besonders schön klingen die Akzente des Harfenspiels unter der musikalischen Leitung von Christoph-Johannes Eichhorn. Ein starker Chor intoniert Trauer zu Beginn des Stückes sowie Revolutionsparolen, aber auch einen volkstümlichen Frauengesang der Krankenschwestern im Lazarett.

Jan Ammann kann als Jurij Schiwago die volle Bandbreite an Emotionen in seinem Schauspiel zeigen. Er meistert die anspruchsvolle Rolle souverän und mit großer Intensität, sodass man ihm etwa den von der Krankheit gezeichneten Mann, das Gehetztsein durch die vielen politisch bedingten neuen Situationen, den Schrecken des Kriegs oder auch die Faszination für Lara, doch auch die Liebe für seine Frau Tonia abnimmt. Gesanglich brilliert er in den wunderbaren Melodien mit großer Wärme in der Stimme, beispielsweise in dem Lied mit der Frage: ›Wer ist sie?‹, das einem im Gedächtnis bleibt. In seinen Duetten mit Lisa Habermann harmonieren beide wunderschön. Ein starkes und eindrucksvolles Lied ist auch ›Now‹. Habermann erringt als Lara ebenso wie Jan Ammann als Jurij trotz der Dreiecksgeschichte die Sympathie des Publikums. Schön, geheimnisvoll, leidenschaftlich und naiv sowie verletzlich sind nur einige der Facetten, die Habermann in ihrem Schauspiel zeigt.

Habermann und Ammann tragen das Stück, doch alle anderen Personen in diesem Stück wurden ebenfalls gut herausgearbeitet, soweit es das Buch hergibt. Björn Christian Kuhn als Antipov/Strelnikov wirkt bedrohlich und treibt seine Spielchen mit Schiwago, nur um am Ende selbst zu erliegen. Schiwagos Frau Tonia wird anmutig von Hanna Mall dargestellt und der Zuschauer kann sich gut vorstellen, dass Schiwago von den zwei unterschiedlichen Frauen angezogen wird.

Liebe in Zeiten des Krieges ist ein ebenso wenig veraltetes Thema, wie es die sozialen Gefälle in Russland oder anderswo sind. In eine spannende Geschichte verpackt und mit anspruchsvoller Musik weiß »Doktor Schiwago« zu überzeugen. Eine weitere Verbreitung des Stücks im deutschsprachigen Raum wäre wünschenswert.

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1. Viktor Komarovskij (Patrick Rohbeck, r.) bietet Lara (Lisa Habermann) und ihrem Geliebten Schiwago (Jan Ammann, l.) Hilfe an


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2. Der zum Tode verurteilte Strelnikov (Bjorn Christian Kuhn, l.) hat eine lange Unterredung mit Jurij Schiwago (Jan Ammann, r.)


Fotos (2): Kirsten Nijhof

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