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ZWISCHEN ZWEI WELTEN


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 25.06.2022

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 7/2022

Der Amur gehört mit 4000 Kilometern zu den längsten Flüssen der Welt, und doch kennen ihn viele Menschen nicht. Über weite Strecken, auf denen er verschiedene Namen trägt, markiert er die Grenze zwischen Russland und China. Im Spätsommer 2018 und im Frühjahr 2019 folgte der britische Reiseschriftsteller Colin Thubron dem Fluss von seinem Quellgebiet in der Mongolei bis zur russischen Pazifikküste. Sein Buch „The Amur River: Between Russia and China“ ist im September 2021 erschienen. Der Reisebericht gibt einen faszinierenden Einblick in einen abgelegenen Winkel der Welt, in den sich nicht viele „Fremde“ – schon gar nicht in Thubrons Alter – trauen. Er zeichnet die nüchterne Realität einer vernachlässigten Grenzregion.

In diesem Buchauszug begleiten wir Thubron auf dem Teil seiner Reise, der ihn durch Sibirien führt. In der kleinen Hafenstadt Sretensk an der Schilka, einem Hauptzufluss des ...

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... Amur, hört er von einem Passagierboot, das bis auf 80 Kilometer an die chinesische Grenze fährt.

Fünf Tage lang hält er am Fluss danach Ausschau und wartet. Dann klopft jemand an die Tür seines Hotelzimmers.

ICH HÄTTE ES WISSEN MÜSSEN. Zu lange schon bin ich hier, falle zu sehr auf in einem Ort, in den nie Fremde kommen. Als ich aufmache, stehen drei Polizisten vor mir. „Kommen Sie mit.“

Auf der Polizeistation sitzen mir zwei andere Polizisten gegenüber: ein höherrangiger Beamter, der mich unfreundlich mustert, und eine junge Frau mit eisiger Miene. Zwischen uns ein leerer Tisch. Die Beamtin prüft immer wieder etwas in ihrem Computer. Eine Lehrerin wird als Dolmetscherin herbeigerufen.

„Wen kennen Sie in unserer Stadt?“, fragt der Polizist.

„Ich kenne hier niemanden.“

„Warum sind Sie dann hier?“ „Ich schreibe ein Buch über den Amur.“ „Der Amur ist im Osten. Hier ist die Schilka.“

„Die Schilka ist ein Nebenfluss des Amur.“ Das Englisch der Dolmetscherin ist schlechter als mein Russisch, das ich vor 40 Jahren für meine Reisen in die Sowjetunion lernte. Aber wenigstens geben mir ihr Übersetzungsversuche Zeit zum Nachdenken. „Sie sind schon fünf Tage hier.“ „Ich warte auf das Schiff.“ Dann rede ich über das Hafenviertel und den Flussverkehr im 19. Jahrhundert, schwärme von der früheren Bedeutung des Orts als Verbindung zwischen Europa und der Pazifikküste.

Bald sieht der Polizist mich feindselig an. „Woher wissen Sie das alles?

Wieso wissen Sie mehr als wir?“, fragt er ganz ohne Ironie.

„Das steht alles in den Geschichtsbüchern“, antworte ich.

Der Beamte hält verwirrt inne. Dieser alte Mann stellt ihn vor ein Rätsel: Vielleicht tut er nur so, als würde er humpeln* und schlecht Russisch sprechen, aber er ist nicht wie ein Spion ausgerüstet – er hat keine versteckte Kamera – und reist wie ein Landstreicher.

Dann sagt die Beamtin: „Sie haben das falsche Visum.“ Sie hält meinen Pass hoch. „Sie haben ein Geschäftsvisum, dabei müsste es ein Touristenvisum sein.“

„Ich bin kein Tourist. Ich schreibe ein Buch …“

Sie gehen aus dem Raum, um sich zu besprechen, und kommen mit einem Formular wieder, das ich unterschreiben soll. Darauf steht, dass meine Einreise nach Russland ein zivilrechtliches Delikt sei. Ich müsse eine Strafe zahlen. Mein Visum sei ungültig, und ich könne aus Russland ausgewiesen werden.

Die Geldstrafe ist gering. Doch dann sagt der Mann: „Wir schicken Sie nach Tschita. Die Einwanderungsbehörde dort wird über alles Weitere entscheiden.“

Die Verwaltungshauptstadt Tschita ist mehr als 300 Kilometer entfernt.

Meine Weiterreise könnte sich um Wochen verzögern. In einem anderen Raum muss ich meine Fingerabdrücke abgeben. Danach lassen sie mich im Verhörraum allein. Drei Stunden bin ich jetzt in Haft. Als die Beamten

* Bei einem Sturz vom Pferd in der Mongolei hatte der Autor sich verletzt.

zurückkehren, eröffnet mir die Polizistin, dass ich meine Reise fortsetzen könne. Sie entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten und lächelt mich an.

„Selbstverständlich können Sie über unsere Geschichte, unsere Landschaft schreiben. Es ist eine Ehre für uns, dass jemand aus dem fernen London kommt, um unsere Stadt zu besuchen.“ Verblüfft reiche ich ihr zum Abschied die Hand.

Ich bin erleichtert, als das Passagierboot am nächsten Morgen endlich kommt. Ich folge einer Gruppe älterer Frauen, die mit Säcken und Bündeln beladen an Bord gehen. Während das Boot vom Ufer abdreht und nach Osten steuert, überkommt mich ein Hochgefühl.

JEDES SIBIRISCHE DORF HAT EINE KANTINE, IN DER EINE MATRIARCHIN REGIERT

Wilde Schönheit

Die Schilka wird zu einem unergründlichen, olivgrünen Korridor. An manchen Stellen fallen die Anhöhen aus zerklüftetem Granitgestein mit orangefarbenen Flechten bis ans Ufer ab.

Dann wieder teilen sich die Berghänge und geben den Blick frei in liebliche Täler. Ihre wilde Schönheit ist betörend. Ein-, zweimal kommen wir an einem Blockhausdorf vorbei.

Der Kapitän wird auf den Fremden aufmerksam und fordert mich auf, mich neben ihn zu setzen. Ich starre durch die Windschutzscheibe, auf die erste Regentropfen fallen. Den Kapitän scheint nichts aus der Ruhe bringen zu können. „Ja, der Fluss hat eine starke Strömung und viele Untiefen“, sagt er barsch, aber er befahre ihn schon seit 38 Jahren.

„Was tun die Leute in diesen Dörfern?“, frage ich. „Sie tun nichts.“ „Fischen sie?“ Bislang habe ich auf meiner Reise noch keinen einzigen Fischer gesehen.

Der Kapitän lacht. „Nur Reiher und Kormorane fischen.“

Als der Regen stärker wird, murmelt der Kapitän „London, London“ vor sich hin. Aber er hat weder für Moskau etwas übrig, wo er noch nie gewesen ist, noch für andere Großstädte. Der Kapitän zeigt in den Wald. „Das ist meine Stadt.“

Wir befinden uns ungefähr 500 Meter über dem Meeresspiegel und noch mehr als 3000 Flusskilometer von der russischen Pazifikküste entfernt. In vier Wochen, so der Kapitän, beginnt die Schilka zuzufrieren. Dann ruht seine Arbeit bis zum späten Frühjahr.

Bis zum Abend ist aus dem dunklen Granit der Klippen heller Kalkstein geworden. Niedrige, kahle Hügel säumen wie Kuppeln das Nordufer.

In Ust-Karsk ist die Fahrt zu Ende. Der Kapitän ruft „Auf Wiedersehen, L o ndon!“, und deutet in der Abenddämmerung auf ein spärlich beleuchtetes Café im Ort.

Jedes sibirische Dorf hat in seiner Mitte eine schmucklose Kantine, in der meist eine barsche Matriarchin regiert. Die blonde Irina mustert mich kurz verblüfft, dann sagt sie freundlich, eine Herberge hätten sie hier nicht, aber sie wisse, wo es Betten gebe.

Das Lokal scheint zu groß für die Kundschaft: ein spärlich möblierter großer Raum, den einige Stammgäste durchqueren, um Wodka zu kaufen.

Doch ich ziehe einen Schwarm junger Männer an, die mich lautstark begrüßen, mit Fragen torpedieren und nach Getränken rufen. Sie lassen erst von mir ab, als Irinas Tochter in einem klapprigen Lieferwagen vorfährt, um mich abzuholen.

Neben einem Gebäude in einem überwucherten Obstgarten wartet eine wortkarge Frau mit einem Schlüssel. Sie öffnet einen Schlafsaal mit drei Eisenbetten. Nachdem sie weg ist, rolle ich mich in die alten Decken ein und lausche der Stille.

Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass ich in einem Nebengebäude der Dorfbücherei übernachtet habe. Im Raum dahinter entdecke ich Stapel alter Bücher. Als die Bibliothekarin wiederkommt, setzen wir uns hin und essen Schwarzbrot mit Kirschmarmelade.

„Insgesamt haben wir mehr als 2000 Bücher – darunter alle russischen Klassiker“, sagt sie. Besonders stolz ist sie auf die Übersetzungen der Werke englischsprachiger Schriftsteller: Sir Walter Scott, Mark Twain und eine Gesamtausgabe von Charles Dickens.

Der Bestand datiert natürlich noch aus der Ära der Sowjetunion und ist seitdem kaum ergänzt worden. Ich gehe an den Bücherstapeln entlang und staune über die Schätze, die dieses verschlafene Nest birgt.

Das Grenzgebiet

Die chinesische Grenze ist kaum 80 Kilometer Luftlinie entfernt, doch hinter Ust-Karsk riegelt ein Naturschutzgebiet den Fluss ab. In diesem ehemaligen Sperrgebiet trifft der Argun aus dem Süden – heute die chinesische Grenze – auf die Schilka, und gemeinsam fließen sie als Amur weiter. Der Fluss trennt dann auf einer

Länge von mehr als 1600 Kilometern Russland von China.

Um dieses Gebiet zu umgehen und zur dahinterliegenden Grenze zu gelangen, setze ich meine Reise über den Landweg fort. Ich finde einen Mann, der mich über eine Bergstraße nach Norden zur Transsibirischen Eisenbahn fährt.

Unser Weg führt durch ausgedehnte Wälder, bis wir gegen Mittag auf die einzige Straße treffen, die ganz Sibirien durchquert. Die R297 Amur ist eine zweispurige, kaum befahrene Fernstraße. Ich sehe nur Armeefahrzeuge und einige Lastwagen, die geschmuggelte Ware aus China und Drogen transportieren, wie mein Fahrer erklärt. Dann erblicken wir die langsamen Riesen der Transsibirischen Eisenbahn, die nördlich von uns das Land durchqueren.

SEIT MEINER LETZTEN ZUGREISE VOR 20 JAHREN HAT SICH WENIG VERÄNDERT

Im Osten Sibiriens verlaufen die Schienen parallel zur Fernstraße, während der Amur die Eisenbahnlinie durch den Süden begleitet. Nach einer deftigen Mahlzeit mit Würstchen und Kartoffeln steige ich in den Zug nach Skoworodino. Seit meiner letzten Zugreise vor 20 Jahren hat sich in den Abteilen nicht viel verändert: die gleichen klemmenden Fenster, der Gestank von Urin und das leichte Schaukeln der hohen Waggons.

Wir erreichen die Stadt im Morgengrauen. Vor mehr als zwei Jahrzehnten – in den letzten Jahren der Herrschaft von Boris Jelzin – konnte ich Skoworodino noch unbemerkt verlassen, um einen Abstecher zur chinesischen Grenze zu machen. Heute braucht man eine nur schwer erhältliche Genehmigung, um in das Grenzgebiet zu reisen. Dafür wende ich mich an den Inlandsgeheimdienst, den Nachfolger des berüchtigten KGB.

Alte sowjetische Ängste haben an der längsten befestigten Grenze der Welt überlebt: Hier gibt es immer noch viele Kilometer Stacheldrahtzaun mit geharkten Erdstreifen, um Fußspuren zu verraten. Drei Tage warte ich in Skoworodino, bis der Geheimdienst mir die Genehmigung zur Fahrt in den Grenzort Albazino ausstellt, einst die erste russische Siedlung am Amur.

Zwei Tore – vier Meter hohe, mit Stacheldraht bespannte, wacklige Rahmen – versperren die Straße nach Albazino. Aus einem Blockhaus tauchen die Wachen auf, inspizieren ausgiebig meine Genehmigung und ziehen das Tor auf. Der stählerne Wachturm am Fluss ist unbesetzt, aber nach Süden hin zieht sich ein endlos langer Stacheldrahtzaun.

An einer Stelle, wo das Ufer steil abfällt, und der Fluss 100 Meter tiefer fließt, sind einige Pfosten umgeknickt. Ich steige über den rostigen Draht. Am anderen Ufer erheben sich die Kuppeln einer Ölraffinerie, deren Pipeline unter dem Fluss verläuft.

Diesseits des Amur, auf dem Museumsgelände in Albazino, stehen die Nachbauten eines Kosakenhofs mit Kapelle. Im Eingangsbereich des Museums prangt die Darstellung einer Belagerung der Festung von Albazino durch die Mandschuren im 17. Jahrhundert. Bärtige Kosakenkrieger recken Marienikonen hoch und kämpfen vor den brennenden Türmen ihrer dem Untergang geweihten Festung.

Vor dem Museum sitzt ein Mann in der Sonne. Alexej muss von der Ankunft eines Fremden gehört haben und hat sich in die Galauniform der Amur-Kosaken geworfen: olivgrüne Jacke, die Hose mit gelbem Streifen, eine Schafsfellmütze. „Slawa Bogu!“ (Ehre sei Gott), ruft er mir zu. Ich schüttle seine große, weiche Hand.

Vor 20 Jahren hatte ich seine Großmutter Agrippina kennengelernt, die in der Region mit ihren beinahe 90

Jahren das Gedächtnis der Kosaken verkörperte. Als er das hört, strahlt er vor Stolz. Alexej spricht von ihr wie von einer Heiligen, und als er sagt, „Die Kosaken kommen wieder!“ höre ich die Stimme seiner Großmutter.

„Wir dürfen nie vergessen! Jetzt lernen unsere Schulkinder wieder die Traditionen ihrer Vorväter.“ Alexej ist der Ataman, das Oberhaupt der Kosaken in diesem Bezirk. „Bald werden wir unsere Festung hier wieder aufbauen und wie früher Patrouillen durchführen. Die Grenzwachen reichen nicht aus, Russland braucht uns!“

Die russischen Herrscher haben den Kosaken seit jeher misstraut, denn deren Unabhängigkeit bedeutete immer auch eine Bedrohung. Sie waren kein eigenes Volk, bildeten aber ein weitreichendes Netzwerk bewaffneter Grenzbewohner, die keinerlei Autorität anerkannten. Sie stellten einige der brutalsten Regimenter der kaiserlichen Armeen, bis sie von Stalin vernichtet wurden. Jetzt werden sie als paramilitärische Einheiten an den Grenzen eingesetzt.

„Die Grenzen müssen nicht mehr bewacht werden“, sage ich. „Russland und China leben in Frieden.“

Alexej ballt die Fäuste. „Aber wir müssen vorbereitet sein. Immer! Den

Chinesen ist nicht zu trauen. Wir können niemals sicher sein.“

Alte Ängste werden wach

Am Bahnhof von Skoworodino steige ich in die Transsibirische Eisenbahn.

Sie folgt dem Amur in einem großen Bogen nach Südosten. In meinem Abteil sitzt Alena. Sie ist 16 Jahre alt und fotografiert alles, auch mich. „Mein erster Ausländer!“ – ihre Begeisterung steckt mich an. So laufe ich danach in bester Stimmung durch die Straßen von Blagoweschtschensk, der zweiten Stadt am Amur.

BIS HEUTE HABEN DIE CHINESEN DEN VERLUST VON GEBIETEN AM AMUR NICHT VERKRAFTET

Für sibirische Verhältnisse ist die 1856 gegründete Stadt schon alt. Mit der Entdeckung von Goldvorkommen stieg ihre Einwohnerzahl sprunghaft an, und Ende des 19. Jahrhunderts entstanden prächtige Handelspaläste. Seit fast zwei Monaten habe ich kein Gebäude von architektonischer Schönheit gesehen. Wie berauscht wandere ich jetzt über die Flusspromenade und durch die Straßen.

Stuckverzierte Villen in Pastelltönen – eierschalenblau, champagnergelb – sind heute Büros, Hochschulfakultäten oder Restaurants.

Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich wie eine Fata Morgana die chinesische Stadt Heihe, die in den 1990er-Jahren noch ein kleines Dorf war. Die Wolkenkratzer der Stadt – 30, 40 Stockwerke hoch – werden mit einer besessenen Energie und Ungeduld in die Höhe gebaut. Das Riesenrad dort ist doppelt so groß wie das russische Exemplar in dem Park, in dem ich stehe.

Die Einsamkeit des Flusses, auf dem ich auf vielen hundert Kilometern nur ein Boot gesehen habe, wird zum ersten Mal durchbrochen. Hier wird der Amur zu einer geschäftigen Wasserstraße. Frachtkähne transportieren Kisten und Lastwagen den Fluss hinunter. Ausflugsdampfer schippern vorbei, aus deren Lautsprechern die Geschichte des Ufers schallt, das einst zu China zählte.

Nach 1858 behandelten die Russen den Armur als ihr Eigentum, den Chinesen ließen sie nur das südliche Ufer.

Erst 1986 bestätigte Michail Gorbatschow in seiner Rede in Wladiwostok die internationalen Regeln für Flussgrenzen, wonach die Grenze nicht eines der beiden Ufer ist, sondern der schiffbare Amur dazwischen.

Bei den Chinesen heißt der Amur Heilong Jiang, Schwarzer Drachenfluss, wegen der Macht des Drachens – dem Symbol des chinesischen Kaisers – und seiner Herrschaft über Stürme und Fluten.

In Blagoweschtschensk sieht man auf der Uferpromenade bis zum Fährhafen, wo die Boote von Heihe anlegen, kaum Chinesen. Es sind Russen, die, gebeugt unter riesigen Warenpaketen, an Land gehen. Sie transportieren Gebrauchsartikel, auf deren Produktion sich die Chinesen so gut verstehen.

Dieser grenzüberschreitende Warenverkehr begann mit dem Zerfall der Sowjetunion in den frühen 1990er-Jahren. Er lief so sehr aus dem Ruder, dass die lokalen Behörden die Einfuhr chinesischer Ware stark einschränkten.

Für die Russen wurde es einfacher und günstiger, in China einzukaufen.

Auf dem Hauptmarkt von Blagoweschtschensk sind Chinesen allgegenwärtig. Das Verbot, Stände zu besitzen, umgehen sie durch Partnerschaften mit Russen. Junge Chinesen mit umgeschnallten Geldgürteln packen im Hintergrund Waren aus, während vorn ein lethargischer Russe die Kundschaft bedient.

Bis zum Beginn der Annäherung unter Gorbatschow 1986 lebten beide Weltmächte 30 Jahre lang in erbitterter Feindschaft. Bis heute haben die Chinesen den Verlust der Gebiete nicht verkraftet, die sich das russische Kaiserreich nördlich des Amur aneignete. Seither hat das Ungleichgewicht der Bevölkerung im großen Flussbecken noch zugenommen. Die vier russischen Provinzen entlang des Amur haben nur drei Millionen Einwohner, während in den drei chinesischen Provinzen fast 20-mal so viele Menschen leben.

Frühe Schätzungen gingen davon aus, dass sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu zwei Millionen Chinesen im fernen Osten Russlands niedergelassen haben.

Nach neueren Untersuchungen waren es etwa 30 000 – doch die alte Angst, dass Moskau die Region aufgibt und daraus eine chinesische Provinz wird, herrscht hier weiter.

Am nächsten Morgen, einen Tag, bevor ich nach China übersetze, beschäftige ich mich mit der Sprache, die ich vor vielen Jahren nur schlecht gelernt habe. Erleichtert lasse ich die komplizierte russische Grammatik hinter mir. Das Chinesische, das weder Zeitformen noch Geschlechter, nicht einmal Singular oder Plural kennt, erscheint wunderbar einfach.

Überfahrt nach China

Irgendwo in der Flussmitte, dort, wo die Strömung stärker und das Wasser dunkler wird, beginnt China. Die Grenzbeamten benötigen 40 Minuten, um mein Visum zu prüfen, sie legen es immer höherstehenden Beamten vor, bis einer es schließlich widerwillig abstempelt. „Nur Russen nehmen diesen Weg“, sagt er.

Die Busfahrt führt über breite Boulevards an Wolkenkratzern vorbei. Zur Stadtmitte hin füllen sich die Straßen.

Also steige ich aus und gehe zu Fuß weiter. In der Fußgängerzone Wenhua Street schwillt der Lärm zu einer ohrenbetäubenden Kakophonie an.

Denn hinter den schmalen Fassaden verbergen sich hell erleuchtete Geschäfte, für die an jedem Eingang Lautsprecher lautstark Reklame machen. Andere bieten ihre Ware auf den Bürgersteigen feil, wo sich billige Kleidung, Geschirr oder Elektronikprodukte stapeln, darunter auch Schildkröten und Goldfische als Haustiere.

Die Straßennamen sind außer auf Chinesisch auch auf Kyrillisch ausgeschildert, und an Kreuzungen stehen Bäumchen, die in Form von Matroschkas und Zwiebeltürmen orthodoxer Kirchen gestutzt sind.

Doch Russen sehe ich keine. Als der Rubel hoch im Kurs stand, kamen sie zu Tausenden. Die Chinesen passten sich an, indem sie Wodka herstellten, Kleidung nähten, die in Moskau als modisch galt, und Röcke, Gürtel sowie BHs in größeren Größen anboten.

Ich steige die Treppe zur Buchhandlung Puschkin hinauf, und plötzlich ist es wunderbar still. In holprigem Mandarin frage ich eine Verkäuferin nach russischen Büchern. Es gäbe keine, sagt sie. Schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Durch Vermittlung eines Mannes aus Blagowoschtschensk soll mich ein Chinese auf dem ersten Teil meiner Reise entlang des Amur begleiten. In verblichenen Jeans und abgetragener Weste kommt Liang ins Hotel. Unter einer Schiebermütze sehe ich ein eulenhaftes Gesicht. Mein Lächeln wird melancholisch erwidert.

Natürlich findet er meine Reise seltsam. Hinter Aihui, etwa 30 Kilometer weiter, kenne er sich nicht mehr aus, sagt er. Liang zieht die Mütze vom fast kahlen Schädel. In Heihe hatte er zuerst als Drucker, dann als Schreiner und zuletzt sogar als Stadtführer gearbeitet – vielleicht stammt sein sonderbares Russisch aus jenen Tagen.

Ich antworte ihm in fehlerhaftem Chinesisch. Wir müssen uns schrecklich anhören.

Er sei erst einmal in Russland gewesen, auf einer Gruppenreise mit seiner Frau in Nowosibirsk. „Wir wurden von einer Mafiabande überfallen, aber wir haben uns gewehrt.“ Liang lächelt und lässt dabei eine Reihe schiefer Zähne sehen. Ich mag ihn und ich spüre, dass er erleichtert ist, denn meine Erscheinung ist ein wenig vernachlässigt, so wie seine.

Liang wird mich die paar Hundert Kilometer nach Tongjiang begleiten.

Mit Bussen reisen wir die nächsten vier Tage am Fluss entlang Richtung Osten. Wir frühstücken Dampfbrötchen oder Kascha (Buchweizenbrei) in kargen Gasthäusern, in denen Arbeiter und Bauern sich lautstark unterhalten.

Liang liebt diese Restaurants. Abends dauert es immer eine Weile, bis er sich für das richtige Lokal entschieden hat. Doch dann fliegen seine Essstäbchen zwischen Chow mein (gebratenen Nudeln) und einer Reihe anderer Gerichte hin und her.

In diesen abgelegenen Gegenden, in die sich kaum ein Russe verirrt, werde ich zum Zentrum der Aufmerksamkeit, und Liang gefällt sich darin, über mich zu reden: „Mr. Toobelong ist ein Schriftsteller aus England. Er ist in der Mongolei vom Pferd gefallen. Er ist schon sehr alt, aber er kann mit Stäbchen essen.“

Am Hafen von Jiayin scheint sich die ganze Bevölkerung versammelt zu haben. Die Menschen gehen die Uferpromenade entlang, die mit flatternden roten Wimpeln geschmückt ist. Überall hängen Plakate mit dem Antlitz von Präsident Xi Jinping. Jeder fotografiert. Vergnügungsboote kreuzen in Ufernähe und einmal zieht auch ein größeres Boot vorüber, über dessen Bug sich ein riesiger Brontosaurus aus Gips erhebt.

Jiayin ist die Stadt der Dinosaurier. Vor mehr als 100 Jahren legte man an den ausgewaschenen Flussufern Skelette der ersten in China entdeckten Entenschnabelsaurier frei. Zur Erinnerung zieren nun zahlreiche Dino-Statuen die Stadt.

Verfallene Dörfer

Die Dörfer, die wir auf den 300 Kilometern zwischen Jiayin und Suibin passieren, wirken verfallen. Ähnlich trostlos ist es im Überschwemmungsgebiet des Songhua, des größten Nebenflusses des Amur, bis nach Suibin.

In den Randbezirken der Stadt fallen mir vor allem die vielen Schrottplätze und Kohlehaufen auf.

Am Abend checken wir in ein großes, schwach beleuchtetes Hotel ein und gehen zum Fluss hinunter. Der Songhua ist hier so breit wie der Amur. Als ich meine Hand in die Strömung tauche, verschwindet sie im schlammigen, verschmutzten Wasser.

Wenn der Onon, der westlichste Zufluss des Amur, aus der Mongolei kommt, ist sein Wasser klar. Dort, wo die Schilka in den Amur fließt, wird der Wasserlauf mit Quecksilber aus den veralteten Goldbergwerken verseucht. Doch der Hauptverschmutzer des Amur ist der Songhua. Hier hat sich so viel Industrie angesiedelt, dass es weiter flussabwärts auf russischer Seite heißt, die Fische schmeckten nach Chemikalien.

Als wir ins Hotel zurückkommen, steht unser Gepäck in der Empfangshalle. Der Hotelbesitzer war beim Anblick eines Ausländers in Panik geraten und hatte die Polizei gerufen. Zwei finster blickende Männer in Kampfanzügen stürmen ins Foyer.

Einer von ihnen sagt: „Ausländer sind hier verboten. Wen kennen Sie hier?

ENDE OKTOBER SIND DIE UFER DES AMUR BEREITS VON EIS GESÄUMT. MÖWEN SCHREIEN

Sind Sie Russe?“

Meine Papiere wandern von einem zum anderen, weitere Fragen werden gestellt. Sie überprüfen meinen Pass im Hotelcomputer und führen Telefonate. Sie durchsuchen meinen Rucksack. Wollen wissen, wo mein übriges Gepäck ist. Wer mich hergeschickt hat. Sie kopieren mein Visum und gehen schließlich, immer noch grimmig und jetzt auch verblüfft.

Nun dürfen wir in einen großen, düsteren Schlafsaal. Liang schläft sofort ein, das Handy fest im Griff, während ich noch eine Stunde lang wach liege und auf Schritte horche.

Als wir am nächsten Tag mit der Fähre über den Songhua setzen, taucht die Stadt Tongjiang auf. Beim Näherkommen sehe ich zahlreiche Frachtkähne, auf denen sich Holzstämme aus Sibirien stapeln. Dieser Export bringt viele Russen zur Weißglut: Die Bäume der Taiga werden meist illegal gefällt.

Der Wald ist für die Russen Teil ihrer nationalen Identität. Und dennoch zerstören russische Holzfällerfirmen – die mit chinesischen Sägewerken unter einer Decke stecken – weite Teile bislang unberührten Waldes. Russland verliert jedes Jahr ein Waldgebiet, das schätzungsweise doppelt so groß ist wie Belgien.

Vielleicht weil sich unsere Wege bald trennen, macht Liang seinem Unmut über den 2004 geschlossenen Grenzvertrag Luft. Er möchte, dass ich in meinem Buch schreibe: „Meiner Meinung nach hätten wir niemals diesen Vertrag unterzeichnen sollen, in dem der russische Landraub anerkannt wurde. Ehrlich gesagt hasse ich die Russen.“

Zum Abschied umarmen wir uns ein wenig verlegen.

Zurück nach Russland

Mehr als 100 Kilometer weit folgt eine kaum befahrene Straße dem Lauf des Amur an Feldern und Ebenen vorbei nach Nordosten. Ohne Liang an meiner Seite betrachten mich die Mitreisenden im Bus mit unverhohlener Neugier. Über den Ausländer wird auf Mandarin gesprochen, einer Sprache, die er bestimmt nicht versteht: Seine tiefliegenden Augen, klar, und dann seine Nase, die so lang gezogen ist.

Jemand macht verstohlen ein Foto.

Ein gewaltiger Sonnenuntergang zerreißt den Himmel, dann senkt sich die Dunkelheit über das Land, und die Lichter von Fuyuan glitzern auf dem Fluss. Wenige Kilometer weiter im Osten macht sich der Amur auf seinen langen Weg nach Norden zur russischen Pazifikküste. Manchmal gibt es von Fuyuan aus eine Fähre, die 50

Kilometer flussabwärts in Chabarowsk am russischen Ufer anlegt.

Ende Oktober sind die Ufer des Amur bereits von Eis gesäumt. In den Straßen hört man die Möwen schreien. Die eng stehenden Hügel drängen die Stadt hinunter an den Fluss. Häuser mit anmutigen Kuppeln und Türmchen zieren das Straßenbild.

Vom Stadtrand aus führen Backsteinpfade zu einem hoch gelegenen Aussichtspunkt. Mit einem Ehepaar beginne ich dort ein stockendes Gespräch. Von hier aus fließe der Amur zur äußersten Grenze Chinas, wo er sich mit dem Nebenfluss Ussuri vereine, erfahre ich. Unvermittelt bieten mir die beiden an, mich dorthin zu fahren. So vergeht der Nachmittag in einem Traum von einem glücklicheren China. Fuyuan ist eine aufstrebende Stadt, erzählen sie.

Wir erreichen die Stelle, wo der Ussuri die östliche Grenze Chinas markiert. Hier, wo der Amur den Strom in einem schlammfarbigen Strudel verschlingt, gibt es eine Aussichtsplattform. Am fernen Ufer des Ussuri erkennen wir ein russisches Dorf und einen einsamen Wachturm. Dahinter erhebt sich eine lange Bergkette, die China von der pazifischen Küste abschneidet.

„Hier sind wir auf demselben Längengrad wie Neuguinea und Zentralaustralien“, sagt der Mann. „Es kommen oft Leute hierher, um die Morgendämmerung mitzuerleben, den ersten Sonnenaufgang in ihrer Welt.“

China verblasst in der Ferne.

Fuyuan verschwindet hinter der Heckwelle des Tragflächenbootes, das mich flussabwärts nach Chabarowsk zurück nach Russland bringt. Die Passagiere müssen unter Deck bleiben.

An den Ufern glitzert das Eis.

Jetzt, da der Amur zufriert, ist es für mich an der Zeit, nach London zurückzukehren. Im Frühling werde ich wiederkommen und meine Reise zum Pazifik fortsetzen.

Uneingeschränkt

Gefühl von Grenze darf nicht heißen: hier bist du zu Ende, sondern: hier hast du noch zu wachsen.

EMIL GÖTT, DT. SCHRIFTSTELLER (1864–1908)