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DOKU: Der Tiger kehrt zurück

TV Digital XXL-Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 21/2019 vom 04.10.2019 ⋅ Seiten 4-6 ⋅ Lesedauer ca. 4 Min.

DOKU: Der Tiger kehrt zurück

Gute Nachrichten aus Nepal: In dem Land im Himalaja ist die Zahl der Wildkatzen in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Engagierte Tierschützer kämpfen dort für den mächtigen König des Dschungels



Bildquelle: TV Digital XXL-Ausgabe, Ausgabe 21/2019


Seit 2009 hat sich die Zahl derbedrohten Großkatzen in Nepal fast verdoppelt


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EXPERTIN


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LEITERIN DER WWFTIGERPROJEKTE Kathrin Samson


Die Tigermutter hat es sich auf der Lichtung eben erst gemütlich gemacht, da stört der Nachwuchs ihre Ruhe. Übermütig tollen die beiden Kleinen durchs trockene Gras, balgen sich, schlagen Purzelbäume. Was eine Kamerafalle in Nepal festhielt, macht den Tierschützern Mut: Die Tigerbabys sind wohlgenährt und strotzen vor Energie.

Bis vor wenigen Jahren stand der König des Dschungels in Asien vor dem Aus – dann trafen sich Vertreter der 13 Staaten, in denen die Raubkatze lebt, 2010 zu einem „Tigergipfel“ in Sankt Petersburg. Ihr ehrgeiziges Ziel: Bis 2022 soll die Zahl der frei lebenden Tiger verdoppelt werden. Nepal hat dieses Ziel schon fast erreicht. Laut aktueller Zählung stieg der Bestand in nur zehn Jahren von 121 auf 235 Tiere. „Das ist ein großartiger Erfolg“, schwärmt Kathrin Samson, Tigerexpertin beim WWF Deutschland. „Das kleine Land im Himalaja spielt schon jetzt eine Vorreiterrolle im Tigerschutz.

Staaten wie Thailand oder Indonesien hinken da noch deutlich hinterher.“ Ein Wunder mit Vorbildcharakter: Der Erfolg beruht auch auf dem starken politischen Willen Nepals, den Lebensraum der Tiger zu schützen, die Bevölkerung in Rettungsprogramme einzubinden und der Wilderei den Kampf anzusagen. Einfach Schutzgebiete ausweisen?

Das reicht nicht. Sie müssen effektiv verwaltet und kontrolliert werden. Dafür sorgen Wildhüter, die beim nepalesischen Staat angestellt sind. „Der WWF finanziert gemeinsam mit der Regierung ihre Schulung und Ausstattung“, erklärt Expertin Samson. Handys, Funkgeräte, Kleidung, Fahrzeuge: Ohne die geeignete Ausrüstung läuft im Kampf gegen professionelle Wilderer nichts. In den Schutzzonen werden zudem Wachposten eingerichtet, damit Ranger länger und auch nachts vor Ort bleiben können. Außerdem stattet der WWF das Tigergebiet flächendeckend mit Kamerafallen aus. „Die sind das Herzstück der Überwachung“, so Kathrin Samson. „Durch die charakteristische Streifenzeichnung erkennen wir, ob einzelne Tiere in ihrem Revier bleiben oder abwandern.“ Das Fell nämlich ist unverwechselbar wie ein Fingerabdruck: goldgelbe Töne, tintenschwarze Linien, der Kopf mit puderweißen Flecken und gelben Augen. Der in Nepal und Indien heimische Königstiger gilt als die anmutigste Unterart. Ausgewachsene Männchen wiegen bis zu 300 Kilogramm. So verkörpert der Tiger gleichzeitig Eleganz, Kraft, Gefahr und Geheimnis.


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EIN HERZ FÜR DEN TIGERSchüler demonstrieren in Nepals Hauptstadt Kathmandu gegen Wilderei



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FÜRSORGEEine Tigermutter kümmert sich meist um zwei bis drei Jungtiere


Außerhalb der Paarungszeit ist das mächtige Raubtier ein Einzelgänger. Männchen streifen einsam durch ihr rund 68 Quadratkilometer großes Territorium. Der Nachwuchs bleibt gut zwei Jahre bei der Mutter. Weibliche Jungtiere lassen sich anschließend in der Nähe nieder, junge Tigermännchen hingegen legen auf der Suche nach einem eigenen Revier lange Wanderungen zurück. „Wir müssen also grüne Korridore schaffen, um Schutzgebiete zu verbinden“, erklärt Kathrin Samson. Diese wildreichen „Tigerstraßen“ dürfen nicht durch Siedlungen, Felder, Straßen oder Rodungen unterbrochen sein. Deshalb werden Flächen wieder begrünt oder aufgeforstet. „Natürlich siedeln wir dafür keine Menschen um“, stellt die Expertin klar. „Aber wir sorgen dafür, dass bestehende Wildkorridore geschützt und teilweise erweitert werden.“

Die Menschen sind das Herz des Tigerschutzes. Deshalb sollen in Zukunft noch mehr Maßnahmen das friedliche Miteinander von Mensch und Tier ermöglichen. Viele Dorfbewohner in den Schutzgebieten arbeiten bereits heute als Wildhüter, andere profitieren vom Aufbau eines sanften Ökotourismus. Sie erleben, dass Wildtiere ihre Region attraktiver machen.

Im Kampf für den König des Dschungels

Tiger sind scheue Jäger, die sich den Dörfern in der Regel nicht nähern. Sie bevorzugen große Beute wie Hirsche, Wildschweine, Wasserbüffel. Die Jagd auf kleinere Tiere wie Affen erfordert zu viel Kraftaufwand und zu viele Fehlversuche.

Der Mensch steht eigentlich nicht auf dem Speiseplan. Doch vor allem beim Feuerholzsammeln im Dschungel kann es zu gefährlichen Begegnungen mit den Raubkatzen kommen. Um das Risiko so gering wie möglich zu halten, wählen Umweltschützer Maßnahmen, die auf den ersten Blick wenig mit den Tigern zu tun haben. „Wir haben inzwischen in unserem Projektgebiet fast 180 Biogasanlagen installiert“, berichtet Kathrin Samson. „Sie werden mit Rinderdung betrieben und liefern genug Energie für eine kleine Kochstelle.“ Die Folge: Feuerholz ist überflüssig, niemand muss sich ins Revier der Tiger wagen. Außerdem bauen die Helfer Stallungen für Rinder und Ziegen, um sie vor den Tigern zu schützen. Wird doch ein Nutztier gerissen, sorgt der WWF für die schnelle Entschädigung. „Wir müssen verhindern, dass es zu spontanen Rachetötungen kommt“, so Samson. „Weil Zahlungen offizieller Stellen monatelang dauern können, strecken wir das Geld für die oft bettelarmen Familien in den Dörfern vor.“

Wichtige Säule des Tigerschutzes bleibt die Bekämpfung von Wilderei und Wildtierschmuggel. Tigerprodukte finden vor allem in China, aber auch in Vietnam reißenden Absatz. Sie gelten dort als Statussymbol, Talisman oder vermeintliches Heilmittel der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). „Wir schulen Zollbeamte, Grenzpolizei und Staatsanwälte, um die rechtlichen Grundlagen zu vermitteln, aber auch damit es zu Strafverfolgungen kommt“, sagt Kathrin Samson. „Wildtierkriminalität ist kein kleines Delikt, sondern ein Verbrechen.“ Dazu arbeitet der WWF mit offiziellen Stellen auf nepalesischer wie auf indischer Seite zusammen. Das Ziel: Es muss schwieriger werden, gewilderte Arten zu schmuggeln. Und Wilderer dürfen keine Chance haben, sich auf der anderen Seite der Grenze zu verstecken.

Eine Herausforderung bleibt auch für die Zukunft

Die Erfolgsgeschichte des Tigers setzt das kleine Land Nepal allerdings gehörig unter Druck. „Auch Wilderer wissen, dass dort die Zahl der Raubkatzen steigt“, warnt WWF-Expertin Samson. „Und die Nachfrage nach Tigerprodukten ist leider ungebrochen.“ Der König des Dschungels kehrt zwar auf leisen Sohlen zurück. Doch er braucht weiterhin den engagierten Schutz des Menschen.


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EINSATZRanger und Soldaten schützen die Wälder gegen Wilderer



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MAHNMALBeschlagnahmte Tierprodukte wie Felle werden öffentlich verbrannt



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GEFAHRZum Sammeln von Feuerholz müssen die Frauen oft in Tigerreviere


FOTOS S. 6-7: KLEIN & HUBERT/WILDLIFE (GR.), MATHEMA/GETTY IMAGES, SEIFFERT/WWF; S. 8: ROUSE/MATHEMA/GETTY IMAGES (3), VAN WYK/WWF