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Lesen Sie das Editorial von mundus - epaper

Mit diesem Editorial leitet der/die Herausgeber/in oder die Chefredaktion der Zeitschrift mundus - epaper die aktuelle Ausgabe 2/2018 ein. Hier erfahren Sie, welche Artikel besonders lesenswert sind oder woher die Anregungen dazu kamen.

Liebe Leserinnen und Leser,
Menschen lieben Kriminalromane und Krimisendungen. Das Feierabendprogramm der privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ist der beste Beweis. In Museen stehen Besucher gebannt vor den Bildern des Malers Francis Bacon mit ihren entstellten Körpern. Auch die künstlerische Selbstverletzung als Grenzbereich der Performance Art, beispielsweise bei Marina Abramovic, finden viele Betrachter höchst faszinierend. Was ist der Grund? Was reizt den Betrachter an Kunstwerken, die ihm Angst machen, ihn in Entsetzen versetzen oder zum Weinen bringen? Forscher um Winfried Menninghaus, Direktor der Abteilung Sprache und Literatur am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, haben kürzlich eine Erklärung dafür gefunden: Negative Gefühle binden unsere Aufmerksamkeit besonders stark, werden besonders intensiv erlebt und bleiben besonders stark in Erinnerung. Diese psychische Reaktion ist seit Jahrtausenden überlebenswichtig: Die Bedrohung durch ein wildes Tier oder einen herabstürzenden Felsblock muss in Bruchteilen von Sekunden sowohl ein intensives Angstgefühl als auch eine Reaktion auf das drohende Ereignis auslösen, andernfalls würde der Mensch es nicht überleben. Da die Künste ebenfalls Aufmerksamkeit binden, ein intensives Erleben ermöglichen und erinnert werden wollen, seien beide – Kunst und negative Gefühle – geradezu füreinander prädestiniert, meinen die Forscher.

Aus diesem Grund erhalten Kunstwerke, die negative Gefühle auslösen, oft eine größere Aufmerksamkeit und werden in Galerien, bei Auktionen oder auf Kunstmessen hochpreisiger gehandelt als Werke, die weniger oder gar nicht bedrohlich erscheinen. Kunstbetrachter, die einen Bacon reizvoller finden als beispielsweise einen Emil Nolde, tun also vor allem eines: sie gehen ihren evolutionsbiologisch notwendigen Instinkten auf den Leim. Oder um es ein wenig überspitzter zu formulieren: der Steinzeitmensch in uns reagiert stärker auf einen Francis Bacon, der Kunstkenner auf einen Paul Klee. Es sagt viel über einen Menschen aus, welche Bilder er sich ins Wohnzimmer hängt. Mit der Wahl der Kunst, die ich goutiere, oute ich mich also entweder als Neandertaler oder als echter Connaisseur ... Natürlich gibt es zwischen tatsächlich bedrohlichen Ereignissen und bedrohlichen Szenarien auf Kunstwerken große Unterschiede; zur Kunst kann sich der Betrachter kognitiv distanzieren, was ihm eine Art Sicherheitsraum verschafft, in dem er seine negativen Emotionen erleben kann, ohne einer realen Bedrohung ausgesetzt zu sein. Doch die Gefühle, die eine echte Bedrohung oder eine nur auf dem Kunstwerk gezeigte Bedrohung auslösen, sind erst einmal dieselben. Manche Künstler nutzen dies gezielt für ihr Marketing: Aus unseren steinzeitlich-entsetzten Reaktionen auf ihre Werke speisen sie ihren Marktwert. Ganz so neu sind die Überlegungen der Max-Planck-Forscher übrigens nicht: Um das Jahr 335 v. Chr. schrieb der griechische Philosoph Aristoteles in seiner Poetik, das Zeigen einer Tragödie rufe beim Zuschauer Jammer und Schaudern hervor und bewirke hierdurch eine Reinigung von solchen Seelenzuständen. Diesen Vorgang bezeichnete er als Katharsis. Pikanterweise hat der griechische Arzt Hippokrates dasselbe Wort für purgierende Auscheidungen des Körpers verwendet, zum Beispiel das gezielte Herbeiführen von Erbrechen. Der Mensch muss Belastendes loswerden können, sonst macht es ihn krank. Das gilt für die Seele nicht weniger als für den Körper, führt aber zu der Frage: Kann man Kunstwerke, die traumatische Szenarien zeigen, noch als Werke der Hochkunst ansehen – oder handelt es sich bei Ihnen nicht in erster Linie um kunsttherapeutische Arbeiten, die primär der seelischen Entlastung des Künstlers dienen? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Beiträge Bilder formen Wirklichkeit auf S. 22 mehr und die Gedanken zur Kunst des indischen Philosophen Chandra Mohan Jain auf S. 73 mehr . Unser aktueller Titelkünstler, der österreichische Naturfotograf Hannes Kutzler, hat sich ganz bewusst einer Motivwelt verschrieben, die völlig frei von menschlichen und somit auch von neurotischen Codierungen ist. Ein Baum ist ein Baum und nur ein Baum ... eine Wohltat für Augen und Seele!

Viel Freude beim Schauen und Lesen wünscht Ihnen herzlich
Ihre Lena Naumann, Chefredakteurin
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