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Komm zu dir


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 30.01.2020

Achtsamkeit

Artikelbild für den Artikel "Komm zu dir" aus der Ausgabe 2/2020 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 2/2020

Es klingt paradox: Die Welt um uns herum wird gefühlt immer komplexer, digitaler, erregter, lauter. Wir hetzen atemlos durch unseren streng getakteten Alltag: ständig erreichbar, den Kopf voller To-do-Listen und Termine – und erledigen oft zig Dinge gleichzeitig, um allem und jedem gerecht zu werden.

Am Ende schleppen wir uns überfordert und ausgelaugt in den wöchentlichen Fitnesskurs oder ins mühsam vom Zeitbudget abgeknapste Wellnesswochenende, um die Batterien wieder aufzuladen. Bevor es in die nächste Runde geht.

Doch mittlerweile verschafft sich ein Begriff zunehmend Beachtung, der völlig ...

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... aus der Zeit gefallen wirkt: Achtsamkeit.

Der für das Gegenteil all dessen steht, was unser Leben prägt: für Ruhe statt Rastlosigkeit, für den Moment statt Multitasking. Dafür, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, statt ständig per Smartphone mit aller Welt zu kommunizieren. Und der genau deswegen alles andere als paradox ist.

Achtsamkeit ist vielmehr das Gebot der Stunde: das sanfte Kühlkissen für unseren überhitzten Organismus, die Gegenbewegung zum „Höher, schneller, weiter”, der Wertewandel weg vom „Immer mehr”. Oder wie es der Zu kunftsforscher Matthias Horx formuliert: „In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen.”

„Achtsamkeit heißt, dass wir lernen, uns in einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen.”
Matthias Horx, Gründer und Inhaber des Zukunftsinstituts

Das trifft offenbar einen Nerv. Wer „Achtsamkeit” googelt, erhält inzwischen etwa 15 Millionen Treffer, für den englischen Begriff „Mindfulness” sind es sogar 124 Millionen. Unzählige Ratgeber, CDs, Apps, Blogs und Seminare widmen sich dem Thema. Das Zukunftsinstitut spricht von einem Megatrend und untersucht „Die neue Achtsamkeit” in seiner Studie anhand von acht Phänomenen (siehe S. 24).

Dabei zeigt sich, dass Achtsamkeit nicht nur ein Modewort aus der Esoterik-Ecke ist oder Lifestylegedöns einiger Großstadthipster.

Achtsamkeit ist vielmehr mitten in der Gesellschaft angekommen und erobert alle Lebensbereiche und Altersgruppen.

Konzerne wie Daimler oder SAP verordnen ihren Mitarbeitern digitale Zwangspausen oder Achtsamkeitskurse.

An Schulen schafft Achtsamkeit „Inseln der Stille” im Unterricht. Achtsamkeitsbasierte Ansätze halten Einzug in die Verhaltenstherapie.

Und in der Medizin mehren sich Hinweise auf die positiven Auswirkungen von Achtsamkeit und Meditation: etwa auf Bluthochdruck, Herz-Rhythmus-Störungen, Schlafprobleme, gestörtes Essverhalten, ADHS, den Blutzuckerspiegel – oder auf die Stressbewältigung.

Als Vater der Achtsamkeitspraxis in westlichen Kulturen gilt der inzwischen emeritierte Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn.

Das von ihm entwickelte MBSR-Programm zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion verbindet das Wissen über die Wirkung von Meditation und sanften Yogaübungen mit modernen Erkenntnissen aus Medizin und Psychologie. Dabei geht es im Kern darum, im Hier und Jetzt zu leben: die Gedanken, Gefühle, Sinneseindrücke und Körperempfindungen des Augenblicks wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten.

Das soll dazu führen, gelassener, mitfühlender zu uns selbst und damit auch zu anderen zu werden, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und zu erkennen, wie wir in bestimmten Situationen, etwa unter Stress, handeln. Meist neigen wir dann dazu, auf gewohnte Verhaltensmuster zurückzugreifen. In diesem „Überlebensmodus” sind wir von eigenen Automatismen gesteuert und handeln eher egoistisch und wenig nachhaltig, erläutert die Psychologin, Neurowissenschaftlerin und MBSR-Lehrerin Dr. Britta Hölzel.

Durch Achtsamkeitspraktiken lassen sich Verhaltensweisen jedoch ändern. Darauf weisen Ergebnisse aus der Hirnforschung hin. Und genau darin liegt auch eine große Chance für die Umwelt: Denn wer Achtsamkeit trainiert, tut nicht nur sich selbst und seiner Gesundheit etwas Gutes, sondern wird potenziell auch eher nachhaltig und klimafreundlich handeln.

Etwa indem er materiellen Dingen weniger Wert beimisst, wenig nachhaltige Routinen unterbricht, eigene Gewohnheiten kritisch hinterfragt – und seine Lebensqualität und Zufriedenheit unabhängig von Konsum macht.

„Darin steckt ein großes Potenzial für ein nachhaltigeres Leben”, bekräftigt Umweltpsychologin Dr. Sonja Geiger, die die Einflüsse von Achtsamkeitstrainings auf das Konsumverhalten untersucht hat (siehe Interview, Seite 26). Die Kurse würden zwar keine unmittelbare Verhaltensänderung bewirken – dafür sei ihre Dauer einfach zu kurz. Die indirekten Effekte aber sind langfristig: „Achtsamkeit ist eher ein langsamer Weg, den Wertewandel zu begleiten, aber dafür ein gründlicher.” Ein solcher Wertewandel – vom Haben zum Sein – ist aber Voraussetzung für eine nachhaltige Gesellschaft. Denn so lange unsere Lebensweise den Konsum in den Mittelpunkt stellt, reichten „technologische Neuerungen oder politische Reglementierungen allein nicht aus, um Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bewegen”, schreibt Dr. Thomas Bruhn vom Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in einem Blogbeitrag. Achtsamkeit jedoch könne diesen kulturellen Wandel fördern.


„Das Jetzt ist der einzige Augenblick, in dem wir wirklich leben. Vergangenes ist vorüber, Zukünftiges noch nicht geschehen. Nur die Gegenwart steht uns zum Leben zur Verfügung.”
Jon Kabat-Zinn, Begründer der MBSRAchtsamkeitspraxis



Foto: globalmoments/getty images

Illustration: EkaterinaYa/Shutterstock; Fotos: 2019 - Klaus Vyhnalek, ©Kabat-Zinn, Jon