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Wenn der Körper verrückt spielt


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2014 vom 07.11.2014

Allergien sind auf dem Vormarsch. Immer mehr Menschen reagieren mit heftigen Beschwerden auf Haselpollen, Hausstaubmilben oder Hühnereier. Ihr Immunsystem ist falsch programmiert. Es fühlt sich bedroht und schlägt zurück. Doch es gibt gar keinen Angreifer. Die körpereigene Polizeitruppe hat nicht gelernt, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.


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Foto: Mmchen/Photocase

Sie werden die Epidemie des 21. Jahrhunderts genannt: Allergien haben in den vergangenen 50 Jahren sprunghaft zugenommen. Vor allem in den Industrienationen sind sie zur Volkskrankheit geworden. Je höher das Bruttosozialprodukt, desto ...

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... mehr Menschen quälen sich mit Heuschnupfen, Hautekzemen oder Asthmaanfällen herum. Das gilt auch für Deutschland. Umfragen zufolge wurde bei jedem dritten Einwohner schon einmal eine Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Substanzen wie Gräserpollen, Katzenspeichel oder den Kot der Hausstaub milbe diag nostiziert.

Den Nachwuchs trifft es besonders hart. Die Daten der KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts belegen, dass Allergien bei Kindern und Jugend- lichen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen zählen. Fast jeder fünfte Heran wachsende leidet inzwischen unter den gefürchteten Symptomen. Die einen finden nachts vor lauter Juckreiz keinen Schlaf, andere laufen Wochen oder Monate mit Fließnase und tränenden Augen herum und werden von ständigem Reizhusten oder plötz licher Atemnot geplagt.

Winzig klein, aber mehr als unangenehm: Hausstaub milben machen vielen schwer zu schaffen. Sie fühlen sich in Matratzen und Kissen äußerst wohl.


Foto: Sebastian Kaulitzki/Stock/Thinkstock

Foto: phili201/Photocase

Ein Wespenstich kann für Allergiker lebensgefährlich werden, wenn der Körper überreagiert.


Was das für die Betroffenen bedeutet, wird häufig unterschätzt: Viele Allergiker fühlen sich bei Krankheitsschüben müde und schlapp, können sich schlechter konzentrieren und ihre Freizeit nicht mehr richtig genießen. Eine Querschnittsstudie in England ergab, dass Schüler mit einem unbehandelten Heuschnupfen zur Pollen saison ein 40 Prozent höheres Risiko hatten, bei ihrer Abschlussprüfung um eine Note schlechter abzuschneiden als gewohnt. Bei Jugendlichen, die mit älteren und müde machenden Antihistaminika behandelt wurden, war die Gefahr in der Schule abzusacken, sogar um 70 Prozent erhöht.

Aber was passiert, wenn die körperlichen Abwehrkräfte plötzlich verrückt spielen und nicht mehr zwischen schädlichen und unschädlichen Stoffen unter scheiden können? Normalerweise kommen wir alle über Berührungen, Nahrungsaufnahme, Einatmen oder auch Insektenstiche ständig mit einer Vielzahl von Fremdstoffen in Kontakt. Und nur wenn unsere Abwehrzellen eine Substanz als gefährlich identifizieren, beginnt das Immunsystem mit der Verteidigung.

Das passiert zum Beispiel bei krank machenden Bakterien, Viren und Giften. Dagegen sind Pollen und andere Allergene wie Schimmelpilzsporen, Milbenkot oder bestimmte Eiweiße in Lebensmitteln eigent lich keine feindlichen Stoffe. Haben die körpereigenen Abwehrtruppen das erkannt, winken sie normalerweise gelangweilt ab.

Bei einem Allergiker ist dieser Mechanismus jedoch gestört. Die Abwehrzellen identifizieren das harmlose Allergen als vermeintlich gefährlichen Angreifer und produzieren Antikörper, medizinisch Immunglobulin E (IgE) genannt. Das sind spezielle, auf den Fremdstoff präzise zugeschnittene Eiweißmoleküle. Wie ein Schlüssel passen sie zum Schloss und erkennen so den unerwünschten Gast beim nächsten Eindringen wieder. Diese Antikörper lagern sich an der Oberfläche der Mastzellen in der Schleimhaut an. Mastzellen wirken wie Alarmsirenen. Im Ernstfall setzen sie eine Kaskade von Abwehrreaktionen in Gang. Dieser erste Kontakt zwischen dem Immunsystem und dem Eindringling wird Sensibilisierung genannt. Noch hat der Betroffene davon nichts bemerkt. Doch sein Immunsystem befindet sich jetzt in Alarmbereitschaft. Kommt es zum nächsten Zusammentreffen mit dem Allergen, signalisieren die Antikörper: Achtung, Gefahr! Daraufhin schütten die Mastzellen den entzündungsfördernden Botenstoff Histamin aus und erzeugen – etwa bei einer Pollenallergie – die typischen Anzeichen eines Heuschnupfens: Alles juckt, trieft und tränt.


Die häufigsten Allergene: Pollen, Milben, Schimmelpilze


Allergien äußern sich in vielfältigen Symptomen: Angefangen von tränenden Augen und verstopfter oder laufender Nase über Hautausschläge, die sogenannte Nesselsucht, Kribbeln im Mund und Rachen oder Asthmaanfälle bis hin zu Magenkrämpfen, Erbrechen, Durchfall oder Kopfschmerzen ist alles möglich. Das Immunsystem beruhigt sich zwar wieder, wenn die Allergene vom Körper ausgeschieden sind. Doch beim nächsten Kontakt geht das Ganze von vorn los. Schlimmstenfalls treten schwere Kreislaufprobleme auf, die im Extremfall sogar tödlich enden können.

Heuschnupfen ist die häufigste allergische Erkrankung. Allein in Europa sind rund 100 Pflanzenarten bekannt, deren Pollen heftige Reaktionen auslösen können. Die meisten Menschen reagieren auf früh blühende Bäume und Sträucher wie Haselstauden, Erlen und Birken. Die herumschwebenden Quälgeister sind nur einige Tausendstel Millimeter klein und dringen tief in die Nase ein. Zu den häufigen Allergenen zählt neben Pollen auch die gemeine Hausstaubmilbe, die sich millionenfach in unseren Betten tummelt. Die winzigen Spinnentierchen, die wir mit dem bloßen Auge nicht erkennen können, fühlen sich in Kissen, Polstern, Matratzen oder Teppichen besonders wohl. Denn zum einen ist es dort kuschelig warm. Zum anderen finden unsere unsichtbaren Mitbewohner dort reichlich Nahrung in Form von menschlichen Hautschuppen. Milben scheiden täglich Kot aus, auf den Menschen allergisch reagieren können. Über den Hausstaub atmen wir diese Ausscheidungen dann ein.

Ohne Schniefnase und tränende Augen auf einer Wiese zu liegen, bleibt für Kinder mit Heuschnupfen ein Wunschtraum.


Neben der Hausstaubmilbe können auch diverse Vorratsmilben zu Schnupfen und Asthma führen.

Diese Arten vermehren sich vor allem in Tierställen und Futtermittellagern, schätzen aber auch Getreideprodukte in unseren Speisekammern. Oft leben sie übrigens in Gemeinschaft mit Schimmelpilzen, deren Sporen ebenfalls Allergien auslösen können. Diese Mikroorganismen kommen im Prinzip überall in unserer Umwelt vor, bevorzugt in feuchten Mauern, hinter Tapeten, Fliesen oder in Polstermöbeln. Vor allem in den kälteren Klimazonen oder in schlecht beheizten Räumen ist das Risiko für die berüchtigte Schnupfen-Schimmel-Connection deutlich erhöht.

Auch Tierhaare, etwa das Fell von Katzen und Hunden, verursachen bei einigen Menschen heftige allergische Beschwer- den an den Augen oder in den Atemwegen.


Warum wird der eine zum Allergiker und der andere nicht?


Vier Monate lang nur Muttermilch, dann mit der Beikost beginnen: So lautet der Expertenrat zur Allergievorbeugung.


Dabei sind gar nicht die Haare das Problem. Die eigentlichen Allergene stellen die tierischen Sekrete wie Schweiß, Talg, Speichel und Urin dar, die an den Haaren haften, sich auf diese Weise überall in der Wohnung verteilen und über die Kleidung weitertransportiert werden – beispielsweise in Schulen und Kindergärten, wo es überhaupt keine Haustiere gibt. Bei Vögeln können die Federn oder der Kot, manchmal auch Milben im Gefieder, die typischen Symptome auslösen.

Und Menschen mit einer Allergie gegenüber Insektengiften, denen vor allem Angriffe von Bienen oder Wespen zu schaffen machen, können sogar in lebensbedrohende Situationen geraten. Bereits ein Stich kann ohne schnelle medizinische Hilfe tödlich enden – wenn das Gift Mund und Rachen zuschwellen lässt oder es aufgrund eines allergischen Schocks zum Kreislaufkollaps kommt.

Gefährliche Schockreaktionen sind auch bei einer Sensibilisierung gegenüber Bestandteilen von Lebensmitteln und Medikamenten möglich. Allerdings wird die Häufigkeit gerade von Nahrungsmittelallergien überschätzt, weil sich nur schwer unterscheiden lässt, ob die Beschwerden tatsächlich mit einer Immunreaktion zusammenhängen oder eine anders begründete Überempfindlichkeit besteht. Ähnliches gilt für Allergien auf Medikamente. Etwa ein Viertel aller Erwachsenen hat schon einmal unerwartet heftig auf ein Arzneimittel reagiert. Aber nur etwa 15 bis 30 Prozent dieser Unverträglichkeiten sind durch eine übersteigerte Immun abwehr verursacht. Warum Menschen zu Allergikern werden, ist bis heute nicht genau erforscht.

Als erwiesen gilt, dass erbliche Anlagen eine bedeutende Rolle spielen. Aber auch Umweltgifte und der typisch westliche Lebensstil wirken bei der Entstehung von Allergien offenbar mit. So wird angenommen, dass Kinder durch verbesserte Hygiene seltener in Kontakt mit Bakterien, Viren, Pilzen und anderen Mikroorganismen kommen und deshalb ihr heranreifendes Immunsystem nicht ausreichend trainieren können. Ihr Abwehrmechanismus lernt dann anscheinend nicht, die gefährlichen von den ungefährlichen Fremdstoffen zu unterscheiden, und reagiert deshalb schon auf harmlose Substanzen.

Klar ist: Schon in den ersten Lebensmonaten werden die Weichen für das spätere Allergierisiko gestellt. Und am besten ist es, wenn sich das frühkindliche Immunsystem aktiv mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Einige Maßnahmen können zusätzlich helfen, allergischen Erkrankungen vorzubeugen – besonders wenn ein Kind erblich vorbelastet ist. So empfehlen Experten, Neugeborene vier Monate lang ausschließlich zu stillen. Das gilt als der beste Schutz vor Allergien. Wenn das nicht geht und in der Familie Allergien bestehen, sollte man hypoallergene HA-Nahrung füttern. Außerdem in jedem Fall mit Beikost nach dem vierten Monat beginnen. Das gezielte Vermeiden von Nahrungsmittelallergenen wie Nüssen und Eiern wird nicht mehr empfohlen. Anders als früher angenommen gibt es sogar Hinweise, dass Fisch im ersten Lebensjahr gegen Allergien schützt.

Leiden die Eltern bereits an irgendeiner Allergie, sollte man keine Haus tiere mit Fell in der Wohnung halten, schon gar nicht im Kinderzimmer. Ganz wichtig: Nicht in der Wohnung rauchen! Tabakrauch erhöht eindeutig das Allergie risiko. Das gilt auch für Innenraumluft-Schadstoffe. Beim Renovieren deshalb auf möglichst schadstofffreie Produkte achten.

Auch Antibiotika und Paracetamol sollte man bei Babys nur dann einsetzen, wenn es unbedingt nötig ist. Studien zeigen, dass Kinder, die im ersten Lebensjahr mit diesen Medikamenten behandelt wurden, später häufiger an Allergien erkrankten. Der genaue Zusammenhang ist aber noch nicht geklärt.


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