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Der Tod, der vom Leben erzählt

Es muss 1978 gewesen sein. Unser Jugendchor führte im Ulmer Münster Distlers Totentanz auf. Unser Chorleiter beauftragte einige aus unserem Chor, die Dialogtexte der Motette vorzutragen. In diesen Dialogen buhlt der Tod um die Lebenden, die sich ihm widersetzen und um etwas mehr Lebenszeit ringen. Die Musik sowie Rede und Gegenrede zwischen Tod und den Todgeweihten berührten uns Chorsänger, fast alle noch im Schulalter und überzeugt, ein langes Leben vor uns zu haben, tief. Noch heute habe ich den Dialog des Todes mit der Jungfrau im Ohr: „Niemand hat hier ein bleibende Statt; der Welt Lust seid ihr balde satt. Tanzt willig drum nach meiner Weis‘!“
Alles nimmt seinen Anfang in Paris. 1424 stellt ein unbekannter Maler am Friedhof der Unschuldigen Kinder den Tod als ironisches Skelett dar, das Vertreter der unterschiedlichsten Stände in einen Tanz zieht. Niemand ist vor ihm sicher. Papst, König, Kaufmann, Arzt, Bauer, Bettler – alle sind ihm ausgeliefert. Der Totentanz wird zu einem europäischen Phänomen. Er verbreitet sich in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, England, Österreich, Schweiz, Ungarn und Polen.

Der Totentanz verdankt sich der Todesverfallenheit des Mittelalters. Die Schwarze Pest des 14. Jahrhunderts rafft nach Schätzungen 30 % der europäischen Bevölkerung dahin. Daneben gibt es andere Boten des Todes. Krankheiten wie das Fleckfieber, die Syphilis, Masern und Pocken treten wiederholt epidemieartig auf und halten reiche Ernte. Dann die Kriege dieser Zeit. Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich, der Bauernkrieg von 1524/25, andere, die jeweils ein Massensterben verursachen. Die Menschen dieser Zeit leben ständig mit der Nähe des Todes. Es ist die Stunde des „Memento mori – Gedenke des Todes“. Mit diesem Lebensgefühl korrespondiert die Botschaft des Totentanzes: Lebe so, dass du jederzeit deinem Richter gegenübertreten kannst.

Die Kunstform des Totentanzes hat nie aufgehört, Menschen in seinen Bann zu ziehen. Hugo Ball, einer der Mitbegründer des Dadaismus, beschreibt die Opfer, Schrecken und Verwüstungen des Ersten Weltkriegs in einem Gedicht, das er „Totentanz 1916“ überschreibt: „So sterben wir, so sterben wir und sterben alle Tage, weil es so gemütlich sich sterben läßt. Morgens noch in Schlaf und Traum, mittags schon dahin. Abends schon zu unterst im Grabe drin.“

Was können wir Heutigen mit dieser alten Kunstform anfangen? Der Totentanz erinnert uns an die Unausweichlichkeit des Todes. Die Hochleistungsmedizin ist in den meisten Fällen ein Segen für unsere Menschheit. Gleichzeitig verführt sie dazu, Gedanken an das Ende zu verdrängen. Die vielen Erfolgsgeschichten ärztlicher Kunst im Ringen um menschliches Leben können den Eindruck erwecken, man könne dem Tod doch entgehen. Der Totentanz sieht Tod und Leben, Krankheit und Gesundheit nicht als Gegensätze. Sie sind integrative Bestandteile des Lebens, die es anzunehmen gilt. Anzunehmen heißt dabei, den Tod bewusst zu halten.

Søren Schwesig
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Published 2-monthly , 6 issues per year
Language German
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Category Art Magazines and Cultural Magazines

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