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Lesen Sie das Editorial von Musik & Kirche - epaper

Mit diesem Editorial leitet der/die Herausgeber/in oder die Chefredaktion der Zeitschrift Musik & Kirche - epaper die aktuelle Ausgabe 1/2019 ein. Hier erfahren Sie, welche Artikel besonders lesenswert sind oder woher die Anregungen dazu kamen.

Botschaft oder Noten?
Musikalische Bearbeitung gestern und heute

Wann eigentlich ist „Bearbeitung“ zu einem Unwort geworden? Schon in meiner Jugend war es das: Man dachte da etwa an Charles Gounods Ave Maria nach dem C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier oder an Leopold Stokowskis Orchesterbearbeitung der Toccata und Fuge d-Moll BWV 565. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war es zumindest in meinen Kreisen politically correct, sich angesichts solcher Machwerke zu schütteln; und unsere Distanzierung galt jenen Banausen, die uns Bach nahebringen wollten, obwohl sie nicht durch die Jugend- oder Alte-Musik-Bewegung gegangen waren und ihre Nase weder in die Chorbücher Fritz Jödes noch jemals in das Gehäuse einer Schleifladenorgel gesteckt hatten!
Man hielt vorab eisern an der Tradition der Jugendmusikbewegung fest, wollte authentisch sein und zu den Quellen zurückfinden. Die sah man in geselliger Musik – boshaft formuliert, etwa in den Frischen teutschen Liedlein von Georg Forster. Und wenn es schon bis zu Bach weitergehen sollte, so doch zu einem Bach, der ohne alles Pathos auskam. Natürlich übertrieb Theodor Adorno maßlos, als er in seinem Essay Bach, gegen seine Liebhaber verteidigt der Jugendbewegung unterstellte, sie poche auf das Ideal „bettelhafter Schulchöre“ und „schriller, hüstelnder Barockorgeln“; jedoch traf er mit seiner Kritik an kämpferischem Purismus etwas Richtiges.
Inzwischen fragt kaum noch jemand nach Adorno. Das Wort „Bearbeitung“ erlebt jedoch seine Renaissance – vor allem wo es darum geht, großen Werken in recycelten Versionen eine Zweitchance zu geben: der große Bach in der Bearbeitung des großen Mendelssohn. Zwei Komponisten und zwei Werke – beide gleich erhaben. Da bin ich glücklich bei Mendelssohn gelandet und bei meinen Forschungen über seine Wiederentdeckung der Matthäus-Passion. Als ich vor vielen Jahren mit ihnen beschäftigt war, lag Mendelssohns Berliner Aufführungspartitur in der Oxforder Bodleian Bibliothekund gehörte einer alten Dame, die den Notenband über einige Stationen hinweg geerbt hatte und einer Einsichtnahme zustimmen musste. Als meine diesbezüglichen brieflichen Anfragen unbeantwortet blieben, reiste ich 1966 aufs Geratewohl nach England, klingelte an der Tür eines Oxforder Privathäuschens bei „Miss Benecke“ – und wurde abgewiesen. Am nächsten Tag wiederholte ich meinen Besuch, streckte jedoch einen riesigen Blumenstrauß durch den geöffneten Türspalt, worauf Miss Benecke abrupt das Haus verließ, auf ein Fahrrad stieg und mich wortlos anwies, ihr per pedes zu folgen. Weil ich bei roten Ampeln aufholen konnte, gelangten wir ungefähr gleichzeitig in der Bibliothek an, wo ich dann meine Studien machen konnte.
Diese Studien ergaben, dass Mendelssohns „Bearbeitung“ der Matthäus-Passion eigentlich gar keine solche ist, sondern eher eine „Einrichtung“ auf Grund aktueller Gegebenheiten: Er kürzte das Werk, ersetzte ungebräuchliche Instrumente, legte die Evangelistenpartie stellenweise tiefer. Eine japanische Forscherin, die – anders als ich seinerzeit – unlängst auch das Stimmenmaterial einsehen konnte, hat mir vorgerechnet, welche Details ich bei meiner damaligen Beschreibung der Partitur vernachlässigt habe. Recht hat sie, wenn man auf Einzelheiten schaut. Jedoch gibt es an diesem Punkt – womit ich nicht dieser Kollegin zu nahe treten will – etwas Besserwisserisches, oder gar einen kriminalistischen Impuls, was das Aufspüren von „Abweichungen“ betrifft. Unterschwellig schwelt der Verdacht, die jeweiligen Bearbeiter hätten sich am Original vergangen oder nicht wirklich verstanden, was Bach gemeint habe. Da müsse jetzt endlich der „Wahrheit“ die Ehre und den Hörern Gelegenheit gegeben werden, zwischen Original und Bearbeitung zu unterscheiden.
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