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Altbausanierung: Ganz normal geht auch


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 8/2014 vom 24.10.2014

Dieses Haus ist kein Flaggschiff der Architektur und noch nicht einmal eines der Energiewende. Trotzdem liegen Welten zwischen vorher und nachher. Und es ist für jeden machbar.


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Alle Fotos: Nikolaus Herrmann

Die Häuser, die ÖKO-TEST vorstellt, stehen nicht selten an der Spitze des Fortschritts: Passivhäuser, Null- und Plusenergiehäuser, Sonnenhäuser. Sie kommen mit einem Minimum an Energie aus und nutzen ganz oder überwiegend erneuerbare Energien. Dazu sind viele von ihnen wirkliche architektonische Hingucker oder verfügen über ungewöhnliche Besonderheiten, auch hinsichtlich ökologischer Baumaterialien. ...

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... Andererseits sind diese Flaggschiffe mit ihrer oft herausragend sparsamen, aber aufwendigen Technik und einer hochwertigen Ausstattung oft auch überdurchschnittlich hochpreisig in der Anschaffung. Was manche Leser dazu veranlasst, uns zu schreiben, man sollte doch mal was „Normales“ vorstellen. Leserwunsch ist uns Befehl. Also, hier kommt „was Normales“.

Außer dem Charme vergangener Jahrzehnte in zartem Bleu sprach nichts mehr für die alte Sanitärausstattung. Sie musste komplett weichen.


Großzügige Verhältnisse: Der lichte Wohnraum mit seiner schönen Aussicht war ein Grund für den Hauskauf.


Wenn man sich auf deutschen Baustellen umschaut, sieht man erwiesenermaßen nur wenige Flaggschiffe und stattdessen viele Häuser, die in der Flotte in Richtung Energieeffizienz mitsegeln, wenn auch nicht an vorderster Stelle. Trotzdem leisten sie und ihre Eigentümer einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Denn mit ein paar energetisch hochgetakelten Paradeschiffen ist in der Summe wenig erreicht. Nicht zuletzt weil die Flotte etwa 19 Millionen Gebäude umfasst, von denen rund drei Viertel nicht den aktuellen Energiestandards entsprechen. Erst wenn alle, oder zumindest die meisten, über die Ziellinie gesegelt sind, ist die Reise ein Erfolg. Das wird sicher noch Jahrzehnte dauern, das ist angesichts der aktuell geringen Sanierungsrate offensichtlich. Umso mehr kommt es auf jeden an, der die Reise mitmacht. So wie Thorsten und Ines Hamel. Lange waren Sie immer wieder an einem alten Haus im Hamburger Süden vorbeispaziert, hatten bei Nachbarn gefragt und schließlich zum Eigentümer Kontakt aufgenommen. Der wollte erst nicht verkaufen, aber 2013 war es dann doch so weit. „Für uns war nicht zuletzt die Lage des Hauses entscheidend, da wir hier in der Nähe arbeiten und bereits seit 15 Jahren in dem Viertel wohnten“, sagt Thorsten Hamel. Und da das Haus an einem sonnigen Steilhang in Richtung Süden steht – im flachen Hamburg eine absolute Rarität –, war der Kauf schnell über die Bühne. „Unsere bisherige Wohnung liegt sehr schattig, da haben wir uns auf mehr Licht und Wärme gefreut“, erklärt Thorsten Hamel.

Das Dach wurde entfernt und neu errichtet. Die Fenster zur Straße wichen bodentiefen Türen, die auf eine kleine Terrasse führen.


Nicht immer so erfreulich verlief dann die Bestandsaufnahme des ursprünglich 1917 gebauten Hauses. „Die Gegend war früher ein Naherholungsgebiet für die Hamburger, und als Erstes stand hier wohl ein ausrangierter Eisenbahnwaggon, um den herum das Haus dann mehrfach erweitert und umgebaut wurde“, erläutert Architekt Scaven Hütz. Der Waggon ist längst verschwunden, seine Abmessungen lassen sich aber heute noch nachvollziehen: „Unser Flur entspricht in seinen Abmessungen ziemlich genau den Umrissen des Eisenbahnwagens“, erzählt Thorsten Hamel. Baulich hatte das historische Stückwerk allerdings erhebliche Nachteile. Die dünnen Wände waren nach heutigen Maßstäben statisch und energetisch völlig unzureichend, und auch der Boden aus dünnen Holzdielen benötigte teilweise eine stabilere Unterlage. „Schließlich stellte sich noch heraus, dass der Altbau die Baugrenzen überschreitet. Und weil wir mehr als 20 Prozent des Hauses verändert haben, behandelt das Hamburger Baurecht das wie einen Neubau. Deshalb mussten wir zuerst das Einverständnis der Nachbarn einholen, bevor wir loslegen konnten“, erinnert sich Architekt Hütz. Ein dreiviertel Jahr hat das gedauert – genügend Zeit, sich Gedanken zu machen, ob man nicht komplett neu baut. Doch ein neues Haus wäre deutlich kleiner ausgefallen, um die Vorschriften einzuhalten. „Die großzügigen Platzverhältnisse im Erdgeschoss haben uns sofort gefallen, deshalb haben wir uns für die Sanierung entschieden“, sagt Bauherrin Ines Hamel. Die fiel dann entsprechend umfangreich aus, wie bei einem fast hundert Jahre alten und seit Jahrzehnten nicht renovierten Haus nicht anders zu erwarten. Alle Installationen der elektrischen und sanitären Anlagen wurden entfernt, auch die Fenster waren nicht mehr zeitgemäß. Der Grundriss des Erdgeschosses konnte weitgehend erhalten werden, aber ansonsten blieben lediglich der Keller sowie die Außenund Innenwände des Erdgeschosses stehen.

Das Dach ist neu und deutlich steiler. Es hat Neubaustandard und brachte zusätzliche Wohnfläche verbunden mit einer guten Wärmedämmung.


Dach gedreht, Ausblick gewonnen. Der Blick geht jetzt ins Grüne


So bequem das Erdgeschoss, so unzureichend erwies sich das Dach. Flach geneigt, war es zum Wohnen nur sehr eingeschränkt geeignet. Und um es nachträglich zu dämmen, waren die Sparren zu niedrig. „Wir haben dann das Dach komplett entfernt und gleichzeitig die Giebelseite nach Süden gedreht. So kommen mehr Licht und mehr kostenlose Sonnenergie ins Haus“, erklärt Architekt Hütz. Auch der Ausblick ist jetzt schöner: Statt zum Nachbarn blickt Familie Hamel nun ins Grüne. Zuvor mussten auf dem Grundstück einige kleinere Bäume fallen, damit Licht und Luft wieder eine Chance hatten. Um für die fast komplett aus Holz errichtete, schwerere Dachkonstruktion eine stabile Unterlage zu schaffen, betonierten die Handwerker auf die Außenwände einen massiven Ring aus Stahlbeton, auf dem die Holzbalkendecke liegt. Unter den jetzt steil geneigten Dachflächen ist Raum für das Elternschlafzimmer mit Ankleide, das Familienbad sowie das Zimmer von Sohn Dominic, das im Spitzgiebel noch um eine gelegentlich genutzte Ebene bereichert wurde. Von hier aus hat man den schönsten Blick nach Süden. Ein Hauswirtschaftsraum im Obergeschoss ermöglicht kurze Wege von und zur Waschmaschine.

Keine Frage, dass auch der Wärmeschutz im Dach nun zeitgemäß ausfällt: Der Raum zwischen den 24 Zentimeter hohen Sparren wurde mit einer Holzweichfaserplatte abgedeckt und fugenlos mit Zellulose aus recyeltem Papier ausgeblasen. Das vergleichsweise schwere Material lässt im Sommer relativ wenig Hitze passieren, sollte die Hansestadt mal einen heißen Sommer erleben. Die neuen Fenster fallen nach Süden sehr viel größer aus als früher und sind dreifach ver-glast. So ist es direkt am Fenster auch bei kalten Temperaturen angenehm, was vor allem im Wohnbereich die Entscheidung für die geringen Mehrkosten gegenüber der kaum noch preiswerteren Zweifachverglasung erleichterte.

Sowohl die dünnen Ziegelwände des Altbaus als auch die neuen Giebelwände sind nun mit 16 Zentimetern Dämmstoff gegen Wärmeverlust geschützt. Zum Einsatz kam ein Wärmedämmverbundsystem aus mit Grafit thermisch verbessertem Polystyrol, da das Haus anschließend verputzt werden sollte.

Den Wärmeschutz auch an den Kellerwänden zu vervollständigen, stand ebenfalls zur Diskussion. Aus Kostengründen entschieden sich die Bauherren dagegen. Denn das hätte bedeutet, das Haus Stück für Stück bis zur Kellersohle auszugraben. Stattdessen soll die Keller decke demnächst von unten in Eigenleistung gedämmt werden.

Der Grundriss im Erdgeschoss folgt weitgehend dem bisherigen Bestand, auch weil das große Wohnzimmer einen tollen Ausblick bietet. Lediglich für die neue Küche musste eines der ehemaligen Schlafzimmer herhalten. Deren Fläche reicht bequem aus, um einen Frühstücksplatz an einer Theke einzurichten. „Die Trennung der Küche vom Wohnraum entspricht vielleicht nicht unbedingt dem Zeitgeist, wir fanden das aber vorteilhaft, weil man dann von Gerüchen und Kochuntensilien im Wohnzimmer nichts mitbekommt. Der Geselligkeit tut das keinen Abbruch“, sagt Ines Hamel. Beinahe reif fürs Museum war der alte Ölheizkessel. Der stammte aus dem Jahr 1962, hatte zum Zeitpunkt der Sanierung also schon über 50 Jahre Betriebszeit auf dem Buckel und funktionierte dementsprechend mehr schlecht als recht. Allein mit den Stillstands- und Abgasverlusten des völlig überdimensionierten Methusalems könnte man heute wahrscheinlich ein komplettes Haus heizen.

Im Dachgeschoss entstanden die Räume völlig neu in Holzbauweise: ein Schlafzimmer mit Ankleide, ein Jugendzimmer sowie das Familienbad und ein Hauswirtschaftsraum.


Nichts erinnert mehr an einen Altbau. Das Zimmer von Sohn Dominic bekam im Giebel eine Erweiterung mit Ausblick.


Entsprechend beruhigt sind die neuen Eigentümer: „Durch den Austausch gegen einen modernen Gas-Brennwertkessel ist der Energiebedarf drastisch gesunken“, freut sich Bauherr Hamel. Dass erst ein Anschluss an die in der Straße verlegte Gasleitung hergestellt werden musste, ließ sich deshalb leicht verschmerzen. Der alte Öltank verschwand ebenso aus dem Keller wie der latente Ölgeruch, der den Altbau früher durchwehte. Im Erdgeschoss verteilen Heizschlangen der in den neuen Estrich eingelassenen Fußbodenheizung die Wärme. Im Obergeschoss sind normale Heizkörper installiert. „Die haben wir im vergangenen Winter sogar bei zehn Grad minus nicht benötigt, da reichte die Wärme der Fußbodenheizung aus“, berichtet Thorsten Hamel.

Was hat der Radikalumbau gebracht? Neben der Reaktivierung eines Hauses auf bestehendem Grund und neuem Wohnkomfort in den verbliebenen Wänden vor allem eine deutliche Reduzierung des Energieverbrauchs. Obwohl die Wohnfläche sich durch das neue Dach deutlich vergrößert hat, benötigt das Haus heute nur noch 65 Kilowattstunden Endenergie oder 6,5 Kubikmeter Gas pro Quadratmeter Wohnfläche. Damit ist es sogar um neun Prozent sparsamer als ein vergleichbarer Neubau nach Energieeinsparverordnung. Leider sind von dem Altbau keine Aufzeichnungen zum früheren Energieverbrauch mehr vorhanden. Man kann aber davon ausgehen, dass der heutige Standard etwa zwei Drittel unter dem bisherigen Niveau liegt. Und mit dem Umstieg von der Energieschleuder des Uralt-Ölkessels mit entsprechendem Schadstoff- und Kohlendioxidausstoß auf eine vergleichsweise saubere und effizi-ente Gas-Brennwertheizung heizt die Familie zwar nach wie vor mit fossiler Energie, aber deutlich sparsamer und mit einer sehr viel geringeren Luftbelastung. Bei einer thermischen Solaranlage oder einer Wärmepumpe mit Erdwärme bohrung wäre die Klimabilanz noch günstiger. „Aber das war angesichts der Hamburger Preise für Grund und Boden in unserem Budget schlichtweg nicht mehr drin“, sagt Thorsten Hamel. Auch so ist das Haus für die nächsten 30 bis 40 Jahre. wieder flott. Zwar nicht als elitäres Flaggschiff, aber auch nicht als lahmer Pott, der sich und seine Besatzung nur noch mit viel Mühe und unter hohem Energieaufwand durch die Jahre schippert.

Entspannung nach dem Baustress: Familie Hamel genießt das neue Haus, seine Helligkeit und den Wohnkomfort.