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Am Anfang war der Garten


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 21.10.2022

Der Garten als Paradies und das Paradies als Garten

Im hebräischen Text Gen 2–3 ist vom „Garten (in) Eden“ die Rede und nicht vom Paradies. Erst die griechische Übersetzung des Alten Testamentes, die ab 300 vC entstandene Septuaginta, gibt das hebräischegan,„Garten“, in Gen 2–3 konsequent mit paradeisoswieder. In Gen 2,8 wird aus dem „Garten in Eden“ das „Paradies in Eden“. In Gen 3,23.24 schreibt der hebräische Text ganeden,„Garten Eden“, und versteht edenals Eigennamen des Gartens. Abgeleitet ist edenvom Wortstamm cDN,der „schwelgen“ oder „ein Wohlleben führen“ bedeutet. Die Septuaginta deutet das hebräische edendagegen nicht als Eigennamen, sondern als Substantiv „Wonne“ und übersetzt mit „Paradies der Wonne“. Erst die Rezeptionsgeschichte macht also aus dem ersten Garten in der Bibel das ursprüngliche, auf Erden existierende Paradies, sodass bis heute die Erzählung Gen 2–3 mit ...

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... dem Begriff „Paradies“ untrennbar verwoben ist.

Wenn der Begriff Paradies nicht gerade alltagssprachlich für ein Einkaufsparadies oder Urlaubparadies verwendet ist, wird er gemeinhin als Bezeichnung der zukünftigen, jenseitigen, himmlischen Welt verwendet. Nicht alle Vorstellungen vom Ort der Vollendung nutzen aber den Begriff Paradies oder entwerfen eine gartenartige Landschaft. In der frühjüdischen und frühchristlichen Theologie gibt es so verschiedene Vorstellungen wie die eschatologische Stadt Jerusalem (vgl. S. 17), den (gestaffelten) Himmel (2 Kor 12,1-4, SlavHen 8) oder den Schoß Abrahams (Lk 16,19-31).

Um die Verflechtungen von Garten- und Paradiesvorstellungen und die damit verbundenen theologischen Konzepte zeigen zu können, beginnen wir mit einigen Begriffserläuterungen.

Das geläufige Wort für Garten ist im Hebräischengan/gannāund im Griechischen kêpos.Beide bezeichnen einen (Nutz-)Garten mit Bäumen (Jer 29,4; Am 14,9) und/oder Gemüse (Dtn 11,10; 1 Kön 21,2) im Sinne der bestellten Kulturlandschaft. Wie das deutsche Wort Garten, das etymologisch verwandt ist mit dem Wort Gerte, verweist das hebräische ganauf ein eingehegtes, kultiviertes Stück Land.

Dr. Maria Häusl ist Professorin für Biblische Theologie an der Technischen Universität Dresden und „Research Associate“ am Department of Old Testament Studies, University of Pretoria, Südafrika. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das nachexilische Israel sowie die Wahrnehmung von Fremdheit und Geschlecht im Alten Testament. An ihrer Professur gibt es seit 2011 das Projekt „Pflanzen der Bibel“, das in Kooperation mit dem Botanischen Garten der TU Dresden durchgeführt wird.

Der Begriff „Paradies“, der auf das griechischeparadeisoszurückgeht, findet sich im Hebräischen als pardēsund im Arabischen als firdausund geht wohl auf das spätbabylonische pardesuund elamitische partetaszurück, die eine landwirtschaftliche Nutzfläche oder Lagerfläche bezeichnen. Davon abgeleitet ist vermutlich auch das persische paridaidaund das medische paridaeza.Das hebräische Wort pardēsist im Alten Testament selten und meint einen Universalgarten mit Fruchtbäumen oder Bäumen (Neh 2,8; Koh 2, Hld 4,12-5,1), der Lebensfreude spendet. Wenn der in die Rolle eines Königs geschlüpfte Kohelet sich bemüht, das Glück zu finden, gehört das Anlegen von gannōt,„Gärten“, und pardesīm,„Parks“, unbedingt dazu:

Erst die Rezeptionsgeschichte macht aus dem ersten Garten in der Bibel das ursprüngliche, auf Erden existierende Paradies

Ich wollte dabei beobachten, wo es vielleicht für die einzelnen Menschen möglich ist, sich unter dem Himmel Glück zu verschaffen während derwenigenTageihresLebens.IchvollbrachtemeinegroßenTaten:IchbautemirHäuser,ichpflanztemirWeinberge.IchlegtemirGärtenundParksan,darinpflanzteichalleArtenvonBäumen.IchlegtemirWasserbeckenan,umausihnendensprossendenBaumbestandzubewässern(2 Koh 2,3b-6).

Viele alttestamentliche Texte, die vom Garten sprechen, setzen die Vorstellungen und symbolischen Gehalte voraus, wie wir sie für altorientalische und ägyptische Gärten kennen (s. Beitrag Lippke S. 20).

Ein Garten benötigt im Vorderen Orient eine Quelle, einen Fluss oder Kanäle für die Wasserversorgung (Num 24,6; Jes 1,29; 58,11; Jer 31,12), hat oftmals eine Mauer oder einen Zaun zum Schutz vor wilden Tieren (Jes 5,5; Hld 4,12) und ist bepflanzt mit Gemüse, Kräutern, Blumen sowie fruchttragenden und Schatten spendenden Sträuchern und Bäumen wie Wein, Feigenbäumen, Ölbäumen, Granatapfelbäumen, Dattelpalmen oder Nussbäume. Ein solcher Garten bietet die Grundlage für das Leben einer Familie. Er bietet aber auch Erholung mit seinem erfrischenden Wasser, den duftenden Pflanzen und den Schatten spendenden Bäumen. In einem solchen Garten lässt es sich gut leben. Gärten sind daher in den Kulturen des Vorderen Orients und Ägyptens ein Sinnbild für den Lebensraum der Menschen und der Gottheiten.

So repräsentiert auch im Alten Testament der Garten ein glückliches Leben (Jes 58,11), Frieden, Wohlergehen und Ruhe (Jes 32,15-18; Num 24,5.6). Außerhalb des Gartens droht die Wüste oder, theologisch gesprochen, das lebensgefährliche und -vernichtende Chaos.

Königsgärten in der Bibel

Konkrete Gärten sind nur selten erwähnt im Alten Testament. Zu nennen sind der Königsgarten in Jerusalem, durch den König Zidkija während der Eroberung der Stadt durch Nebukadnezzar zu fliehen versucht (2 Kön 25,4; Jer 39,4; Jer 52,7; vgl. auch Neh 3,15), der königliche Garten mit dem Namen „Garten des Usa“, in dem König Manasse begraben liegt (2 Kön 21,18), und der Garten, den sich König Ahab in Samaria zu Unrecht von Nabot aneignen will (1 Kön 21,2). Der älteste in Israel bisher archäologisch nachweisbare Garten befindet sich an der königlichen Residenz in Ramat Rahel (7.– 4. Jh. vC), er hat eine Größe von mehr als einem halben Hektar. Bekannt sind außerdem die Gartenanlagen der hasmonäischen und herodianischen Winterpaläste in Jericho. Diese königlichen Gärten dienen als Prestigeobjekte, wie dies auch das Zitat aus dem Buch Kohelet verdeutlicht. Einen Garten anzulegen, ist außerdem Chiffre für die Herrschaft eines Königs über sein Land. Der wohlgestaltete und reiche Garten repräsentiert die gute Regentschaft eines Königs.

Ein Tempelgarten in Jerusalem?

Während für Ägypten, Mesopotamien und Persien neben königlichen Gärten und Palastgärten auch Tempelgärten nachweisbar sind, können für den Tempel in Jerusalem nur Vermutungen angestellt werden. Die alttestamentliche Beschreibung des Tempels greift jedoch auf Garten- und Pflanzenmotivik zurück (1 Kön 6,18.29.32-35; 7,21). Und wenn Gottes Schutz für die Stadt Jerusalem mitgnn,„abschirmen“ ausgedrückt ist (2 Kön 19,34; Sach 12,8), ist die gesamte Stadt als Gottes Garten vorzustellen. Gott kann seinen Garten aber auch preisgeben (Klgl 2,6; Jer 12,7-12). Schließlich kann die gesamte Welt als Garten Gottes bezeichnet werden, dessen Gärtner die Gottheit ist. Gottes schöpferisches Handeln wird als gärtnerisches Tun vorgestellt (Ps 104,13-16) und das Anlegen eines Gartens ist Chiffre für die Erschaffung der Welt (Gen 2).

Gegenentwurf zur Zerstörung

In den prophetischen Texten erscheint der gut bestellte Garten als Gegenentwurf zur Zerstörung durch Krieg und Eroberung, die nur verwüstetes Land und „verbrannte Erde“ hinterlassen (Am 4,9; Jer 12,7-12). Während das Begriffspaar „niederreißen“ und „ausreißen“ die Zerstörung benennt, beschreibt das Begriffspaar „bauen“ und „pflanzen“ (Jer 24,6, 29,5.28; Ez 28,26; 36,35.36, Am 9,13-15) das neue Leben nach erfahrener Katastrophe. Häuser und Städte, die niedergerissen wurden, werden wieder erbaut werden, Pflanzen und Bäume, die in Weinbergen und Gärten ausgerissen wurden, werden wieder eingepflanzt werden.

Die Begriffspaare können auch auf das Volk Israel bezogen sein, das ausgerissen wurde und nun wieder im Land eingepflanzt wird (Ez 17,3-8). Besonders im Buch Jeremia sind die Begriffspaare Leitmotive (Jer 1,10, 18,7.9; 31,28; 42,10; 45,4) und beschreiben das richtende und rettende Handeln Gottes an Israel und an anderen Völkern:

So spricht der Herr, der Gott Israels: Wie auf diese guten Feigen, so schaue ich auf die Verschleppten Judas zum Guten, die ich von diesem Ort vertrieben habe ins Land der Chaldäer. Ich richte meine Augen auf sie zum Guten und lasse sie in dieses Land heimkehren. Ich will sie aufbauen, nicht niederreißen, einpflanzen, nicht ausreißen. Ich gebe ihnen ein Herz, damit sie erkennen, dass ich der Herr bin. Sie werden mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein; denn sie werden mit ganzem Herzen zu mir umkehren.(Jer 24,5-7)

Ein Leben ganz ohne Krieg wird vorgestellt als Leben unter dem Feigenbaum oder dem Weinstock (Mi 4,3.4). In manchen Texten wird das nicht mehr verödete Land in Anspielung auf Gen 2 gar als Garten Eden oder als Garten Gottes (Jes 51,3; Ez 36,35) bezeichnet.

In den späten Jesajatexten verdeutlichen positive Garten- und Vegetationsbilder das gute Leben der Gerechten. Kultformen, die an Terebinthen und in Gärten stattfinden, werden abgelehnt (Jes 1,29-31; Jes 17,10f; Jes 65,3; Jes 66,17). Die in Jes 17,10 hierbei verwendete Formulierung „Pflanzungen des Lieblichen“ ist eine Anspielung auf die Gärten des Vegetationsgottes Adonis. Alle, die solche Verehrungsformen pflegen, werden verdorren (Jes 1,29) oder im Feuer vernichtet (Jes 66,15-17). Dagegen werden die Erwählten als „grünende Bäume“ (Jes 60,21, vgl. auch Ps 52,10 und Ps 96,13-16), „Terebinthen der Gerechtigkeit“ und „Pflanzung JHWHs zur Verherrlichung“ (Jes 61,3) bezeichnet. Zu ihnen gehören auch Menschen aus den Völkern (Jes 61,9.11). Die Vegetationsmetaphorik der Jesajatexte mündet in die Beschreibung des neuen Himmels und der neuen Erde, die Gott schaffen wird (Jes 65,21-22). Das dann anbrechende Leben kennt keine Unterdrückung und keine Fremdherrschaft. Die Menschen wohnen in den Häusern, die sie selbst gebaut haben, ernten die Früchte, die sie selbst gesät haben, und werden so alt wie die Bäume.

So repräsentiert auch im Alten Testament der Garten ein glückliches Leben

Metapher für die Liebenden

Neben den prophetischen Texten spielt der Garten im Hohelied eine zentrale Rolle. Wegen der Verweise auf Salomo (Hld 1,1; 8.11.12) kann man sich auch diesen Garten als königlichen Garten vorstellen. Der Garten ist aber vor allem der Ort der ungestörten und beglückenden Begegnung der Liebenden. Mit seinen Wasserquellen, wunderbaren Düften und herrlichen Früchten wird er zur Metapher für die Liebenden selbst.

Der Garten ist verschlossen, bis die Liebende ihren Geliebten ruft:„EinverschlossenerGartenistmeineSchwesterBraut,einverschlossenerBorn,einversiegelterQuell.AndeinenWasserrinneneinGranatapfelhainmitköstlichenFrüchten,HennadoldensamtNardenblüten,Narde,Krokus,GewürzrohrundZimt,alleWeihrauchbäume,MyrrheundAloe,allerbesterBalsam.DieQuelledesGartensbistdu,einBrunnenlebendigenWassers,dasvomLibanonfließt.“(Hld 4,12-15) Mit ihrem Rufen öffnet sie den Garten für ihn: „Nordwind,erwache!Südwind,herbei!DurchwehtmeinenGarten,lasstströmendieBalsamdüfte!MeinGeliebterkommeinseinenGartenundessevonseinenköstlichenFrüchten!“(Hld 4,16)

Und der Geliebte kommt:„IchkommeinmeinenGarten,meineSchwesterBraut,ichpflückemeineMyrrhesamtmeinemBalsam,ichessemeineWabesamtmeinemHonig,ichtrinkemeinenWeinsamtmeinerMilch.Esst,Freunde,trinkt,berauschteuchanderLiebe!“(Hld 5,1) Dieser Garten kennt keine Mühsal, sondern nur Wonne. Auch wenn der Garten im Hohelied nicht als Garten Eden bezeichnet ist, so entwirft das Hohelied doch eine Gegenposition zur Situation nach dem Sündenfall in Gen 3. Anders als in Gen 3,20-24, ist der Zugang zum Garten (Eden) nicht auf immer verschlossen, der erfüllenden Liebe steht der Garten offen. Und während es in Gen 3,16 heißt: „VielMühsalbereiteichdirundhäufigwirstduschwangerwerden.UnterSchmerzengebierstduKinder.NachdeinemMannhastduVerlangenunderwirdüberdichherrschen“,sagt die Liebende im Hohelied: „IchgehöremeinemGeliebtenundihnverlangtnachmir“(Hld 7,11).

Ein Gottesgarten

Kommen wir damit zum berühmtesten Garten im Alten Testament, zum Garten in Eden in Gen 2–3. Dieser Garten partizipiert in seiner Gestalt in vielerlei Hinsicht an den allgemein altorientalischen Vorstellungen vom Garten. Er hat reichlich Wasser (Gen 2,10-14) und ist ein Baumgarten (Gen 2,9), der mit seinen Früchten Leben sichert; für Gott, der diesen Garten angelegt, d.h. geschaffen hat, ist es ein Ort der Erholung (Gen 3,8). Man könnte ihn daher als Gottesgarten bezeichnen. Den Menschen bestellt Gott zum Verwalter dieses Gartens (Gen 2,15). Der Garten ist Ort der gelungenen Begegnung der Menschen untereinander (Gen 2,23) und mit der Mitwelt (Gen 2,18-20), der Gottesbegegnung und der (Selbst-)Erkenntnis. Von einer Umfriedung mit einer Mauer oder einem Zaun ist anfangs nicht die Rede. Erst nach der Vertreibung ist der Garten durch Keruben bewacht und eine Rückkehr in den Garten nicht möglich (Gen 3,23.24).

Ein dem Garten Eden nicht unähnlicher Gottesgarten wird in Ez 28,11-19 beschrieben. Hier ist es der König von Tyrus, der Zugang zum Garten auf dem heiligen Berg der Götter erhält und der wegen seiner Ungerechtigkeiten und Gewalttaten aus dem Garten verstoßen wird. Im Garten Eden führt die Übertretung des Verbotes, vom Baum der Erkenntnis zu essen (Gen 2,9), zur Vertreibung aus dem Garten (Gen 3,22-24).

Während im Text nicht ganz klar ist, von wie vielen Bäumen die Rede ist, können traditionsgeschichtlich drei Bäume unterschieden werden, derBauminderMittedesGartens,der BaumdesLebensund der BaumderErkenntnisvonGutundBöse.Für die beiden ersteren Bäume gibt es altorientalische Vorbilder, nicht aber für den Baum der Erkenntnis. Der Baum in der Mitte speist sich aus der Tradition des Weltenbaumes, der die geordnete Welt und das Gedeihen der Vegetation repräsentiert (vgl. Ez 31,2-12; Ez 17,22-24, Dan 4,7). Für den Baum des Lebens ist außerdem an die ägyptische Vorstellung der Baumgöttin zu denken. In ihrer Ikonografie überlagern sich die Darstellung eines Baumes (vorzugsweise eines Maulbeerfeigenbaumes oder einer Dattelpalme) mit einer weiblichen, Nahrung und Leben spendenden Gottheit. Im Buch der Sprichwörter ist von einem „Baum von Leben“ die Rede, der Metapher für die Weisheit (Spr 3,18), praktizierte Gerechtigkeit (Spr 11,30) und einer mäßigenden Rede (Spr 15,4) ist. Der weisheitliche Kontext rückt diesen Baum des Lebens an den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse heran, der für die Erzählung Gen 2.3 geschaffen wurde.

Der Garten in der Passionserzählung

Die weitere Entwicklung der Paradiesvorstellung in der christlichen Auslegung von Gen 2.3 ist davon geprägt, dass das ursprüngliche Paradies durch die erste Sünde verloren ging, und die Menschen nun außerhalb des Paradieses leben. Der Paradiesgarten wird zu einem entzogenen, den Menschen unzugänglichen Ort. Erst das Heilshandeln Christi öffnet das Paradies wieder. Dieser heilsgeschichtliche Zusammenhang wird bereits im Neuen Testament, und zwar im Johannesevangelium, hergestellt. Denn dort beginnt und endet die Passionsgeschichte in einem Garten (Joh 18,1.26; 19,41). Sowohl das Grundstück am Ölberg, in dem Jesus gefangen genommen wird (Mk 14,32), als auch das Gebiet um die Hinrichtungsstätte Golgota werden bewusst als Garten bezeichnet. In den Garten „jenseits des Baches Kidron“ geht Jesus zusammen mit seinen Jüngern und Jüngerinnen. Ausdrücklich wird festgehalten, dass sie gemeinsam hineingehen. Im Gegensatz zum Garten Eden in Gen 3 ist dieser Garten für die Gemeinschaft um Jesus nicht verschlossen. Mit Jesus wird die Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen wie im Paradies wieder hergestellt. Nach seinem Tod wird Jesus in einem Garten neben der Hinrichtungsstätte begraben (Joh 19,41).

Dort kommt es am ersten Tag der Woche zur Begegnung Maria von Magdalas mit dem Auferstandenen. Sie hält ihn bezeichnenderweise für den Gärtner (Joh 20,15). Im übertragenen Sinne ist er dies auch. Denn wenn er sie anhaucht (Joh 20,22), erinnert dies an das Schöpfungshandeln Gottes im Garten Eden, der dem Menschen den Lebensatem gab (Gen 2,7).

Bis in die Neuzeit wurde das Paradies sowohl im Judentum als auch im Christentum als real auf der Erde existierender Ort angenommen. Jüdische Deutungen lokalisierten das ursprüngliche Paradies gerne als heiligen Ort in der Mitte der Welt (Jub 3,12) oder identifizierten es mit Jerusalem, wenn das ursprüngliche Paradies zugleich als Ort des zukünftigen Heiles galt (Jub 8,19; ÄthHen 25,1-6, vgl. S. 18). Im Christentum stellte man sich in den Entwürfen, die die Erde als Scheibe konzipierten, das Paradies als Ort vor, der durch den Urozean von der restlichen Welt getrennt war (z. B. Kosmas Indikopleustes, 6. Jh.). Meist vermutete man das Paradies im Osten, also in Asien oder Indien, da schon Augustinus (De Genesi contra Manichaeos, 2,203) den Fluss Pischon, einen der vier Paradiesflüsse (Gen 2,11), mit dem Ganges identifizierte. Es gab aber auch Entwürfe, die das Paradies im Westen verorteten, wie etwa in der Seereise des heiligen Brendan, dessen Niederschriften im 9. Jh. vorgenommen wurden. In den Darstellungen solcher wundersamen Reisen gehen das ursprüngliche Paradies und das endzeitliche Paradies als Ort der Seligen oftmals ineinander über. Die westliche Himmelsrichtung mag auch durch außerbiblische antike Traditionen beeinflusst sein, denn die „Inseln der Seligen“ (vgl. auch das z. T. damit identifizierte Elysium) liegen im äußersten Westen.

Das zukünftige Paradies

Im Judentum, Christentum und im Islam versteht man unter dem Begriff „Paradies“ vor allem einen zukünftigen, endzeitlichen Ort, in den die Frommen und Gerechten eingehen werden. Ob dieser Ort explizit als „Paradies“ bezeichnet wird, ob er mit dem dann wieder zugänglichen ursprünglichen Paradies identifiziert wird oder einen himmlischen oder jenseitigen Ort bezeichnet, und inwiefern dieser Ort überhaupt einem Garten gleicht, ist in den Quellen sehr verschieden. Im Islam ist der endzeitliche Heilsort als Paradies bezeichnet und eindeutig als Garten vorgestellt (Sure 56,10-38). Im Judentum und im Christentum wurde die Vorstellung von der eschatologischen Stadt, näherhin vom himmlischen Jerusalem, breit entfaltet. Auch in der Apokalypse ist der zukünftige Heilsort das „Neue Jerusalem, das vom Himmel kommt“ (Offb 21.22). In dieser Stadt erinnern nur das Wasser des Lebens sowie die zwei Bäume des Lebens (Offb 22,2.14.19) an einen Garten bzw. an das Paradies (vgl. S. 18).

Die frühjüdische Literatur, insbesondere die Apokalyptik, kennt aber auch die Vorstellung des endzeitlichen Paradieses (TestLev 18,10f ). Ausgewählte Menschen, wie etwa Adam oder Henoch, sehen den Ort des Heiles in einer Vision oder werden in einer Reise dorthin entrückt (ÄthHen 60,8.22; 61,12). In ÄthHen 32,3-6 reist Henoch zu einem weit im Osten gelegenen Ort, der offenbar mit dem ursprünglichen Paradies identisch ist:„UndichkamzumGartenderGerechtigkeitundsahüberjeneBäumehinausvieleundgroßeBäumedortwachsen;vongutemDuftwarensie,groß,sehrschönundherrlich;und(ichsah)denBaumderWeisheit,vondemdie,diedavonessen,großeWeisheitkennenlernen.UnderglichdemJohannisbrotbaum,undseineFrucht(war)wiedieTraubedesWeinstockssehrgut.UndderGeruchjenesBaumesverbreitetesich und drang weit hin […] Dies ist der Baum der Weisheit, vom dem dein alter Vorfahre und deine alte Vorfahrin, die vor dir waren, gegessen haben und Weisheit kennenlernten, und ihre Augen wurden geöffnet, und sie erkannten, dass sie nackt waren, und sie wurden aus dem Paradies (…) vertrieben.“

Der Garten ist Ort der gelungenen Begegnung der Menschen untereinander

In SlavHen 8 ist das Paradies im dritten Himmel angesiedelt und bleibt zugleich mit dem irdischen Paradies verbunden, denn der Baum der Erkenntnis wurzelt im irdischen Paradies, während die Quelle im himmlischen Paradies entspringt und von dort zum irdischen Paradies fließt. Schließlich betonen einige Entwürfe die Verborgenheit des Paradieses als zwischenzeitlichen Aufenthaltsort der Gerechten, wohin sie nach ihrem Tod bis zum Ende der Zeit gelangen (Leben Adams und Evas 25,3; ÄthHen 70,4; 89,52).

Auch im Neuen Testament finden sich Hinweise auf diese frühjüdischen Vorstellungen. Paulus wird in einer Himmelsreise in das Paradies im dritten Himmel entrückt (2 Kor 12,1-4). Offb 2,7 erwähnt das Paradies Gottes, in dem ein Baum des Lebens steht, von dem die Siegreichen zu essen erhalten werden. Und in Lk 23,42f ist das Paradies als Aufenthaltsort der Gerechten nach dem Tod vorausgesetzt, in das der Schächer durch die Gerechtigkeit Jesu gelangt. Dass das Paradies auch in der späteren christlichen Literatur als Zwischenaufenthaltsort für die Gerechten verstanden wurde, belegen etwa die Apokalypse des Petrus (Ende 2. Jh.–Mitte 3. Jh.) oder die Passion der Perpetua und Felicitas (Beginn des 3. Jh.). Erst im Mittelalter (12./13. Jh.) wurde die Vorstellung eines Paradieses als Zwischenaufenthaltsort der Gerechten vor der Vollendung der Welt aufgegeben. Stattdessen kamen die Seelen der Gerechten nun unmittelbar nach dem Tod und dem individuellen Gericht in den Himmel und wurden dervisiobeatificateilhaftig. Das Paradies wurde mit dem Himmel und der Schau Gottes gleichgesetzt, verlor aber seine Verweisfunktion auf den Garten und die Kreaturen der Schöpfung nicht. Die Rede vom Paradies verweist nun darauf, dass die endgültige Erlösung und Vollendung Pflanzen und Tiere einschließt, so wie es in Röm 8,19-22 heißt: „DenndieSchöpfungwartetsehnsüchtigaufdasOffenbarwerdenderSöhneGottes.Gewiss,dieSchöpfungistderNichtigkeitunterworfen,nichtauseigenemWillen,sonderndurchden,dersieunterworfenhat,aufHoffnunghin:Dennauchsie,dieSchöpfung,sollvonderKnechtschaftderVergänglichkeitbefreitwerdenzurFreiheitundHerrlichkeitderKinderGottes.Dennwirwissen,dassdiegesamteSchöpfungbiszumheutigenTagseufztundinGeburtswehenliegt.“

Lesetipps

• Maria Häusl / Victor Lossau (Hg.): Balsambeet und Rosenhag. Paradiese und die Kultur der Gärten. Stuttgart: kbw bibelwerk 2020.

• Jürgen Ebach (Hg.): „Schau an der schönen Gärten Zier …“. Über irdische und himmlische Paradiese ; zu Theologie und Kulturgeschichte des Gartens. (Jabboq, 7). Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2007.

• Richard Faber / Christine Holste (Hg.): Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Eine Tour d‘Horizon. Würzburg: Königshausen & Neumann. 2010.

• Heinrich Krauss: Das Paradies. Eine kleine Kulturgeschichte. (Beck‘sche Reihe, 1570) München: Beck 2004.

Zitierte Literatur

• Martin Leutzsch: Transformationen des Paradieses. Wandlungen eines biblischen Topos. In: Richard Faber und Christine Holste (Hg.): Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Eine Tour d‘Horizon. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010, S. 37–55.

• Dafna Langgut / Yuval Gadot / Naomi Porat / Oded Lipschits: Fossil pollen reveals the secrets of the Royal Persian Garden at Ramat Rahel, Jerusalem. In: Palynology 37 (1), 2013. S. 115–129. DOI: 10.1080/01916122.2012.736418.

• Netzer, Ehud: The Winter Palaces of the Judean Kings at Jericho at the End of the Second Temple Period. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research 228, 1977. S. 1–13. DOI: 10.2307/1356496.