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Auf die Zukunft gebaut


ÖKO-TEST Spezial Wohnen und Leben - epaper ⋅ Ausgabe 5/2008 vom 08.04.2008

Wenn zwei Architekten mit vier Kindern bauen, denken sie über die Gegenwart hinaus. Wer nicht nur an sich selbst denkt, baut ein Passivhaus: gut für die Familie, gut für die Umwelt.


Artikelbild für den Artikel "Auf die Zukunft gebaut" aus der Ausgabe 5/2008 von ÖKO-TEST Spezial Wohnen und Leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Thomas Brenner

Ohne Sohn Benedict wäre vielleicht alles ganz anders. Als sich das dritte Kind von Stefanie und Franl-uosef Zimmermann ankündigte, war den beiden Architekten klar: Ihre alte Wohnung hatte die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Die Konsequenz: selber bauen. Doch das ist gerade für den Berufsstand der Baumeister keine einfache Aufgabe. Schließlich ist das eigene Haus für sie Experiment und Aushängeschild ...

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Ohne Sohn Benedict wäre vielleicht alles ganz anders. Als sich das dritte Kind von Stefanie und Franl-uosef Zimmermann ankündigte, war den beiden Architekten klar: Ihre alte Wohnung hatte die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Die Konsequenz: selber bauen. Doch das ist gerade für den Berufsstand der Baumeister keine einfache Aufgabe. Schließlich ist das eigene Haus für sie Experiment und Aushängeschild zugleich.

Auch die Lage des Baugrunds machte das Projekt nicht einfacher. Eingekeilt zwischen zwei älteren Baugebieten war das lang gezogene Hanggrund- stück zwar reizvoll, aber schwierig zu nutzen. Mit einem Haus-Dummy aus Lattengerüsten und guten Argumenten über zeugten die Zimmermanns schließlich den Bauausschuss der Stadt Kaiserslautern, der das von Bäumen bewachsene Restgrundstück gehörte. Der Trick: Zwei Familien teilen sich nun den langen Streifen, Wege und Verkehrsfl ächen gehören beiden Bauherren. Das Sahnehäubchen obendrauf: Die beiden Architekten konnten ihr anspruchsvolles Konzept gleich an zwei Häusern ausprobieren.

Unter der eigens für das Haus entwickelten Holzverschalung steckt jede Menge Dämmung.


Fotos: Zimmermann

Klar war, dass es ein Passivhaus werden sollte. Doch warum dieser konsequente Schritt nach vorne, obwohl die beiden Planer bisher „nur“ Niedrigenergiehäuser gebaut hatten? „Mittlerweile sind wir mit dem in unserem Passivhaus geborenen Kind Elisabeth zu sechst. Bei einer so großen Familie zählen niedrige Betriebskosten genauso wie die ökologische Nachhaltigkeit des Hauses. Es ist so auch noch in Jahrzehnten zeitgemäß“, begründet Franz-Josef Zimmermann die Wahl des Baustandards und der Baumaterialien, die auch bei ihrer Herstellung selbst möglichst wenig Energie verbrauchen sollten.

Die Form folgt der Funktion

Das im Jahr 2004 gebaute Haus ist Ergebnis zahlreicher Entwürfe und familieninterner Diskussionen. Es präsentiert sich schon von außen ungewöhnlich. Zwei eigenständige Baukörper, der eine knallrot verputzt, der andere mit dem durch Sonneneinstrahlung silbern ergrautem Douglasienholz verschalt, sind durch eine Glasfuge verbunden, die sich über die beiden Geschosse längs durchs Haus zieht.

Was auf den ersten Blick etwas gekünstelt wirkt, folgt einer einfachen Logik: Der rote Quader beinhaltet alle Funktionsräume wie Küche, Bad, Hauswirtschafts- und Technikraum. Sein holzverkleidetes Gegenüber beherbergt die Wohn- und Schlafräume der Familie. Die Glasachse, bei der nicht nur die Oberseite, sondern auch der Boden transparent ist, erschließt alle Räume und schickt Tageslicht mitten ins Haus. Das spart nicht nur Strom für die Beleuchtung, sondern hat ganz romantische Folgen: Durch die passivhaustaugliche Dreifachverglasung bilden sich im Winter auf der äußeren Scheibe Eisblumen. Das Glasdach verwandelt sich dann in ein Kaleidoskop, das nicht nur die Kinder Anna-Sophia, Sarah-Maria, Benedict und Elisabeth in seinen Bann zieht. Die Rahmen der Glasfuge wurden eigens für dieses Projekt entwickelt. Scheint die Sonne, fällt ihr Licht durch die teilweise fest verglasten Fenster des Wohnbereichs weit ins Haus hinein. Ihre Strahlen werden von den Innenwänden und dem Boden aufgenommen und abends und nachts als angenehme Strahlungswärme wieder abgegeben. „Wir haben bewusst schwere Baustoffe wie Kalksandstein und Beton verwendet, weil sie Wärme sehr gut speichern. Das Haus wirkt wie ein Kachelofen“, sagt Franz-Josef Zimmermann. Im Hochsommer schützen Jalousien vor Überhitzung.

Kaum Wärmeverlust durch dicke Dämmung

Der nach Nordosten orientierte rote Kubus wird dagegen nur von wenigen Fenstern durchbrochen, entsprechend gering sind die Energieverluste, durch die mit einem 24 Zentimeter starken Wärmedämmverbundsystem aus Polystyrol gedämmten Wände.

Eine Besonderheit ist die Holzfassade des Wohnteils. Um die Wärmeverluste durch die Unterkonstruktion so gering wie möglich zu halten, hängt sie wie ein überdimensionales Schwingtor an stählernen Haltern, die in der Betondecke verankert sind.

Unter den Holzbalken ist die Wand durchgehend mit Polyurethan gedämmt. Deren Zwischenraum ist mit Mineralfaser ausgefüllt und mit einer Holzweichfaserplatte abgedeckt. Zum Schluss wurden die in der Zimmerei vorgefertigten Fassadenelemente per Kran an die Wand gehängt und nur mit relativ wenigen Schrauben verankert. Die drei Zentimeter starken Bretter sind von hinten verschraubt, was ihre Widerstandskraft gegen Wind und Wetter deutlich vergrößert.

Auch das mit einer pfl egeleichten, weil extensiven Dachbegrünung versehene Flachdach ist dick gedämmt. Über der eigentlichen Decke aus Beton liegt eine 35 Zentimeter starke Dämmschicht aus Polystyrol.

Die Dachbegrünung reduziert nicht nur die Hitzeeinstrahlung im Sommer, sondern hält auch das Wasser zurück. Was an Regenwasser nicht auf dem Dach bleibt, versickert auf dem Grundstück und kommt so dem Grundwasser zugute. Wasser sparen die Zim mermanns auch beim Duschen und Baden. Eine Kleinstkläranlage im Technikraum recycelt bis zu 600 Liter Wasser aus Dusche und Ba dewanne pro Tag und schickt es ein zweites Mal zur Toilet tenspü lung durch die Rohre.

Kompakte Technik versorgt das Haus

Das Thema Energiesparen bestimmte nicht nur die Planung, sondern auch die technische Ausstattung. „Da man bei einem Passivhaus nicht beliebig über ein Heizsystem Energie zuführen kann, muss man sich im Vorfeld sehr ausführlich mit den Baustoffen und ihren Eigenschaften befassen, damit Wärmebedarf und Wärmeleistung der Lüftungsanlage übereinstimmen“, erläutert Stefanie Zimmermann. Der Heizwärmebedarf des Hauses liegt mit 11,3 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr deutlich unter dem Grenzwert von 15 Kilowattstunden, die ein Passivhaus maximal verbrauchen darf. Ein kleiderschrankgroßes Kompaktgerät im Technikraum versorgt das Haus mit Frischluft, die über einen effi zienten Wärmetauscher die Energie der aus Bad, Küche und den WCs abgesaugten Luft aufnimmt. Rund 90 Prozent der Wärme, die sonst beim Lüften verloren geht, bleibt so im Haus. Bei Bedarf temperiert eine Wärm epumpe die Frischluft zusätzlich, die über Deckenventile in die Wohnräume gelangt. Das Kompaktaggregat ist auch für die Warmwasserversorgung zuständig.

Die komplette Haustechnik befi ndet sich in einem hangseitig gelegenen Raum des roten Kubus, denn das Haus ist nicht unterkellert. Da Bäder, WCs und Küche nah beieinanderliegen, sind Leitungen und Rohre kurz. Das spart Installationskosten und minimiert Verluste. Die Elektroleitungen verlaufen in den vorgefertigten Installationskanälen der speziellen Kalksandsteine, in die Löcher für Steckdosen und Schalter lediglich ausgebohrt werden.

Wie groß das Interesse an der neuen Art zu bauen ist, zeigt der rege Zuspruch beim jährlichen Tag des Passivhauses. Dem von Sohn Benedict angestoßenen Erstling sind mittlerweile sechs weitere Passivhäuser gefolgt, die das Ehepaar geplant hat. Fazit der Architekten: „Wir bauen nichts anderes mehr.“

Ungleiche Brüder: An der Südostseite der beiden Quader lädt ein großzügiger Bakon zum Frühstück im Freien ein.


Vom Essbereich führt eine fi ligrane Treppe auf das Holzdeck des Hanggartens. So fällt genügend Licht in die darunterliegenden Kinderzimmer.


Die Fenster des holzverschalten Wohnteils lassen sich nur zum Teil öffnen. Fest verglaste Fenster sind preiswerter und energiesparender.


Auch im Bad herrschen klare Linien. Die Wand- und Bodenfliesen sind aus anthrazitfarbenem Naturschiefer.


Fotos: Thomas Brenner (4)

Das Lichtband der Glasfuge teilt und verbindet die beiden Baukörper. Die Befestigung der Dachverglasung wurde speziell entwickelt, um passivhaustaug- lioh zu sein.


Blick vom Wohn Ess Bereich in die offene Küche. Die Auswahl der Bodenbeläge Schiefer und Industrieparkett folgt der funktionalen Trennung zwischen den beiden Bau körpern.


Foto: Thomas Brenner

Ohne luftdichte Hülle kein Passivhaus. Fensterund Türrahmen wurden mit einem speziellen Klebeband abgedichtet, das später vom Innenputz überdeckt wird.


Foto: Zimmermann

Die Kanäle der Lüftungsanlage wurden auf der Ober seite der Betondecke verlegt und dann mit Dämmstoff und Dichtungsbahnen und der extensiven Dach begrünung überdeckt und abgedichtet.


Das gesamte Haus steht auf einer 40 Zentimeter starken Schüttung aus Schaumglasschotter. Der stabile, ökologische Dämmstoff aus aufgeschäumtem Glas ist wasserfest und verhindert, dass Wärme aus dem Haus ins Erdreich abfließt.


Die Verschalung aus Douglasie schwebt per Kran an ihren Platz. Hinter hr steckt eine doppelte Dämmschicht, die nur Von wenigen Halterungen curchbrochen wird.


Fotos: Zimmermann (3)

Fakten

Foto: Zimmermann

Einfamilienhaus in Passivhausbauweise, Baujahr 2004 Wohn-/Nutzfläche: 206 m2
Wandaufbau, verputzt: Innenputz, 20 cm Kalksandsteil-uuadro-E, geklebt, 24 cm WDVS, Außenputz U-Wert 0,119 W/(m²K).
Wandaufbau, holzverschalt: Innenputz, 20 cm Kalksandsteil-uuadro-E, geklebt, 14 cm Polystyrol-WDVS, 10 cm Mineralwolledämmung zwischen Holzunterkonstrution, 2,2 cm Holzweichfaserplatte, 4/4 cm Holzunterkonstruktion, 3 cm Holzschalung, U-Wert 0,112 W/(m²K)
Fenster: Holzfenster mit Polyurethandämmkern als Drehkippfenster und festverglast, Dreischeibenwärmeschutzverglasung, Uw-Wert 0,8 W/(m²K).
Haustechnik: Kompaktlüftungsaggregat mit Kanal-Gegenstrol-uärmetauscher und Luft-Wasser-Kleinstwärmepumpe, Wasserrecyclinganlage, Photovoltaikanlage (in Planung).
Heizenergiebedarf: 11,3 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr.
Primärenergiebedarf: 71, 4 kWh/(m2a)
Baukosten brutto: 1.480 Euro/m²
Architekten: Franz-Josef und Stefanie Zimmermann, Scheidstraße 1, 67655 Kaiserslautern, Tel. 06 31 / 3 11 07 95, E-Mail: planschmiede-kl@t-online.de, www.planschmiede-web.de

Interview

Passivhäuser setzen sich durch

Dr. Wolfgang Feist ist Leiter des Passivhaus-Instituts in Darmstadt.

ÖKO-TEST: Herr Dr. Feist, was ist eigentlich passiv an einem Passivhaus?
Feist: Passiv am Passivhaus ist, dass es behaglich warm ist, ohne dafür aktiv beheizt werden zu müssen. Dazu werden die Wärmeverluste so stark verringert, dass eine separate Heizung gar nicht mehr erforderlich ist.

ÖKO-TEST: In Deutschland gibt es erst etwa 9.500 Passivhäuser, obwohl die Idee bereits 20 Jahre alt ist. Anscheinend gibt es immer noch Vorbehalte.
Feist: 9.500 Modellhäuser, das ist doch eine tolle Leistung. Von keinem anderen Energiesparkonzept gibt es so viele Beispiele, und das in allen nur erdenklichen Gebäudetypen. Heute können Sie in Deutschland die weltweit besten Fenster kaufen, wegen der Erfahrungen im Passivhaus. Dass es nicht noch schneller geht, liegt vermutlich am Argwohn vor Veränderungen. Doch wer sich informieren will, hat dazu beste Möglichkeiten. Etwa bei der Informationl-uemeinschaft Passivhaus unter www.ig-passivhaus.de.

ÖKO-TEST: Kann man auch einen Altbau zum Passivhaus umbauen?
Feist: Sicher. Die Passivhaustechnologie spart bereits in einer Vielzahl von Sanierungsprojekten mehr als 85 Prozent des früheren Heizenergieverbrauchs. Zudem ist sie ein Problemlöser für den Altbau: Die Luftqualität stimmt, der Schimmel verschwindet. Die Wohnungen werden hell und im Winter warm. Und sie lassen sich im Sommer gut kühl halten. Das eröffnet der Wohnungswirtschaft ganz neue Perspektiven in der Bestandssanierung.

ÖKO-TEST: Bei der Energieeinsparverordnung hat der Planer die Wahl, eine schlechtere Dämmung durch bessere Anlagentechnik auszugleichen und umgekehrt. Ist das für die hohen Ansprüche eines Passivhauses nicht etwas zu beliebig?
Feist: Auch der Passivhausstandard schreibt keine Einzelwerte vor, etwa für die Dämmdicke. Ein Architekt muss sich aber schon etwas mehr anstrengen, wenn sein Haus viermal weniger Energie verbrauchen soll als ein Haus nach Energieeinsparverordnung. Dafür sind die Bauherren dann ein für alle Mal gegenüber steigenden Energiepreisen sicher.

ÖKO-TEST: Kann oder darf jeder Architekt, jeder Bauträger so ein Passivhaus bauen?
Feist: Wenn er sich gut informiert, ist jeder Bauprofi in der Lage, Passivhäuser zu bauen. Planer können sich zudem bei Beratern Unterstützung holen.

ÖKO-TEST: Passivhäuser sind sehr luftdicht. Bleiben dadurch Schadstoffe, die aus Baumaterialien und Einrichtungsgegenständen in die Raumluft ausgasen, nicht länger im Haus?
Feist: Eine Lüftungsanlage, über die jedes Passivhaus verfügt, sorgt für einen kontinuierlichen Luftaustausch und damit für gute Innenraumluft, sodass Schadstoffe, aber auch Feuchtigkeit und Pollen sie nicht belasten.

ÖKO-TEST: Kann sich das Passivhauskonzept auf Dauer durchsetzen?
Feist: Das tut es bereits. Wohnungsbauträger wie die FAAG in Frankfurt haben sich verpflichtet, nur noch Passivhäuser zu bauen. Im österreichischen Vorarlberg gibt es seit 2007 nur noch Wohnbauförderung, wenn der Passivhausstandard erreicht wird. Und aktuell fordert das Europäische Parlament in einer Resolution von Ende Januar 2008, schon ab 2011 eine Energieeffizienz gemäß Passivhausstandard für ganz Europa verbindlich einzuführen.