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AUF ZUR KUR INS KURLAND


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GS Motorrad Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 10.02.2021

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Bildquelle: GS Motorrad Magazin, Ausgabe 27/2021

Nahezu jedes Mal, wenn es mich in die baltischen Staaten oder noch weiter in den Osten zieht, wähle ich einen entspannten Anreiseweg, nämlich den mit einer der DFDS Fähren von Kiel nach Klaipeda. Gute 100 km sind es von mir zum Ostuferhafen in Kiel, von dem aus die Fähren nach Litauen ablegen, etwa 20 Stunden dauert die Überfahrt. So kann ich den langen Weg über Land durch Polen und das Memelgebiet deutlich abzukürzen. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, einmal in aller Ruhe in Kurland unterwegs zu sein, um das nachzuholen, was ich bisher nicht sehen und fotografieren konnte. Nun hatte es sich ...

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... ergeben, dass ich zwischen zwei größeren Touren knapp zwei Wochen Zeit hatte.

Nur mal so unterwegs sein, ohne Verantwortung für eine Gruppe, wie meistens, wollte ich mich ein wenig treiben zu lassen, wieder einmal andere Orte und Sehenswürdigkeiten checken. Einmal mehr wollte ich neue Strecken befahren, auf Spurensuche nach „Lost Places“ unterwegs sein. Aber nicht alleine. Ein Telefonat reichte. Meinen Freund Jens musste ich nicht erst lange überreden. Der Termin passt uns beiden und zwei Tage später rollen wir auf litauischen Boden.

KEINE zwei Stunden weiter haben wir schon sind wir schon die Grenze zu Lettland überquert.

Die litauisch-lettische Grenze, kurz nach der Unabhängigkeit beider, ist verwaist, die Grenzabfertigungsgebäude verfallen. Ein Fahrzeug der litauischen Grenzbehörde parkt neben der Straße. Keine Ahnung, wen oder was die Jungs kontrollieren wollen. Uns lassen sie aber unbehelligt. Ein Stück weiter erreichen wir den Pape Nationalpark am gleichnamigen See. Jens und ich sind schon mal dort gewesen, um Wildpferde zu fotografieren, hatten aber leider keinen Erfolg gehabt. Heute sieht es besser aus. Allerdings ist es ziemlich heiß und die Tiere stehen träge in der Sonne. So ein bisschen Aktion wäre eigentlich schön. Aber sie wollen uns den Gefallen nicht tun. Als wir uns dann mit der Rangerin auf den Rückweg machen, kommt doch noch Bewegung in die Herde und Jens gelingen noch einige gute Bilder von den Pferden.

Wenig später erreichen wir Liepaja. Es gibt dort preiswerte Hotels, aber wann immer ich dort bin und mir etwas Besonderes gönnen will, übernachte ich im Hotel Promenade. Es ist in einem umgebauten alten Speicher direkt am Hafen untergebracht, gegenüber der neuen Konzerthalle Concert Hall „Great Amber“. Jens ist zwar eher sparsamer, aber ich kann ihn überzeugen, mal die etwas teurere Variante zu wählen. Und er ist beeindruckt.

Nach dem großartigen Frühstück hält uns am nächsten Morgen aber nichts mehr zurück. Im Nu sind wir auf den Maschinen, um ein paar Kilometer nach Norden zu düsen, in den Stadtteil Karosta. In diesem ehemaligen Militärhafen wollen wir uns die Anlagen mal genauer anschauen. Ursprünglich war Karosta, dessen Name sich vom lettischen Wort für Kriegshafen ableitet, ein Stützpunkt der Russischen Ostseeflotte. Ab 1890 entstand hier auf Anordnung des russischen Zaren Alexander III. ein eigener Militärstadtteil für die russische Ostseeflotte. Der Standort war gewählt worden, weil er ganzjährig eisfrei und die deutsche Grenze bei Nimmersatt in der Nähe war. Um die Hafenanlagen wurden gewaltige Befestigungsanlagen errichtet.

Zu Sowjetzeiten war er noch nicht einmal auf Landkarten verzeichnet, eine vielfach praktizierte Taktik.

Am Karosta Kanal, der Liepaja von der ehemaligen Militärstadt trennt, stoppen wir an der alten Drehbrücke. Und haben Glück.

Sie steht quer zu uns, denn es kommt ein Schiff und wir können die 1906 erbaute Kalpaka-Brücke in Aktion sehen. Sie ist eine Ausleger-Fachwerkbrücke, die einzige Brücke dieser Art in Lettland und mit kurzen Unterbrechungen seit ihrer Fertigstellung noch immer in Betrieb.

Als wir beim Fotografieren sind, kommt ein Angler zu uns und bietet uns erst mal einen Wodka an. Es ist vormittags! Naja. Wir wollen ja nicht unhöflich sein. Ein kleiner geht schon, aber dann machen wir uns lieber vom Acker und fahren über die Brücke nach Karosta.

Ein Ort in Karosta hat es mir besonders angetan - das Gefängnismuseum. Hier waren wir mit meinen Freund Chris zu einem Rundgang verabredet. Leider war er aber kurzfristig verhindert und so nimmt uns Juris in Empfang.

Das Gefängnis von Karosta in der Invalidu Straße 4 wurde ursprünglich als Militärkrankenhaus gebaut, wurde jedoch nie als solches verwendet. In Ermangelung eines Gefängnisses, das man beim Bau der Garnisonsstadt vergessen hatte, wurden hier schon 1905 die Seeleute eingesperrt, die an den revolutionären Ereignissen des Jahres teilgenommen hatten, den Aufstand gegen den Zaren. Das schien eine brauchbare Idee zu sein, denn fortan diente der Bau als Gefängnis der Hauptwache sowohl für die russische Armee, später der Sowjetarmee, für die Wehrmacht und für die Marinetruppen der Lettlands. In über 90 Jahren wechselten die Häftlinge und die Mächte. Hier wurden revoltierende Matrosen und Unteroffiziere der Zarenarmee, Soldaten der Sowjetarmee und der Armee Lettlands drangsaliert, Deserteure der deutschen Wehrmacht eingesperrt, verurteilt und hingerichtet. Wärtergebrüll, Strafappelle, dunkle Zellen. Die letzten Spuren an den Zellenwänden stammen noch aus dem Jahr 1997. Gegen Eintritt kann heute die Anlage besichtigen werden. Es gibt Aufführungen, man kann in einer der Zellen übernachten und in einer Kantine auf sowjetische Art deftig speisen.

Es ist ein düsterer Ort, in dem Menschen unterdrückt, gebrochen wurden. Als wir nach zwei Stunden mit Juris auf dem Hof in der Sonne stehen, jeder von uns mit einer Tasse Kaffee in der Hand, sind wir schon froh, weil wir wissen, dass wir gleich davon fahren können.

Juris hat uns den sowjetischen Knastalltag sehr lebensecht nachempfinden lassen. Derweil bringt einer seiner uniformierten Kollegen einer Besuchergruppe gerade im Laufschritt den Einmarsch in den Knast bei.

Estland, Lettland und Litauen wieder unabhängig. Kurz danach mussten die sowjetischen Truppen abziehen. Nach Räumung der Anlage von etwa 25.000 Soldaten mit ihren Kriegsschiffen und ihrer Ausrüstung war Karosta verlassen, wurde ein verwahrloster und nur teilweise bewohnter Stadtteil Liepajas.

Der Gegensatz ist immer noch schwer zu ertragen. Hundertjährige Prachtalleen zeigen bis heute die Reste ehemaliger Eleganz aus der Zarenzeit. Einiges wurde inzwischen saniert, aber zwischen den lichten Birkenwäldchen sind ganze Straßenzüge vollkommen unbewohnt, Türen und Fenstern zugemauert, verfallen zwischen den Festungsruinen, Offiziersvillen und der orthodoxen Nikolai-Kathedrale, die der Sowjetarmee als Kino und Sporthalle gedient hatte. Es gibt hier so viele Hinterlassenschaften der Sowjetmarine.

Schon wenige Jahre nach Fertigstellung erwies sich die Nördliche Festung als Fehlplanung. Den Kanonen fehlte es an Reichweite, um gegebenenfalls angreifende Schiffe abwehren zu können. 1914 wurden die Forts aufgegeben und sollten ohne wirkliche Funktion gesprengt werden. Doch das funktionierte nur zum Teil, zu massiv waren sie gebaut. Man überließ sie der Ostsee, dem Wind und dem Wetter. Hunderte von Metern zieht sich die Anlage mit ihren unterirdischen Gängen, Schutzräumen und Treppen an der Küste entlang. Surrealistisch wirkt das Ganze. Bis vorwenigen Jahren konnte ich noch zwischen den Bunkern trailen. Inzwischen ist die Zufahrt für Kfz gesperrt. Aber wenn man sich ein wenig auskennt…

Zwischen den Bunkern sind kleine Buchten entstanden, die gerne von Badegästen genutzt werden. Auf der 1.800 Meter langen Nordmole ist deutlich mehr los. Jungens springt von der Mole in den Sand oder ins Wasser. Wie immer suchen wir das Gespräch und klönen mit zwei Anglern. Dabei stellt es sich heraus, dass der eine von ihnen drei Jahre als sowjetischer Soldat in

Dresden seinen Militärdienst absolviert hat, unweit von Jens´ Heimat.

Weiter geht`s nach Norden, immer entlang an der Ostsee. Wann immer es passt, verlassen wir die geteerten Straßen und entdecken wirklich großartige Schotterstrecken. In Pavilosta finden wir eine Übernachtungsmöglichkeit und erkunden den Ort zu Fuß. Seinerzeit war dieser gesamte Küstenbereich vom sowjetischen Militär besetzt, so ist der Strand auch heute noch nahezu unberührt. Auf dem Gang am Strand finde ich tatsächlich einen Bernstein. Zum Trost bekommt Jens bei der Abreise von unserer Vermieterin auch einen Bernstein geschenkt, der noch heute auf seinem Schreibtisch liegt.

Nördlich des Ortes beginnt Richtung Jurkalne eine bis zu 20 Meter hohe Steilküste, die durch Erdrutsche entstanden ist. Fast menschenleer ist es hier, mitten im Sommer! Ganz anders als an der Lübecker Bucht, auf Rügen oder auf Usedom. Allein deswegen kann sich die Reise hierher schon lohnen.

Rund 30 Kilometer von der Ostsee entfernt liegt Kuldiga, die wichtigste Stadt der Region. Kaum zu glauben, dass der Ort unter seinem Namen Goldingen einmal Mitglied der Hanse war. Und doch stimmt es. Über die Venta, ein nach damaligen Maßstäben ausreichend schiffbarer Fluss, wurde die Ostsee erreicht und damit alles, was wichtig war. Schiffbau wurde hier betrieben und in seiner Blütezeit war das Herzogtum Kurland das kleinste europäische Land, das im 17. Jahrhundert sogar Kolonien in Gambia und Tobago unterhielt. Kuldigas Stolz ist Ventas rumba, ein Wasserfall der Venta, mit 240 m der breiteste natürliche Wasserfall in Europa. In Sichtweite befindet sich zwei weitere Sehenswürdigkeiten Kuldigas, die 1874 erbaute Brücke über die Venta, eine der längsten Backsteinbrücken in Europa und der alte Burghügel.

Grund genug, uns hier etwas länger aufzuhalten, einem Brautpaar zuzusehen und ein Bad im Fluss zu nehmen. Zusammen mit zwei Jungs versucht Jens sich in einem Wettbewerb der coolsten Sprünge. Danach schlendern wir über den alten Burghügel, heute ein Skulpturenpark und weiter durch die Gassen in der Altstadt und in die Höfe der hölzernen Kaufmanns- und Handwerkerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit den interessanten Oberlichtern über den Haustüren.

Eigentlich wollten wir anschließend gleich wieder an die Küste zurück, aber Jens war noch nicht in Sabile gewesen und das musste ich ihm unbedingt zeigen.

Um dorthin zu gelangen, nehmen wir wieder einige Schotterstrecken unter die Räder. Die Straße schlängelt sich hinunter in ein altes Urstromtal. Zwischen den Apfelbäumen irritiert uns eine Installation aus weißen Gestellen. Wir stoppen und versuchen herauszufinden, was das sein soll. Aber ein Zaun hindert uns an einer genaueren Erkundung, kein Schild informiert. Schade. Später erfahren wir, dass es sich hier um das Kunstobjekt “Stone. Message” des Open-Air Kunst Museums von Pedvāle handelt. Das in der Kurländischen Schweiz gelegene Sabile ist schon ein ungewöhnlicher Ort. Seit der Schwertbrüderzeit wird hier ein eher gewöhnungsbedürftiger Wein kultiviert, der an einem Hang angebaut wird, der als nördlichster Weinberg der Welt einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde gefunden hat. Aber gleich um die Ecke, direkt an der Hauptstraße, erwartet uns in Sabile eine weitere Überraschung. Freundliche Gesichter empfangen uns in einem Vorgarten. Sie gehören zu zahlreichen Puppen, kleinen und großen. Mitten in diesem etwas skurrilen Bild steht eine Seitenwagenmachine, eine Dnjepr, zu der es sogar noch die Papiere gibt! Anlässlich eines Mittsommerfestes stellte Daina Kucere vor Jahren ihre erste Puppe her. Ihre Nachbarn waren begeistert. So begann sie zusammen mit ihrem Mann noch weitere Puppen zu erschaffen. Inzwischen sind es weit über 300. Ein kleines Dorf mit allen Lebenssituationen. Aber sie werden nicht nur mehr, Daina hegt und pflegt das kleine Volk, denn es muss von Zeit zu Zeit auch erneuert und ausgetauscht werden. Ich setze mich zu ihr auf eine Bank, gemeinsam beobachten wir das Puppenvolk vor uns. Zu einigen erzählt sie mir eine Geschichte. Schade, dass wir weiter müssen - nächsten Sommer bin ich aber wieder da. Mal sehen, wer dann dazu gekommen ist.

In dieser Region, der Kurländischen Schweiz, gibt es viele kleine Gutshäuser, in denen wir übernachten könnten. Sie sind nicht unbedingt preiswert, jedoch oft beeindruckend von der Lage, den Gebäuden und den Geschichten, die um sie ranken. Aber uns zieht es wieder zurück an die Küste.

Die Region Kurland ist nach dem baltischen Volk der Kuren benannt. Der Name geht auf ein indogermanisches Wort zurück, das so viel wie „schnell beweglich“ bedeutet. Gemeinsam mit den Prußen und den Liven hatten sie eine führende Rolle unter den baltischen Stäm- men inne. Durch Wälder und offene Felder erreichen wir an der Mündung des Flusses Venta die Hafenstadt Ventspils. Die ehemalige Hansestadt war im 17. Jahrhundert ein Zentrum des Schiffbaus. Von hier aus starteten die Flotten, um Kurlands Kolonien in Amerika und Afrika zu erobern. Dank seines eisfreien Hafens ist Ventspils der wichtigste Umschlagort für russisches Öl und Kohle an der Ostsee. Von hier aus starten auch die Fährschiffe der Stena Line nach Nynäshamn in Schweden und nach Travemünde.

Spannender ist aber der dann folgende Abschnitt an der Küste bis zum Kap Kolka. Fünf Kilometer vom Ostseeufer entfernt steht auf einer Erhebung der Leuchtturm Slitere. Er ist der am weitesten im Inland erbauten Leuchtturm Lettlands und wird seit 2002 als Aussichtsturm benutzt.

Als ehemalige Westgrenze der UdSSR war dieser Küstenabschnitt jahrzehntelang für unbefugte Personen nicht erreichbar. Angeblich um das Naturreservat von Slitere zu schützen, tatsächlich aber gab es hier wichtige militärische Objekte. Dazu gehörte das Zentrum für Radioastronomie in Irbebe, ein Objekt, dessen Existenz erst nach Lettlands Unabhängigkeit 1993 bekannt wurde. Der kurze Abstecher von der Küstenstraße hierher lohnt sich. Beeindruckende Radioteleskop-Schüsseln ragen in den Himmel. Mit ihren wurden Telefongesprächen und der Rundfunk der NATO-Länder abgehört. Heute werden hier nur Sterne beobachtet und das Weltall abgehört. Das Gelände ist aber inzwischen weiträumig eingezäunt und kann nur nach Anmeldung besucht werden. Frei zugänglich sind noch die Reste der Wohnblocks der ehemaligen Bewohner.

In den kleinen Fischerdörfern innerhalb des Slitere Nationalparks leben die letzten Vertreter der Liven. Dieses finnougrische Volk ist heute so gut wie ausgestorben. In Mazirbe befindet sich das Volkshaus der Liven. Wir stellen dort unsere Motorräder ab und gehen auf der Suche nach einem Schiffsfriedhof hinunter zum Strand. Wegen möglicher Fluchtversuche verboten die Sowjets den Fischfang an der Küste und damit den Haup- terwerb der Dorfbewohner. Daraufhin zogen viele von ihnen in Dörfer, die nicht im Sperrgebiet lagen. Ihre Boote und Kähne schleppten sie zuvor zum Schutz hinter die Dünen und ließen sie dort liegen. Im Gestrüpp des Küstenwaldes, rotten sie noch heute vor sich hin. Ein merkwürdiger Ort, den wir nach einigem Suchen fanden.

Ein paar Kilometer weiter gelangen wir nach Kolka, dem Fischerort am gleichnamigen Kap, an dem sich Ostsee und Rigaer Meerbusen treffen. Im Ort ist auch die letzte Hütte vermietet, aber wir bekommen einen Tipp, der sich mal wieder als Glücksfall herausstellt. Mitten im Wald gelangen wir zu einem einsamen Gehöft mit netten Gastgebern. Als wir die Motorräder abstellen, kommt ein etwa 12jähriger Junge heraus und fragt uns in überraschend gutem Englisch über die Technik aus. Dann zeigt er uns sein Moped und wir verabreden uns zu einem gemeinsamen Ausflug. Klar, dass Juris es uns zeigen will und mit seinem Moped vor uns nur so über die Waldwege fliegt. Auf den Tiefsandpassagen haben wir es mit unseren Dickschiffen nicht so einfach, aber unsere lange Erfahrung hilft und wir düsen nahezu problemlos hinterher. Nach einer guten Stunde sind wir wieder zurück und machen gemeinsam noch eine Fotosession.

Vor Kolkasrags warnt am Ende einer 6 km langen Sandbank ein Leuchtturm vor den Gefahren in diesem Bereich. Mit seiner Fertigstellung endete eine Einkommensmöglichkeit der Bewohner der Region, nämlich das Ausrauben gestrandeter Schiffe am Kap. Bis vor kurzem noch frei zugänglich, muss hier inzwischen auch fürs Parken bezahlt werden.

Auf zumeist einsamer Straße geht es an der Rigaer Bucht entlang nach Südosten in Richtung lettische Hauptstadt. Auf diesem etwa 150 Kilometer langen Küsteabschnitt Kurzemes durchfahren wir nur gelegentlich kleine Fischerdörfer, selten größere Orte, in denen auch die Chance besteht, ein Kaffee zu bekommen ist. Bei Kaltene animiert uns der Küstenabschnitt mit seinen Strandkiefern und den im Wasser liegenden unzähligen Felsen zu einer längeren Pause.

Riga und Jurmala, den größten Kurort des Baltikums, lassen wir im wahrsten Wortsinne dieses Mal links liegen. Uns ist im Moment eher nach weniger Menschen. Durch den Nationalpark Kemeri mit seinen ausgedehnten Feuchtgebieten, Seen und Sümpfen erreichen wir Jelgava, das bis 1919 als Mitau die Hauptstadt von Kurland und im Gegensatz zum hanseatischen Riga sehr vom baltischen Adel geprägt war. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wird heute das Stadtbild von Bauten aus sowjetischer Zeit dominiert. Aber wir wollen nur einen kurzen Blick auf das Schloss werfen, das sich Herzog Ernst Johann von Biron vom Architekten Bartolomeo Rastrelli errichten ließ, der auch das Schloss in Rundale und die Eremitage in St. Petersburg entwarf.

Es ist unterwegs so viel zu sehen, zu erfahren und zu fahren - fast hätten wir uns mit der Zeit verkalkuliert. Da wir mit der Fähre von Liepaja aus zurück nach Travemünde fahren wollen, nehmen wir nun den direkteren Weg über Dobele, Saldus und Sieksàte. Dort, unweit von Skrunda, liegt an „Lettlands Milchstraße“ der Landgutskomplex ‘Berghof‘ und beherbergt das Museum für Milchwirtschaft, in dem wir erfahren, wie früher Butter zubereitet wurde und wie man Käse herstellt. Das dazugehörige Herrenhaus beherbergt wieder ein großartiges Hotel mit spannender Geschichte.

Bis jetzt haben wir Glück mit dem Wetter. Doch nun wechseln sich Starkregen und wunderschöne Wolkenbilder mit riesigen Regenbö- gen ab. Nach dieser bildgewaltigen Fahrt erreichen wir gegen 21 Uhr Liepaja. Nun noch in eine Hotelbar und mal unsere Mails checken. Wir geraten in einen finnischen Junggesellenabschied mit blondem Bier und blonden Mädchen. Mit einigen von ihnen, die noch ansatzweise nüchtern sind, kommen wir ins Gespräch. Am Ende glauben sie uns auf einer Weltreise und wir bekommen immer wieder noch einen Drink in die Hand gedrückt und werden von der grölenden Gruppe gefeiert. Schon etwas schrill. Um 1.30 Uhr soll unsere Fähre losfahren. Gegen Mitternacht halten wir dann vor dem Ticketschalter im Hafen. Vor dem Gebäude steht eine 1100 GS mit Hamburger Kennzeichen. In der Halle treffen wir auf Bernd. Gemeinsam fahren wir an Bord und klönen später noch bis in den frühen Morgen. In Travemünde trennen sich erst mal unsere Wege. Unser kleines Abenteuer geht mit vielen neuen Träumen zu Ende. Ein Traum gefällt Jens ganz besonders - Bernd segelt seit mehreren Jahren mit seinen Boot in Südostasien und hat uns angeboten, ihn doch mal paar Wochen zu begleiten. Im Gegensatz zu Jens, der davon gleich begeistert ist, turnt mich das nicht so an. Trotz meines „kleinen Segelscheins“ und einiger Erfahrung als Kochsjunge bei der christlichen Seefahrt bin ich kein Segler. Mir reichen da das maritime Abenteuer einer Fährfahrt über die Ostsee. Und die ist nicht mehr so fern, spätestens dann, wenn die nächste Fahrt Richtung Osten ins Baltikum oder nach Russland und in die Mongolei ansteht.

INFO

Das Gouvernement Kurland war das südlichste der drei russischen Ostseegouvernements. Die Hauptstadt war Mitau. Das unterstellte Gebiet gehört heutzutage größtenteils zu Lettland.

Kurland (lettisch Kurzeme) ist neben Semgallen (Zemgale), Zentral-Livland (Vidzeme) und Lettgallen (Latgale) eine der vier historischen Landschaften von Lettland.

Kurland liegt südwestlich des Flusses Düna und bezeichnet den von Ostsee und Rigaischem Meerbusen umfassten Westteil des Landes um die Städte Liepája (Libau) und Ventspils (Windau). Die Hauptstadt Kurlands war bis 1919 Jelgava (Mitau). Nördlichster Punkt Kurlands ist Kap Kolka. Kurland umfasst eine Fläche von 13.628,28 km². Das Gebiet ist mit Ausnahme der hügeligen Gegend um Talsi (Talsen) in der Kurländischen Schweiz relativ flach. Hauptfluss ist die Venta (Windau).

Die nationale Währung Lettlands war bis zum 31. Dezember 2013 der Lats (int. Kürzel LVL), der im März 1993 eingeführt wurde und den Lettischen Rubel (Latvijas rublis) ablöste, welcher als Übergangswährung ein Jahr lang im Umlauf gewesen war. Seit dem 1. Januar 2014 ist der Euro im Umlauf.

Lettland wird kulturell vor allem nordeuropäisch beeinflusst. Die Altstädte weisen die typischen im Raum der Hanse verbreiteten Elemente auf. Auch die aktuelle lettische Kultur besitzt vielfältige Beziehungen zu Schweden und Finnland, vor allem aber zum norddeutschen Kulturraum.

Lettland ist besonders bekannt für seine Folklore und Volksmusik-Kultur, in der vorchristliche Vorstellungen der altlettischen Religion eine zentrale Rolle spielen. Von den typischen Dainas – meist vierzeilige, reimlose Lieder zu allen nur erdenklichen Themen von der Mythologie bis zu den Niederungen des Alltags – sind inzwischen über eine Million gesammelt worden, was im Verhältnis zur Bevölkerungszahl Weltspitze sein dürfte. Die Sammlung, Systematisierung und Publikation dieser bis dahin mündliche Überlieferung wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Krišjánis Barons begonnen; sein eigens dafür gefertigter Daina-Schrank gilt heute als eine Art Nationalheiligtum. Viele alte, jedoch bis heute lebendige Bräuche und Dainas ranken sich um das Mittsommerfest Jáni am 23. und 24. Juni, die in Lettland staatliche Feiertage sind.