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B-WARE: ZU GUT FÜR DIE TONNE


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 13.06.2019

Kleidung mit kleineren Mängeln, Retouren mit Flecken, Kosmetik mit beschädigter Verpackung: nicht mehr zu verkaufen. Das gilt auch für grüne Mode und Körperpflege. Oder doch nicht? Eine junge Frau hat ihr Glück mit den unperfekten Dingen versucht – und betreibt inzwischen einen gut gehenden Onlinehandel.


Es ist eine kleine moderne Erfolgsstory, wie sie sich schöner kaum ausdenken lässt. Manchmal wundert sich Jessica Könnecke selbst, wie gut ihre Idee funktioniert. Aber nur manchmal, denn viel Zeit bleibt der 26-Jährigen nicht. Immer ist etwas zu tun. Gerade klingelt der Paketbote an der Tür ihres ...

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... Nürnberger Ladens und bringt neue Ware. Ein Blick auf den Absender und sie weiß über den Inhalt Bescheid: „Das sind die Korbhandtaschen. Da ist die Verschlusslasche auf einer Seite abgerissen. Mit ein bisschen Geschick leicht zu reparieren, aber trotzdem praktisch unverkäuflich.“

Aber nicht bei ihr. Denn ihre Kunden sehen großzügig über solche und andere kleine Mängel hinweg – und bekommen die Ware dafür deutlich günstiger. Im Onlineshop miteckenundkanten.com von Jessica Könnecke gibt es hauptsächlich ökologisch hergestellte Kleidung und Naturkosmetik, außerdem ein bisschen Schmuck, einige Papierwaren und Zero-Waste-Artikel. Alles mit kleinen Macken: Mal fehlt der Gürtel zur Hose, mal der Druckknopf an der Ärmelmanschette. Hier ist das Etikett schief eingenäht, dort die Naht nicht richtig gesäumt. Der Pullover hat eine andere Farbe als eigentlich geplant, das Kleid ist ein wenig zu kurz geraten. Die eine Naturkosmetikfirma hat ihr Design verändert und will die alten Restbestände los werden, die andere zu viele Tester hergestellt. Das Mindesthaltbarkeitsdatum der Creme ist bald erreicht, die Dosen mit Lippenpflege sind zu reichlich befüllt, die Kartons der Menstruationstassen beschädigt. Es gibt viele Gründe, warum Dinge nicht in den normalen Handel gelangen.


Es ist eine klassische Win-Win-Situation: Die Käufer bekommen teure Artikel deutlich billiger, die Firmen werden die B-Ware los.


Oder besser gesagt: gelangten. Denn Könneckes Unternehmen brummt. Immer mehr Leute interessieren sich für die Sachen mit den kleinen Schönheitsfehlern. Und die Nürnbergerin bekommt immer mehr Angebote von Herstellern, die auf sie aufmerksam geworden sind. Es ist eine klassische Win-win-Situation: Die Käufer sparen zwischen 25 und 60 Prozent im Vergleich zum eigentlichen Ladenpreis, die Firmen werden ihre B-Ware los. Und als Vermittlerin zwischen beiden Seiten verdient Könnecke inzwischen ihren Lebensunterhalt. „Seit einigen Monaten zahle ich mir tatsächlich ein offizielles Gehalt aus.“

Die Idee zu ihrem eigenen Start-up hatte Jessica Könneckes während eines Teilzeitjobs in Berlin. Könnecke hatte gerade ihren Masterabschluss in International Marketing gemacht. Bei einer Schneiderin sah sie eine Kleiderstange mit Musterstücken in der Werkstatt stehen – Prototypen, die nie in den Verkauf gelangten. Einige Tage später auf einem Töpfermarkt fielen ihr die Kartons mit Ausschussware auf, die unbeachtet unter den Verkaufstischen standen. Und plötzlich war ganz klar: Warum nicht solchen vergessenen oder unperfekten Dingen eine zweite Chance geben?

Jessica Könnecke verkauft in ihrem Onlineshop grüne Mode und Naturkosmetik. Alles mit kleinen Macken, aber dafür günstiger.


Foto: ÖKO-TEST/Daniel Karmann/picture alliance

„Ich habe mit einem ganz kleinen Sortiment begonnen, im November 2017, bei mir im Arbeitszimmer. Ein paar Klamotten und eine Handvoll Duschgele in eingedellten Dosen.“ Erst mal schauen, wie es anläuft, ohne große Investitionen zu tätigen. Den Onlineshop programmierte ihr Freund Georg, die Fotos machte sie selbst, die Ware verkaufte sie in Kommission. Heute muss Jessica Könnecke lachen, wenn sie an die Anfänge denkt. „Manchmal wundere ich mich selbst, dass bei den kleinen Mengen überhaupt jemand mit mir zusammengearbeitet hat.“ Doch die Sache entwickelte sich schnell. Kein Wunder, denn Könnecke ist kein Mensch, der abwartet. Sondern jemand, der die Dinge in die Hand nimmt und energisch vorantreibt. Sie mailt Designer, kleine Hersteller und auch größere Unternehmen an und wirbt für ihre Idee. Fragt hartnäckig nach, wenn keine Reaktion kommt. Knüpft auf Messen und Nachhaltigkeitsforen wichtige Kontakte. Schreibt launige kleine Texte und dreht Videos, die sie dann auf Facebook und Instagram stellt und für sich sprechen lässt. Und sie pflegt in den sozialen Medien den Kontakt zu ihren Kunden und solchen, die es vielleicht noch werden. Vor allem Instagram ist für sie ein wichtiger Kanal: „Das kostet nichts außer Zeit – und bringt viel Aufmerksamkeit.“ Halb im Spaß, halb im Ernst schiebt sie noch die Frage hinterher: „Wie hat man das bloß früher gemacht?“


Mit ein paar Klamotten und Duschgelen hat alles angefangen


Der abgerissene Verschluss der Korbtasche lässt sich mit ein bisschen Geschick leicht reparieren. Im normalen Handel aber ist das gute Stück nicht mehr zu verkaufen.


Fotos: ÖKO-TEST/Daniel Karmann/picture alliance

Früher wäre ihre Kundschaft jedenfalls auf Nürnberg beschränkt gewesen. Hier hat sie seit fast einem Jahr auch eine Art Showroom, den sie an jeweils einem Samstag im Monat auch einige Stunden für Käufer vor Ort öffnet. Ansonsten aber läuft alles über den Onlineshop. 150 Pakete verschickt Könnecke derzeit im Schnitt pro Woche. Längst schafft sie das nicht mehr allein; zwei Teilzeitkräfte helfen ihr, die Bestellungen zu bearbeiten und zu verpacken.

Im Hinterkopf hat sie bereits, dass vielleicht bald größere Räume nötig werden, wenn die Entwicklung ähnlich rasant weitergeht. Das Lager platzt manchmal schon aus allen Nähten, noch mehr Regale aufzustellen ist nicht mehr möglich. Um den Überblick zu behalten, ist alles ordentlichst sortiert. An der einen Wand die Regalfächer mit der Naturkosmetik: Seife, Eye-Shadow, Nagellack, Sonnencreme, Gesichtswasser, Shampoo, Duschgel, Deosticks. Rechts davon die Kartons mit Unterwäsche und Tops, sorgfältig aufgefalteten Pullovern und T-Shirts. An der linken Wand stapeln sich Yogamatten in vielen Farben und Ausführungen. „Das ist klassische Retourenware. Die Kunden haben sie aufgemacht und dann wieder zurückgeschickt. Dadurch ist die Umverpackung beschädigt – und die Ware ein Fall für mich.“

Rücksendungen sind im Onlinehandel natürlich erlaubt, aber gleichzeitig auch ein riesiges Problem (siehe Kasten). Denn oft genug ist den Unternehmen der Aufwand zu groß, die Ware wieder aufzuarbeiten oder neu zu verpacken. Auch Versender von nachhaltiger Mode und Kosmetik spüren das veränderte Konsumverhalten beim Onlineshopping: Erst einmal bestellen, zurückschicken geht ja immer, meist kostenlos. Beim Anprobieren aber hinterlässt vielleicht das Make-up einen kleinen Flecken am blütenweißen Kragenrand, das schwere Parfüm bleibt in der Kleidung haften.

Auch solche Fälle landen manchmal bei Jessica Könnecke - und finden ebenfalls ihre Abnehmer. Ihre eigene Retourenquote liegt bei niedrigen fünf Prozent. Ein Grund dafür ist vermutlich, dass die Rücksendung nicht umsonst ist, sondern der Käufer das Rückporto aus eigener Tasche zahlen muss. Außerdem listet sie bei der Online-Beschreibung genau auf, warum das Produkt bei „Mit Ecken und Kanten“ dabei ist. Die Kunden wissen also, worauf sie sich einlassen. Auch wenn der kleine Fehler bei vielen Artikeln oft erst auf den zweiten oder gar dritten Blick zu erkennen ist. Und die Jungunternehmerin geht ganz pragmatisch vor: „Hosen habe ich nur wenige im Sortiment. Auch Schuhe nicht. Bei diesen Sachen riskiert man die meisten Retouren.“

Sonnenbrillen und Armbanduhren dagegen werden als nächstes in den Onlineshop einziehen. Derzeit kooperiert sie mit etwa 15 Bekleidungsfirmen und 10 Naturkosmetikherstellern. „Mal kommen nur 3 Artikel, mal 30, ein anderes Mal sind es 800 Stück.“ Jede Lieferung prüft sie genau. Und kennt deshalb die kleinen Mängel ihrer Produkte auswendig: Das Holz der Bambuszahnbürste ist rauh, der Deostick nicht komplett befüllt. Die Jeans sind leicht unregelmäßig gefärbt, die Taschen aus Palmenfaser auf der einen Seite durch die Sonne etwas ausgeblichen.

Das stört doch keinen großen Geist, oder? Ihre Kunden jedenfalls nicht. Fast alles findet einen Abnehmer. Richtige Ladenhüter sind selten. „Ich habe schon ein Gefühl dafür, was sich verkauft und was nicht.“ Und wenn einmal etwas wirklich nicht läuft oder die Saison vorbei ist, dann gibt es noch einmal einen ordentlichen Preisnachlass. Die DeocremeWeihnachtszauber mit Myrrhe und Weihrauch wandert im Onlineshop in die Rubrik „Last Chance“ und findet vielleicht doch noch jemanden mit Ecken und Kanten, der auf Weihrauch im August steht.

ADRESSEN

► Der Onlineshop von Jessica Könnecke für unperfekte Produkte ist zu finden unter miteckenundkanten.com. Das Ladengeschäft in Nürnberg, Harsdörfferstraße 27, öffnet einmal im Monat, die Termine stehen ebenfalls auf der Website.
► Wer in Augsburg wohnt, findet in der Ludwigstraße 16 den Suslet-Outletstore, der ebenfalls reduzierte Musterteile und B-Ware mit einem Sortiment aus Mode und Kosmetik verkauft. Alle Artikel sind bio und fair produziert. Der Laden hat von Montag bis Samstag von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Mehr Infos auf suslet.com

RETOUREN: BEQUEM FÜR DIE KUNDEN, SCHLECHT FÜR DIE UMWELT

Vier Hosen im Internet bestellt, drei davon sitzen nicht richtig und gehen wieder retour. Das Kleid kommt in zwei Größen - eine davon passt, die zweite wird zurückgeschickt. Wer online Kleidung kauft, bestellt oft mehr als er eigentlich behalten will und wird. Nach einer Umfrage der Universität Augsburg aus dem Frühjahr 2018 plant etwa jeder sechste Onlinekunde schon beim Kauf, einen Teil der Ware wieder zurückzuschicken. Je jünger die Besteller, desto höher ist der Anteil der Retoureneinplaner.
Das Widerrufsrecht beim Onlineshopping macht es möglich: Innerhalb von 14 Tagen kann der Einkauf ohne Angabe von Gründen rückgängig gemacht werden, oft wird noch ein längeres Rückgaberecht eingeräumt. Die meisten Onlinehändler bieten sogar eine kostenlose Rücksendung an, das ist aber kein Muss. Das Geld und sogar eventuell aufgelaufene Versandkosten werden dem Kunden nach Eingang der Retoure erstattet. Was dem Kunden gefällt, ärgert den Handel. Die Retourenquote für den Bereich Fashion und Accessoires liegt zwischen 40 und 60 Prozent, hat das EHI Retail Institute herausgefunden, ein Forschungs- und Beratungsinstitut für den Handel. Auch bei Onlineversendern von grüner Mode wie Greenality und Glore gibt es nach deren eigenen Angaben Rücksendungen zwischen 40 und 45 Prozent.
Im besten Fall prüfen die Händler die zurückgeschickten Sachen auf Gebrauchsspuren wie Make-up-Flecken oder Schweißgeruch, arbeiten sie auf und sortieren sie wieder für den Verkauf ein. Dieser Aufwand und vor allem die damit verbundenen Personalkosten sind hoch - für manchen konventionellen Händler zu hoch. Er verkauft die Artikel dann höchstens noch als B-Ware oder vernichtet sie gleich. So geriet der Versandhändler Amazon im Jahr 2018 in die Kritik, als Mitarbeiter öffentlich berichteten, dass sie täglich zurückgeschickte, eigentlich noch neuwertige Waren im Wert von mehreren Zehntausend Euro zerstören mussten. Nach den Erkenntnissen der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg ist die Vernichtung von Retouren aber eher die Ausnahme.
Die Rücksendungen per Paketdienst sind auch ein Problem für die Umwelt. So schätzten die Bamberger Wissenschaftler, dass sich im Jahr 2018 die Umweltbelastung der Retouren auf 238.000 Tonnen CO2 -Äquivalente beliefen - das entspreche den Auswirkungen von täglich 2.200 Autofahrten von Hamburg nach Moskau.