Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Betriebliche Gesundheitsförderung: Kollege Schmerz


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 9/2009 vom 07.04.2010

Rückenschmerzen sind der häufigste Grund für Krankmeldungen. Nur Menschen mit Krebs oder mit psychischen Problemen fehlen länger am Arbeitsplatz. Was tun? Eine andere Unternehmenskultur, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Bewegung könnten helfen.


Artikelbild für den Artikel "Betriebliche Gesundheitsförderung: Kollege Schmerz" aus der Ausgabe 9/2009 von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Dauphin

Verspannter Nacken, sagt der Laie dazu. Oder: Stechender Schmerz in der Bandscheibe. Oder: Eingeklemmter Nerv. Eben Rückenbeschwerden. Die Medizin kennt dafür noch einen anderen Namen. Sie nennt es Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE), wenn das Kreuz schmerzt und der Nacken spannt. Rückenbeschwerden machen das Gros der MSE aus, und die wiederum sind ...

Weiterlesen
Artikel 0,57€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2009 von Das Kreuz mit dem Kreuz. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Kreuz mit dem Kreuz
Titelbild der Ausgabe 9/2009 von Interview: Betriebsklima wird unterschätzt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Interview: Betriebsklima wird unterschätzt
Titelbild der Ausgabe 9/2009 von In Kürze. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
In Kürze
Titelbild der Ausgabe 9/2009 von Wunderwerk mit Schwachstellen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wunderwerk mit Schwachstellen
Titelbild der Ausgabe 9/2009 von Die einzelnen Abschnitte. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die einzelnen Abschnitte
Titelbild der Ausgabe 9/2009 von Fehlhaltungen Brust raus – Bauch rein. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fehlhaltungen Brust raus – Bauch rein
Vorheriger Artikel
Physikalische Therapien und sonstige Verfahren
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Krankenkassen: Vernetzung von Anfang an
aus dieser Ausgabe

Verspannter Nacken, sagt der Laie dazu. Oder: Stechender Schmerz in der Bandscheibe. Oder: Eingeklemmter Nerv. Eben Rückenbeschwerden. Die Medizin kennt dafür noch einen anderen Namen. Sie nennt es Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE), wenn das Kreuz schmerzt und der Nacken spannt. Rückenbeschwerden machen das Gros der MSE aus, und die wiederum sind die häufigste Ursache dafür, wenn sich deutsche Arbeitnehmer krankmelden. Die Fehlzeiten der Rückenschmerzpatienten sind nicht zu unterschätzen – länger krank sind nach dem jüngsten Barmer-Gesundheitsreport nur Krebspatienten und Menschen, die unter psychischen Leiden und Verhaltensstörungen litten.

Bei der Suche nach Ursachen und Lösungen sind sich die Krankenversicherer einig: Stress im Job und mangelnde bzw. einseitige Bewegung gelten als Hauptursachen für Rückenprobleme. Dabei spiele es keine Rolle, ob jemand Mülltonnen wuchtet oder am Schreibtisch sitzt. „Wer geistig arbeitet, ist von Muskel-Skelett-Erkrankungen ebenso betroffen wie der, der vorwiegend körperliche Arbeit verrichtet“, sagt Rainer Wieland, Professor für Arbeitsund Organisationspsychologie an der Universität Wuppertal und Autor des Reports. Rückenschmerzen können jeden treffen.

Der volkswirtschaftliche Schaden der Krankheitsausfälle geht in die Milliarden. Und so dämmert auch in den konservativsten Chefetagen allmählich die Erkenntnis, dass es Sinn ergibt, sich um die Gesundheit der Mitarbeiter zu kümmern. Betriebliche Gesundheitsförderung heißt der Fachbegriff, hinter dem sich vieles verbergen kann: ergonomische Bildschirmarbeitsplätze zum Beispiel, Unternehmenssportgruppen, Arbeitsplatzberater oder Ruheräume für 10-Minuten-Auszeiten vom Job. Und natürlich der Klassiker: die gute alte Rückenschule. Bleibt die Frage: Bringt das Ganze wirklich etwas?

Dieser Frage ist im Jahr 2008 die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) nachgegangen. Und ist zu einem klaren „Ja, manchmal“ gekommen.

Grundlage dieser Antwort ist eine vergleichende Untersuchung der IGA von 400 Studien zur betrieblichen Gesundheitsförderung. In den Forschungen ging es um Nackenschulen und neue Bürostühle, um Stützgürtel für die Lendenwirbelsäule und um Stretchingkurse. Nicht immer, räumt die Initiative ein, waren die Studien methodisch belastbar, und so manches Mal die Datenmenge dünn. Doch einige Kernaussagen filterte die IGA – die von gesetzlichen Kranken- und Unfallversicherungen getragen wird – heraus. Etwa, dass Ergonomieschulungen wie das rückengerechte Heben von Lasten ebenso wenig etwas taugen wie Nackenschulen, Stressmanagementtrainings und – die klassische Rückenschule.

Nur Theorie bringt es nicht

Offenbar, so die Initiative, sind solche Maßnahmen uneffektiv, die „auf reine Wissens- und Informationsvermittlung in Unterrichtsform abzielen“. Deutlich wirksamer seien aktive Übungsprogramme, die helfen, die Fitness zu erhöhen, die Beweglichkeit zu verbessern und die physische Belastbarkeit zu steigern. Auch technische Hilfsmittel – eine ergonomische Maus, ein neuer Arbeitstisch – zeigten in Studien positive Ergebnisse, seien aber noch nicht ausreichend erforscht. Besonders empfehlenswert sind der IGA zufolge umfassend angelegte Programme, die Schulungen, Körperübungen und Arbeitsplatzveränderungen miteinander kombinieren.

Rückenschulen bringen nichts? Die Analyse belegt, was schon seit Jahren unter Experten diskutiert wird. Die Zweifel an der Wirksamkeit von Trainingsstunden zum richtigen Bücken und Heben mehren sich. Und sie sind ein Problem für die Rückenschul-Verbände geworden, deren Kundschaft auch in den Betrieben sitzt. Die übergeordnete Konföderation der Deutschen Rückenschulen (KDDR) hat deshalb jüngst ein neues Konzept vorgestellt, das Wissensvermittlung mit praktischem Training verbinden soll. Die „Neue Rückenschule“ – so der Name in Abgrenzung zur klassischen Rückenschule – schickt speziell geschulte Trainer zur Individualberatung an den Arbeitsplatz, bietet praxisorientierte Seminare und arbeitsplatzbezogene Rückenschulkurse. In ihrer Vielfältigkeit entspricht die Neue Rückenschule damit jenen Programmen, die in der IGA-Analyse besonders gut abschnitten.

Ob alte oder neue Rückenschule, ergonomischer Bürostuhl oder Muskeltraining: Dem Rücken geht es immer dann besser, wenn sich die Menschen mehr bewegen. Was nach einer alten Weisheit klingt, steht so auch noch einmal im Barmer-Gesundheitsreport 2008. Manchmal muss man es wohl so deutlich sagen.

Fit für die Firma

Rückentraining im Betrieb – wie geht das? Ein Beispiel aus einem oberbayerischen Unternehmen.

Da steht es also, das Fitnessgerät. Schwarze Griffe, rotes Kunstlederpolster, graues Metall. Eine Maschine, so zweckgebunden und sinnenfroh wie eine Stechuhr. In diesem Fall ähneln sich sogar die Funktionsweisen. Denn wer den schwarzrotgrauen Rückentrainer nutzen will, schiebt zunächst einen USB-Chip hinein. Man stempelt sich sozusagen ein. Auf dem Chip sind persönliche Daten wie Alter, Gewicht und Fitnesszustand gespeichert. Eine Software errechnet daraus ein Trainingsprogramm, das kurz darauf auf einem kleinen Monitor angezeigt wird. Spätestens jetzt, meint Thomas Lubomski, gewinne das Gerät doch deutlich gegenüber der Stechuhr. Weil es nämlich Spaß bringe: „Das ist wie Nintendo spielen für Erwachsene.“

Thomas Lubomski ist von Beruf Sporttherapeut. Und als solcher hat er schon viele Male für die Vorteile des elektronisch gesteuerten Rückentrainers geworben. 150 Mal, um genau zu sein. Denn so viele Mitarbeiter der Sparkasse Rottal-Inn hat er bisher in das Training mit Chipkarte eingewiesen. 150 Angestellte, die alle mehr oder weniger regelmäßig nach Computeranweisung den Rücken beugen und strecken. Oder auf dem Nachbargerät die Bauchmuskulatur trainieren. Und vielleicht noch auf dem dritten Gerät Beine und Po stärken. Lubomski und die drei Geräte sind ein Baustein der betrieblichen Gesundheitsvorsorge beim bayerischen Finanzdienstleister. „Wove“ heißt das und steht für „Work and move – Rückenprävention und Bewegung in Unternehmen“. Dem etwas sperrigen Titel zum Trotz: Für die als konservativ verschriene Sparkasse ist das Konzept erstaunlich innovativ.

Die Grundidee ist simpel, aber konsequent: Ob Putzfrau oder Vorstandsvorsitzender, jeder bei der Sparkasse soll während des Arbeitstages etwas für seinen Fitness tun können. Ohne das Haus verlassen und ohne sich extra in Sportkleidung werfen zu müssen. Dafür gibt es in der Eggenfeldener Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse einen eigenen Gesundheitsraum. Die Fitnessgeräte sind auf die typischen Probleme von Schreibtischmenschen ausgelegt. Sie sollen zu mehr Beweglichkeit verhelfen (verspannter Nacken!), einseitige Belastungen ausgleichen (Rechtshänder-Syndrom!) und die Haltung verbessern (krummer Rücken!). Was sie nicht sollen: aus einem durchschnittlichen Finanzmakler mit Hüftringen einen Büro-Beau mit Waschbrettbauch machen. Dafür sind die Übungen aber auch in einer Viertelstunde erledigt.

Eine Viertelstunde: So lange dauert woanders eine Kaffeepause. Oder die Zigarette vor der Tür. 15 Minuten sind eine Zeiteinheit, die keine bedeutende Lücke in einen Acht-Stunden-Tag reißt. Einerseits. Andererseits sind 15 Minuten die perfekte Auszeit, um Stress abzubauen und neue Kräfte zu tanken. Arbeitspsychologen empfehlen schon lange, häufiger am Tag kleine Jobpausen von rund 10 Minuten Dauer einzulegen. Wer danach wieder zurück an die Arbeit geht, ist leistungsfähiger.

Wolfgang Schmid kann das bestätigen: „Es geht einem gut nach dem Training“, sagt der Sparkassen-Personalchef. Deshalb kommt er regelmäßig vorbei. So viel Zeit muss sein. Er plant sie lange im Voraus in seinem Kalender ein, mehrere Einheiten die Woche. Warum er kommt? Er habe es im Nacken, sagt er leise, fast verlegen. Krankheiten und Schmerzen sind keine Sache, über die man gern öffentlich spricht. Dabei leiden viele Bundesbürger an Rückenproblemen.

Warum aber kümmert sich der Arbeitgeber darum, wie es seinen Angestellten geht? Personaler Schmid macht dazu eine kleine Rechnung auf. Die lautet: Krankheitsbedingte Ausfälle kosten ein Unternehmen Geld. Gesunde Mitarbeiter bringen Geld. „Jeder Euro, der in Gesundheit investiert wird, fließt mit drei bis sieben Euro ins Unternehmen zurück.“ Also investiert die Sparkasse. In Arbeitsplatzanalysen und Yogakurse, in Stressmanagement-Workshops und Pilatesstunden. Und in das Wove-Konzept, das von einem regionalen Therapiezentrum erdacht wurde, das auch Geräte und Trainer zur Verfügung stellt.

Zurück zum rot-schwarz-grauen Fitnessgerät, das Thomas Lubomski an diesem Morgen zum 151. Mal erklärt. Es ist wirklich einfach. Kaum steckt der USB-Chip, blinkt „Herzlich willkommen“ auf dem Monitor – mit schönem Gruß von der Software. Die kündigt an, wie hoch der Sitz eingestellt werden soll und wie viele Wiederholungen heute fällig sind. Der Rest ist das, was der Therapeut den Nintendo-Effekt nennt: Die Elektronik gibt die Bewegung vor, der Mensch macht sie nach. Auf dem Monitor erscheint ein kleiner Balken. Mit jeder Vorwärtsbeuge wächst er, mit jeder Rückwärtsbeuge senkt er sich. Schummeln ist nicht möglich. Die Elektronik ist streng, sie akzeptiert nur korrekte Beugen. War die Bewegung zu schnell oder zu schlampig, besteht der elektronische Trainer auf Wiederholung. Sein Kollege aus Fleisch und Blut ist mit den Ergebnissen hochzufrieden. „Ich habe Mitarbeiter im Programm, die 10 bis 15 Jahre keinen Sport gemacht haben“, sagt Lubomski, „die haben ihre Leistung nach drei bis vier Monaten teilweise um 100 Prozent gesteigert.“

500 Menschen arbeiten in den 31 Filialen der Sparkasse Rottal-Inn, 180 in der Hauptgeschäftsstelle in Eggenfelden. Es wird darunter welche geben, die werden auf ihren Schreibtischstühlen beharrlich sitzen bleiben, auch mit Rückenschmerzen. Und andere, die werden als Kartei-, als Chipleichen enden. Wer das Wove-Angebot nutzen will, muss sich dafür im Intranet eintragen. Durchschnittlich gebe es zehn bis zwölf Anmeldungen pro Tag, sagt Personalchef Wolfgang Schmid, „zu Spitzenzeiten sogar 20“. Doch wo der Mensch selbst aktiv werden muss, tut er sich schwer. An diesem schwülwarmen Sommertag stehen nur zwei Namen im Belegungsplan. Die anderen 498 verbringen ihre 15-Minuten-Auszeit hoffentlich an der frischen Luft.

Fitness im Büro: Die Mitarbeiter der Sparkasse Rottal-Inn lassen sich gerne zeigen, wie sie ihre Beweglichkeit verbessern können.


Fotos: Sparkasse Rottal-Inn