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Betroffenengeschichten: Wenn die Angst kommt


ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund - epaper ⋅ Ausgabe 16/2008 vom 01.08.2008

Für die Betroffenen ist es oft ein langer Leidensweg. Welchen extremen seelischen und körperlichen Nöten Angstpatienten in ihrem Alltag ausgesetzt sind, schildern eindrucksvoll die Lebensgeschichten von zwei starken Frauen.


Artikelbild für den Artikel "Betroffenengeschichten: Wenn die Angst kommt" aus der Ausgabe 16/2008 von ÖKO-TEST Kompakt Fit & Gesund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

alle Fotos: Cordula Kropke

„Ich kämpfe um mich“

Vor zwanzig Jahren hat Erika White ihr altes Leben aufgegeben. Sechs Jahre später kam dann die Angst. Ganz weggegangen ist sie seitdem nie wieder.

Ich bin 1994 ernsthaft angstkrank geworden. Ich war damals Anfang fünfzig. Schon ein Jahr zuvor gab es Anzeichen: Damals war ich zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Das war in den Alpen. ...

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Ich bin 1994 ernsthaft angstkrank geworden. Ich war damals Anfang fünfzig. Schon ein Jahr zuvor gab es Anzeichen: Damals war ich zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Das war in den Alpen. Alles war wunderbar, ich war zum ersten Mal in den Bergen, aber plötzlich kriegte ich Beklemmungen. Vielleicht wegen der Berge, weil ich ja an der Nordsee groß geworden bin. Außerdem waren da Unmengen von Menschen, das hat mir wohl Angst gemacht. Das nahm so zu, dass ich kurz vor der Hochzeit zum Arzt gegangen bin. Der hat mir eine Beruhigungsspritze gegeben.

Als ich dann zurück war, habe ich meine Hausärztin aufgesucht. Da ich mich in meinem Job bei einer Wochenzeitung sehr unter Druck fühlte, hat sie mir weiterhin Spritzen gegeben. Das waren Imapspritzen, ein Neuroleptikum, das beruhigend und angstlösend wirkt. Die Behandlung dauerte etwa vier Monate, dann habe ich es abgesetzt, weil ich mich gut fühlte, und dachte, das schaffe ich jetzt alleine. Ob damals schon klar war, dass ich Probleme mit Ängsten habe, weiß ich nicht mehr.

Die erste Panikattacke

Ernsthaft krank wurde ich ein Jahr später, als ich einen kleinen Eingriff hatte. Ich wachte in der Tagesklinik aus der Narkose auf, guckte in den Spiegel und sah zwanzig Jahre älter aus. Ich hatte eine schwere Depression. Offenbar hatte der Eingriff das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich war arbeitsunfähig. Wenig später habe ich die erste Panikattacke gekriegt. Das war die schlimmste Panikattacke, die ich je erlebt habe, weil ich nicht wusste, was es war. Erst habe ich gedacht, ich kriege einen Kreislaufzusammenbruch, ich hatte Schweißausbrüche, mein Herz schlug wie verrückt, ich dachte sogar, ich kriege einen Herzinfarkt. Dadurch steigerte sich das immer mehr. Ich hätte nicht einmal das Telefon wählen können, um einen Notarzt zu rufen, weil ich so schrecklich gezittert habe. So als ob ich Schüttelfrost hätte wie bei einem Malariaanfall. Das hat fast zwei Stunden gedauert.

Danach hatte ich täglich mehrere Angstattacken. Ich habe das irgendwie ausgehalten, aber ich war wirklich ganz tief im Keller. Meine Ärztin hat mich umsorgt und gesagt, irgendwas müssen wir mit Ihnen machen. Sie hat mich in die verhaltenstherapeutische Ambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf geschickt. Dort haben sie eine Anamnese gemacht und mir dann vorgeschlagen, in eine medizinisch-psychosomatische Klinik zu gehen. Eigentlich hat-te ich sogar Glück im Unglück. Mir ist erspart geblieben, lange herumzuirren. Es war sehr schnell klar, was es ist. In der Klinik haben sie das eine Panikstörung mit Agoraphobie genannt.

Jahrelange Überforderung

Dass das alles soweit kam, ist durchaus erklärlich: Ich hatte seit Anfang der Siebziger Jahre im Ausland gelebt, die meiste Zeit auf Ibiza. Mein Mann und ich sind viel gereist und haben uns schließlich auf Ibiza eine Finca gemietet. Dort habe ich journalistisch gearbeitet – für die Inselzeitung und den Inselsender. Ich war dabei recht ungebunden. 1988 habe ich mich schweren Herzens entschieden, meinen Mann zu verlassen. Die Ehe war am Ende. Ich bin zurückgekehrt nach Deutschland. Das hat mir den Teppich unter den Füßen weggezogen. Ich habe meine Freunde verloren, mein Haus, meine Tiere. Ja, ich habe mein ganzes bisheriges Leben verloren.

Zurückkommen – das war totaler Stress. Wohnung suchen, Job suchen. Ich habe dann zuerst bei einem Verlag und dann bei einer Wochenzeitung gearbeitet, im Kulturressort. Das war interessant und lag mir, aber ich fühlte mich ständig überfordert. Verstanden oder gar unterstützt hat mich dort niemand. Im Gegenteil. Sechseinhalb Jahre habe ich durchgehalten. Aber dann war der Ofen aus.

Klinik und Therapie helfen

Ich war zwei Monate lang in der Klinik in Bad Bramstedt. Ich fühlte mich dort wunderbar aufgehoben, auch weil ich nicht mehr allein war. Ich hatte mich ja zu Hause mehr und mehr abgeschottet. Die Angst kam zwar noch, aber ich war ihr nicht so ausgeliefert. Ich habe vieles gemacht: Einzeltherapie, eine Angstgruppe, Entspannungstechniken nach Jacobsen, viel Bewegung, Bäder, Malen und mit Ton arbeiten.

In der Angstgruppe haben wir Bewältigungsmechanismen gelernt. Wir haben Rollenspiele gemacht, um soziale Ängste zu überwinden. Wir haben gelernt, wie die Angst entsteht, haben beobachtet und notiert, wann sie kommt und wie stark sie ist. Und wir haben Techniken in die Hand bekommen, um besser mit der Angst leben zu können. Ganz wichtig ist, in der Situation zu bleiben, wenn die Angst kommt. Nicht weglaufen oder sich vorstellen, dass etwas Gefährliches passieren könnte. Ich musste nie direkt üben, Fahrstuhl oder U-Bahn zu fahren. Ich hatte dabei zwar unangenehme Gefühle, aber das konnte ich noch. Mein Problem waren die Panikattacken. Am meisten Spaß gemacht haben mir das Malen und die Tonarbeiten. Da konnte ich mich total vergessen. Ich glaube, da habe ich nicht einmal eine Angstattacke gehabt.

Erika White geht möglichst positiv mit ihrer Erkrankung um und hat die Hoffnung auf Heilung nicht aufgegeben.


Im Januar 1995 bin ich entlassen worden, stabilisiert, aber noch nicht arbeitsfähig. Dann habe ich mir einen Verhaltenstherapeuten gesucht. Wir haben im Laufe der Jahre alles bearbeitet, was mich belastet hat, auch das Ende meiner Ehe. Und wir haben besprochen, wie ich mit eingeschränkter Gesundheit mein Leben bewältigen kann. Mich hat das enorm gestützt. Wie es ohne den Therapeuten gegangen wäre, weiß ich nicht. Gleichzeitig habe ich angefangen, mir ein soziales Netz aufzubauen. So habe ich mir unter anderem eine Selbsthilfegruppe gesucht.

Arbeiten geht nicht mehr

Meine Arbeitsstelle habe ich gekündigt. Ich wusste, das würde ich nicht mehr schaffen. Der bloße Gedanke daran hat Panikattacken ausgelöst. Ich habe auch keinen Job mehr gesucht. Das war absolut unmöglich. Ich habe mich hingehangelt, solange die Krankenkasse zahlte. Dann habe ich noch eine Weile von Erspartem gelebt und schließlich Sozialhilfe beantragt. Das Sozialamt hat mir eine Berentung vorgeschlagen, der Gutachter hat mir dann eine Erwerbsunfähigkeitsrente zuerkannt. Das war 1997. Als ich den Rentenbescheid bekam, bin ich in die nächste Krise geschlittert. Da stand drin, das ich nicht ins Ausland gehen könnte. Ich hatte gehofft, dass ich mit der Rente nach Ibiza zurückgehen könnte. Das ging nicht. Da habe ich innerhalb von ein paar Monaten ganz stark abgenommen, ohne dass ich es gemerkt habe. Meine Hausärztin gab mir damals zur Beruhigung ein Mittel. Ich sollte zweimal am Tag eine viertel Tablette nehmen. Erst fühlte ich mich, als ob ich Bäume ausreißen könnte. Toll. Aber nach vier Wochen war ich abhängig. Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dass es süchtig machen könnte. Es ging immer mehr bergab, bis ich zusammengebrochen bin und in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Dort sprach man dann von einer generalisierten Angststörung mit Depression.

Entspannung findet Erika White im Musikgenuss und bei ihren regelmäßigen Reisen nach Ibiza.


Foto: privat

Medikamente bleiben notwendig

In der Psychiatrie haben sie angefangen, die Benzodiazepine zu reduzieren und gleichzeitig angefangen, mir ein Antidepressivum zu geben. So blieben mir die Entzugserscheinungen erspart. Nach drei Monaten war ich wieder fit. Seitdem nehme ich Antidepressiva und kriege Imapspritzen. Ich habe mir damals auch einen Neurologen gesucht, weil ich meinte, dass ein Spezialist mir gezielter helfen könnte.

In Ochsenzoll hatten sie die Beruhigungsspritzen abgesetzt. Da bin ich den ganzen Tag immer nur gelaufen. Ich hatte keine Ruhe mehr. Ich stand neben mir, bis der Neurologe gesagt hat, so geht das nicht, sie kriegen die Spritzen wieder. Dann habe ich auch noch eine Notmedikation, wenn ich wirklich eine so schwere Angstattacke habe, dass ich das Gefühl habe, ich halte das nicht aus. Ich weiß, das ist eine Krücke. Ich habe sie dabei, wenn ich in Situationen gehe, die mich vielleicht überfordern. Aber ich versuche mir, wenn ich zum Beispiel zum Geburtstag eingeladen bin und viele Menschen treffe, zu sagen, dir kann doch nichts passieren. Und wenn etwas passiert, dann kannst du die immer noch nehmen. Die Medikamente helfen mir, ein einigermaßen akzeptables Leben zu führen. Ich verteufele die nicht, denn ohne sie geht es nicht mehr.

Manchmal kehrt die Angst zurück

Ich komme jetzt einigermaßen klar. Vor sieben Jahren habe ich mit einer Betroffenen eine Selbsthilfegruppe gegründet. Sie ist mir eine wunderbare Hilfe. Ein soziales Netz, ein Freundeskreis, der mitfühlt und sehr ermutigt. Wir haben gelernt, mit der Angst zu leben. Sowie mein Stresslevel sehr hoch ist, kann es einfach passieren. Manchmal passiert es auch aus heiterem Himmel. Das nimmt dann seinen Lauf. Wenn die angefangen hat, dann geht sie bis in die Höhen, bis es wieder runterkommt. Ich habe keinen Hebel in der Hand, wie ich das stoppen kann. Einmal habe ich es durch Atmung weggekriegt. Aber mitunter bin ich dem absolut hilflos ausgeliefert. Dann überlege ich mir, nehme ich jetzt meine Notmedikation oder halte ich die Angst aus. Es kommt immer drauf an.

Regelmäßiges Laufen wirkt sich positiv auf die Psyche aus und hilft Erika White, ihr Leben zu meistern.


Alle in der Gruppe sind sehr traurig, wenn es passiert. Wir haben gelernt, dass dahinter höchstwahrscheinlich ein Gedankenanstoß steckt. Wir müssen also gucken, was ist dir durch den Kopf gegangen. Ist da irgendetwas, was dich vielleicht aufgeregt hat, unbewusst, was da läuft. Wenn die Attacke kommt, dann powert und powert und powert der Körper. Hinterher muss man sich nicht nur körperlich erholen, sondern auch seelisch. Man hofft immer, jetzt kommen sie nicht mehr, es gibt sie nicht mehr. Ich mache das richtig im Moment. Wenn dann eine Angstattacke kommt aus heiterem Himmel, dann tut es richtig weh. Dann fühlt man sich ausgeliefert und enttäuscht.

Nie wieder in die Klinik

Ich weiß nicht, warum die Angst geblieben ist. Wahrscheinlich, weil ich alleine bin, jetzt schon seit zwanzig Jahren. Mein Neurologe sagt, wenn sie einen Mann in ihrem Leben hätten, der sie liebt und der sie schätzt, könnten wir die ganzen Medikamente absetzen. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Trotzdem fehlt mir die Schulter zum Anlehnen mitunter.

Ich kämpfe um mich. Therapeuten, Verwandte und Freunde helfen mir, mein Leben zu meistern. Ich möchte nie wieder in die Klinik kommen. Ich bewege mich viel. Laufen soll ja gegen Depression helfen. Ich bin regelmäßig gelaufen in einer Gruppe, dreimal die Woche im Stadtpark. Wunderbar. Zwischendurch hatte ich Probleme mit den Beinen und den Füßen. Aber jetzt fange ich wieder an. Zweimal im Jahr fahre ich nach Ibiza. Ich liebe die Insel immer noch sehr. Und meine liebsten Hobbys sind Lesen und klassische Musik hören. Da kann ich mich in andere Welten versetzen, da bin ich abgelenkt von meinen Sorgen, von meinem Kummer.

Man verfällt ja leicht in Selbstmitleid. Ich bin eingeschränkt in meinem Leben. Aber ich versuchte, mein Leben lebenswert zu gestalten und alles zu machen, was mir möglich ist. Ich weiß, dass ich anfällig und verletzlich bin. Ich habe eine total dünne Haut. Wirklich. Die Hoffnung, geheilt zu werden, ist immer da. Das wird schon. Ich gehe immer noch positiv an die Sache. Das werde ich tun bis zu meinem letzten Atemzug.