Lesezeit ca. 9 Min.
arrow_back

Cannabis auf Rezept


Logo von Tagesspiegel Gesundheit
Tagesspiegel Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 23.09.2022
Artikelbild für den Artikel "Cannabis auf Rezept" aus der Ausgabe 1/2023 von Tagesspiegel Gesundheit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tagesspiegel Gesundheit, Ausgabe 1/2023

Kaum eine Pflanze hat im Laufe der Geschichte so viel Aufmerksamkeit erfahren wie die Hanfpflanze. Sie liefert Grundstoffe für Kleidung und Dämmstoffe, für Lebensmittel und Pflege, für Rauschmittel und Medikamente... Kein Wunder, dass der Mensch sie schon so lange kultiviert. Auch hier, auf dem 1300 Hektar großen Chemiepark in Leuna gibt man sich große Mühe, dass es dem grünen Kraut gut geht. Im Gegensatz zu Produktionshallen der umringenden chemischen Unternehmen wird in dieser Stätte, die zum kanadischen Pharmakonzern Aurora gehört, biologisch produziert. Aurora ist kein typisches Pharmaunternehmen. Es stellt keine synthetischen Medikamente her, sondern natürliches Medizinalcannabis.

Trotzdem entfaltet das Interieur der Produktionsanlage eine echte Pharma-Atmosphäre. Der Boden und die Wände sind klinisch weiß, hier und da gibt es eine große silberne Stahltür. Der Geruch von Reinigungsmitteln ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Tagesspiegel Gesundheit. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2023 von Liebe Leserinnen und Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen und Leser,
Titelbild der Ausgabe 1/2023 von Uralter Knochen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Uralter Knochen
Titelbild der Ausgabe 1/2023 von SCHAUSPIELERIN MIT STEHVERMÖGEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SCHAUSPIELERIN MIT STEHVERMÖGEN
Titelbild der Ausgabe 1/2023 von Entzündete Wirbelsäule. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Entzündete Wirbelsäule
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Von Pille bis Fasten
Vorheriger Artikel
Von Pille bis Fasten
Beliebt und gefürchtet: Kortisonspritzen direkt ins Gelenk
Nächster Artikel
Beliebt und gefürchtet: Kortisonspritzen direkt ins Gelenk
Mehr Lesetipps

... hängt in der Luft. Hier arbeiten schließlich keine Hobbygärtner, die mal eben mit ein bisschen Fingerspitzengefühl die Cannabispflanzen in die Höhe treiben, sondern hier werden Arzneimittel produziert, die hohe Anforderungen an Reinheit und Wirkstoffkonzentratio nerfüllen müssen.

Das Unternehmen verwendet deshalb Stecklinge von sogenannten Mutterpflanzen zur Vermehrung. „Die Stecklinge sind ein genetisch identischer Klon der Mutterpflanze und enthalten also die gleichen Inhaltsstoffe in der gleichen Zusammensetzung und Konzentration“, sagt Simon Freiherr von Berlepsch, Produktionsleiter der Aurora Produktionsstätte in Leuna. „Damit sichern wir die reproduzierbare Qualität nach den arzneimittelrechtlichen Vorgaben.“

Pro Charge werden insgesamt jeweils etwa 1600 Stecklinge entnommen und in kleine Steinwolle-Quader eingepflanzt, die im sogenannten „Klonraum“ binnen zweier Wochen Wurzeln bilden. Erde kommt hierfür nicht in Frage, da sonst Schadstoffe wie Schwermetalle in die Pflanze gelangen könnten. Zudem nehme Steinwolle gut Feuchtigkeit auf, erklärt von Berlepsch.

Sobald die kleinen Pflänzchen angewachsen sind, werden die besten 1200 in größere Steinwolle-Quader in einem der „Blütenräume“ umgetopft, wo sie bis zur abgeschlossenen Blüte verbleiben. Hier herrschen klinische Umweltbedingungen: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Beleuchtungsgrad werden bis ins Feinste reguliert. Außerdem wird regelmäßig Kohlendioxid eingeleitet. „Das, zusammen mit den speziellen Natrium-Dampflampen und einer vollautomatischen Bewässerung mit bestimmtem Nährstoffgehalt, gewährleistet das optimale Pflanzenwachstum”, sagt von Berlepsch.

Die wichtigste Variable beim Wachstumsprozess ist die Beleuchtungszeit. Bei 16 Stunden Licht wachsen die Stecklinge während der vierwöchigen Vegetationsphase heran. Um die Blüte auszulösen, wird die tägliche Lichtdusche danach für acht Wochen auf zwölf Stunden verkürzt.

Wenn alles gut abläuft, ist dann die ursprüngliche Pflanze kaum noch zu erkennen. Sie trägt nur wenige Blätter, dafür viele lila-orange gefärbte Blüten. Die sehen nicht nur auffällig aus, sondern riechen intensiv – und typisch für erfahrene Nasen. Die Sorte heißt „Island Sweet Skunk“ und stammt von der Hauptsorte Sativa ab, der eine energetisierende und aufputschende Wirkung zugeschrieben wird. Sie riecht krautig mit einem Hauch von Zitrusfrucht.

Auf den Blättern und Blüten sind deutlich die haarähnlichen, klebrigen Trichome zu erkennen. Sie sind eine Schutzschicht gegen Schimmel, Insekten und hungrige Pflanzenfresser. Aber viel wichtiger: Diese kleinen pilzförmigen Drüsen produzieren und speichern die Cannabinoide Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), die der Pflanze ihre berühmt berüchtigte psychoaktive Wirkung schenken. Dazu kommen die sogenannten Flavonoide und Terpene, die für den Geschmack und Geruch verantwortlich sind.

Für den gesamten Wachstums- und Produktionsprozess von Medizinalcannabis gelten arzneimittelrechtliche Vorgaben. Pestizide dürfen zum Beispiel nicht eingesetzt werden. Auch der THC-Gehalt und die Restfeuchtigkeit der getrockneten Blüten, die für den Verkauf verpackt werden, sind reguliert. Davon hängt ab, ob die am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelte Cannabisagentur, die an die Firma Aurora einen von drei Anbauaufträgen in Deutschland vergeben hat, die Ernte schließlich abkauft und an die Apotheken ausliefert. All das und ebenso, ob Pestizidreste, Schwermetalle, Mikroorganismen oder Keime vorhanden sind, wird im Labor genau überprüft. Denn das Produkt soll letztendlich kranken Menschen helfen.

Seit 2017 dürfen Ärzte in Deutschland Cannabis als Arzneimittel gegen Schmerzen verschreiben. Vor allem bei chronischen Schmerzen und Nervenschmerzen soll der Wirkstoff eine lindernde Wirkung entfalten. Das zumindest ist eine Hoffnung, denn bei welchen Symptomen die sogenannten Cannabinoide Linderung verschaffen können und in welcher Dosis sie das tun, ist wissenschaftlich auch fünf Jahre nach der Zulassung weiterhin nur unzureichend geklärt.

„Die Hoffnung nach der großen Öffnung der Cannabisanwendung in der Schmerztherapie wurde leider nicht erfüllt“, sagt Ulf Marnitz, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, qualifizierter Schmerztherapeut und Leiter der Gemeinschaftspraxis für Orthopädie im Rückenzentrum am Markgrafenpark. „Bis zu 80 Prozent der Schmerzpatienten, die Cannabis ausprobiert haben, hat die Therapie abgebrochen.“ Sie seien vor allem enttäuscht gewesen von der zu geringen schmerzstillenden Wirkung der Arznei. Mit einer Cannabistherapie allein können also keine Patienten mit Schmerzen am Bewegungssystem behandelt werden. „Das war eine ernüchternde Feststellung“, sagt Marnitz.

Der Schmerztherapeut, der seinen Patienten schon seit Jahren Cannabis verschreibt, hält aber dessen Einsatz als Co-Medikation für sinnvoll, also als Ergänzung zur anderen Schmerztherapie beispielsweise mit Opioiden, also starken Schmerzmitteln. „Für eine solche Behandlung gibt es eine Hauptindikation: chronischer Schmerz, der mit Stress und einer Schlafstörung einhergeht“, sagt Marnitz.

„Cannabis hat auf Nervenschmerzen eine direktere Wirkung als bei Gelenkoder Knochenschmerzen“

Christoph Wendelmuth Schmerzmediziner

„Wir befinden uns noch in der ‚trial- and-error‘-Phase bei der Schmerztherapie mit Cannabis“

Ulf Marnitz Schmerzmediziner

Denn genau dort setzt die Wirkung von Cannabis an: Es verstärkt die schmerzlindernde Wirkung von Schmerzmedikamenten, wirkt stressreduzierend und verbessert den Schlaf.

Doch die Tatsache, dass die Cannabispflanze im Gegensatz zu synthetischen Medikamenten so eine „wilde“ Mischung an Wirkungen haben kann, ist für die evidenzbasierte Medizin problematisch – es gibt keine wissenschaftlichen Belege für die genaue Wirkung der im Hanf enthaltenen Substanzen. Die Begeisterung der ärztlichen Gemeinschaft hält sich dementsprechend seit der Zulassung in 2017 eher in Grenzen. „Wir befinden uns zurzeit noch in der ‚trial and error‘-Phase“, sagt Marnitz. Wie eine Art Erfahrungsmedizin, die vor tausend Jahren betrieben worden sei, gingen Arzt und Patient gemeinsam auf die Suche nach der passenden Cannabissorte, damit am Ende die beste schmerzlindernde Wirkung entstehe. Was die Dosierung betrifft, geht der Orthopäde nach dem Motto „start low, go slow“ vor, also niedrig anfangen und langsam steigern, bis sich die gewünschte Wirkung einstellt.

Chronische Nacken- und Rückenschmerzen sind mit Abstand die häufigsten Beschwerden des Bewegungssystems, bei denen Marnitz eine Cannabistherapie verschreibt. Zwei Drittel der Patienten, die die Therapie nicht enttäuscht abbrechen – meist Männer zwischen 40 und 60 Jahren – lieben es, die Cannabisblüten zu verdampfen.

Aber es gibt auch andere Produkte aus der Pflanze, wie CBD-Öl oder synthetische Präparate wie Dronabinol oder Nabilon. „Der Patient bekommt von mir ein Betäubungsmittelrezept verschrieben, geht damit zur Apotheke und bestellt sich das Cannabisprodukt, das nach Überlegung mit dem Arzt am besten geeignet scheint“, sagt Marnitz. „Danach kommt er regelmäßig zur Kontrolle, um zu schauen, ob die Wirkung ausreicht oder die Therapie angepasst werden muss.“

Das klingt erstmal einfach, ist es aber nicht. Denn so eine Cannabistherapie verschlingt schnell zwischen 500 und 3000 Euro – im Monat. Wer das nicht aus eigener Tasche zahlen kann, muss also einen Antrag bei der Krankenkasse stellen. „Für die Kostenübernahme gelten im Grunde genommen zwei Voraussetzungen: Der Patient muss jegliche andere Schmerztherapien ausprobiert haben und zudem unter einer ‚schwerwiegenden‘ Erkrankung leiden“, sagt Marnitz.

Allerdings benenne der Gesetzgeber die konkreten Indikationen, die als „schwerwiegend“ gelten, leider nicht. So bleibe viel Interpretationsspielraum für die Kassen. Experten beklagen deshalb, dass Krankenkassen noch immer sehr häufig die für die Therapie beantragte Kostenerstattung ablehnten.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurde daher vom Gesetzgeber mit einer Begleiterhebung beauftragt, um „Näheres“ zur Erstattungsfähigkeit durch die Gesetzlichen Krankenkassen zu regeln. Die Kritik an der Datenerhebung ist aber groß. Fachleute bemängeln das Studiendesign und sprechen von mangelnder Aussagekraft.

Und auch das BfArM selbst lässt im Abschlussbericht, der im Juli 2022 veröffentlicht wurde, eine gewisse Distanz anklingen: „Die durchgeführte Form der Begleiterhebung ist keine klinische Studie zur Prüfung der Wirksamkeit und Sicherheit eines Arzneimittels.“ Es handele sich vielmehr um anonymisierte Behandlungsdaten, die Hinweise auf mögliche Anwendungsgebiete, Nebenwirkungen und auch Begrenzungen einer Therapie mit Cannabisarzneimitteln liefern.

In die Auswertung sind seit 2017 anonymisierte Daten zu rund 21000 Behandlungen mit Cannabisblüten und -extrakten sowie mit Dronabinol, Nabilon und Sativex eingeflossen. „Mehr als 75 Prozent der ausgewerteten Behandlungen erfolgten aufgrund chronischer Schmerzen“, schreibt das Institut in seinem Bericht. Bezogen auf alle Cannabisarzneimittel seien die behandelten Personen im Durchschnitt 57 Jahre alt und in der Mehrzahl weiblich.

Eine Besonderheit stelle die Behandlung mit Cannabisblüten dar. „Hier lag das Durchschnittsalter bei 45,5 Jahren und mehr als zwei Drittel der Behandelten waren männlich.“ Das BfArM stellt fest: „Bezogen auf den THC-Gehalt werden diese Patientinnen und Patienten mit einer vielfach höheren Dosis therapiert und berichten dreimal häufiger von einer euphorisierenden Wirkung.“

Euphorisch ist auch Christoph Wendelmuth, allerdings von der professionellen Warte. Er ist Facharzt für Anästhesie, mit Zusatz-Weiterbildung Spezielle Schmerztherapie und Palliativmedizin und und leitet die schmerzmedizinische Praxis „Scheit & Wendelmuth“ in Potsdam. Er behandelt vor allem Patienten mit neuropathischen Schmerzen, also jenen Nervenschmerzen, die als direkte Folge einer Schädigung von den „Gefühlsfasern“ des Nervensystems entstehen. Der Mann mit dem blonden, kurzrasierten Bart und der Brille strahlt einen Enthusiasmus aus, wenn er über das Thema Cannabis in der Medizin redet.

Kein Wunder, denn er habe bereits hunderte Patienten mit der Cannabistherapie erfolgreich` behandelt. Dass bei ihm so wenige Patienten – im Gegensatz zu den Schmerzpatienten in der Orthopädie – die Cannabistherapie abgebrochen haben, habe einen guten Grund: Cannabis habe auf Nervenschmerzen eine direktere Wirkung, als bei Gelenk- oder Knochenschmerzen.

Trotzdem ist auch er wie sein Kollege Ulf Marnitz ein Befürworter der Kombinationstherapie von Cannabis und Opioiden. Auch wenn er kein großer Fan von Opioiden sei. „Sie beeinflussen den Hormonstoffwechsel, verursachen den Verlust der Libido, der Potenz und schwächen die Herzkraft sowie die Immunabwehr“, sagt Wendelmuth. Man vermute in der Wissenschaft allerdings, dass Cannabis in einer solchen Therapie mit Opioiden auf unterschiedliche Art eine „co-analgetische Wirkung“, also eine kombinierte Schmerzlinderung, verursacht: „Cannabis reduziert Angst, Stress, verbessert den Nachtschlaf und lindert die verstärkte Schmerzwahrnehmung, die durch Opioide entstehen kann.“

In der Regel behandelt der Schmerzmediziner keine Patienten unter 25 Jahren. Denn die Gehirnreifung und synaptische Verschaltung der Nerven untereinander sei erst mit Mitte 20 abgeschlossen. „Wir wissen, dass der Cannabiskonsum die neuronale Plastizität, Dichte und Verschaltung beeinflusst.“ Außerdem sollte man laut Wendelmuth keine depressiven Patienten mit einer Cannabistherapie behandeln, denn das bringe nichts und schadet möglicherweise den Patienten. „Wenn sie Cannabis dann letztendlich absetzen, können sie eine Entzugsdepression erleiden.“

Bei jedem Patienten wäge er daher genau ab, ob eine Cannabistherapie zumutbar ist. „Ergänzend zu orientierenden psychometrischen Standardtests hilft hier durchaus Erfahrung, um zu erkennen, ob ein Patient mit psychischen Beschwerden für eine Cannabistherapie in Frage kommt.“

Der Arzt muss sich aber darauf verlassen, dass ihm der Patient bei der Erhebung der Krankheitsgeschichte die Wahrheit sagt und zum Beispiel psychische Probleme nicht verschweigt aus Furcht, dass ihm der Behandler dann kein Cannabis verschreibt. Ausschließen kann auch Wendelmuth so etwas nicht. Aber er gehe davon aus, dass der umfangreiche Test, den die Patienten ausfüllen müssen, schwer manipulierbar sei.

Und er vertraut seinen Patienten: Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Therapie sei das Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und dem Arzt. „Wenn ich grundsätzlich anzweifeln würde, was mir mein Patient erzählt, wäre ich im Beruf falsch“, sagt Wendelmuth.

„Cannabis ist als Schmerzmittel ein teures Placebo wie Homöopathie“

Jan-Peter Jansen Schmerzmediziner

Aber wie gesagt, in der deutschen Ärzteschaft gibt es auch kritische Stimmen. So wie die von Jan-Peter Jansen, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Schmerzklinik Berlin in Weißensee. Das Problem beginne manchmal schon mit der Anamnese. „Es gab einige ‚Patienten‘, die eine gute Show abgezogen haben, um an das Cannabis heranzukommen.“

Jansen fehlen die praktische und wissenschaftliche Evidenz für die Wirkung von Cannabis bei Schmerzpatienten. Auch an die Kombinationstherapie von Cannabis mit Opiaten glaubt er mittlerweile nicht mehr. „Cannabis ist als Schmerzmittel einfach ein teures Placebo wie Homöopathie“, sagt Jansen. Er verschreibt keine Cannabistherapie mehr, weil er seine Zeit für Patienten, die eine wissenschaftlich belegte Opioidtherapie machen wollen, nutzen möchte.

Die Opioide schadeten den Patienten laut Jansen nicht, auch nicht am Herzen, wie oft kritisiert wird. „Eine Opioidtherapie kann nur zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen. Aber das passiert auch, wenn wir den Schmerz nicht therapieren“, sagt Jansen.

Opioide könne man am besten beschreiben als die „Bremsflüssigkeit der körpereigenen Schmerzbremse“, sagt Jansen. „Diese Art Medikamente, die man ein- oder zweimal am Tag nimmt, wirken einfach viel besser als das Cannabis.“

Aber auch die Therapie mit Opioiden müsse überwacht werden, sagt Jansen. Nur so könne das große Problem dieser Medikamentenklasse im Griff behalten werden: das Risiko einer Sucht. In den USA haben diese dort sehr großzügig verschriebenen Wirkstoffe zu einer Opioid-Epidemie geführt. „Ich kläre meine Patienten über die Risiken auf, erläutere ihnen, dass sie die ärztlichen Empfehlungen zu Dosis, Einnahmefrequenz und Therapiedauer exakt einhalten müssen.“ Die deutschen wissenschaftlichen Schmerzgesellschaften schätzten ein, dass es in Deutschland keine solche Epidemie gibt, so Jansen.

Abgesehen von der Schmerzbekämpfung sieht aber auch Jansen Punkte, die für den Einsatz von Cannabis sprechen. Kinder mit Epilepsie können zum Beispiel gut mit hoch dosiertem CBD behandelt werden. Denn das schädige das Gehirn trotz des jungen Alters nicht, unterdrücke das Nervengewitter im Gehirn aber mit Erfolg. Außerdem könne Cannabis eine positive Wirkung auf den Schlaf, Appetit und Stress haben, was sich wiederum positiv auf das Schmerzempfinden auswirken könnte: „Schlafstörung ist eine der erheblichsten Einschränkungen der Lebensqualität der Schmerzpatienten. Cannabis kann dann eine tolle Hilfe sein.“