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CAR Wash EST. 2010


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ramp - epaper ⋅ Ausgabe 59/2022 vom 28.10.2022

Morgen ist gestern

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Bildquelle: ramp, Ausgabe 59/2022

Wenn man die Qualität des Neuen geschärft realisieren will, muss man nur einen Kontrast zur prägenden Erinnerung schaffen. Womit der perfekte Ort für diesen Car Wash schon einmal feststand: die heiligen Hallen der Audi Tradition in Ingolstadt. Fein zwischen den Schätzen der historischen Fahrzeugsammlung arrangiert, warten ein legendärer Audi Sport quattro und ein Audi e-tron GT mit uns auf Marc Lichte.

So ein Auto wie den e-tron GT als vollelektrischen Gran Turismo, sagt Audi, gab es noch nie. Entsprechend gespannt sind wir, was der Designer uns zu seinem Auto, dem munteren Drumherum in Bezug auf die Zukunft von Audi und natürlich auch überhaupt so sagen wird.

Herr Lichte, wie ging das mit Ihrer Autobegeisterung los?

Ich bin im Sauerland groß geworden, in Arnsberg. Das waren so zweieinhalb Stunden Fahrt nach Frankfurt. Mein Vater nahm mich alle zwei Jahre zur IAA mit, wir sind unter ...

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... der Woche nach der Schule hin, weil die Straßen dann so schön leer waren. Mein Vater fuhr Porsche, BMW und besaß auch mal eine Pagode von Mercedes. Mit einem 911 Carrera RS 2.7 fuhr er sogar Bergrennen.

Guter Papa.

Stimmt, ich war oft an seiner Seite. So wuchs ich auf, und daher rührt auch meine Leidenschaft für Sportwagen. Zugegeben, Audi hatte ich als Kind nicht wirklich auf dem Schirm. Dann geschah es, 1983 mit 14 Jahren, stand ich vor einem Audi Sport quattro, fast skurril anmutend durch die Proportionen, und doch total innovativ, völlig radikal. Es gab nichts Vergleichbares. Ich war völlig geflasht.

Entstand in diesem Moment die Idee, Designer werden zu wollen?

Das wusste ich schon vorher. Mit zwölf Jahren sah ich einen Fernsehbericht über den neu geschaffenen Studiengang »Transportation Design« in Pforzheim. Ich fuhr mit meinem Vater hin, schaute mir alles an und wusste, okay, ich will Design studieren. Und mit Blick auf den Sport quattro am Messestand von Audi zwei Jahre später war mir klar, dass ich Designer bei den vier Ringen werden will.

Aber beim Audi Sport quattro stand die Funktion im Vordergrund, eher weniger das Design.

Genau, das gilt so bis heute. Die Funktion prägt die Marke. Das Design entsteht um die Technik herum, macht sie sichtbar. Für mich ist das der Kern von Audi. Die progressive Technologie kommt in diesem Auto in Perfektion zum Vorschein. Während der Piëch-Ära wurde Audi immer mutiger, auch mein Vater stieg auf Audi um – die Rallyeerfolge verbunden mit dem Allradantrieb waren der Ursprung für alles, was kam.

Und heute?

Den Audi e-tron GT entwarf ich vor fünf Jahren mit meinem Team. Für Design-Maßstäbe ist das eine gefühlte Ewigkeit, da wir ja immer vorausdenken müssen. Aber Stand heute ist es das attraktivste Modell, das ich bisher gestalten durfte. Die Basis für ein gutes Design ist für mich immer die Proportion, und die ist hier herausragend. Der e-tron GT ist mit 1,41 Metern Höhe flacher als unser A7. Aber wenn ich mich mit meinen 1,95 m hineinsetze, habe ich bei der Kopffreiheit immer noch fünf Zentimeter Luft. Das ist ein Meisterwerk vom Package. Das ist ein wirklicher Viersitzer, eine bessere Basis hatte ich nie.

»Und dann geschah es, 1983, mit 14 Jahren, stand ich vor einem Audi Sport quattro, fast skurril anmutend durch die Proportionen, und doch total innovativ, völlig radikal. Es gab nichts Vergleichbares. Ich war völlig geflasht.«

Steht das Auto für die Zukunft von Audi?

Erst mal steht es für die Zukunft generell, weil Elektromobilität die Zukunft ist. Aber wissen Sie, wofür das Design noch steht? Der e-tron GT sieht klassisch aus. Manche Hersteller machen skurrile, extreme Dinge, um das Elektroauto vom bisherigen Verbrenner abzugrenzen. Das ist nun gar nicht mein Weg. In ein paar Jahren werden wir sowieso darüber lachen, weil Elektro das »New Normal« sein wird. Dazu möchte ich, dass so ein Auto über Jahre hinweg Bestand hat. Ich strebe nach dem Zeitlosen.

Und schon sind wir bei dem Thema Ikone. Was macht eine Designikone aus?

Erst einmal: Gute Gestaltung kommt aus der Designabteilung, ja. Ikonen werden dann aber auf der Straße gemacht, von den Kunden, den Fans. Wie der Porsche 911. Ein Neunelfer hat etwas Zeitloses, genau wie der VW Käfer oder der Audi TT – gerade deswegen wurden sie zu einer Ikone. Die Basis bildet die Proportion, wenn die gut ist, kann man etwas Perfektes daraus machen. Der e-tron GT ist für mich gutes Design. Ob er zu einer Ikone wird, lässt sich nicht vorhersagen. Aber ich glaube, er hat die Voraussetzungen dafür.

Wie kam es zu dieser Farbe?

In diesem Oliv, wir nennen es »Taktikgrün«, steckt sehr viel Modernität. Die Lackierung sieht aus wie Uni, ist aber Metallic. Und wenn Licht darauf scheint, wird es ein richtig freundliches Grün. Vor ein paar Jahren probierte ich die Lackierung schon an meinem RS 6 aus, und die Resonanz war sehr positiv, viele Kunden haben nach der Farbe gefragt, nachdem sie mein Auto auf der Autobahn gesehen haben und sich mein Kennzeichen notierten. Da entschieden wir uns, dass wir die Farbebeim e-tron GT in Serie bringen. Ich finde, sie passt perfekt zu diesem Auto.

»Wenn der Wagen außen dreckig ist, ist es noch okay. Aber die Scheiben müssen immer sauber sein.«

Welche Merkmale, welche Details sind Ihnen noch speziell wichtig, wo wir gerade beim Waschen sind?

Wenn wir uns den Audi Sport quattro einmal ansehen, der bald vierzig Jahre alt wird, erkennt man die Antwort auf die Frage schon, oder besser gesagt, immer noch, deutlich: In diesem Auto steckt ohne Ende Audi, innovative Technologie eben. Das Auto verkörpert das in Vollendung. Allrad ist für mich der beste Antrieb, den es gibt, erst recht auf Schnee und Eis. Diese DNA wollten wir in die neue Ära mitnehmen: Daraus wurde dann für den elektrischen e-tron GT ein komplett neues, markantes Design generiert, mit diesen Muskeln über allen vier Rädern. Alles ist genau ausbalanciert. Die Kabine liegt relativ zentral zwischen den Rädern, macht also quattro sichtbar. Bei dem e-tron GT wollte ich die quattro-Technologie in maximaler Ausprägung darstellen. Es ist ein extremer Kontrast zwischen der schmalen Kabine und dem kräftigen Körper.

Setzt sich diese Kraft im Innenraum fort?

Kann man so sagen. Alles zielt nach vorn, wie bei der Straße. Je schneller man fährt, desto enger wird sie, weil sie auf einen Punkt hin flüchtet. Bei diesem Innenraum fährt man schon im Stand gefühlte 250 km/h. Das haben wir so noch nie gemacht, alles wirkt skulptural. Autos werden sich sowieso radikal verändern.

Warum?

E-Mobilität bedeutet, dass Proportionen möglich sind, von denen ich immer geträumt habe. Früher als Kind oder heute bei Skizzen zeichne ich immer große Räder und kleine Überhänge. Bei einem Fahrzeug mit klassischem Verbrennungsmotor müssen mein Team und ich die langen Überhänge kaschieren. Dieses Kaschieren entfällt in der E-Welt komplett: Wir haben den langen Radstand, um Platz für die große Batterie zu schaffen. Wir brauchen große Räder, weil die Batterie mehr Gewicht mit sich bringt. Ohne Verbrennungsmotor lassen sich jedoch die Überhänge reduzieren und ein luftiger Innenraum realisieren, weil der Getriebetunnel entfällt. Das gibt Traumproportionen und Freiheiten in der Gestaltung. Aber der eigentliche Gamechanger kommt erst noch. Über 110 Jahren hinweg hat der Fahrer das Lenkrad immer in der Hand gehalten. Jetzt entwickeln wir Technologien, die uns das automatisierte Fahren erlauben. Und dann denkt man ein Auto komplett neu.

Bedeutet das auch, dass sich die Nutzung des Autos stark verändern wird?

Ja, das Auto wird zum dritten Lebensraum. In der Phase befinde ich mich gerade mit meinem Team. Wir gestalten solche Autos bereits, das ist eigentlich total Science-Fiction. Wenn man nicht mehr hundert Prozent der Zeit selbst fährt, dürfen wir uns noch nie gestellten Fragen widmen, auf die wir Antworten finden können. Fragen wie diese: Was möchte ich im Auto machen? Wie will ich mich darin bewegen können? Was für Rückhaltesysteme benötige ich? Wenn man nicht mehr am Lenkrad sitzt, macht der Airbag dort keinen Sinn – und der in der A-Säule ebenso wenig. Sowohl im Design als auch in der Entwicklung wird komplett anderes Denken erforderlich – ich möchte diese spannende Transformation bei Audi maßgeblich begleiten und gestalten.

»E-Mobilität bedeutet, dass Proportionen möglich sind, von denen ich immer geträumt habe.«

Was heißt das für die Designer?

In meiner Karriere prägte ich um die 150 Autos. Im Prinzip war das Vorgehen immer gleich: Ausgangspunkt war die technische Basis, dann wurde das Package festgelegt, also wie viele Passagiere im Fahrzeug Platz finden sollen. Im Anschluss wurde dann dazu passend ein schönes Interieur gestaltet. Heute denken wir das Auto von innen nach außen. Die Rolle verändert sich, wir befassen uns nicht nur mit der Hardware, sondern gestalten ein holistisches Markenerlebnis. Apple ist das bereits vor langer Zeit gelungen. Überall auf der Welt überzeugen sie mit cleanem Design und einer User Experience, die einfach, intuitiv und elegant ist – das Vorbild von Apple Chefdesigner Jonathan Ive ist übrigens Dieter Rams, bekannt als revolutionärer Industriedesigner von Braun. Man merkt für mein Empfinden, dass Form und Funktion bei Apple perfekt zusammengehen: Eine schöne Gestaltung ohne eine elegante Technologie funktioniert nicht. Aber clevere technische Lösungen ohne eine formschöne Gestaltung werden auf Dauer auch nicht akzeptiert. Apple kann für uns also in vielen Bereichen ein Vorbild sein. Wir bei Audi sind noch lange nicht am Ziel, aber immerhin schon auf dem Weg dorthin. Beim Design kommt alles zusammen – wie man sich darin bewegt, wie man es bedient und wie man das Auto erlebt.

Wie viele Leute arbeiten im Design von Audi?

450 Designer hier in Ingolstadt, zusätzlich haben wir noch unsere zwei Kreativ-Studios in Beijing und Malibu. Ein Studio in Kopenhagen könnte ich mir zusätzlich noch gut vorstellen, doch bereits jetzt können wir weltweit Trends aufnehmen und Designrichtungen zusammenbringen: die Bedürfnisse und Vorstellungen chinesischer Kunden, die kalifornische Mid-Century-Architektur und deutsches Bauhaus-Design. Grenzenlose Inspiration, sozusagen.

Wie schaffen Sie es, die eigene Souveränität zu behalten angesichts der vielen Trends und Moden?

Am besten kann ich das an einem Fahrzeug erklären. Nehmen wir den Audi grandsphere concept: ein Auto, bei dem keine Sehgewohnheiten gebrochen werden, das aber dennoch ganz neue Proportionen hat – eine ganz kurze Haube und eine Riesenkabine. Doch die Proportionen sind nicht auf den ersten Blick sichtbar. Auch das schafft eine gewisse Zeitlosigkeit und damit eine ästhetische Form der Nachhaltigkeit. Zu Trends habe ich ein gespaltenes Verhältnis: Zum einen bin ich als Designer ein Mensch, der vorwärtsgerichtet ist und neu, mutig, progressiv denken muss, so bin ich beruflich und eigentlich auch privat. Außerdem passiert unsere Arbeit nie im Vakuum, vor dem Zeitgeist kann sich also niemand verschließen. Zum anderen ist aber der Ausdruck »modisch« wohl das Schlimmste, was man über Automobildesign sagen kann, jedenfalls sehe ich das so. Ich möchte etwas schaffen, dass sich der Zeit entzieht, das bleibt. Einige Designs wurden zu Klassikern, weil Form und Funktion, Ästhetik und Aufgabe perfekt zusammenpassten. Manche davon sind schon fast hundert Jahre alt und sehen doch so aus, als würden sie übermorgen überhaupt erst gestaltet werden – ich denke da etwa an den Barcelona Chair von Ludwig Mies van der Rohe.

Was sehen Sie, wenn Sie in die Zukunft blicken?

Spannend ist, dass die Welt sich immer schneller dreht, alles wird kurzlebiger. Meine Vision ist es dagegen, für neue Fahrzeuggenerationen einen Grundkörper zu schaffen, der zeitlos ist und trotzdem progressiv. Ist dies erreicht, lässt sich ein Auto modular modern halten. Das wäre natürlich extrem radikal, eine Revolution.

Wie würden die Käufer reagieren?

Die Generation, die gerade heranwächst, wird andere Prioritäten haben – Nachhaltigkeit wird ein ebenso entscheidender wie selbstverständlicher Faktor beim Autokauf sein. Sie werden sich dafür interessieren, wo Materialien herkommen und wie sie ver- und wiederverwendet werden. Aber schauen Sie mal hier in den Innenraum vom e-tron GT.

Sind das etwa Stoffsitze?

Ganz genau, als erstes Auto bei Audi hat dieser Wagen ein fast vollständig lederfreies Interieur, sprich Stoff. Das ist meine Lieblingsausstattung. Unsere Kunden sind insbesondere in der Oberklasse an Leder gewöhnt, da das Material natürlich auch für Wertigkeit steht. Wir zeigen in unseren Konzeptfahrzeugen allerdings, wie attraktiv Stoff sein kann, der aus recycelten Materialien besteht. Aber man muss die Kunden auf diese Reise mitnehmen.

Woher kommen bei Ihnen neue Impulse?

Das Resetten ist für mich ganz entscheidend. Das funktioniert bei mir beim Segeln. Mein altes Schiff habe ich verkauft, das neue wird gerade gebaut. Das alte hatte ich selbst gestaltet, bei zwölf Metern Länge konnte die Familie darauf wohnen, jeden Urlaub verbrachten wir auf dem Schiff. Aber die Kinder machen dieses Jahr zum ersten Mal ihren eigenen Urlaub. Mein neues Schiff wird gerade in Frankreich gebaut, eine richtige Rennmaschine, nur zehn Meter lang und alles selbst konfiguriert. Ein absolutes Unikat. Derzeit fahre ich an den Wochenenden viel mit dem E-Mountainbike, um den Kopf frei zu kriegen. Mein neues Rad wiegt nur 16,8 Kilo, kleiner Motor, kleine Batterie, wobei ich zu neunzig Prozent ohne E-Antrieb fahre. Dann gibt es noch mein Rennrad, mit dem ich auf der Straße viele Kilometer zurücklege. Bei allem, was ich in meiner Freizeit mache, habe ich wirklich genau die gleiche Leidenschaft wie für meine Arbeit. Und das ergänzt sich perfekt.

Sprechen wir über Rebellion. Autohersteller sind ja eher zaghaft. Dabei lebt gerade die Positionierung einer Luxusmarke auch immer gerne von dem Motiv der Rebellion. Die Verweigerung des Konventionellen wird zum begehrlichen Sympathiefaktor. Auch mutig gibt sich die Autowelt eher selten, kaum einer traut sich etwas.

Veränderungen zu meistern, ist nie leicht, und das gilt ja gleichermaßen für das Private wie für das Berufliche. Zudem ist Stillstand ja auch viel bequemer und einfacher. Nun ist Audi jedoch eine extrem innovative Marke, und »Vorsprung durch Technik« ist wirklich eines der wichtigsten Gene bei Audi. Aber das kann man gar nicht immer pflegen, es ist eher so, dass in jeder Phase bestimmte Charaktere rebellisch unterwegs sind. So wie Ferdinand Piëch zu seiner Zeit. Der Grund, warum Audi so erfolgreich ist, ist immer Mut. Manchmal ist der Mut auch ein bisschen verloren gegangen, auch beim Design. Es geht also immer wieder darum, den anderen Weg zu gehen.

»Meine Vision ist es, einen Grundkörper zu schaffen, der zeitlos ist und trotzdem progressiv. Dann lässt sich ein Auto modular modern halten. Das wäre extrem radikal, eine Revolution.«

»Wissen Sie, wofür das Design noch steht? Der e-tron GT sieht klassisch aus. Manche Hersteller machen skurrile, extreme Dinge, um das Elektroauto vom Verbrenner abzugrenzen. Das ist nun gar nicht mein Weg.«

Werden wir konkret: Wie steht es um Ihre Begeisterung fürs Autowaschen?

Bei mir gibt es nur Handwäsche. Das hat Gründe: Ein Kollege ist mit einem neuwertigen Porsche 964 im Turbo-Look durch eine Waschstraße gefahren, dabei verfing sich der Heckscheibenwischer in der Rolle und eine Schraube löste sich.

Das klingt nicht gut.

Stoßfänger vorne, Spoiler und Stoßfänger, Haube, Frontscheibe, Dach, Heckscheibe, Leuchten, Heckdeckel, Motorraumdeckel, Leuchtenband, Stoßfänger hinten – der Wagen musste komplett neu lackiert werden. Die Autos, die ich wasche, sind alle schön. Und es gibt nichts Herrlicheres, als ihre Form mit den Händen zu erspüren.

Schwamm oder Lappen?

Erst Schwamm, dann Lappen. Ich wachse den ganzen Wagen von Hand, keine Maschine kommt zum Einsatz. Bei dieser Arbeit erlebe ich jeden Millimeter, jede Linie. Einmal wachse ich das Auto komplett ein, dann nehme ich das meiste Wachs wieder mit dem Lappen runter. Danach kommt die dritte Runde, die Politur. Mehr Form kannst du gar nicht erfahren. Meine Autos sind immer sauber. Ich ertrage es nicht, wenn sie dreckig sind.

Wie oft waschen Sie Ihre Autos?

Ich versuche, sie nicht im Regen zu bewegen. Aber manchmal fahre ich in die Alpen und dann kommt man auch schon mal in einen heftigen Regenschauer. Dann nehme ich anschließend nur den gröbsten Dreck runter. Richtig waschen tue ich die Wagen vier bis fünf Mal im Jahr.

Und der Innenraum?

Innen bin ich sowieso immer sehr sorgfältig. So werden die Matten nach jeder Fahrt ausgeschlagen. Scheiben putzen bringt mich manchmal zur Weißglut. Es gibt nur wenige Glasreiniger, die nicht schlieren. Bei einer tief stehenden Sonne sieht man jede Nachlässigkeit sofort. Ich habe alles probiert und meinen Prozess gefunden. Erst mache ich die Scheiben sauber, dann nehme ich ein Poliertuch für die Scheiben. Damit hast du wirklich keine Schlieren, nichts. Wenn der Wagen außen dreckig ist, ist es noch okay. Aber die Scheiben müssen immer sauber sein.

Eines noch, was bedeutet Luxus für Sie?

Meine Eltern hatten zwar glücklicherweise nie Geldprobleme, aber sie haben mich in dem Bewusstsein erzogen, dass ich mir alles selbst erarbeiten muss. Wenn ich mir einen größeren Wunsch erfüllen wollte, habe ich in den Ferien gearbeitet, drei Wochen lang, und sie legten später die Hälfte dazu. So erziehe ich auch meine Kinder, auch wenn mir das ehrlicherweise nicht immer gelingt. Ich träumte immer von Dingen, die ich gerne hätte, und wie ich gerne wäre. Jetzt bin ich heute all das und habe das, was ich mir damals vorstellte. Ist das Luxus? Heute bedeutet Luxus für mich Zeit. Zeit zu haben – oder sich vielmehr Zeit zu nehmen – für die Menschen und Dinge, die man mag.

MARC LICHTE wurde am 9. August 1969 in Arnsberg im Sauerland geboren. Bereits während des Transportation Design-Studiums an der Hochschule Pforzheim begann er 1996 seine berufliche Laufbahn bei der Volkswagen AG, stieg dort zum Leiter des Design Exterieur Studios auf und arbeitete an Serienmodellen wie dem VW Golf (Generationen 5, 6 und 7), dem VW Passat, dem VW Touareg und dem VW Arteon. Seit 1. Februar 2014 leitet Marc Lichte das Audi Design. Über den Audi e-tron GT sagt Lichte, es sei »das schönste Auto, das ich jemals gestalten durfte«.

»Die Autos, die ich wasche, sind alle schön. Und es gibt nichts Herrlicheres, als ihre Form mit den Händen zu erspüren.«