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Corona „Dann ist Ihre Schwangerschaft gefährdet“


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 09.04.2020

Corona verunsichert werdende Eltern – wie auch unsere Autorin. Bisher beruhigen die meisten Experten: Schwangere gehören wohl nicht zur Risikogruppe. Die Studienlage ist aber extrem dünn. Und, ob durch Corona oder anders verursacht: Eine Lungenentzündung in der Schwangerschaft ist hochgefährlich für das Baby.


Artikelbild für den Artikel "Corona „Dann ist Ihre Schwangerschaft gefährdet“" aus der Ausgabe 4/2020 von ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie, Ausgabe 4/2020

Illustration: R-DESIGN/getty images

Als ich schwanger wurde, gingen die Menschen noch in Bars und zum Fußball. Sie trafen sich ganz ohne Desinfektionsmittel auf dem Weihnachtsmarkt und hatten jeder höchstens eine Packung Klopapier zu Hause. Als ich schwanger wurde, wusste ich: In neun Monaten muss ...

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... ich ins Krankenhaus und hatte keine Angst. Ich freute mich. Auf die Schwangerschaftsgymnastik, den Geburtsvorbereitungskurs, die Babyparty, die Geburt in dem Krankenhaus, in dem schon mein erster Sohn auf die Welt kam, und den Besuch danach.

Jetzt, ein paar Monate später, ist alles anders. Europa hat Angst vor einem neuartigen Virus, das sich massenhaft ausbreitet. Corona. Wir leben in einem Ausnahmezustand. Mein Sohn darf nicht in die Kita, ich arbeite im Homeoffice. Rausgehen sollen wir nur zum Einkaufen – Lebensmittel nur, versteht sich. Schwangerschaftsgymnastik? Gibt es nicht. Geburtsvorbereitung? Abgesagt. Und statt viel Bewegung an der frischen Luft sitze ich in einer Drei-Zimmer-Stadtwohnung fest. Der Freude auf die Geburt sind Angst und Unsicherheit gewichen: Was, wenn ich mich vorher anstecke? Schadet das meinem Kind? Wie gefährlich ist eine Ansteckung für Neugeborene? Wird das Krankenhaus, in dem ich mein Kind bekomme, völlig überlastet sein angesichts der vielen Coronafälle? Immerhin sind Kreißsäle schon ohne Corona häufig völlig überlastet, Hebammen fehlen an allen Ecken und Enden. All diese Fragen kreisen in meinem Kopf. Was es nicht besser macht: Die Studienlage ist dünn, sehr dünn. Naturgemäß dünn, denn schließlich ist es ein komplett neuartiges Virus, das erst das gesellschaftliche Leben in China und nun das in weiten Teilen der Welt zum Erliegen gebracht hat. Die meisten Erkenntnisse beruhen auf den Erfahrungen von 20 (!) chinesischen Frauen, die im dritten Trimester an Corona erkrankten. 20 Frauen. Drittes Trimester. „Dünn“ umschreibt die Studienlage da wohl noch recht optimistisch.

Wir haben hier dennoch alles zusammengetragen, was die Forschung nach bisherigem Kenntnisstand über die Auswirkungen des Virus auf Schwangerschaft, Geburt und Babys weiß. Bisheriger Kenntnisstand heißt: Ende März. Neue Erkenntnisse rund um das Virus aktualisieren wir regelmäßig im Internet: auf oekotest.de/11115.

Eben weil die Studienlage aber so dünn ist – u nd w eil e s o hnehin s innvoll i st – raten wir: Bleiben Sie zu Hause. Igeln Sie sich ein, schützen Sie sich vor einer Infektion. Denn, so warnt Professor Frank Louwen, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): „Wenn Sie eine Lungenentzündung bekommen – ob durch Corona oder anders – dann ist Ihre Schwangerschaft gefährdet.“ In diesen Zeiten gilt also noch mehr als sonst: Sicher ist sicher.

BIN ICH ALS SCHWANGERE GEFÄHRDETER ALS ANDERE MENSCHEN?
Nach allem, was man bisher weiß: erst einmal nicht. „Wir haben keine Hinweise auf erhöhte Risiken für Schwangere im Vergleich zu anderen Atemwegsinfektionen, aber in der Tat ist die Datenbasis begrenzt“, sagt Kinderarzt Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Man geht davon aus, dass Schwangere eher einen leichten bis mittelschweren Verlauf der Krankheit zu erwarten haben. Das gilt allerdings natürlich nur für gesunde Schwangere. Werdende Mütter mit Vorerkrankungen wie zum Beispiel einer Herz- oder Lungenerkrankung gehören zur gefährdeten Gruppe und sollten sich ganz besonders schützen.

Das sieht Professor Louwen auch so – erst einmal. „Sie haben keine größere Gefahr für eine Coronainfektion und auch keine für eine Lungenentzündung“, sagt er. Bei ihm folgt allerdings ein großes Aber: „Aber wenn Sie eine Lungenentzündung bekommen, dann haben Sie ein ernstes Problem“, stellt der Gynäkologe fest. Denn: „Dann ist Ihre Schwangerschaft gefährdet.“ Er wolle werdende Mütter nicht verunsichern, sagt er. Aber eine Lungenentzündung, egal ob durch Corona oder anders verursacht, gefährde die Sauerstoffversorgung des Kindes im Mutterleib. „Deswegen raten wir Schwangeren ganz dringend, ihre Sozialkontakte drastisch zu reduzieren, nur zu Hause zu arbeiten und sich häufig und gründlich die Hände zu waschen.“


„Wir raten Schwangeren ganz dringend, ihre Sozialkontakte drastisch zu reduzieren.“


Professor Frank Louwen ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).


KÖNNEN BABYS SICH SCHON IM MUTTERLEIB ANSTECKEN?
Zunächst deutete alles darauf hin, dass Schwangere ihre ungeborenen Babys nicht anstecken. Ganz aktuell gibt es aber zwei neue Untersuchungen, bei denen wenige Stunden nach der Geburt im Blut von sehr wenigen Babys Antikörper gegen das Virus gefunden wurden. Antikörper, nicht das Virus selbst. Das heißt aber, dass die Babys sich doch im Mutterleib angesteckt haben könnten. Wichtig ist: In allen bisher berichteten Fällen kamen die Kinder gesund auf die Welt. Es gibt derzeit keine Hinweise auf eine erhöhte Fehlgeburtsrate oder Missbildungen bei Babys, deren Mütter an COVID-19 erkrankt waren. Die wenigen Erkenntnisse beruhen allerdings alle auf dem späten zweiten oder dritten Trimester. Die Auswirkungen einer Erkrankung im besonders empfindlichen ersten Trimester sind bisher aufgrund dessen, dass das Virus so neu ist, nicht bekannt.

WIRD CORONA DIE GEBURTSSITUATION IN DEN KLINIKEN VERÄNDERN?
Sicher ist: Viele Kreißsäle sind jetzt schon extrem ausgelastet, Hebammen fehlen an allen Ecken und Enden. Schon vor Corona wurden, gerade in Großstädten, Frauen mit Wehen an der Pforte abgewiesen oder mussten auf den Fluren gebären, weil die Kreißsäle voll waren. Denn: Immer weniger Kreißsäle stehen immer mehr Geburten gegenüber. Wenn nun zusätzlich Ärzte und Hebammen wegen einer Coronainfektion oder Isolierungen ausfallen, wird sich die Situation verschärfen. Viele Krankenhäuser treffen schon jetzt Vorkehrungen und schränken etwa die Besuchszeiten ein oder verbieten Besuche ganz. Außer dem Vater oder einer anderen Begleitperson darf inzwischen in vielen Kliniken auch niemand mehr mit in den Kreißsaal. Einige sind sogar noch strenger: Da muss selbst der Vater draußen bleiben.

WENN ICH INFIZIERT BIN, KANN ICH DANN VAGINAL ENTBINDEN?
Nach den bisherigen Erkenntnissen spricht nichts gegen eine vaginale Geburt. „Das ist normalerweise das Beste, selbst wenn die Frau infiziert ist“, sagt Louwen. Der Mann müsse in solchen Fällen allerdings zu Hause bleiben: „Der steckt uns sonst den ganzen Kreißsaal an.“ Nur, wenn aufgrund der Atemwegserkrankung eine dringende Entbindung notwendig sei, könne in manchen Fällen ein Kaiserschnitt sicherer sein. Auch gegen eine Periduralanästhesie (PDA) spricht laut der DGGG nichts; sie rät nur von Lachgas ab, weil das die Ausbreitung des Virus durch die Luft erhöhen kann. Allerdings sollten Sie, wenn Sie infiziert sind, von einem Geburtshaus oder einer Hausgeburt absehen. Dann sollten Sie Ihr Kind in einer Klinik bekommen, in der das Baby kontinuierlich überwacht und sein Sauerstoffgehalt überprüft werden kann.

WENN ICH INFIZIERT BIN, KANN MEIN BABY DANN NACH DER GEBURT BEI MIR BLEIBEN?
Nach jetzigem Stand: ja. Wenn Sie das so wollen und es Ihrem Baby gut geht – es also keine Komplikationen gibt. Die DGGG weist aber darauf hin, dass sich diese Empfehlung ändern kann, wenn es weitere Erkenntnisse über das Virus gibt. Bisher (Stand Ende März) gibt es in Deutschland keine offiziellen Fälle von erkrankten Schwangeren oder Neugeborenen in Deutschland.

KINDER HABEN OFT HARMLOSERE VERLÄUFE ALS ERWACHSENE. WIE SIEHT ES MIT BABYS AUS?
Immerhin: Bisher sieht es so aus, als ob auch Babys in der Regel nicht mit starken Symptomen der Erkrankung kämpfen müssen. „Nach allem, was bisher berichtet wird, sieht es so aus, dass Babys und Kinder sich seltener anstecken als Erwachsene und auch nur leichte Symptome aufweisen“, sagt Louwen. Einziger Wermutstropfen: „Alles, was bisher berichtet worden ist“, ist nicht viel. Und speziell was Neugeborene oder gar Frühgeburten betrifft, gibt es so gut wie keine Erfahrungen.

SOLL ICH DENN ÜBERHAUPT STILLEN?
Ja! Stillen ist auch in Coronazeiten erst einmal das Beste für Ihr Kind. Wenn Sie nicht erkrankt sind, spricht überhaupt nichts gegen das Stillen. Aber selbst, wenn Sie sich mit Corona infiziert haben, raten die DGGG, der Berufsverband der Frauenärzte und die Stiftung Kindergesundheit einhellig dazu, Babys zu stillen. Denn: Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen sich Coronaviren nicht über die Muttermilch zu übertragen. Bisher konnte das Virus auch nicht in der Muttermilch nachgewiesen werden – wie gesagt: Die Studienlage ist hier aber, wie bei allen anderen Erkenntnissen auch, sehr dünn. Wegen des engen Hautkontakts sollte die infizierte Mutter jedoch eine ganze Reihe von Hygienevorkehrungen beachten – welche, lesen Sie links. Diese Maßnahmen sollten auch schon Mütter ergreifen, bei denen nur der Verdacht auf eine Infektion besteht.

Neue Erkenntnisse rund um das Corona-Virus aktualisieren wir regelmäßig auf oekotest.de/11115

Was tun bei Verdacht?

Wenn Sie direkten Kontakt mit einer an Corona erkrankten Person hatten und/oder bei sich oder Ihrem Baby Symptome entdecken, die auf Corona hinweisen, wenden Sie sich an Ihr zuständiges Gesundheitsamt (tools.rki.de/plztool/) oder melden sich beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Zudem sollten Sie Ihre Frauenärztin anrufen, wenn Sie schwanger sind und der Verdacht auf eine Infektion besteht. Wenn Sie kurz vor der Entbindung stehen, melden Sie sich telefonisch in der Klinik, um das weitere Vorgehen abzusprechen.

Hygiene- Regeln beim Stillen

1 Gründlich Händewaschen – vorher und nachher, etwa 20 Sekunden lang. „Das ist länger als man denkt“, sagt Professor Berthold Koletzko: „Etwa so lange dauert es, das Lied ‚Happy birthday‘ zweimal hintereinander zu singen“.

2 Wenn Sie infiziert sind, sollten Sie einen Mundschutz tragen, um Ihr Kind zu schützen – auch beim Stillen. Damit verhindern Sie eine Tröpfchenübertragung.

3 Können Sie Ihr Kind nicht stillen, können Sie die Milch auch abpumpen. Auch dabei sollten Sie allerdings sehr auf die Hygiene achten – und sich jedes Mal, bevor Sie die Pumpe anfassen, die Hände gründlich waschen. Zudem sollten Sie Pumpe und Fläschchen nach jedem Gebrauch sterilisieren.

4 Lassen Sie sich beraten: von Ihrer Hebamme, Ihrer Frauenärztin oder den behandelnden Ärzten in der Geburtsklinik.


Foto: Manfred Wigger; Illustration: R-DESIGN/getty images