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Das Kreuz mit dem Kreuz


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 7/2013 vom 21.06.2013

Rückenschmerzen sind ein Warnsignal – meist ein Zeichen für zu wenig Bewegung, zu viel Gewicht oder ungesunden Stress. Wer die Beschwerden richtig deutet und entsprechend handelt, kann den Schmerz oft schnell vertreiben. Doch auch wenn er sich einnistet, gibt es wirkungsvolle Hilfe.

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Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit, Ausgabe 7/2013

Es zwickt und zwackt allenthalben: Nur ein Fünftel der Deutschen kommt ohne Rückenschmerzen durchs Leben. Alle anderen erwischt es, viele von ihnen schon im besten Alter, zwischen 25 und 50 Jahren. Plötzlich ist der Nacken steif, die Hexe schießt ins Kreuz oder ein dumpfer Schmerz in der Hüfte raubt einem den Schlaf. Manchmal ...

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... sind die Schmerzen so atemberaubend heftig, dass wir uns nur noch mit Mühe zum Arzt schleppen können. Auf die Frage: „Haben Sie heute Rückenschmerzen?“ antwortet ein Drittel der Deutschen mit „Ja“. Meist verschwinden die Beschwerden innerhalb weniger Tage. Doch sie können wiederkommen und sich einnisten. Jeder Sechste leidet nach eigener Einschätzung an chronischen Rückenschmerzen – Frauen deutlich häufiger als Männer. Die Zahl der Rückenschmerz-Betroffenen hat in den vergangenen Jahren leicht zugenommen. Das zeigen die Gesundheitsumfragen des Robert-Koch-Instituts.

Der Volksmund weiß Bescheid: Uns sitzt die Angst im Nacken, wir halsen uns zu viel auf, müssen Probleme schultern. Die Psyche beeinflusst das körperliche Wohlbefinden durchaus.


Die große Mehrheit der Patienten mit Rückenbeschwerden hilft sich erst mal selbst. Das hat Sinn, denn in vielen Fällen verschwindet der Schmerz nach wenigen Tagen wieder. Außerdem gibt es wirkungsvolle Tabletten, Salben und Hausmittel auch ohne Rezept. Zum Arzt schleppt sich meist nur, wer sich vor Schmerzen kaum bewegen kann. Dennoch bekommt rund ein Viertel aller Bundesbürger einmal im Jahr die Diag nose Rückenschmerzen verpasst, schreibt der Krankenversicherer Barmer-GEK in seinem Arztreport 2013. Nur einen zu hohen Blutdruck stellen die Ärzte noch häufiger fest.

Nicht jede abgerechnete Diagnose führt zu einer Krankschreibung. Hochgerechnet sind es dennoch rund zehn Millionen Menschen pro Jahr, denen der Rücken so wehtut, dass sie zeitweise nicht mehr arbeiten können. Deshalb machen in den Statistiken der Krankenkassen Erkran kungen der Wirbelsäule und des Rückens etwa zehn bis zwölf Prozent aller Fehltage aus. Die Ärzte schrieben Patienten mit der Einzeldiagnose „Rückenschmerzen“ im Schnitt zwei Wochen krank. Lautete die Diagnose auf „sonstige Bandscheibenschäden“, fehlten die Patienten etwa 40 Tage bei der Arbeit.

Gigantische Kosten summieren sich

Diese Einzeldiagnosen summieren sich: Rund 70 Millionen Arbeitstage fallen jedes Jahr wegen Erkrankungen des Rückens und der Wirbelsäule aus. Jeder achte Arbeitnehmer scheidet wegen Rückenproblemen vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Das sind 12.500 Menschen im Jahr. Dahinter steckt in vielen Fällen ein jahrelanger Leidensweg durch Dutzende von Arztpraxen mit zahllosen Behandlungsversuchen, die meist nur kurzzeitig Besserung bringen. Es sind solche chronischen Fälle, die das Budget der Krankenkassen besonders strapazieren.

Forscher des Münchner Helmholtz- Zentrums und der Universität Greifswald befragten über 5.000 Rückenschmerzpatienten nach ihren Arztbesuchen und Behandlungen der letzten drei Monate. Pro Patient fielen dabei im Schnitt 1.322 Euro an Kosten an. Hochgerechnet auf ganz Deutschland ergab sich eine jährliche Summe von 22,5 Milliarden Euro. Hinzu rechneten die Wissenschaftler noch den volkswirtschaftlichen Schaden von fast 27 Milliarden Euro, den die Fehltage verursachten – zusammen kommen so fast 50 Milliarden Euro Kosten im Jahr, ver-ursacht durch Rückenschmerzen. Das wären 2,2 Prozent des Bruttosozialprodukts. Allerdings liegt diese Zahl etwa doppelt so hoch wie frühere Schätzungen. Die Unterschiede erklären sich durch andere Schätzmethoden. Doch auch 25 Milliarden Euro Kosten durch Rücken schmerzen wären schon eine mehr als stolze Summe.

Angesichts solcher Zahlen fragen sich Betroffene ebenso wie Politiker, Krankenkassen und Betriebe, welche Ursachen diese hohe Zahl an Rückenkranken hat und welche Möglichkeiten es zur Vorbeugung gibt. Doch leider lassen sich darauf keine einfachen Antworten finden.

Kompliziertes Zusammenspiel

Unser Rücken ist nicht nur die Wirbelsäule. Wenn wir aufrecht gehen, uns strecken, beugen oder drehen, dann wirken Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder, Bindegewebe und Muskeln zusammen. Funktioniert ihr Zusammenspiel gut, ist die Wirbelsäule gar kein so empfindliches Gebilde, wie viele denken. Im Normalfall spüren wir unser Rückgrat nicht. Erst wenn die Rückenmuskulatur schwach oder das Bindegewebe verhärtet ist, kommt es zu schmerzhaften Verspannungen. Ohne Muskeln, Sehnen und Bänder könnte die Wirbelsäule nur drei bis vier Kilo Gewicht tragen. Sind wichtige Muskeln schlecht trainiert, bedeutet das mehr Arbeit für die Wirbelsäule, weil sie deren Aufgaben mitübernehmen muss und sich dabei schneller abnutzt. Schwächelt ein Teil der Wirbelsäule, dann können bestimmte Muskeln dies ausgleichen. Doch damit wächst die Gefahr, dass diese Muskeln sich überanstrengen und zu Verspannungen neigen. Eine starke, gut trainierte Rücken- und Bauchmuskulatur ist deshalb die beste Vorbeugung gegen Rückenschmerzen Umgekehrt ist Bewegungsarmut eine der wichtigsten Ursachen für Probleme mit dem Kreuz. Allerdings ist es zu einfach, Rückenschmerzen nur auf unterentwickelte Muskeln oder langes Sitzen am Schreibtisch zurückzuführen. Selbst Übergewicht oder Bewegungsmangel scheinen nur schwache Risikofaktoren zu sein, ergab eine Analyse von Professor Thomas Kohlmann von der Universität Greifswald.

Eine gut trainierte Rücken- und Bauchmuskulatur ist die beste Vorbeugung gegen Kreuzschmerzen, denn sie ist für das Funktionieren der Wirbelsäule extrem wichtig.


Was das Betriebsklima mit dem Rücken zu tun hat

Wichtiger sind die Bedingungen am Arbeitsplatz. Dazu zählt beispielsweise das Heben schwerer Lasten auf dem Bau oder im Krankenhaus. Beschäftigte aus diesen Bereichen werden überdurchschnittlich häufig wegen Rückenproblemen krankgeschrieben. Doch auch ungünstige Körperhaltungen oder ein schlechtes Klima am Arbeitsplatz können den Rücken belasten. Arbeitgeber sollten deshalb den Arbeitsbedingungen und der Stimmung am Arbeitsplatz mehr Aufmerksamkeit widmen, rät Michael Drupp, Leiter des niedersächsischen AOK-Instituts für Gesundheitsconsulting. „Faktoren wie Wertschätzung der Mitarbeiter, ein gutes Betriebsklima und gute Angebote der betrieblichen Gesundheitsförderung werden für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen an Bedeutung gewinnen.“

Rückenschmerzen durch seelische Belastungen

Die sogenannten psychosozialen Faktoren – belastende Situationen in der Familie, Stress am Arbeitsplatz, Anspannung, Hilflosigkeit, Versagensangst, Depression – sind nicht zu unterschätzen. Der Volksmund beschreibt den Zusammenhang zwischen Psyche, Haltungsfehlern und Rückenproblemen in vielen Bildern: Enttäuschte lassen die Schultern, Bekümmerte den Kopf hängen. Menschen haben an ihren Problemen schwer zu tragen und sind von Gram gebeugt. Ein Schicksalsschlag kann einem das Kreuz brechen. Uns allen sitzt manchmal die Angst im Nacken, oder wir neigen dazu, uns zu viel aufzuhalsen. Dagegen zeigen Menschen, die Probleme offensiv angehen und sich von ihnen nicht unterkriegen lassen, einen aufrechten Gang und beweisen Rückgrat.

Studien zeigen, dass 80 bis 90 Prozent aller Patienten mit chronischen Rückenschmerzen gleichzeitig Symptome einer leichten Depression aufweisen. Menschen, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde, haben wiederum ein viermal höheres Risiko, dauerhafte Rücken schmerzen zu bekommen. Denn beide Krankheiten schaukeln sich gegenseitig hoch. Depressionen machen antriebslos, fördern den Bewegungsmangel, verstärken die Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen. Ein kranker Rücken schränkt körperliche Aktivitäten ein, macht dadurch einsam und verschärft oft die Situation am Arbeitsplatz. Viele Betroffene – und auch Ärzte – nehmen solche psychosozialen Zusammen hänge ungern zur Kenntnis. Denn dadurch rücken die Schmerzen in die Nähe der Einbildung. Die Kranken haben Angst, als „Spinner“ oder „Psycho“ zu gelten.

Das Zusammenspiel von Knochen, Gelenken, Sehnen, Bändern und Muskeln ist komplex. Da kommt es schnell mal zu Beschwerden, die häufig auch wieder von selbst verschwinden.


Für Arzt und Patient ist es einfacher, nach einer körperlichen Ursache zu suchen – nach maroden Bandscheiben oder schiefen Wirbeln. Doch diese rein medizinische Vorgehensweise taugt in der Regel nicht für die Behandlung von Rückenbeschwerden. Dennoch kommen die meisten Menschen mit chronischen Rückenschmerzen häufiger in die Röhre eines Kernspintomografen als in die Praxis eines Psychotherapeuten. Auch wenn es richtig wehtut: Rückenschmerzen sind zumeist nichts Schlimmes und die Heilungschancen sind gut. In 80 bis 90 Prozent aller Fälle klingen die Schmerzen innerhalb von vier bis sechs Wochen wieder ab – mit oder ohne Be- handlung. Schmerztherapeuten sprechen deshalb ungern von einer Volkskrankheit. Sie sehen Rückenschmerzen erst einmal als Befindlichkeitsstörungen, die zu unserem Leben mit dem aufrechten Gang und unserer Arbeitswelt unvermeidlich dazugehören – ebenso wie eine verschnupfte Nase im Winter.

Mögliche Ursachen von Rückenschmerzen

■ einseitige körperliche Belastung

■ falsche Bewegungsmuster

■ psychische Belastungen, Zeitdruck, Stress

■ angeborene organische Schäden

■ organische Wirbelsäulenerkrankungen

■ falsche Ernährung

■ Zwangshaltung des Rumpfes

■ körperliche Schwerarbeit

■ Übergewicht

■ Kompensation ungünstiger Arbeitsplatzgestaltung durch Fehlhaltungen

■ Bewegungsmangel

■ persönliches Umfeld

Selbst handeln, statt behandelt zu werden

Werden solche leichten Störungen aber als Krankheiten betrachtet, kann ein verhängnisvoller Prozess in Gang kommen: Die Menschen verhalten sich wie Kranke, besuchen regelmäßig den Arzt und geben die Verantwortung an ihn ab. Sie verlieren das Vertrauen in ihren Körper, reagieren auch bei leichten Beschwerden mit übertriebener Sorge und lassen sich behandeln, statt selbst zu handeln.

Dennoch müssen Rückenschmerzen als Warnsignal des Körpers ernst genom- men werden, vor allem dann, wenn sie immer wieder auftauchen. Doch nur in relativ wenigen Fällen gibt es eine klare Antwort auf die Frage, woher die Schmerzen kommen – zum Beispiel organische Erkrankungen oder Bandscheibenvorfälle. Abnutzung dagegen muss nicht zwingend zu Problemen führen. Gerade ältere Menschen haben meist, im Röntgenbild deutlich sichtbare Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule, ohne deshalb zwangsläufig Beschwerden zu haben. Andererseits können Menschen mit einer kerngesunden Wirbelsäule Rücken schmerzen haben.

Ist keine konkrete Ursache zu erkennen, spricht der Arzt von „unspezifischen Rücken schmerzen“. Inzwischen gibt es Standards, wie solche unspezifischen Rücken schmerzen zu behandeln sind. Doch haben sie noch längst nicht in jeder Arztpraxis Einzug gehalten. Die anhaltende Kritik an Orthopäden, dass Patienten mit Rückenschmerzen zu schnell operiert werden, zeigt immer noch wenig Wirkung. Seit 2005 ist die Zahl der Wirbelsäulenoperationen massiv gestiegen. Nicht weil sie so gut helfen, sondern weil die Krankenkassen sie gut bezahlen. Doch auch andere Behandlungsformen wie Akupunktur oder Spritzen gegen die Schmerzen haben deutlich zugenommen, zeigen Auswertungen der AOK. Die durch Rückenschmerzen verursachten Arbeitsunfähigkeitstage hingegen sind kaum zurückgegangen.

Die moderne Schmerztherapie sollte in erster Linie ein Ziel verfolgen: den Betroffenen dabei helfen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie brauchen Information und Beratung, wie mit den Schmerzen und Beeinträchtigungen umzugehen ist, wie sie sich selbst nach anfänglicher ärztlicher Hilfestellung akut behandeln und wie sie in Zukunft Rücken schmerzen vermeiden können. Ganz wichtig: Der Arzt darf die Patienten nicht ins Bett schicken und lange krankschreiben. Denn das durchaus verständliche Bedürfnis, sich aus Angst vor den Schmerzen so wenig wie möglich zu bewegen, führt zu einem Teufelskreis, der die Schmerzen verstärkt. Um dieses Aufschaukeln zu vermeiden, gilt: Raus aus dem Bett und sich wieder bewegen, sobald die Schmerzmittel wirken. Nur so lässt sich verhindern, dass der Schmerz chronisch wird.

Kinder: Stillsitzen tut weh

Rückenschmerzen sind neben Bauch- und Kopfschmerzen die häufigsten Beschwerden der 11- bis 17-Jährigen. Das hat die Kinder- und Jugendgesundheitsuntersuchung KiGGS ergeben. Etwa ein Viertel der Jugendlichen besucht wegen Rückenschmerzen einmal im Jahr einen Arzt. „Jeder zweite Grundschüler weist deutliche Haltungsschwächen auf“, klagt Reinhard Schneiderhan, Orthopäde in München und Präsident der deutschen Wirbelsäulenliga. Seine Empfehlung: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Die Wirbelsäule und ihre Muskeln entwickeln ihre Fähigkeiten im Kindergarten- und Grundschulalter. Deshalb sollte man den Bewegungsdrang der Kleinen nicht bremsen, sondern fördern. Doch vor allem in der Schule müssen Kinder eher stillsitzen. Auch im Schulbus und bei den Hausaufgaben sitzen sie. In ihrer Freizeit haben Kinder kaum noch Platz zum Springen, Toben und Rennen. Fernsehen und Computer bieten zusätzliche Anreize zur Untätigkeit. „Noch nie waren so viele Kinder motorisch auffällig wie heute“, sagt Professor Klaus Bös, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Karlsruhe. „Viele haben schon Probleme mit Grundfertigkeiten wie Laufen, Klettern, Werfen, Springen.“ Die Folgen zeigen sich in vielen Statistiken: Kinder haben heute mehr Übergewicht samt Folgeerkrankungen sowie Rückenschmerzen (siehe auch Kapitel 7, Seite S. 122).

Dann nämlich wird die Behandlung kompliziert. Der Schmerz hat sich in das Gedächtnis eingebrannt und lässt sich mit Medikamenten allein nicht mehr vertreiben. Doch auch diesen Patienten kann geholfen werden. „Multimodales Behandlungskonzept“ nennen die Experten eine Therapie, bei der Ärzte mehrerer Fachrichtungen, Psychologen und Physiotherapeuten intensiv mit dem Patienten zusammenarbeiten. Aber auch hier muss der Kranke aktiv mitmachen, aus seiner Leidens- und Patientenrolle herausfinden. Deshalb spielt Verhaltenstherapie eine wichtige Rolle. Mit Biofeedback oder der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson können Schmerzpatienten beispielsweise lernen, dass sie ihr Befinden selbst kontrollieren können und unabhängiger von äußeren Einflüssen werden.

Aktiv vorbeugen

Damit es so weit erst gar nicht kommt, sollte man Rückenschmerzen aktiv vorbeugen. Das wichtigste Rezept dafür heißt Bewegung. Wichtig ist, regelmäßig und vor allem dauerhaft sportlich aktiv zu werden. Aber auch Yoga-Übungen oder Trainingsprogramme für den Rücken können helfen. Dabei kommt es nicht nur darauf an, ein paar Muskeln zu stärken, sondern mehr Gefühl für den eigenen Körper und die Bewegungsabläufe zu bekommen. Das stärkt auch das Selbstbewusstsein und trägt so zum seelischen Wohlbefinden bei.

Interview

Betriebsklima wird unterschätzt

Dr. Michael Drupp ist Leiter des niedersächsischen AOK-Instituts für Gesundheitsconsulting in Hannover.


ÖKO-TEST: Rund ein Viertel aller Fehltage in den Betrieben gehen auf Muskel-Skelett-Probleme, also vor allem auf Rückenschmerzen, zurück. Was können Betriebe tun, um diese Ausfallzeiten zu verringern?

Drupp: Gerade der Rückenschmerz hat verschiedene Ursachen, die nicht immer nur in der Ergonomie und dem falschen Sitz- und Bewegungsverhalten liegen. Hier sollte jeder Betrieb bei Auffälligkeiten zunächst nach den spezifischen Ursachen suchen. Durch eine Mitarbeiterbefragung und Arbeitsplatzbegehungen, am besten mit professioneller Unterstützung, können die Probleme in der Regel schon sehr gut weiter eingegrenzt werden. Im Anschluss sollte gemeinsam mit allen Beteiligten nach Lösungen gesucht werden. Die können von ergonomischen Verbesserungen über arbeitsplatzbezogene Rückenschulen oder Stressbewältigung für belastete Mitarbeiter bis hin zum Coaching von Führungskräften reichen.

Rentiert sich dieser Aufwand denn überhaupt für die Betriebe?

Auf jeden Fall. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass die an solchen Projekten beteiligten Mitarbeiter danach deutlich weniger krank waren und auch Arbeitsunfälle reduziert werden konnten. Davon profitieren vor allem die Betriebe selbst, aber auch die Krankenkassen und die Unfallversicherungsträger. Die eingesparten Kosten, etwa für Krankengeld und medizinische Behandlung, betragen ein Mehrfaches der in die Projekte investierten Gelder. Das von uns betreute niedersächsische Unternehmen Wurst-Stahlbau hat beispielsweise für sich eine Kosten-Nutzen- Relation von 4,25 Euro für jeden investierten Euro allein für die harten Faktoren wie Krankenstände und Arbeitsunfälle errechnet. Wurden weiche Faktoren wie Mitarbeitermotivation und Betriebsklima mit einbezogen, bekam das Unternehmen innerhalb eines Jahres für jeden Euro sogar 18,59 Euro retour. Entscheidend ist nach unseren Erfahrungen, dass sich die Angebote gezielt mit den jeweiligen Problemen befassen und vor allem systematisch und nachhaltig vorgegangen wird. Rückenschulen als Gießkannenangebot für alle lohnen sich nicht.

Welche Probleme sind besonders häufig?

Psychische Belastungen spielen heute – sicher auch bedingt durch die Diskussion in den Medien – eine besondere Rolle. Auch diese schlagen sich jedoch nicht nur in Burn-out und Stress nieder, sondern durchaus auch in Verspannungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen. In der Praxis stoßen wir auf Mobbingphänomene, aber auch auf konkrete Probleme mit Kollegen. Oder Ärger mit Vorgesetzten. Da sitzt einem dann sprichwörtlich der Chef im Nacken. Wichtig ist auch der Informationsfluss im Betrieb, die Arbeits organisation und das Betriebsklima. Wir hatten den Fall eines großen Betriebs, der von drei auf vier Schichten umstellte, was die Mitarbeiter völlig aus ihrem Rhythmus warf. Unspezifische Rückenerkrankungen und Arbeitsunfälle schnellten nach oben.

Also ist das Betriebsklima wichtiger als der ergonomische Bürostuhl?

Ich möchte da keine Prioritäten setzen. Fakt ist, dass die Bedeutung weicher Faktoren in der Vergangenheit oft unterschätzt wurde. Die Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung deutet insgesamt auf eine Zunahme vor allem der psychischen Belastungen hin. Wir selbst haben in einer Studie in 65 Betrieben quer durch alle Branchen die Mitarbeiter befragt. Dabei zeigten sich deutliche Zusammenhänge zwischen unspezifischen Kreuz- und Nacken schmerzen und dem Betriebsklima. Von denjenigen zum Beispiel, die gut mit den Kollegen auskamen, klagten 23 Prozent über Kreuzschmerzen. Bei denen, die mit den kollegialen Beziehungen unzufrieden waren, war die Quote mit 50 Prozent mehr also doppelt so hoch.

Was heißt eigentlich … Orthopädie?

Erstmals tauchte das Wort im Jahr 1741 auf, in einem Buch des französischen Arztes Nicolas Andry (1658–1742). Der Begriff setzt sich aus den beiden griechischen Wörtern orthos (gerade) und pädius (Kind) zusammen. Andry empfahl, Verkrümmungen der Wirbelsäule und der Beine bei Kindern durch Schienen zu korrigieren. Er verglich die Arbeit des Orthopäden mit der eines Gärtners, der einen verwachsenen Baum an einen Pfahl anbindet: Mit der Zeit korrigiere das Wachstum die Fehlstellung. Der Vorschlag war revolutionär: Bis dahin galten Behinderungen als gottgegeben.

Kicken mit Rückenbeschwerden

41 Prozent aller Nachwuchsfußballer haben Rückenprobleme. Das ergab eine Studie der Münchner Schön-Klinik, für die 1.000 junge Kicker aus 60 Vereinen befragt wurden. Je länger die Jugendlichen Fußball spielten, und je höher die Liga, desto häufiger traten Rückenbeschwerden auf. „Abrupte Stopps und Richtungswechsel, schnelle Drehbewegungen und Überstreckungen beanspruchen die Wirbelsäule stark“, erklärte Sportmediziner Christian Schneider den Befund. Er will nun das vom Deutschen Fußballbund propagierte Aufwärmprogramm 11+ um fünf Rückenübungen ergänzen.

Beschränkte Haftung

Wer andere zu ruckartigen Bewegungen veranlasst, haftet nicht für deren Bandscheibenvor fälle, so eine Entscheidung des OLG Stuttgart (Az. 12 U 78/12). Der Fall: Beim Einkaufen wurde eine Frau angesprochen, dass gerade jemand ihr Auto gerammt habe. Die Frau drehte sich ruckartig um und zog sich dabei zwei Bandscheibenvorfälle zu. Später wollte die Frau dafür die identifizierte Unfallfahrerin haftbar machen. Das OLG aber lehnte ab und erklärte dies zum „allgemeinen Lebensrisiko“.

Bandscheibenvorfall erlaubt Reiserücktritt

Kann jemand eine Reise nicht antreten, weil zwischenzeitlich ein nur operativ zu behandelnder Bandscheibenvorfall auftrat, muss die Reiserücktrittversicherung die Stornokosten erstatten, hat das Oberlandesgericht Koblenz entschieden (Az. 10 U 613/09). Zum einen sei ein Bandscheibenvorfall eine so schwere Erkrankung, dass er einen Reiserücktritt rechtfertige, zum anderen habe auch der behandelnde Orthopäde den Vorfall trotz Rückenschmerzen erst nicht festgestellt.

Surftipp

Anfällig für Rückenschmerzen?

Wie groß ist das Risiko für zukünftige Rückenschmerzen? Dies erfährt man mit einem Onlinetest (www.rueckentest.de), den die Bertelsmann- Stiftung und die Uni Lübeck erarbeitet haben. Die Fragen auszufüllen und nebenbei die Infos zum Thema Rückenschmerzen zu lesen, dauert etwa 15 Minuten. Zum Schluss erhält man ein Risikoprofil. Wer will, kann mit seinen Daten auch an einer Studie der Universität teilnehmen.

Tag der Rückengesundheit

Kein Anliegen ohne festen Tag: Im Zeichen der Rückengesundheit steht der 15. März. Jedes Jahr informiert da das Deutsche Grüne Kreuz zusammen mit Gesundheitsämtern, Apotheken, Krankenkassen, Betrieben, Arztpraxen und Fachgeschäften Betroffene und Interessenten. Dabei ist die Vorbeugung ebenso Thema wie die moderne Schmerztherapie oder rückenfreundliche Fahrräder. Infos unter www.tag-der-rueckengesundheit.de

Rauchen tut weh

Raucher fehlen wegen Schmerzen doppelt so häufig bei der Arbeit wie nichtrauchende Kollegen. Zu diesem Ergebnis kam eine britische Studie. Durch die Inhaltsstoffe des Tabaks wird der Körper möglicherweise schlechter mit Nährstoffen versorgt. Dadurch wird das Gewebe spröder und reagiert auf mechanische Beanspruchung empfindlicher, vermuten die Autoren. Denkbar ist auch, dass Tabak die Schmerzwahrnehmung verstärkt.

Rückenschule als App

Fürs Smartphone gibt es inzwischen Rückenübungen als kostenlose App. Die Trainingseinheiten wollen nicht nur die Rückenmuskulatur, sondern auch Bauchmuskeln, Schultern und Hüftgelenke stärken. Sie sind in Übungen für Anfänger und Fortgeschrittene unterteilt. Dazu gibt die RückenFit-App Tipps für einen gesunden Alltag. Angeboten wird sie vom Arzneimittelhersteller Dr. Kade.

Therapiepfad für die Wirbelsäule

Der bayerische Kurort Bad Füssing hat einen Wirbelsäulen-Therapiepfad eröffnet. An vielen verschiedenen Geräten können Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit trainiert werden. Weitere Infos gibt es auf www.heilmittel-ev-bad-fuessing.de unter Biovital®BewegungsParcours.

FaktenNord-Süd-Gefälle

Fehltage je 100 Versicherte aufgrund von Rückenbeschwerden im Jahr 2012.

Rückenbeschwerden führen im Süden Deutschlands seltener zu Krankschreibungen als im übrigen Bundesgebiet. So kamen bei der Techniker-Krankenkasse (TK) auf 100 Versicherte in Baden- Württemberg 2012 durchschnittlich 105 Fehltage wegen Rückenbeschwerden. In Mecklenburg-Vorpommern waren es dagegen 181 Fehltage je 100 Versicherte. Dieser Trend zeigt sich nach Angaben der TK auch bei anderen Beschwerden. Befriedigende und empirisch belegte Erklärungen gebe es für das Nord- Süd-Gefälle nicht, schreibt die Versicherung.


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