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Das Mysterium der Achtsamkeit


raum&zeit thema - epaper ⋅ Ausgabe 43/2020 vom 26.06.2020

Ist AchtsamkeitsprIst Achtsamkeitspraxis, jenseits seiner bekannten Wirkung auf Körper, Emotionen und Geist, ein Mittel für tiefgreifende Veränderungs- und Transformationsprozesse? Kann Achtsamkeit sogar ein Weg zum geistigen Erwachen sein? Diesen und ähnlichen Fragen geht der Autor seit Jahrzehnten im Rahmen seiner Tätigkeit als Therapeut, Dozent und Wissenschaftler nach.


Seelische und physische Transformation

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Bildquelle: raum&zeit thema, Ausgabe 43/2020

Die wesentlichen Dinge des Lebens bleiben für uns unfassbar, zumindest für das rationale Verstandesdenken. So entzieht sich auch Achtsamkeit, trotz verschiedener Theorien, Konzepte und ...

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... Vorstellungen, unserem rationalen Geist. Sie bleibt ein Mysterium und kann nur durch unmittelbare Erfahrung gelüftet werden und ihre tiefe Dimension intuitiv erfasst werden.

Trotzdem ist Achtsamkeit in den letzten Jahren im Mainstream angekommen und hat viele Bereiche der Gesellschaft erobert.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich schon Anfang der 1990er-Jahre in meinen Vorträgen und Seminaren Achtsamkeit als Thema hatte. Ich habe die skeptischen Gesichter der Zuhörer und Teilnehmer noch vor Augen und kann mich noch an die zum Teil abwertenden Aussagen erinnern. Ich wurde damals in die esoterische Schublade gesteckt und als abgehobener Spinner bezeichnet.

Dies hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Achtsamkeit ist mittlerweile ein Forschungsthema der Wissenschaft geworden, wird in Psychotherapie und Pädagogik angewandt, wird in Wirtschaftsbetrieben in Mitarbeiterschulungen verwendet, in Kli- niken zur zusätzlichen Betreuung von kranken Menschen eingesetzt. Es gibt seit dem Jahr 2000 tausende wissenschaftliche Studien, die die Wirkung von Achtsamkeitsmethoden nachweisen, somit wurde sie aus der esoterischen und religiösen Ecke herausgeholt.


„Wir können alt werden, ohne zu realisieren, dass eines der mächtigsten Werkzeuge, um den schmerzhaften Knoten zu entkommen, an die wir uns binden, im wahrsten Sinne des Wortes an unseren Fingerspitzen liegt: unser Körper.“ Reginald A. Ray


Diese erfreuliche Entwicklung hat jedoch auch seine Schattenseiten. Besonders in der Wirtschaft wird das Thema zum Teil instrumentalisiert, kommerzialisiert, für Profitmaximierung missbraucht und zur Imageaufpolierung verwendet. Man schreibt sich Achtsamkeit auf die Fahne, um schneller, besser, effizienter, trendiger, cooler, moderner usw. zu sein. Wenn Großkonzerne für ihre Hochglanzflyer Bilder von schönen, jungen, meditierenden Menschen in der Natur als Lockmittel verwenden, ist dies ein Ausdruck dieses inflationären Achtsamkeitstrends, der sich im Schlepptau der boomenden Yogawelle bewegt. Die tiefe spirituelle Dimension der Achtsamkeit wird dabei meist nicht berührt.


Achtsamkeit ist eine Geisteshaltung und ein Seinszustand, in dem eine bewusste stille Präsenz im Mittelpunkt steht.


Was ist Achtsamkeit?

Um sich diesem Mysterium schrittweise anzunähern, kann es hilfreich sein, sich die Frage zu stellen was Achtsamkeit nicht ist.

Aufmerksamkeit, so wie wir diese in unserem Alltagsbewusstsein erleben. Es gibt somit zwei Arten der Aufmerksamkeit: eine gebundene, besetzte und eine ungebundene, freie. Die freie und ungebundene entspricht der Achtsamkeit. Dazu mehr weiter unten.

Gebundene Aufmerksamkeit ist normal, alltäglich und läuft vorwiegend unbewusst ab. An was wird unbewusste Aufmerksamkeit gebunden? - An alle möglichen und unmöglichen Dinge, Begebenheiten und Ereignisse im Außen wie im Innen.

Welche Dinge bekommen nun vorwiegend unsere Aufmerksamkeit? Hier wirkt das Prinzip: „Der stärkste Reiz bindet die Aufmerksamkeit.“ Unsere Aufmerksamkeit wird reflexartig angezogen von dem Ding oder Ereignis, welches am „lautesten schreit“, sich damit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt und als wichtig erachtet wird. Dies geht schneller vonstatten als wir uns bewusst sind. Hier haben wir meist keine freie Wahl, unsere Aufmerksamkeit ist auf Autopilot geschaltet. Beispiele dafür sind ein plötzlicher lauter Knall, ein starker körperlicher Schmerz, ein sorgenvoller Gedanke oder ein Gefühl des Ärgers. In all diesen Fällen wird die Aufmerksamkeit regelrecht von dem Ereignis eingesogen und der Aufmerksamkeitsfokus eingeschränkt. Dies entspricht einem uralten, sinnvollen, biologischen Überlebensmechanismus.

Hier kommt nun ein weiterer unbewusster Mechanismus ins Spiel, der die Aufmerksamkeit bindet: die Tendenz der Schmerzvermeidung und des Lustgewinns. Diese unbewusste Tendenz der Attraktion und Aversion, des Habenwollens und Nichthabenwollens, der Lust und Angst sind die Grundlagen allen unbewussten Strebens des Menschen, ja der gesamten Natur, und somit mächtige Bindekräfte unserer Aufmerksamkeit. Im Buddhismus spricht man von den drei Urkräften des Leidens: Angst (Aversion), Gier (Attraktion) und Verblendung (Unbewusstheit).

Hinzu kommt die Sozialisierung, der wir von Beginn des Lebens an ausgesetzt sind, aus der sich unsere Einstellungen, Haltungen, Meinungen und Glaubenssätze dem Leben, den Mitmenschen und sich selbst gegenüber entwickeln. Somit ist unser Alltagsbewusstsein von unbewussten biologischen und im besten Falle halbbewussten, sozialisierten, konditionierten Mechanismen automatisiert und ferngesteuert. Unser unruhiger, ständig alles kommentierende und bewertende Geist ist ein Resultat davon. In der asiatischen spirituellen Kultur spricht man vom „Affengeist“.

Unterschiedliche Interpretationen

Achtsamkeit ist im Gegensatz zu dem beschriebenen unbewussten Alltagsbewusstsein eine Geisteshaltung und ein Seinszustand, in dem eine bewusste und stille Präsenz im Mittelpunkt steht.

Es gibt unter Experten keine einheitliche und verbindliche Definition von Achtsamkeit.

Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn 1 von der University of Massachusetts, einer der Pioniere der Achtsamkeit im Bereich Medizin und Psychotherapie und Gründer der bekannten Achtsamkeits-Methode MBSR (mindfulness based stress reduction), definiert Achtsamkeit als eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein, absichtsvoll, gegenwärtig und nicht bewertend. Andere rücken den inneren Beobachter ins Zentrum. 2 Hier ist Achtsamkeit das Einnehmen einer Beobachterposition bzw. der Wechsel der Perspektive in eine Metaebene bzw. in ein Beobachten aus einer Vogelperspektive. Die Hakomi-Therapie 3, eine achtsamkeitszentrierte und körperorientierte Psychotherapie, verwendet schon seit Ende der 1970er-Jahre Achtsamkeitspraxis in der Therapie. Bei der Hakomi-Methode wird der „Innere Beobachter“ als Weg zum Unbewussten verwendet.

Ulrike Anderson-Reuster sagt in ihrer Arbeit über Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik 4: „Achtsamkeit ist ein Prozess, bei dem die Aufmerksamkeit nicht wertend auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet wird. Sie nimmt wahr was ist und nicht was sein soll. Das heißt: Sie ist einerseits nüchtern, real, desillusionierend und andererseits annehmend, integrierend und vielleicht sogar auf mütterliche Weise liebevoll. Achtsamkeit ist aber noch mehr: Sie ist ein Instrument, um unsere affektiven, geistigen und körperlichen Regungen in status nascendi zu beobachten und sie vermittelt den Kontakt mit der Gegenwart, die, wenn sie nicht explizit in den Blick genommen wird, häufig nicht wirklich erlebt wird.“


Eine bewusste, achtsame Wahrnehmung kann Gehirnfunktionen verändern.


Ken Wilber 5 spricht von integraler Achtsamkeit, weist auf seine tiefere spirituelle Dimension hin und beschreibt Achtsamkeit als Weg zum Erwachen.

Achtsamkeitspraxis ist uralt und grundlegender Bestandteil der buddhistischen, hinduistischen, taoistischen, islamischen, christlichen und jüdischen Lehre. In diesen Traditionen, vom mystischen Christentum mit seinem kontemplativen Gebet, über das Rezitieren mystischer Texte der Juden und die Achtsamkeits-Meditation der Buddhisten, die sinnliche Vereinigung der Tantriker bis zu den Trancetänzen der Sufis, finden sich in unterschiedlicher Ausprägung und Form Aspekte der Achtsamkeitspraxis wieder.

Die wohl am stärksten ausgeprägte Achtsamkeits-Kultur finden wir im Buddhismus. Achtsamkeit ist das „Herzstück“ der buddhistischen Lehre und findet sich wiederholt in den Schriften als Teil des edlen achtfachen Pfads, dem Weg zur Aufhebung vom Leiden.

Dr. Matthieu Ricard 6, Mikrobiologe und buddhistischer Mönch, sagt: „Dem Geist wohnt die Fähigkeit inne, sich selbst zu beobachten … Man kann seine Gedanken beobachten, starke Emotionen eingeschlossen, wenn man mit dem Aspekt der reinen Achtsamkeit arbeitet, die nicht mit den Gedankeninhalten verknüpft ist.“

Dieser Beobachter, auch innerer Zeuge genannt, kann aus einer gewissen Distanz das Objekt seiner Wahrnehmung betrachten, in Stille und Klarheit. In Achtsamkeit werde ich nicht in das Beobachtete hinein gesogen, ich bin nicht damit identifiziert. Es ist so, als wenn ich mit einem Scheinwerfer etwas beleuchte, ohne zu urteilen, zu etikettieren, es haben zu wollen oder nicht haben zu wollen. Es entsteht somit die Freiheit zu wählen, worauf ich den Lichtkegel meines „Bewusstseinsscheinwerfers“ richte. Die Wahlfreiheit, meine Aufmerksamkeit auf dem Beobachtungsobjekt ruhen zu lassen, es zu erforschen, neugierig und offen zu sein, in eine staunende Verbindung zu treten, wird dabei entwickelt.

Achtsam sein bedeutet aber nicht distanziert zu sein. Es wird vielfach angenommen, dass dies eine gefühllose, distanzierte und sich „über die Dinge“ stellende Haltung sei. Man würde gewissermaßen das Geschehen aus dem abgehobenen „Elfenbeinturm“ etwas gleichgültig betrachten. Achtsamkeit ist das genaue Gegenteil davon: Durch dieses „einen Schritt zurück treten“ ist es mir erst möglich, aus einer verwickelten und vorbelasteten Beziehung und Verbindung zu den Dingen auszutreten, in ein neues Sehen und Fühlen einzutreten und dadurch in eine intensive, offene und frische Verbindung, ohne Vor-Stellungen und ohne Vor-Urteile zu kommen. Achtsamkeit ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Gleichmut. Wir werden dadurch erst erreichbar und berührbar, da die Gedanken- und Vorstellungs-Filter nicht mehr greifen. Achtsamkeit ist ein zutiefst fühlender Zustand.

Achtsamkeit und Hirnforschung

Es gibt zahlreiche Forschungsberichte über die Wirkung von Achtsamkeit auf das menschliche Gehirn, wie Gehirnnerven sich durch Achtsamkeitspraxis verändern, wie bestimmte Bewusstseinszustände sich im Gehirn abbilden, sich ganze Hirnareale neu verknüpfen und wie Achtsamkeit bei bestimmten Beschwerden erstaunliche Resultate zeigte.

Eine der ersten wissenschaftlichen neurobiologischen Untersuchungen zum Thema Achtsamkeit wurde vom Neuropsychiater Jeffrey Schwartz 7 von der Universität Los Angeles, Kalifornien, im Jahre 1987 durchgeführt. Schwartz vermutete, dass ein achtsamer Geist auf die Plastizität des Gehirns Einfluss haben würde.


Ein achtsamer Geist ist ein glücklicher Geist.


Die Untersuchungsreihe, die eine bahnbrechende Studie werden sollte, wurde an 18 Patienten mit Zwangsstörungen durchgeführt und dauerte zehn Wochen. Zu Beginn und nach Abschluss der Studie wurden PETBilder (Positronen Emission Tomografie), ein bildgebendes Verfahren, vom Gehirn der Patienten gemacht. Das Resultat war beeindruckend: Die Achtsamkeits-Therapie hatte den Stoffwechsel des Zwangsstörungs-Schaltkreises im Gehirn der Patienten verändert. Es war die erste Studie, die zeigte, dass Achtsamkeit die Kraft hat, die fehlerhaften Gehirnfunktionen systematisch zu verändern und lieferte den eindeutigen Beweis dafür, dass eine bewusste achtsame Wahrnehmung Gehirnfunktionen verändern kann und dass eine solche willentlich herbeigeführte Veränderung des Gehirns - seine Neuroplastizität - eine unumstößliche Tatsache ist.

Richard Davidson 8, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der University of Wisconsin, bezeichnet die Möglichkeit der physischen Gehirnveränderung durch Achtsamkeitspraxis als „Transformation des Geistes“. Er führte neurobiologische Studien durch, in denen Gehirne von meditierenden tibetischen Lamas mit bildgebenden Verfahren wie fMRT, PET und Hirnstrommessungen untersucht wurden.

Als besonders auffällig zeigte sich bei den Mönchen unter anderem eine vermehrte Aktivität des mittleren Frontalhirns, ein Bereich des Gehirns, der sich unmittelbar hinter der Stirn befindet und für folgende Funktionen zuständig ist: erhöhte Aufmerksamkeit, Emotionsregulation, Empathie, Einsicht, Angst-Hemmung, Reaktionsflexibilität und Steuerung des sozialen Verhaltens. Dieser spezielle Bereich des Gehirns steuert das bewusste harmonische Sein mit sich und mit anderen.

Die Mönche wiesen durch die jahrzehntelange Achtsamkeitspraxis einen beeindruckenden Zuwachs an Nervenzellen im Frontalhirn auf, besonders in dessen linkem Anteil, in dem laut Neurowissenschaft auch Glücksgefühle maßgeblich gesteuert werden. Die Wissenschaft belegt damit die seit Jahrtausenden erprobte Gewissheit, dass ein achtsamer Geist ein glücklicher Geist ist.

Prof. Ulrich Warnke 9 von der Universität des Saarlandes schreibt zur durch Achtsamkeit aktivierten linken Hirnhälfte: „Die mentale Aktivierung der linken Hirnhälfte im Frontalbereich ergibt Zustände, die mit folgenden Stichworten beschrieben werden können: Glück, Vergnügen, Zufriedenheit, Entzücken, Lust, Sinneslust, Befriedigung, Erheiterung, Fröhlichkeit, Stolz, Euphorie, gute Laune, Ekstase, im Extremen: Manie.

Ein durch Achtsamkeitspraxis „modelliertes“ Gehirn bringt zudem Mitgefühl und einfühlende Präsenz hervor. Prof. Dr. Daniel Siegel 10, Psychiater und Neurowissenschaftler aus den USA, schreibt: „Der augenblickliche Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse erlaubt uns die begründete Aussage, dass Güte und Mitgefühl für das Gehirn sind, was der Atem für das Leben ist.“

Achtsamkeit und Transzendenz

Achtsamkeit hat, wie schon erwähnt, noch eine tiefere Dimension. Dieses stille Gewahrsein hat die Kraft und das Potenzial zu tiefer Selbsterkenntnis, sich selbst als weit mehr als ein abgetrenntes „Ich“, eine begrenzte Persönlichkeit zu erfahren und zu erkennen. Wenn der achtsame Geist, der bezeugende Beobachter, seine Aufmerksamkeit auf sich selbst richtet, wenn sozusagen das Beobachten sich selbst beobachtet, entsteht dadurch tiefe Ein-Sicht in das Wesen seiner Selbst oder anders ausgedrückt: Die Realisation des Selbst, was gleichbedeutend mit Selbst-Erkenntnis ist oder mit geistigem Erwachen.

Verschiedene spirituelle Traditionen sprechen von einem Stufenmodell des Erwachens:

Die erste Stufe entspricht dem unbewussten Alltagbewusstsein mit seinen automatisierten Denk-, Fühl- und Handlungsmustern. Ich bin mit dem Objekt meiner Beobachtungen identifiziert und der Autopilot hat die absolute Kontrolle und bestimmt mein Leben. Die zweite Stufe ist die Entdeckung und Entwicklung des Zeugenbewusstseins. Ich bin nicht mehr mit dem Objekt der Beobachtung identifiziert und habe dadurch die Wahlfreiheit meine Aufmerksamkeit zu lenken. Diese Stufe entspricht der allgemeinen westlichen Vorstellung von Achtsamkeit.

Die dritte Stufe entsteht, wenn der Zeuge sich seiner selbst bewusst wird und sich sozusagen selbst bezeugt. Dies entspricht einer Entkoppelung von der Objektebene im Innen wie im Außen. Die Aufmerksamkeit zieht sich in sich selbst zurück, in seine eigene Quelle. Dieser Bewusstseinszustand wird als reines Gewahrsein beschrieben. Da- bei ist die Ich-Instanz nicht mehr aktiv. Man könnte diese Stufe auch als Tor zum Transpersonalen oder zur Transzendenz bezeichnen. Ein tiefer Frieden, Stille und eine Glückseligkeit zeichnen diesen Zustand aus.

Tradition als Turiya bezeichnet und stellt das unfassbare Einheitsbewusstsein dar. Dies entspricht einer tiefen Erkenntnis des Einsseins mit allem, was ist. Für den Verstand und die Ich-Identität ist dies unfassbar und für die Persönlichkeit nicht erfahrbar. Im Zen-Buddhismus wird dies als Zustand des einen Geschmacks bezeichnet. Nirvana, Moksha, Mahasamadhi, Unio Mystica, Erleuchtung, Gottesbewusstsein sind andere Bezeichnungen desselben Vorgangs.

Dieses non-duale Bewusstsein ist die Quelle allen Seins und die wahre göttliche Natur des Menschen.

Aus dieser tieferen Perspektive ist Achtsamkeitspraxis im herkömmlichen Sinne, die vorwiegend auf der zweiten Stufe angesiedelt ist, als Übergangsstufe oder als Weg zu den höheren Stufen zu betrachten.


Der Körper ist ein Eingangstor zum Jetzt.


Der Körper ist ein Eingangstor zum Jetzt.


Somatische Achtsamkeit

Um wieder in die beschriebene Gegenwärtigkeit zu kommen, ist es notwendig das Urvertrauen im Hier und Jetzt körperlich zu erfahren. Wir müssen zuerst re-inkarnieren. „Re-inkarnieren“ bedeutet der Sprachwurzel nach „wieder-einfleischen“, wieder Fleisch werden, den Körper wieder bewohnen, wieder „in-Form“ kommen, die Körperform wieder einnehmen. Dies kann letztendlich eine Trans-Formation einleiten, um über die Körperform hinauszuwachsen und sich als weit mehr zu erfahren als der Körper mit seiner Hautgrenze. Wenn es sich im eigenen Körper fremd, unwohl, angstvoll, leer oder irgendwie ungut anfühlt, wird sofort die Tendenz zur Flucht aktiviert. Die Flucht in den Kopf, weg vom Fühlen und weg von der Gegenwart, hinein in die scheinbar sichere Abspaltung und Trennung. Wenn es sich aber sicher und geborgen, wohlig und satt anfühlt, wird ein natürliches Ankommen und Hineingleiten in den Körper ganz von selbst stattfinden. Nur durch liebevolle Zuwendung, zum Beispiel über Körper-Achtsamkeit oder achtsame Berührung, kann dies geschehen. Dadurch wird der Körper ein Tor zu unserem wahren inneren Selbst, zum Eins-Sein. Die Erfahrung des Ganz-Seins vollzieht sich mit und durch den Körper. Der Körper ist ein Eingangstor zum Jetzt. Er kennt keine Zeit beziehungsweise keine Zukunft und keine Vergangenheit. Das Zeitgefühl entspringt allein unserem Denken. Körper-Achtsamkeit verlagert die Aufmerksamkeit vom Denken zum Wahrnehmen. Die Spaltung zwischen Geist und Körper beginnt sich dadurch langsam aufzuheben. Durch diese nährende und wertschätzende Aufmerksamkeit entsteht mehr und mehr ein fühlender Kontakt zu unserem Körper. Der Körper kann wieder zu seiner natürlichen Lebendigkeit finden und zu seiner tiefen Ursprungserfahrung der Einheit erwachen.

In meinen eigenen wissenschaftlichen Studien 11 habe ich diesen körperlichen Aspekt der Achtsamkeit in Zusammenhang mit Berührung bzw. achtsamer Massage untersucht und mit äußerst positiven Resultaten abgeschlossen. (In den raum&zeit-Ausgaben 186/2013, 190/2014, 197/2015 und im raum&zeit Newsletter 222/2019 habe ich darüber berichtet). In meinem Buch „Tief berührt“ 12 (siehe Buchtipp) gehe ich vertieft und umfassend auf das Thema ein.

In all meinem Tun bzw. in meinen Ausbildungen, Seminaren, Retreats und Online-Seminaren, die ich zum Thema Transformation und Potenzialentfaltung gebe, wird der Körper bzw. die somatische Achtsamkeit miteinbezogen. Wird der Körper in den Wandlungsprozess nicht miteinbezogen und ausschließlich der Fokus auf den Geist gelegt, ist tiefgehende Transformation schwer möglich.

Fußnoten

1 Kabat-Zinn, J. (2011): „Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung“, Knaur, München
2 Weiss, H., Harrer, M. E., Dietz, T. (2010): „Das Achtsamkeitsbuch“, Klett Cotta, Stuttgart
3 Kurtz, R. (1994): „Hakomi. Eine erfahrungsorientierte Psychotherapie“, Kösel, München
4 Anderson-Reuster, U. (2007): „Achtsamkeit in Psychotherapie und Psychosomatik“, Schattauer, Stuttgart
5 Wilber, K. (2017): „Integrale Meditation: wachsen, erwachen und innerlich frei werden“, Knaur, München
6 Ricard, M., Singer, W. (2008): „Hirnforschung und Meditation, ein Dialog“, Suhrkamp, Frankfurt am Main
7 Schwartz, J. M. & Begley S. (2002): „The Mind and the Brain: Neuroplasticity and the power of Mental Force“, Regan Books, New York
8 Lutz, A., Davidson, R. et al. (2004): „Long-term meditators self-induce high-amplitude gamma synchrony during mental practice“, PNAS, Princeton
9 Warnke, U. (2017): „Die Öffnung des 3. Auges. Quantenphilosophie unseres Jenseits-Moduls“, Skorpio Verlag, München
10 Siegel, D. J. (2007): „Das Achtsame Gehirn“, Arbor, Freiamt
11 Stötter, A., Mitsche, M., Endler, P. C., Oleksy, P., Kamenschek, D., Mosgoeller, W. & Haring, C. (2013): „Mindfulness-Based Touch Therapy and Mindfulness Practice in Persons with Moderate Depression“, Intern. Journal for Body, Movement and Dance in Psychotherapy. Taylor&Francis, London Stötter, A., Harrer, M., Endler, P. C., Mosgoeller, W. & Haring, C. (2018): „Achtsamkeitsbasierte Massage kombiniert mit Achtsamkeitsschulung (Insightouch®) verringert Angst und Depression und verbessert die Bindungsqualität“, eingereicht und angenommen bei Complementary Medicine Research, Krager Verlag, Basel, PupMed:10.1159/000492060
12 Stötter, A., Stötter, D. (2014): „Tief berührt - die Kunst der Achtsamkeitsmassage“, Book on Demand, Norderstedt

Buchtipp

Andreas Stötter: „Tief berührt: Die Kunst der Achtsamkeitsmassage“, BoD, 2014‚, 22,50 €, ISBN: 978- 3735719157

Der Autor

Dr. Andreas Stötter Msc., Jahrgang 1958, Vater von fünf Kindern und Großvater von neun Enkelkindern; Doktor und Master in komplementären, integrativen und psychosozialen Gesundheitswissenschaften; ECP - Europäisches Zertifikat für Psychotherapie; Körperpsychotherapeut zugelassen durch die EAP (European Association for Psychotherapy); zertifizierter Hakomi®-Therapeut; Leiter und Dozent an der Yoni Academy für ganzheitliche Gesundheitskultur; Heilmasseur und Körpertherapeut; Zusatzqualifizierung in der Hakomi-Traumatherapie; Autor des Buches: „Tief berührt - Die Kunst der Achtsamkeitsmassage“; Begründer der Achtsamkeitsmassage® und von Insightouch® - mindfulness based bodywork. Kontakt: www.koerpererwachen.com


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