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DAS SPIEL SELBST


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Mehr als ein Spiel Deutschland Italien 1970 - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 17.06.2020
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Bildquelle: Mehr als ein Spiel Deutschland Italien 1970, Ausgabe 1/2020

Jahrhundertspiel also, 50 Jahre danach. Es ist eine Begegnung, zu der ich keinen Bezug habe. Die Aufstellung bekomme ich allein nicht zusammen. Beckenbauer, klar. Müller auch. Und der ewige Maier hinten drin. Aber sonst? Da müsste ich nachschauen oder jemanden fragen, der wirklich dabei gewesen ist. Im Stadion, daheim vor dem Fernseher. Ich bin kein Zeitzeuge, ich habe diese Partie nie gesehen. Nur das Ergebnis, das kenne ich. Aber ich weiß nicht, wann dieTore fallen und wer sie schießen wird. Weshalb ich an diesem Abend der genau richtige Zuschauer bin, unvorbelastet und unvoreingenommen. Ich kann noch überrascht werden, von den plötzlichen Wendungen, dem Hinundher dieser Partie, dem Draufunddran beider Teams. So beginnt er. Dieser Versuch, über die Jahre hinweg. Wieder 23 Uhr Ortszeit, wieder mitten in der Nacht. So sollte es sein.

Für das echte Gefühl.

In Mexiko-Stadt, im Estadio Azteca, wurde ...

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In Mexiko-Stadt, im Estadio Azteca, wurde das Spiel damals um 16 Uhr angepfiffen, weshalb die Deutschen, müde aber fiebrig, vor ihren Fernsehgeräten und Radios saßen, um sieben Stunden versetzt. 23 Uhr, das war eine Zeit weit nach Kulenkampff, lange nach der Tagessschau. 23 Uhr, das war kurz vor Testbild, da lagen die Deutschen sonst schon lange im Bett. Das war die Regel. Ganz selten allerdings haben sie sich Ausnahmen gestattet, dann den Wecker gestellt und starken Kaffee getrunken, gegen die Gewohnheit.

Am 20. Juli 1969, als Neil Armstrong auf dem Mond landete.

Am 8. März 1971, als Ali in New York gegen Frazier boxte.

Und dazwischen eben, an diesem 17. Juni 1970, als Deutschland auf Italien traf. Dieses Halbfinale eben auch ein Ringen der Schwergewichte, der Sport als Mondlandung. Und vor den Fernsehgeräten saß auch die Hoffnung, dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird.

Bei mir auf dem Bildschirm läuft nun eine Übertragung aus Italien, in der groben Körnung der Erinnerungen. RAI aus der Röhre. Die verwaschene Tonspur der Nachbarn, sie bringt eine seltsame Fremdheit mit sich. Ich bin, das spüre ich sofort, in diesem Spiel nur Zaungast. Ein Beobachter, der die Wucht der Geschichte allein über die Bilder verstehen muss. Draußen Dunkelheit, hier drinnen verwackeltes Technicolor.

Alles beginnt mit der deutschen Hymne. Ganz rechts steht Hans-Hubert Vogts, der damals schon Berti gerufen wurde, also bereits einen Spitznamen tragen musste, der in seiner Verniedlichung eher einer Enthauptung als einem Ritterschlag gleichkam. Und wie er dort steht, ist auch klar, dass diese Bilder aus einer Zeit stammen, in der es die Kleinen noch gab, im Weltfußball und auf den Weltfußballplätzen.

Jetzt aber erstmal Müller und Beckenbauer. Blühen im Glanze. Seeler und Overath. Sind des Glückes Unterpfand. Den Rest muss ich raten, mir die Startelf während er letzten Strophe irgendwie zusammenreimen. Denn die Spieler tragen Nummern aber keine Namen auf dem Rücken.

Der Kommentator hilft mir. Maya, Numero uno. Schnällinga, Numero tre. Ein bisschen zumindest.

Bei den Italienern, das höre ich noch heraus, steht Albertosi im Tor, und vorne lauern Riva und Boninsegna. Womit dann auch alle wichtigen Protagonisten soweit eingeführt wären.

Irre ist aber, erste echte Beobachtung dieses Spiels, dass ich all diese Männer da unten im Grunde nur als ältere Herren kenne. Herren, die bestimmen und führen, die Bankettreden halten, nach großen Siegen und noch größeren Niederlagen, die sich zu Wort melden in jeder Krise und sonnen in jedem Erfolg, die Sommermärchenonkel und Sorgengroßväter. Präsidenten und Experten, die meine Gegenwart, den Fußball, mit dem ich aufgewachsen bin, immer zuerst aus ihrer eigenen Vergangenheit heraus bewertet und ihr Erbe laut und live im Fernsehen verwaltet haben.

Ich kenne sie anders, altehrwürdig, manche bereits gebrechlich. Hier aber stehen sie noch am Anfang oder erst kurz vor der Vollendendung. Nationalspieler, die noch keine Weltmeisterschaft gewonnen, noch keinen Rekord aufgestellt haben.

Der Rasen von Rom ist noch 20 Jahre weit weg, das Golden Goal in Wembley sogar 26.

In diesen Bildern, auf dem Rasen des Aztekenstadions, sind sie nun wieder bedeutend jünger als ich und sehen doch bedeutend älter aus. Eine seltsame Umkehrung der Zeit, als würde man ihre Zukunft, all die Erfolge danach, dennoch immer schon mitdenken.

Die Aufnahmen aus Mexiko kennen derweil keinen Überfluss, sie sind nüchtern, verzichten auf jeden Tand oder Schnörkel. Zwei Mannschaften, die eine in weißen, die andere in blauen Trikots, eine Kamera, ein Schiedsrichter. Ein Ball, grell im Anstoßkreis.

Mehr gibt es nicht, weil es mehr nicht braucht. Deshalb also, ganz einfach, Anstoß.

Dann gewinnt Overath den ersten Zweikampf.

Und Schnellinger führt den Freistoß aus.

Scheint so, als hätte er heute noch was vor.

Dann fällt das 1:0. Einfach so und viel zu früh. Boninsegna, dröhnt der Kommentator, der, von einer plötzlichen Euphorie erfasst, beinahe aus seiner Übertragung fällt. Von dort nun, am Rande des Wahnsinns, schaut er auf die Wiederholung. Bald aber beruhigt er sich wieder, und mit ihm beruhigt sich das Spiel, bis es zu stehen scheint. Nach 20 Minuten nur noch eine Masse aus Körpern. Als würden die Spieler die Zeit, von der sie ausreichend haben, mit jedem Pass in die Länge ziehen. Es ist eine Aufführung, die erstmal unglaublich weit weg ist von den Sehgewohnheiten der Moderne, dem Gegenpressing der Gegenwart. Im Mittelfeld Spaziergänge (Beckenbauer), im Strafraum wilde Kämpfe (Müller und Seeler).

Dann bekommt Vogts den Ball an die Brust. Und die Mannschaften stehen sich fremd gegenüber. Lauern, tasten sich ab. Zwei Duellanten, die erst noch feststellen müssen, mit welchen Waffen der jeweils andere gekommen ist.

Dann bekommt Vogts den Ball ins Gesicht. Aber es bleibt eine Partie ohne große Höhepunkte, erstarrt im Gleichgewicht zweier Kräfte, die sich ihre Kräfte einzuteilen scheinen, im scheinbar einvernehmlichen Verzicht auf Körperlichkeit. Und damit auch ein Zeitdokument, ein Stillleben der Umstände, eine Begegnung am Beginn der 70er-Jahre, diesem Jahrzehnt, das sich zuerst über Ästhetik und nicht über Effizienz definiert hat, über Eleganz und nicht über Kraft. Die Bewegungen der Italiener, aufreizend und maßgeschneidert, erzählen davon. Beckenbauers Pässe, jeder einzelne mit dem Außenrist gespielt, ebenfalls.

Es ist diese völlige Abwesenheit jeder Anstrengung, in der mir vor allem die Spieler selbst fremd bleiben. Ich leide nicht mit ihnen, ich fühle nichts. Sie sind auch jetzt, so kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit, lediglich Namen aus einer entfernten Vergangenheit. Schwarze Nummern, auf die ich nicht setzen würde.

Lange Bälle von Müller, Schüsse von Overath mit der Pike. Unverständliche Seitenwechsel.

Ihr Auftritt auch ein Verrat an den Möglichkeiten, an dem Echo, das sie erzeugen. Eine große Enttäuschung. Als würde man in der Zeit zurückreisen, ins New York der 70er-Jahre, ins Atelier von Andy Warhol, um ihm, dem großen Künstler, einmal bei der Arbeit zuzuschauen, und dann ertappt man ihn dabei, wie er Strichmännchen malt. Mit Buntstiften. Nach Zahlen.

So ist es ein Spiel, das in der Andeutung stattfindet, noch nicht zu Ende gedacht wurde. Eine Skizze nur. Und ein Jahrhundertspiel zudem, das sich tatsächlich so anfühlt, als würde es auch hundert Jahre lang dauern.

Dann zeigt die Kamera Schnellinger, dessen Name im Angesicht der Geschwindigkeit des Spiels, langsam wie Hohn klingt.

Dann fällt Vogts im Strafraum.

Dann schießt Grabowski über die Latte.

Dann ist Halbzeit.

Applausi, sagt er Kommentator. Immerhin.

Die Italiener führen, die Deutschen laufen rechts aus dem Bild. Und es gibt weder eine Analyse noch eine Werbung, nur einen Schwenk, einen Schnitt dazwischen vielleicht, und schon geht es weiter. Ganz so, als hätten wir, die Spieler auf dem Rasen, ich hier im Wohnzimmer, plötzlich keine Zeit mehr zu verlieren.

Dann beklagt Seeler ein Ziehen, doch der Schiedsrichter schweigt.

Dann kommt Libuda. Und vielleicht wissen die Italiener nicht um seine besondere Beziehung zu Gott, und vielleicht unterschätzen sie die Macht dieses Fingerzeigs, aber nun entgleitet ihnen diese Partie, während die Deutschen ausgerechnet im Chaos ihre Ordnung finden, als würden sie sich erst jetzt den ihnen zugeschriebenenTugenden bewusst werden.

Denn urplötzlich, aus dem tatsächlichen Nichts derTrägheit, ändert sich die Stimmung, verschieben sich die Verhältnisse auf dem Platz. Zuerst kaum merklich, dann immer sichtbarer. Und so ist etwa eine Stunde gespielt, als noch mal etwas Anderes losgeht und die Deutschen in ihre Erzählung hineinwachsen. Sie beginnen hier nun, mit jedem neuen Angriff, jeder Flanke und jedem Lauf, an ihrer eigenen Legende zu stricken. An diesem Stoff, den sie später als Mantel des Schweigens über die ersten 60 Minuten legen werden.

Dann trifft Overath nur die Latte.

Und Schnellinger spendet Trost.

Und Berti Vogts ist längst nicht mehr Abräumer, ist Flankenläufer jetzt. Ein Terrier, der sein Terrain, das ihm angestammte Revier, verlassen hat, um seiner Mannschaft zu helfen. In diesemTurnier trägt er die Sieben, die Nummer der Künstler, und er trägt sie in diesen Minuten zurecht. Stürmt, wild entschlossen. Doch die Deutschen treffen nicht. Es sind Szenen, die ineinanderlaufen. Es sind Bilder, die sich über Bilder legen. Ein verwaschenes Mosaik aus Erinnerungen.

Held schießt, aber der Ball wird von der Linie gekratzt.

Seeler fällt, aber den erlösenden Pfiff gibt es nicht.

Müller dreht sich hinein in den Gegner, aber noch nicht am Gegner vorbei.

Während den Deutschen erst Riva und dann auch die Zeit davonläuft.

Das Stadion aber, 102.444 Zuschauer, scheint den Atem anzuhalten, weil doch noch etwas in der der Luft liegt. Die Möglichkeit, dass uns noch etwas bevorsteht, dass dieses Ding hier noch nicht vorbei ist.

Und mit einem Mal merke ich, dass auch ich aufgestanden bin, es mich ebenfalls nicht mehr hält. Merke also, dass sich etwas verändert hat, mir diese Auswahl fremder Männer in dieser zweiten Hälfte, im Sturmlauf der Hoffnungen, in ihrer ehrlichen Aufgabe jeder Zurückhaltung, überraschend nahegekommen ist. Das hier ist jetzt auch meine Mannschaft, ich zittere mit ihr, ich peitsche sie nach vorne, allein vor dem Empfänger, in einer weit entfernten Nacht. Seeler, Grabowski, Müller.

Da, bitteschön, muss doch noch was gehen.

Dann schießt Libuda über das Tor.

Und aus Zuversicht wird Verzweiflung, obwohl ich doch weiß, dass dies hier noch längst nicht das Ende ist. Und es kündigt sich an. Der Ball, die Spieler, das alles läuft auf etwas hinaus. Hier ist nun, im Wissen der Rückschau, eine fast greifbare Zwangsläufigkeit entstanden.

Libuda, der an der Seitenlinie tanzt.

Held, der ins Straucheln gerät.

Seeler mit dem Rücken zumTor.

Sie drängen auf den Ausgleich oder zumindest auf Gerechtigkeit.

Dann zögert der Ball auf der Linie.

Dann beginnt die Nachspielzeit.

Und wenn ich den italienischen Fetzen trauen kann, sind nur noch Sekunden zu spielen. 20, vielleicht. 40, wenn überhaupt. Egal. Noch einmal kommen die Deutschen, meine Deutschen natürlich, rennen an, unermüdlich. Ein Einwurf, eine Flanke, eine Minute Nachspielzeit. Der Ball ist bei Maier, dann außen bei Held. Wieder Einwurf, Herztropfenstimmung.

Dann flankt Grabowski.

Und Schnellinger, ganz allein vor Albertosi, springt in den Ball.

Das Tor, der Wahnsinn.

Schnellinger, erleichtert in den Armen des Kaisers.

Dann klärt Vogts.

Dann pfeift der Schiedsrichter.

Verlängerung. 

Und so beginnt dieses Spiel nun, um kurz vor Eins in der Nacht, tatsächlich noch einmal von vorne. Als hätte jemand, womöglich der Fußballgott selbst, die Uhren auf null gestellt. Die Deutschen, sie scheinen nun auch die Zeit auf ihrer Seite zu haben, und die Italiener stehen daneben, ungläubig, vom späten Ausgleich gezeichnet. Waidwunde Athleten, verloren im Dickicht der Nachspielzeit, beide Flanken offen. Und Müller, der den Instinkt dafür hat, diesen Riecher des Torjägers, wittert seine Chance und trifft unmittelbar, 95 Minuten gespielt.

Doch die Deutschen sind müde von den Kilometern zuvor, und die Italiener, die auch 42 Jahre vor Balotelli keine Gnade kennen, brauchen ihrerseits nur vier Minuten, um zurückzuschlagen. Burgnich, kalt in der Hitze, stellt das Spiel auf den Kopf.

Hier, im Kontrollverlust und in der Erschöpfung, hat nun ein Spektakel begonnen, in dem selbst das nächste Tor, Riva in der 104. Minute, noch nichts entscheidet.

Denn dieses Duell ist spätestens jetzt genau das, was es ganz am Anfang schon sein wollte. Ein Grund, mitten in der Nacht wach zu bleiben. Ein Kampf zweier zukünftiger Weltmeister, ein Schlagabtausch ohne Deckung. Zwischen zwei Kontrahenten, die längst zu müde sind, um noch zu tänzeln, und mit letzter Kraft austeilen, dieTreffer dafür umso härter. Es sind Antworten, die auf Antworten folgen. Bis sich keine Frage mehr stellt. Und Beckenbauer trägt den Arm eng am Körper verbunden. Gezeichnet, auch das ein Bild dieses Spiels. Der Kaiser als Schmerzensmann.

Und immer, wenn der Kommentator Boninsegna beschwört, wird es gefährlich. Dann springt Sepp Maier ins Bild und auf den Ball, schmeißt sich hinein in die Angriffe der Italiener, als wollte er eine Ente mit bloßen Händen fangen, und begräbt die Spannung für Sekunden unter sich.

Und ich beginne zu begreifen, wieso dieses Spiel die Jahrzehnte überdauern konnte. Ganz klar, wer in dieser Nacht wirklich dabei war, konnte das danach nicht mehr vergessen, er war Zeuge geworden und musste die Szenen am nächstenTag, beim Bäcker, in der Amtsstube, auf dem Bürgersteig vor dem Kiosk, gleich nochmal nachspielen. Welle um Welle. Angriff um Angriff, die Entfesselung der Künstler. Dann trifft Müller. Findet die letzte Lücke in einer blauen Mauer. Doch in den Jubel hinein fällt Rivera die Entscheidung. Im Gegenzug, was natürlich, in seiner ganzen Kälte und Humorlosigkeit, eine durch und durch italienische Erfindung ist.

Das 4:3 der Italiener ist das letzte Wort an diesem Abend, es lässt auch mich sprachlos zurück. Obwohl ich mich so kurz vor einem Ende, das jeder kennt, genau damit nicht abfinden möchte und in mir noch die verwegene Hoffnung keimt, dass die Wirklichkeit hier nun doch eine Abzweigung nehmen, sich unter dem Druck der Deutschen krümmen könnte, zu einem Weg, der ins Finale führt. Mit einem dritten Treffer von Müller, einer letzten Anstrengung des Schicksals.

Stattdessen aber nur und immer wieder: Die Arme von Albertosi, der Kopf von Bertini, die Füße von Riva. Der Abpfiff. Vorbei. Und die Italiener liegen am Boden, übermannt. Und die Deutschen stehen daneben, vom Ergebnis geschlagen. Mir aber hilft in diesen Sekunden der Rückblick in die Zukunft, diese Draufsicht des Spätgeborenen. Weil ich, anders als Beckenbauer und Müller, genau weiß, wie es weitergehen wird. Weil ich weiß, dass das Ende dieses Turniers für diese deutsche Mannschaft auch der Anfang von etwas Anderem ist. In Mexiko-Stadt hat den Deutschen ein Tor gefehlt. EinTor von Gerd Müller. 1972 in Brüssel gegen die UdSSR wird er zwei schießen, 1974 in München gegen die Holländer noch eines dazu.

Und so ist diese Niederlage, in der nächtlichen Überhöhung, auch eine, aus der selbst die Geschlagenen als Gewinner hervorgehen. Sie hatten schließlich alles gegeben, das gab es nicht oft. Und vielleicht liegt darin die Faszination, die ganze Essenz dieses Spiels.

100 Jahre in 120 Minuten.