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Das Tor zur Hölle


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G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 26.08.2022

1916—1918

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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 3/2022

Verlustreicher Vormarsch Die Briten nehmen 1915 die französische Stadt Neuve- Chapelle ein. Ein Jahr später wird Tolkien für sein Land in Nordfrankreich im Einsatz sein

Die Sonne ist über Bouzincourt noch nicht aufgegangen, als die Nacht abrupt für J. R. R. Tolkien endet. Gewaltige Explosionen reißen ihn in den frühen Stunden des 4. Juli 1916 aus dem Schlaf. Ein deutsches Geschütz feuert auf das französische Bauerndorf, in dem sein Bataillon das Lager aufgeschlagen hat. Erstmals gerät der britische Offizier unter Beschuss. Aber keines der Häuser oder Zelte und keine der Scheunen, in denen seine Kameraden ein wenig Ruhe finden wollten, wird getroffen. Seit drei Tagen läuft die Schlacht an der Somme, das größte Gemetzel im Ersten Weltkrieg. Bislang musste Tolkiens Einheit nicht kämpfen, sie gehört zur Reserve.

Aber nun, mit dem Artilleriebeschuss, ist der Krieg ganz nah gekommen. Am 5. Juli müssen die Lancashire Fusiliers, zu denen Tolkien als Fernmeldeoffizier gehört, Bouzincourt verlassen. Sie ziehen in den Kampf. Lediglich einige Einheiten, die nicht ...

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... unmittelbar fürs Gefecht gebraucht werden, bleiben zurück. Dazu zählen auch die Nachrichtenspezialisten um Tolkien. Seine Kameraden hingegen rücken ins feindliche Gebiet vor.

Tolkien will sein Sprachtalent für sein Vaterland einsetzen

Während viele seiner Kommilitonen und ehemaligen Mitschüler sich im Sommer 1914 freiwillig gemeldet haben als der Erste Weltkrieg begann, hat Tolkien zunächst sein Studium beenden wollen (siehe vorheriger Beitrag ab Seite 20). So bleibt ihm Zeit sich zu überlegen, was er beim Militär machen will. Er hatte sich schon als Schüler für Codes interessiert und sich selbst welche ausgedacht.

Als er nach seinem Studium der Sprachen 1915 zur Armee muss, will er Offizier bei den Fernmeldern werden. Diese Aufgabe hat gleich mehrere Vorteile. Die Ausbildung erscheint ihm interessant, er würde dabei viel lernen und könnte seine Begabung für Sprachen seinem Land zur Verfügung stellen. Außerdem sind Fernmelder meist nicht ganz vorn im Krieg dabei, sie stürmen eher selten feindliche Stellungen, sondern sorgen dafür, dass Befehle und Meldungen übermittelt werden. Tolkien kommt zu den 11th Lancashire Fusiliers und landet tatsächlich bei der Nachrichteneinheit.

Verlorene Ausrüstung, kalte Nächte: Für Tolkien beginnen harte Monate

Ende 1915 beschäftigt sich Tolkien mit kryptoanalytischen Übungen, lernt das Winkelalphabet, Karten zu lesen und wie man Morse-Codes mit Lichtsignalen übermitteln kann. Neben dem Feldtelefon, Brieftauben und Raketen waren Signale mit Scheinwerfern die wichtigste Kommunikationsmethode der Fernmelder.

Im Januar 1916 wird Tolkien 24 Jahre alt. Zu feiern ist ihm kaum zumute. Seine drei besten Freunde sind innerhalb von nur sieben Wochen in den Krieg gezogen. In dem Sammelband »Oxford Poetry 1915« erscheint zwar sein Gedicht »Goblin Feet«, erstmals kann ein größeres Publikum eines seiner Werke lesen. Doch Tolkiens Durchbruch ist das nicht. Ein Kritiker stellt fest, der Band enthalte keinen neuen Pope oder Tennyson, zwei einflussreiche Autoren. Tolkiens literarische Kraft verkennt der Kritiker.

Der 24-jährige Offizier ist intensiv auf seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg vorbereitet worden. Bevor er an die Front kommt, heiratet Tolkien seine Jugendliebe Edith am 22. März 1916 (siehe vorherigen Beitrag ab Seite 20). Sie haben Zeit für kurze Flitterwochen, dann muss er zu einem weiteren Lehrgang aufbrechen. Keine drei Wochen nach der Hochzeit beginnt für Tolkien dann eine gefährliche Zeit. »Am späten Sonntagnachmittag, dem 4. Juni 1916, zog Tolkien in den Krieg«, schreibt John Garth in seinem Buch »Tolkien und der Erste Weltkrieg«, einem Bericht über die prägenden Jahre des Literaten (siehe Lesetipp). Und weiter: »Er ging davon aus, ihn nicht zu überleben.« Tolkien hält später fest, dass damals Nachwuchsoffiziere in jeder Minute zu Dutzenden starben. Der Abschied von seiner Frau fühlt sich für ihn an wie der Tod.

Für Tolkien beginnen harte Monate. Seine teure Ausrüstung, bezahlt von seinem wenigen Geld, geht bereits auf dem Weg nach Frankreich verloren. Mühsam organisiert er sich einen Schlafsack und ein Feldbett. Denn die Nächte im Zelt sind kalt. Wo er eingesetzt ist, das darf er seiner Edith eigentlich nicht verraten, solche Angaben unterliegen der militärischen Geheimhaltung. Doch wozu hat Tolkien so viel über Codes und sichere Nachrichtenübermittlung gelernt? Er hat ein System mit Punkt-Codes entwickelt, mit dem er die Zensur umgeht und seiner Frau seinen Standort übermitteln kann. Edith verfolgt so in diesen Wochen mithilfe von Karten, wo ihr Ehemann sich aufhält.

Zunächst wird er wochenlang mit seiner neuen Einheit in Étaples gedrillt, für den Kampf um Schützengräben an der erstarrten Front in Frankreich vorbereitet. Auf einem sandigen Platz ziehen sie ins Manöver. Oft kehren die Soldaten abends – von weißem Staub bedeckt – zurück in ihr Lager, vorbei an Krankenhäusern und einem Militärfriedhof mit Tausenden weißen Holzkreuzen. Tolkien prägt sich dieses unheimliche Bild ein, die Gefühle dieser Zeit von Angst und Hoffnung, und lässt diese Eindrücke und Emotionen später in sein Werk einfließen.

Er wusste, worüber er schrieb, wenn er später gewaltige Schlachten zwischen Elben und Orks ersann oder seine literarischen Helden durch feindliche Gebiete voller Gefahren schickte.

Mit einfachen Soldaten kommt er besser klar als mit seinen Offizierskameraden Am 27. Juni verlässt Tolkiens Einheit endlich Étaples, besteigt einen Zug und fährt nach Osten in Richtung Front. In Amiens endet die Reise auf Schienen, von dort geht es zu Fuß weiter nach Rubempré, das gut 30 Kilometer von den deutschen Stellungen entfernt liegt.

Während Tolkien mit den meisten seiner Offizierskameraden nicht warm wird, kommt er mit den einfachen Mannschaftsdienstgraden gut aus. Er schätzt die Loyalität der früheren Arbeiter, die nun zu seinem Bataillon gehören.

Vor allem die Burschen, Soldaten, die den Offizieren bei alltäglichen Dingen helfen, beeindrucken ihn. Die Charakterstudien, die er an der Front betreibt, dürften viele Jahre später einen großen Einfluss gehabt haben, als Tolkien die Figuren für »Der Hobbit« und für »Der Herr der Ringe« entwarf. Die einfachen, tapferen und warmherzigen Soldaten in Tolkiens Einheit könnten Vorbilder sein für den gutmütigen Sam, den Begleiter des Hobbits Frodo durch das düstere, apokalyptische Land Mordor.

Tagelang stehen die Männer der Lancashire Fusiliers in ständiger Kampfbereitschaft. Am 3. Juli bekommen sie endlich ein Ziel vorgegeben: Bouzincourt, das Dorf, das gut fünf Kilometer hinter der Front liegt und in dem sie einen Tag später beschossen werden. In der Abenddämmerung brechen Tolkien und seine Kameraden auf. Unterwegs marschieren sie an schier endlosen Kolonnen britischer Soldaten vorbei, die zurück aus der Schlacht kommen, sie wirken gebrochen.

In den folgenden Wochen, während die Somme-Schlacht weitergeht, sieht Tolkien schreckliche Bilder. Immer wieder muss sein Bataillon in die Todeszone vorrücken, die in Reichweite der deutschen Granaten liegt. »Jenseits der grauen Anhöhe lag das Niemandsland, und dort lagen noch die Leichen von Männern, die am 1. Juli gefallen waren«, beschreibt John Garth in seinem Buch die Szenerie. »Zu ihrer Rechten schimmerte ein riesiger weißer Krater.« Der Autor riecht den Gestank verwesender Leichen und sieht Kameraden leiden. Diese Eindrücke wird Tolkien später auch literarisch verarbeiten, Schlachten und verwüstete Landschaft finden sich unter anderem im »Herrn der Ringe« wieder.

»1918 waren alle meine engen Freunde mit nur einer Ausnahme tot«

J.R.R. Tolkien

Während viele von Tolkiens Kameraden im Krieg sterben, hat er Glück, schwer zu erkranken. Mit »Grabenfieber« kommt er ins Lazarett. Am 27. Oktober 1916 hat er fast 40 Grad Fieber. Ein Ambulanzzug bringt den Offizier aus der Gefahrenzone. Weil sein Zustand sich nicht bessert, kommt er schließlich nach England und kann endlich seine Frau Edith wiedersehen. Sie sagt zu ihm, dass es besser sei, im Krankenbett in England zu liegen als im Graben in Frankreich.

Im Militärkrankenhaus schreibt Tolkien seine ersten Einfälle zu Mittelerde nieder

»In gewisser Weise rettet ihm das Grabenfieber vermutlich sein Leben, denn die meisten seiner Freunde und Kommilitonen überlebten den Ersten Weltkrieg nicht«, stellt die Deutsche Tolkien Gesellschaft auf ihrer Homepage in einer aufwendigen Chronologie der Kriegsjahre fest. Aus seiner Schule sterben 243 junge Männer, aus seinem College 141.

Im Militärkrankenhaus schreibt Tolkien seine ersten Einfälle zu Mittelerde nieder, die Welt, in der »Der Herr der Ringe« spielt. Er baut seine erfundenen Elfensprachen weiter aus, und er legt die Grundsteine für sein erfolgreiches Werk. Während seine Ärzte versuchen, ihn wieder fit für die Front zu machen, wird der Autor das erste Mal Vater. Drei weitere Kinder werden 1920, 1924 und 1929 folgen.

Nach Frankreich oder an einen anderen der zahlreichen Kriegsschauplätze muss er nicht mehr. Es geht Tolkien weiterhin nicht gut, die Gelenke schmerzen, das Fieber kommt immer wieder. Also kommt der Fernmeldeoffizier zu Einheiten, die im Falle einer Invasion die Küste verteidigen sollen. 1918, noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, darf er eine Stelle als Assistenzlexikograf beim New English Dictionary in Oxford beginnen.

Der Erste Weltkrieg prägt ihn. Oft muss er an die Freunde denken, die in Frankreich gefallen sind, ebenso oft umgibt ihn eine tiefe Traurigkeit. Während der langen Tage und Nächte in Unterständen und Schützengräben hat er viel nachgedacht über sein Werk. Jetzt bringt er seine Geschichten zu Papier. Dazu hatte ihn einer seiner engsten Freunde, der selbst dichtete, aber nie eine Zeile veröffentlichte, in einem seiner letzten Briefe ermutigt.

Tolkien lässt seiner Fantasie nun ihren Lauf. Später besteht er darauf, dass es keine Parallelen zwischen den deutschen Feinden und den Orks und Goblins in seinen Büchern gebe: »Ich hegte nie derartige Vorurteile gegenüber den Deutschen. Mir ist solches Denken zuwider.« Was er allerdings aus dem Weltkrieg in sein Werk übernahm, ist ein epischer Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkelheit.

MEDIENTIPPS

John Garth: »Tolkien und der Erste Weltkrieg«. Klett-Cotta 2020, € 23,–

Umfassende Informationen über Tolkiens Leben und seine Werke bietet die Website der Deutschen Tolkien Gesellschaft → www.tolkiengesellschaft.de