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DEN SCHNULLER VERABSCHIEDEN: ADE, MEIN NUCKEL!


ÖKO-TEST Ratgeber Kinder und Familie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2018 vom 13.09.2018

Nach dem zweiten Geburtstag von Schnullerkindern wächst bei vielen Eltern das schlechte Gewissen: Eigentlich müsste der Nuckel jetzt weg. Aber er oder sie braucht ihn doch noch. Oder?


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Foto: Liderina/getty images

ERSTER SCHRITT: DAS SCHLECHTE GEWISSEN ABSCHALTEN

Sie beschneiden Ihr Kind nicht in einem Grundbedürfnis, wenn Sie den Abschied vom Schnuller einläuten! Säuglinge haben ein echtes Saugbedürfnis. Manchen genügt das Saugen beim Trinken schon voll und ganz. Andere brauchen zusätzlich noch den Schnuller, um sich zu beruhigen und Stress abzubauen. Solchen Babys keinen Schnuller zu genehmigen wäre hart. ...

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... Bei einem zwei- oder dreijährigen Kind ist es etwas ganz anderes. Die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege in Hessen, Dr. Andrea Thumeyer, hat in ihrer Praxis in Wiesbaden schon zahlreiche Kinder und vor allem deren Eltern bei der Schnullerentwöhnung begleitet. Ihre wichtigste Botschaft dabei: „Aus dem Säugling wird ein Kauling. Je mehr die Kinder kauen lernen, desto mehr wird das Saugbedürfnis durch das Kaubedürfnis abgelöst.” Deshalb, so Thumeyer, kann man schon im zweiten Lebensjahr damit beginnen, das Schnullern „auszuschleichen” und parallel das Kauen zu fördern.

WAS SIND KONKRET DIE PROBLEME BEIM SPÄTEN ABSCHNULLERN?

Der Schnuller ist immer ein Fremdkörper im Mund. Laut Dr. Thumeyer kommt es durch das Schnullern auch schon bei Säuglingen normalerweise immer zu Verformungen im Kiefer. Aber die seien nur vorübergehend: „Wenn die Entwöhnung innerhalb des noch dafür offenen Zeitfensters erfolgt, heilen die Schäden in 95 Prozent der Fälle spontan aus.” Wann der richtige Zeitpunkt sei, darüber würden sich die Experten noch streiten. Viele empfehlen den dritten Geburtstag als spätesten Termin für den Abschied vom Nuckel. Professor Paul-Georg Jost-Brinkmann, Leiter des Arbeitsbereichs Kinderzahnmedizin an der Charité Berlin, sagt etwa: „Was bis zum vollendeten dritten Lebensjahr geschieht, ist weitgehend reversibel.”

Den Abschied erleichtern: In vielen Städten gibt es Schnullerbäume. Hier können die Kinder den geliebten Nuckel entweder selbst aufhängen oder in einen Briefkasten einwerfen.


Foto: imago/JOKER

Das Problem an Schnullern ist, dass sie die Zunge aus ihrer normalen Ruheposition oben am Gaumen verdrängen. Die Zunge weicht nach unten aus. Jost-Brinkmann erklärt: „Beim Saugen drücken die Wangen aber gegen die Zähne und weil die Zunge als Widerstand im Oberkiefer fehlt, bewegen sich die Zähne irgendwann auf den Schnuller zu.”

Neben Zahn- und Kieferfehlstellungen drohen noch andere Folgen. „Durch die Gewöhnung kann die Zunge auch nach der Schnullerzeit unten bleiben. Dann atmen die Kinder nicht mehr durch die Nase, sondern nur noch durch den Mund”, sagt Zahnärztin Thumeyer. Bei ständiger Mundatmung aber trockneten die Schleimhäute der Kinder aus. Dadurch komme es leichter zu Karies und Atemwegsinfekten, auch Mandelentzündungen. Die Expertin warnt: Kinder, die zu spät vom Schnuller entwöhnt worden sind, müssten zum Teil schon vor der Einschulung langwierige Behandlungen bei Kieferorthopäden und Logopäden durchlaufen.

EINE GUTE GESCHICHTE GEHÖRT ZUM ABSCHIED EINFACH DAZU

Wenn die Eltern sich für eine Strategie entscheiden und diese auch durchziehen, dauert die schwierige Abschiedsphase nicht jahrelang und noch nicht einmal mehrere Tage, erzählt Dr. Thumeyer aus der Erfahrung der von ihr betreuten Patienten. „Wenn die Eltern richtig entschlossen waren, gab es oft sogar nur an einem Tag Meckern, weniger Schreien oder Weinen wegen des Schnullers.” Manchmal könne es sinnvoll sein, vorher gemeinsam andere Entspannungstechniken für das Kind auszuprobieren. Wenn ein Zwei- oder Dreijähriger nuckelt, sei das „nur noch” eine Angewohnheit, so wie wenn ein Kind sich vor dem Einschlafen im Ohr pult.

Den Schnuller einfach sang- und klanglos abzuschaffen, empfiehlt sich dagegen nicht. „Wenn der Schnuller verschwindet, entsteht ein Vakuum”, sagt die Expertin. „Die Leerstelle muss gefüllt werden – materiell oder immateriell oder beides: sei es durch eine schöne Geschichte oder durch ein Geschenk, das die Schnullerfee bringt.” Eltern können sich aussuchen, welche Geschichte für das eigene Kind und die eigene Familie taugt. Die Geschichte von der Schnullerfee, die bei den „großen” Kindern die Schnuller einsammelt und sie armen kleinen Menschen- oder auch Tierkindern bringt, die sie dringend brauchen, lässt viele Kids über sich hinauswachsen. Am Schnullerbaum kann man den alten Freund noch mal besuchen gehen. Eine Patientin von Thumeyer gab kurzerhand sämtliche Schnuller zusammen mit den Getränken an der Sicherheitskontrolle im Flughafen ab und überzeugte ihr Kind damit sofort. Das ist nicht die Sache aller Eltern, aber der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

SCHNULLER NICHT BESCHÄDIGEN

Tipps zur Schnullerentwöhnung gibt es viele, doch manche können Kinder in Gefahr bringen. So kursiert in diversen Onlineforen die Empfehlung, einfach ein kleines Stück von der Spitze des Saugers abzuschneiden, weil dadurch das Sauggefühl beeinträchtigt werde. Anke Sachtleben, zuständige Projektmanagerin im DIN-Normenausschuss Sicherheitstechnische Grundsätze (NASG), hält nichts von diesem Vorschlag: „Dass man einen Schnuller zerstört, davon rate ich entschieden ab, gerade in Hinblick darauf, dass das Baby an Kleinstteilen ersticken könnte.” Sie verweist auf den Warnhinweis, der gemäß DIN EN 1400 in jeder Schnullerpackung zu finden sein muss: „Kontrollieren Sie den Schnuller vor jedem Gebrauch. Ziehen Sie den Schnuller in alle Richtungen. Werfen Sie ihn beim ersten Anzeichen von Beschädigungen oder Mängeln direkt weg.”

Kein Stress

„Das Schlimmste ist, wenn man in der Familie nur noch ein Thema hat, nämlich die Schnullerentwöhnung. Stress ist auf jeden Fall kontraproduktiv und zum Glück auch völlig unnötig.”

Foto: Fotofritzen

Die ZahnärztinDr. Andrea Thumeyer leitet fachliche Fortbildungen zur Mundgesundheitsförderung für Kleinkinder und dem Schnuller als „Kampfthema Nummer eins zwischen Eltern und Kind”.