Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 16 Min.

Der alte Schwung ist hin


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 9/2015 vom 18.09.2015

Mit dem Atomausstieg und dem Ausbau erneuerbarer Energien ist Deutschland zwar gut in die Energiewende gestartet. Inzwischen bremsen aber fragwürdige politische Entscheidungen und zahlreiche Einzelinteressen sie aus. Sind die Ziele in Gefahr?


Artikelbild für den Artikel "Der alte Schwung ist hin" aus der Ausgabe 9/2015 von ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: imago/Westend61

Eine „klimapolitische Bankrotterklärung“. Die Grünen waren sauer, als sich im Juni abzeichnete, dass Sigmar Gabriels geplante Kohleabgabe vom Tisch ist – und dass der SPD-Chef den Betreibern der Braunkohlekraftwerke stattdessen mächtig entgegenkommen würde. Doch auch die CDU bekam den grünen Ärger ab. „Angela Merkel ist Kohlekanzlerin“, ...

Weiterlesen
Artikel 2,09€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2015 von Liebe Leserinnen, liebe Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Titelbild der Ausgabe 9/2015 von Altbausanierung: Ganz normal geht auch. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Altbausanierung: Ganz normal geht auch
Titelbild der Ausgabe 9/2015 von Energieeffiziente Hauskonzepte: Ein Ziel, drei Wege. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Energieeffiziente Hauskonzepte: Ein Ziel, drei Wege
Titelbild der Ausgabe 9/2015 von Gebäudestandards: Mehr als heiße Luft?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gebäudestandards: Mehr als heiße Luft?
Titelbild der Ausgabe 9/2015 von Gesetze und Verordnungen: Pflichtenheft fürs Bauen und Sanieren. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gesetze und Verordnungen: Pflichtenheft fürs Bauen und Sanieren
Titelbild der Ausgabe 9/2015 von Geld vom Staat: Mehr Kredit, höhere Zuschüsse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geld vom Staat: Mehr Kredit, höhere Zuschüsse
Vorheriger Artikel
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Altbausanierung: Ganz normal geht auch
aus dieser Ausgabe

... schimpfte ein erboster Oliver Krischer, Vizefraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag.

Eigentlich hatte der Bundeswirtschaftsminister eine Sonderabgabe auf alte Kraftwerke geplant, die einen bestimmten CO2 -Freibetrag überschreiten. Damit wollte er den Klimaschutz vorantreiben. Doch kam Gabriel die Kohlelobby dazwischen. Unternehmen und Gewerkschaften argumentierten mit dem Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen. Eine Zahl, die das Umweltbundesamt stark anzweifelte: Die Angaben entbehrten jeder Grundlage, hört man von dort. Gabriel knickte dennoch ein. Sein Kompromiss: Die Energieunternehmen sollen zwischen 2017 und 2020 alte Braunkohle kraftwerke mit insgesamt 2,7 Gigawatt Leistung vom Netz nehmen, was in etwa der Kapazität fünf großer Meiler entspricht. Sie sollen als Notfallreserve dienen. Für die faktische Still legung werden die Unternehmen finanziell entschädigt: wohl mit Hunderten Millionen Euro. Sie müssen also keine Strafabgabe zahlen, sondern bekommen sogar noch Geld. Nur die alten Kraftwerke gehen vom Netz, andere laufen weiter, obwohl auch sie besonders emissions intensiv sind.

Alte Braunkohlekraftwerke, wie Neurath I des Konzerns RWE, bringen den Betreibern auch dann noch jede Menge Kohle, wenn sie stillgelegt werden.


Foto: imago/Hans-Günther Oed

Die Regierung geht jetzt davon aus, dass die CO2 -Emissionen durch den Kompromiss um elf Millionen Tonnen sinken werden, bei den Abgabeplänen ging es aber noch um doppelt so viel. Nicht nur die Umweltschützer sind enttäuscht; die entstehenden Mehrkosten treffen Steuerzahler wie auch Stromverbraucher.

Schon vor der kohlefreundlichen Entscheidung war mit Blick auf das Jahr 2020 Skepsis angebracht: Bis dahin sollen die deutschen CO2 -Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um 40 Prozent reduziert werden. Ein Ziel, das sich die Bundesregierung mit ihrem Energiekonzept gesetzt hat – und das Deutschland nach aktuellem Stand deutlich verfeh- len dürfte. Das räumt die Bundesregierung in ihrem Fortschrittsbericht selbst ein. Ende 2014 lag das Land verglichen mit 1990 erst bei einer CO2 -Reduktion von etwa 27 Prozent, in den Jahren zuvor waren die Emissionen angestiegen.


Das Klimaziel der Regierung gerät schwer ins Schwanken


Dem Aktionsprogramm Klimaschutz 2020, das die Regierung auf den Weg gebracht hat, fehlt es bislang an konkreten Aussagen. Sie kündigte zwar an, damit bis zu 78 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich einzusparen, unter anderem durch die Förderung energetischer Sanierungen und durch Einsparverordnungen für Kraftwerke. „Bislang sind die Maßnahmen jedoch noch relativ unbestimmt, da werden teilweise nur die Beiträge aufgelistet, die man sich an CO2 - Reduktionen vorstellt“, sagt Andreas Löschel, Professor für Mikroökonomik an der Uni Münster. Er ist Vorsitzender der Expertenkommission, die das Monitoring zur Energiewende begleitet. Zwar arbeiten die Wissenschaftler im Auftrag der Bundesregierung, sparen jedoch in ihrem aktuellen Bericht nicht mit Kritik. Wie die drohende Lücke geschlossen werden soll, sei konkret noch nicht absehbar, bemängelt Löschel. Ein Grund für steigende Treibhausgasemissionen: Weil die Stromproduktion mit Braunkohle wesentlich billiger als mit Gas ist, drängen die Braunkohlekraftwerke – aber auch die erneuerbaren Energien – die Gaskraftwerke vom Markt. Die waren allerdings ursprünglich dafür gedacht, die wetterabhängigen Flauten des Ökostroms aufzufangen, weil sie weniger CO2 abgeben als die Braunkohlekraftwerke und weil sie schnell hoch- und runtergefahren werden können.

Die Erklärung ist simpel: Steigt das Angebot oder sinkt die Nachfrage an der Strombörse, fällt der Preis, den die Stromhändler den Erzeugern zahlen. Kann ein Kraftwerk nicht mehr kostendeckend arbeiten, fährt der Erzeuger es eventuell herunter. Weil die Stromproduk tion mit Erdgas am teuersten ist, sind die Konsequenzen programmiert. Das stehe jedoch im „krassen Gegensatz zu einer Entwicklung, die der Energiesektor einschlagen muss“, warnen die Experten des Denk- und Politiklabors Agora-Energiewende. Zumal die deutschen Kohlekraftwerke nicht nur die heimischen Gaskraftwerke aus dem Markt drängen, sondern auch solche der Nachbarländer, in deren Netze der in Deutschland überproduzierte Strom fließt. Es gibt sogar Tage, an denen Deutschland so viel Strom produziert, dass der Preis an der Strombörse negativ wird: Die Erzeuger müssen dann draufzahlen, um ihn überhaupt loszuwerden. Bislang handelt es sich dabei nur um wenige Stunden im Jahr, zuletzt waren es jeweils um die 60, was weniger als ein Prozent ausmachte. Während sich die Verbraucher im Ausland über den günstigen Strom aus Deutschland freuen, ärgern sich die Versorger, die ihre Gaskraftwerke herunterfahren müssen, sowie die Netzbetreiber, weil ihre Netze überlastet sind. Zuletzt drohten Nachbarländer damit, den billigen deutschen Strom über Sperren zu blockieren. Für Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), liegt das Energiewendeparadox an einem „Fehler im Marktdesign“. Ein politisches Instrument hierfür wäre nach Meinung von Professor Andreas Löschel etwa eine CO2 -Steuer gewesen, die dafür gesorgt hätte, dass alte Kohle kraftwerke unwirtschaftlicher als neue Gaskraftwerke sind. Nicht aber der Braunkohlekompromiss.

Erdkabel im Pilotprojekt: Netzbetreiber Amperion will in Raesfeld (NRW) herausfinden, welche Auswirkungen der unterirdische Strom auf die landwirtschaftlichen Böden hat.


Foto: picture alliance/Roland Weihrauch


Paradox: Braunkohleersetzen Gaskraftwerke


Dabei hatte alles so gut angefangen: mit dem Ausstieg aus der Atomenergie, den die Bundesregierung kurz nach dem Reaktorunglück in Fukushima 2011 beschlossen hatte und an dem keiner mehr rütteln wird. Und mit dem Ausbau der Erneuerbaren, vor allem von Wind- und Solarenergie – beides mit überwiegender Zustimmung, Letzterer auch unter enormer Beteiligung der Bürger. Den Atomausstieg hatte die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder schon einmal in die Wege geleitet. 2010 allerdings war die Kehrtwende gefolgt:

Die Regierung unter Angela Merkel beschloss eine Laufzeitverlängerung. Bis der Schreck von Fukushima selbst den stursten Atomkraftbefürwortern in die Glieder fuhr: Merkel verkündete ein dreimonatiges Atommoratorium für die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke sowie für das Kernkraftwerk Krümmel.

Außerdem ordnete die Regierung eine Sicherheitsüberprüfung sämtlicher Atommeiler an. Schon wenig später stand das Aus der acht zwischenzeitig stillgelegten Kernkraftwerke fest – sowie ein stufenweiser Atomausstieg bis 2022. Neun Kraftwerke sollten folgen, das erste von ihnen ging im Juni vom Netz: das bayerische AKW Grafenrheinfeld.

Natürlich bleiben quälende Fragen, sie betreffen die Zwischenlagerung des radio aktiven Mülls, den Rückbau der Kraftwerke und erst recht die Suche nach dem Endlager. Wie und wo bringt der Staat die Reste unter, welche Technologie ist dafür die richtige? Wie überzeugen Politik und Industrie betroffene Bürger davon, dass das Endlager ausgerechnet „vor ihrer Haustür“ liegen soll? Und: Wer kommt dafür auf? Die Schätzungen für Endlagerkosten liegen bei mindestens 50 bis 70 Milliarden Euro, die Rückstellungen der Kraftwerksbetreiber nur bei rund 38 Milliarden.

Es gibt zudem Befürchtungen, dass mit dem Atomausstieg die Versorgungssicherheit schwinde. Denn insgesamt müssen rund 100 Terawattstunden Strom pro Jahr ersetzt werden. Im Juli hatte Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) im Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit betont: „Vor allem im süddeutschen Raum wird Strom in der ersten Hälfte der 2020er-Jahre knapp.“ Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung geht allerdings davon aus, „dass die Schließungen nicht zu Versorgungsengpässen führen werden“. Vielmehr sei zu erwarten, dass Deutschland auch im Jahr 2025 noch Strom exportieren wird. Was Minister Untersteller umtreibt, ist jedoch nicht die Sorge, ob Deutschland genug Strom produzieren kann – daran zweifeln die Experten momentan nicht. Es sind vielmehr die Zweifel daran, dass „bis 2020 die geplanten Stromautobahnen schon komplett fertig sind“. Schließlich muss Strom aus Windkraft von Norddeutschland in den Süden gebracht werden.

Zunächst zu den positiven Nachrichten: Der Stromverbrauch ist 2014 um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Agora-Energiewende vermeldet damit den stärksten Rückgang seit 1990, mit Ausnahme des Krisenjahrs 2009. Und das, obwohl die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent gewachsen ist.

Ob dies bedeutet, dass sich Wirtschaftswachstum und Stromverbrauch entkoppelt haben, bedarf jedoch eines differenzierteren Blickes: besonders in die Auftragsbücher der energieintensiven Unternehmen.

Weiterer Schritt: Der Stromverbrauch soll bis zum Jahr 2020 gegenüber 2008 um zehn Prozent sinken. Agora sieht die Energiewende hier „auf einem guten Weg“. Der Bruttostromverbrauch ist 2014 gegenüber 2008 bereits um 6,8 Prozent zurückgegangen. Die Prognose: „Hält dieser Trend an, wird die Bundesregierung das Energieeffizienzziel erreichen können.“ Auch die Treibhausgasemissionen sind zuletzt gesunken, was wohl am milden Winter und der stark gesunkenen Kohleverstromung, vor allem aus Steinkohle, lag.

Wie groß das Verantwortungsbewusstsein der Bürger für die Energiewende ist, darauf weist Fabian Zuber hin, der Geschäftsführer des Bündnisses Bürgerenergie, das sich als Vordenker der dezen tralen Energiewende versteht: „Bislang galt sie ja auch maßgeblich deswegen als großes Erfolgsprojekt, weil man die Bürger daran hat teilhaben lassen.“

Plötzlich war Energieerzeugung nicht mehr allein Sache der großen Versorger. Millionen Deutsche wurden zu Stromerzeugern und Wärmeproduzenten. Laut Greenpeace Energy, der Energiegenossenschaft der Umweltschutzorganisation, kommen Investitionen in erneuerbare Energien zu etwa 75 Prozent von Bürgern sowie kleinen und mittleren Unternehmen. Mehr als eine Million private Photovoltaikanlagen sind auf deutschen Dächern installiert, Ende 2014 gab es 24.867 Windenergieanlagen. An vielen dieser Windparks sind die Bürger beteiligt. Und: Ende des vergangenen Jahres gab es deutschlandweit 973 Energiegenossenschaften.

Solarenergie kommt schon von vielen Dächern – wie hier in einer Siedlung in Bottrop. Doch zuletzt wurde das angestrebte Ausbauziel nicht erreicht.


Foto: imago/Jochen Tack


Nach gutem Einstieg macht sich inzwischen Ernüchterung breit


2020 sollen 35 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien stammen, zehn Jahre später 50. Im vergangenen Jahr deckten erneuerbare Energien 27,3 Prozent des inländischen Stromverbrauchs. Nach Angaben von Agora-Energiewende lagen sie mit 25,8 Prozent erstmals auf Platz eins der deutschen Stromerzeugung und haben die erneuerbaren Energien die Braunkohle im Strommix vom ersten Rang verdrängt. Beim Verbrauch liegen sie, so die Einschätzung der Experten, „genau in der Mitte des Zielkorridors der Bundesregierung von 40 bis 45 Prozent bis 2025“. Dabei setzten sich die erneuerbaren Energien folgendermaßen zusammen: Die Stromerzeugung aus Windenergie hatte nach Berechnung der Arbeisgemeinschaft Energiebilanzen mit 57,3 Terawattstunden den größten Anteil, gefolgt von Bio-Masse mit 42,8 Terawattstunden und Solarenergie mit 35,1.

Der Ausbau der Solarenergie ist zuletzt aber weit weniger stark als bisher gewachsen. Grund dafür sind unter anderem die Reformen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), sinkende Einspeisevergütungen und reduzierte Gewinnmargen. Von Dezember 2013 bis November 2014 sind nach Angaben der Bundesnetzagentur Photovoltaikanlagen mit insgesamt 1.953 Megawatt neu errichtet worden. Somit war der Zubau im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 43 Prozent zurückgegangen, und die Anlagen blieben unter dem gesetzlich angestrebten Ausbaukorridor zwischen 2,4 und 2,6 Gigawatt.



Die Bürger sind Stromsparer, aber auch Energielieferanten


Die Ziele der Energiewende sehen Experten im Bereich Strom deswegen aber nicht gefährdet: auch, weil 2014 im Bereich Windkraft an Land ein Rekordjahr war. Und im ersten Halbjahr 2015 kam laut Bundesverband Windenergie bereits eine Windenergieleistung von netto rund 1.093 Megawatt hinzu. Das entspricht zwar einem Rückgang um rund ein Drittel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – ist aber das zweitbeste Halbjahr der Geschichte.

Und auch für Offshoreanlagen meldet der Verband, dass Ende des Jahres 2015 die Hälfte der bis 2020 geplanten 6.500 Megawatt erreicht würden. Für den schnellen Erfolg des Ausbaus hatte das Erneuerbare-Energien-Gesetz gesorgt, das im Jahr 2000 in Kraft getreten war. Deutschland finanziert den Ausbau über ein Umlagesystem: Wer Öko-Strom produziert, bekommt auf 20 Jahre eine gesetzlich garantierte Einspeisevergütung pro Kilowattstunde. Finanziert wird die EEG-Umlage über eine Abgabe der Stromkunden. Durch den rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien und dadurch, dass gewisse energieinten sive Unternehmen von der Umlage befreit sind, war sie stark angestiegen: von 0,19 Cent/kWh im Jahr 2000 auf 6,24 Cent/kWh 2014. Dabei hatte Angela Merkel im Juni 2011 angekündigt, dass die EEG-Umlage nicht über „ihre heutige Größenordnung hinaus steigen“ sollte – damals lag sie bei rund 3,5 Cent.

2015 ist die Umlage erstmals leicht gesunken, auf dem EEG-Konto hatte sich ein Überschuss von 1,4 Milliarden Euro angesammelt. Die Umlage beträgt nun 6,17 Cent/kWh, ein durchschnittlicher Haushalt spart dadurch allerdings nur wenige Euro im Jahr. Der Strompreis für den Endverbraucher hat sich seit 2000 fast verdoppelt – obwohl der Preis an der Strombörse gesunken ist. Erstmals im Jahr 2015 vermeldeten die Energieversorger für ihre Kunden wieder leichte Senkungen.

Dass die Förderung schrittweise zurückgehen würde, war beim EEG von Anfang an eingeplant, immerhin war sie vor allem als Starthilfe für die noch teuren Technologien gedacht. Die EEG-Novelle 2014 gibt nun unter anderem verbindliche Korridore für den weiteren Ausbau vor. Damit will die Bundesregierung die kostengünstigeren Technologien Wind an Land sowie Photovoltaik fördern und die Bio-Masse begrenzen.

Während das EEG lange Zeit als Erfolgsgarant galt, sorgen weitere Neuerungen gerade unter Befürwortern der dezentralen Energiewende für Ärger: etwa der Plan, beim Ausbau mit Auktionen zu arbeiten. Der Staat schreibt dabei eine bestimmte Strommenge an erneuerbaren Energien aus. Wer die Anlage bauen möchte, tritt in einer Auktion gegen die Konkurrenz an – und wer am wenigsten Förderung benötigt, bekommt den Zuschlag. „Investitionsrisiken, finanzielle und bürokratische Anforderungen sind für Bürgerenergieakteure systematisch schlecht zu schultern“, kritisiert deren Vertreter Fabian Zuber. Deshalb handelt es sich für ihn bei dieser Entscheidung um eine „starke Beeinträchtigung“. Sie werde die Energiewende aber nicht stoppen. Die Frage ist nur: „Wie stark verlangsamen Entscheidungen wie diese den Prozess?“

Deutlich langsamer als geplant dürfte der Netzausbau vorangehen. Da Windund Solarenergie wetterabhängig sind, ist ein Ausgleich nötig: über den Netzausbau, flexible Kraftwerke, über Lastmanagement und Speicher. Schon jetzt stoßen Trassen zeitweise an ihre Belastungsgrenzen.

Aber das sind keine akuten Probleme: Das Stromnetz arbeite trotz vieler Umwälzungen sehr stabil, wie die Bundesnetzagentur im August bekannt gegeben hat. Die Versorgungsunterbrechungen lagen demnach im vergangenen Jahr auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Erfassung 2006. Zurzeit rechnet die Bundesregierung nach Angaben der Bundesnetzagentur mit rund 2.750 Kilometern neuer Trassen, die durch die Energiewende nötig geworden sind. Zum Vergleich: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist das deutsche Höchstspannungsnetz rund 35.000 Kilometer lang, das Stromverteilernetz insgesamt (Nieder-, Mittel-, Hoch- und Höchstspannungsnetz) rund 1,7 Millionen Kilometer. Die Kostenschätzungen für die geplanten 2.750 Kilometer, liegen vorerst bei rund 20 Milliarden Euro. „Das ist günstiger als alle alternativen Maßnahmen, die für Versorgungssicherheit sorgen können“, sagt Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur. Die Ausbaukosten werden teilweise über die Netzentgelte finanziert und so auf den Stromkunden umgelegt. „Der Ausbau der großen Trassen wird aber über viele Jahre abgeschrieben“, so Wulff.

Das bayerische AKW Grafenrheinfeld ist gerade erst im Juni vom Netz gegangen. Die acht übrigen Meiler sollen stufenweise bis zum Jahr 2022 folgen.


Sonne und Wind sind die Symbole der Energiewende. Anders als bei der Solarenergie war für Windkraft 2014 ein Rekordjahr.


Dringend notwendig sind neue Leitungen – vor allem in Nord-Süd-Richtung, damit der überschüssige Windstrom aus dem Norden in den Süden gebracht werden kann, wo viele energieintensive Unternehmen sitzen. Doch gerade (aber nicht nur) in Bayern regt sich Widerstand – unterstützt von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Streitigkeiten verzögern die Verfahren, es gibt erbitterte Bürgerproteste und Diskussionen über Alternativvor schläge. Kommt es zu einer Klagewelle, kann dies den Netzausbau stark verzögern. Das Ausbauprojekt ist ambitioniert, räumt Fiete Wulff ein. „Aber es ist zu früh, um zu sagen, es sei gescheitert.“ Die eigentliche Bauzeit ist – verglichen mit der Planungszeit – kurz. Das bestätigt auch ein Sprecher des Netzbetreibers 50 Hertz. Da die Projekte sehr unterschiedlich sind, beispielsweise was den Widerstand oder die örtlichen Gegebenheiten angeht, ist es jedoch schwer, konkrete Zahlen zu nennen. Um es dennoch greifbarer zu machen: Bei acht bis zehn Jahren Planungszeit kann eine Bauzeit von rund zwei Jahren realistisch sein.


EEG: Solar gerät ins Hintertreffen, die Bio-Masse wurde gedeckelt


Wärmedämmung senkt den Energiebedarf. Der soll am Bau bis 2020 um 20 Prozent gesenkt werden. Geht’s weiter wie bisher, wird dieses Ziel nicht erreicht.


Foto: imago/McPHOTO

Wenn nicht alle Leitungen nach Plan fertig werden, bedeutet das nicht, dass die Stromversorgung zusammenbricht, sagt Fiete Wulff. „Stattdessen müssen die Netzbetreiber dann in höherem Umfang eingreifen.“ Jedoch hatten Medien im August vermeldet, dass Versorger immer mehr konventionelle Kraftwerke stilllegen wollen: zuletzt 57. Wegen der Energiewende sei ihr Betrieb nicht mehr rentabel.

Im Streit um die Ausbaupläne hatte unter anderem der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) kritisiert, dass manche Pläne den Eindruck erweckten, die Netze würden auch für Braunkohlestrom gebaut. Das bestreitet Wulf zwar. Klar sei aber, dass durch die Leitungen sämt licher Strom transportiert werde. Einzelne Streckenverläufe sind strittig, genau wie die Frage, ob wirklich alle geplanten Leitungen nötig sind.

„Wir sind grundsätzlich überzeugt, dass es den Um- und Ausbau braucht“, sagt Thorben Becker, Energieexperte beim BUND. „Aber wir haben Zweifel, ob er in den geplanten Gimensionen erforderlich ist.“ „Wir hinken mit notwendigen Infrastrukturmaßnahmen hinterher“, bedauert Sascha Müller-Kraenner von der Deutschen Umwelthilfe. Mit den jüngsten Entscheidungen aber habe die Politik diesbezüglich die Weichen in die richtige Richtung gestellt: Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und CSU-Chef Horst Seehofer beschlossen unter anderem, bestehende Trassen beim Bau der Nord-Süd-Leitungen stärker zu nutzen als bislang geplant. Zudem sollen Erdkabel verlegt werden. Dabei handelt es sich allerdings um eine wesentlich teurere Alternative zu den ursprünglich geplanten Freileitungen. Außer dem ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Verlauf mancher Trassen noch einmal ändert – und es so zu weiteren Verzögerungen kommt.

Doch es sind nicht nur die großen Stromautobahnen: Die Dezentralität der Energiewende, die vielen kleinen Anlagen machen in einigen Regionen zusätzlich den Ausbau teurerer Verteilernetze notwendig: Die Studie Moderne Verteilernetze für Deutschland, die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellt worden war, ging im September 2014 davon aus, dass acht Prozent der 500.000 Niederspannungsnetze und 39 Prozent der 4.500 Mittelspannungsnetze vom konventionellen Ausbaubedarf betroffen sind. In dem Szenario müssen 131.000 Kilometer Leitungslänge und 48.000 Megavoltampere Transformatorenkapazität bis zum Jahr 2032 zusätzlich gebaut werden. Die Forscher gehen dabei von einem Investitionsbedarf von 23,2 Milliarden Euro aus – und davon, dass dadurch in Nord- und Ostdeutschland die Netzentgelte in der Niederspannung um rund 17 Prozent steigen. Süddeutschland mit zehn Prozent und Westdeutschland mit vier Prozent sind davon weniger stark betroffen. Die Bundesnetzagentur gibt auf Nachfrage keine offiziellen Schätzungen für den Ausbau des Verteilernetzes heraus.

Ausgleich sollen auch Energiespeicher wie Batterie-, Pump- oder Druckluftspeicher schaffen. Anna Grevé, Leiterin der Ideenfabrik Think Tank Energy am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, hat mit ihrer Forschungsgruppe 400 Studien zum Thema untersucht. Zurzeit kommt der deutsche Energiemarkt zwar noch weitgehend ohne Speicher aus, der Ausgleichsbedarf aber wächst. Die Studien gehen zudem von zusätzlichem Kapazitätsbedarf aus. Jedoch variieren die Erwartungen immens: für 2020 je nach Studie zwischen 3 und 30 Gigawatt, für 2030 zwischen 13 und 50 Gigawatt. Anna Grevé hält Speicher für „einen wichtigen Baustein der Energiewende, sicherlich aber nicht für das Allheilmittel“.

Denn: „Der Windüberschuss im Norden lässt sich durch einen Speicher natürlich nicht abbauen. Aber eine Regelleistung kann ich wiederum nur mit einem Speicher anbieten.“ Dabei geht es darum, Schwankungen im Stromnetz innerhalb kürzester Zeit auszugleichen. Viele Speichertechnologien sind noch jung, ihr Einsatz noch nicht wirtschaftlich, die Effizienz ausbaufähig. Glaubt man den Experten von Agora-Energiewende, haben die Tüftler, die sich mit Energiespeichern beschäftigen, noch etwas Zeit: denn sie gehen davon aus, dass „die Energiewende nicht auf Speicher warten muss“. Bis zu einem Anteil von 60 Prozent erneuerbaren Energien stünden ausreichend andere Flexibilitätstechnologien zur Verfügung.



Speicher werden zu weiteren wichtigen Bausteinen der Energiewende


Viel drängender sind positive Entwicklungen bei den beiden großen Sorgenkindern der Energiewende: der Wärme und dem Verkehr. Rund die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland fällt im Bereich Wärme an, Experten zählen etwa 30 Prozent zum Verkehrssektor.

Mit einer Gesetzesnovelle will die Regierung deshalb die effiziente Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) stärker fördern, also Blockheizkraftwerke, die nicht nur Strom erzeugen, sondern auch die Wärme, die dabei entsteht, verwerten. Dem BUND genügt der Entwurf jedoch nicht: „Das große Potenzial der Kraft-Wärme-Kopplung für den Klima schutz wird verschenkt.“ Denn kleinere dezentrale KWK-Anlagen werden nicht ausreichend gefördert und die Eigenstromnutzung aus KWK wird nicht mehr angeschoben, sondern zusätzlich durch die EEG-Umlage belastet: „Was hier als KWK-Förderung verkauft wird, ist letztlich eine Behinderung des KWK-Ausbaus“, heißt es in der BUND-Stellungnahme.

Der unabhängige Experte Joachim Nitsch kritisiert darüber hinaus, dass nach wie vor wirtschaftliche Anreize zur Gebäudesanierung fehlen. Auch die Bundesregierung räumt in ihrem Monitoringbericht ein, dass in diesem Bereich etwas passieren muss. Bis 2020 soll der Wärmebedarf im Vergleich zu 2008 um 20 Prozent gesenkt werden: „Dafür ist eine deutliche Erhöhung der Sanierungsrate erforderlich.“ Das Vorhaben, steuerliche Anreize zu schaffen, war zwar immer wieder im Gespräch, scheiterte bislang aber daran, dass Bund und Länder sich nicht über die Aufteilung der Steuerausfälle einigen konnten. „Es gibt eine große Verunsicherung der Verbraucher, ob die energetische Sanierung sinnvoll ist“, beobachtet DUH-Geschäftsführer Müller-Kraenner. Er fordert klare Richtlinien für die Finanzierung sowie eine unabhängige Beratung und eine verlässliche Zertifizierung von Dämmstoffen. Das Münchener Forschungsinstitut für Wärmeschutz betont in einer Studie die enormen Energieeinspar potenziale von Wärmedämmung: Demnach gehen über die Hauswände der Wohnhäuser in Deutschland fast 130 Terawattstunden im Jahr verloren (Stand: 2014). „Davon könnten fast 100 Terawattstunden allein mittels fachge- rechter Dämmung eingespart werden.“ Nach Meinung der Forscher können die Klimaschutzziele der Bundesregierung zur Reduzierung des Primärenergiebedarfs im Gebäude bereich nur mit einer Sanierungs quote von mindestens 2,5 Prozent erreicht werden. Sie liege jedoch bei nur 0,8 bis 1 Prozent.

Unter Strom: Elektroautos werden nicht nur zum Fahren geladen, sie stehen auch als Speicher zur Verfügung. Noch tummeln sich aber erst 19.000 auf deutschen Straßen.


Foto: imago/Klaus Martin Höfer

Außerdem fehlen den Bürgern Anreize, auf alternative Wärmequellen wie Solarthermie oder Wärmepumpen umzusatteln, so lange die Öl- und Gaspreise verhältnismäßig niedrig sind. „Hier wäre es wichtig, bei den Förderprogrammen nachzubessern oder Heizöl und Gas steuerlich zu belasten“, fordert Joachim Nitsch. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Verbrauch zum Heizen und Kühlen von Gebäuden inklusive Warmwasser lag 2014 erst bei 9,9 Prozent. Bis 2020 soll er auf 14 Prozent steigen. Noch nachdenklicher stimmt der Stillstand bei der Verkehrswende: Gerade einmal knapp 5,5 Prozent der Fahrzeuge wurden 2013 mit regenerativen Energien betrieben, nur knapp 19.000 Elektroautos sind nach Angaben des Statistikportals Statista gegenwärtig unterwegs. Elektroautos sind noch teuer, ihre Reichweite zu klein, die Anreize beim Neukauf zu gering. Und auch Bio-Kraftstoffe scheinen deutschen Autofahrern bislang wenig attraktiv. Dabei denkt Alexander Knebel, Sprecher der Agentur für Erneuerbare Energien, sogar schon so weit, dass Elektrofahrzeuge ebenfalls als notwendiger Ausgleich dienen könnten, wenn sie überschüssigen Strom aus den Netzen aufnehmen.

Schwer wiegt die Automobilindustrie als Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber – aber auch der Deutschen Liebe zum Automobil. „Wir haben nicht den Mut, neue Verkehrskonzepte zu entwickeln“, bedauert Nitsch. Statt Gigaliner auf die Straße zu schicken, müsste der Güterverkehr stärker auf die Schiene und aufs Wasser verlagert werden. Jeder einzelne sollte häufiger aufs Fahrrad und den Zug umsteigen. Auch ein Tempolimit, meint Nitsch, könnte zur CO2 -Reduktion beitragen.

Jeder einzelne Punkt verdeutlicht: Die Energiewende ist ein komplexes gesamtgesellschaftliches Projekt, das ständig neu justiert werden muss. Eines, das von vielen Faktoren abhängt, die einander beeinflussen. „Wenn man so ein langfristiges Projekt angeht, weiß man noch nicht, wo der Zug hinfährt“, sagt Dr. Gerd Rosenkranz von Agora-Energiewende. „Die Politik nicht – und auch sonst niemand.“ Für ihn ist es keine Überraschung, dass ständig neue Fragen aufkommen, es Streitereien und Verzögerungen gibt. „Das ist Demokratie“, betont er.

Doch hat sich in diesem Sommer auch einmal mehr gezeigt, welche Macht Industrie und Gewerkschaften haben, wie schwer Partikularinteressen wiegen: Mit Entschlüssen wie dem Braunkohlekompromiss gefährden die Verantwortlichen aber nicht zuletzt die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung. Dabei war von Anfang an klar, dass die Energiewende genau damit steht und fällt. „Ein Windpark wird von der Gemeinde eher akzeptiert, wenn die Wertschöpfung vor Ort bleibt“, nennt Fabian Zuber vom Bündnis Bürgerenergie nur ein Beispiel. Bürgerbeteiligung ist deshalb wichtig und wünschenswert.

Sowohl, wenn es darum geht, die Energiewende mit einzelnen Projekten anzutreiben, als auch, wenn es um teilweise berech tigte Sorgen über geplante Baumaßnahmen geht. Trotz der ärgerlichen Entwicklungen ist die Energiewende für Fabian Zuber weiterhin „das wahrscheinlich beste und größte Klimaprojekt der Welt“. Und auch Sascha Müller-Kraenner (DUH) betont: „Die Energiewende ist gesellschaftlicher Konsens geworden: Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie. Und darum, wer die Rechnung zahlt.“ Auch bei den Kosten ist ein Umdenken erforderlich, mahnt Joachim Nitsch: Ein Großteil davon sind Investitionen in den Klimaschutz. Deshalb wäre es wohl der Höhepunkt an Unfug, jetzt auf halbem Weg wieder zu stoppen. Um es mal ganz salopp auszusprechen: Irgendwann muss man auch mal fertig machen, was man über zig Jahre angeschoben hat. Die Energiewende ist schließlich kein Berliner Flughafen.


Die ewigen Sorgenkinder bleiben Wärme und Verkehr