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Der steinerne Fluss


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Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 07.12.2022

LOS ANGELES KALIFORNIEN

Artikelbild für den Artikel "Der steinerne Fluss" aus der Ausgabe 1/2023 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
6 Nahe Downtown Los Angeles Der Fluss lockte die ersten Siedler in die Region, nun ist er zwischen hohe Betonmauern verbannt. Die sollen Leib, Leben und Immobilien der Anrainer beschützen.

Die Zahlen bei den Fotos sind in der Karte auf Seite 87 verzeichnet – dort, wo die jeweilige Aufnahme entstanden ist.

Schauplatz Los Angeles

Der Los Angeles River durchzieht eine Metropole der Extreme: Im Stadtgebiet leben 10 Millionen Menschen, im Ballungsraum, der größer ist als das Burgenland, rund 18 Millionen Menschen. Auf jeden Einwohner kommen im Durchschnitt 1,6 Autos. Öffentliche Verkehrsmittel sind seit den 1950er-Jahren rar. Damals kauften der Autohersteller General Motors und der Reifenproduzent Firestone das Straßenbahnnetz der Stadt – und legten es still.

Die Stadt ist von Erdbeben bedroht, auch deshalb gibt es nur wenige Hochhäuser, und die stehen in Downtown L. A. Tatsächlich aber hat Los Angeles kein wirkliches Zentrum, es ist eine Stadt, die aus vielen in sich recht homogenen, untereinander aber höchst unterschiedlichen Teilen zusammengewachsen ...

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... ist. Wesentliche Industriezweige sind Rüstung und Raumfahrt und natürlich die Filmindustrie.

Wichtig für den 82 Kilometer kurzen Fluss: Pro Jahr und Quadratmeter fallen hier nur 350 Millimeter Niederschlag – und das fast ausschließlich im Winter. Zum Vergleich: In Wien fallen im Durchschnitt 650 Millimeter Niederschlag pro Jahr.

ERST ALS DER MANN IM FÜHRERSTAND DAS FUNKGERÄT IN DIE HAND NIMMT und kaum hörbar um Anweisungen bittet, wird einem klar, dass er die Situation gänzlich anders wahrnimmt als man selbst. Ebenso wie seine drei Dutzend Fahrgäste, die einen durch die Fenster des Pendlerzugs anstarren. Es sind müde, abgekämpfte Gesichter in allen Schattierungen: ein wenig weiß, viel braun, keines schwarz – die Farben der nördlichen Vororte –, aber der unvermittelte Halt hat mit einem Schlag Leben in ihre Mienen gebracht.

Auch wenn der Tod – wie jeder weiß, der mit offenen Augen durch den Zehn-Millionen-Moloch wandert – hier stets gegenwärtiger ist als anderswo: Es passiert nicht alle Tage, dass sich ein Lebensmüder vor den Zug schmeißt, der einen nach Hause bringt. Aber was sonst macht einer hier im mit trockenem Busch, Beton und Abgasen durchseuchten Niemandsland zwischen Northeast und Downtown Los Angeles, über dem sich die Freeways unter dem allabendlichen Feierabendverkehr biegen? Die Möglichkeit, dass er lediglich einen Spaziergang macht, scheint allzu abwegig. Nur die rechtzeitige Erkenntnis, dass die Situation langsam zu eskalieren droht, wenn man nicht selber die Initiative ergreift, rettet sie am Ende. „Ich bin okay. Keine Angst. Ich tu nichts. Ich gehe nur den Fluss entlang.“ Der Lokführer traut der Sache immer noch nicht, nur zögerlich nimmt er wieder Fahrt auf. Als der letzte Waggon vorbeigeholpert ist, bleibt vor allem die Erinnerung an die Gesichter der Fahrgäste, aus denen kaum wahrnehmbar, aber doch mehr als alles andere ein Gefühl sprach: Enttäuschung.

So seltsam es angesichts seiner heutigen Beschaffenheit klingt, hat sich in der jahrtausendealten Geschichte des Los Angeles River im 21. Jahrhundert zumindest eines durchgesetzt, und mutmaßlich wird das für immer so bleiben: sein Name.

Wer derlei für eine Selbstverständlichkeit hält, hat weder den Südwesten der USA im Allgemeinen noch Kalifornien und Los Angeles im Besonderen verstanden. Bevor die Spanier kamen und die Californias ab Mitte des 16. Jahrhunderts nach und nach für sich in Beschlag nahmen (Alta California bildet den heutigen US-Bundesstaat, Baja California ist Teil Mexikos), beherbergten diese eine der höchsten Dichten an Ureinwohnern auf dem gesamten Kontinent.

Für ein Volk, das heute praktisch vergessen ist, bildete der Los Angeles River bis dahin die Lebensgrundlage. Die Tongva, die ursprünglich aus dem benachbarten Nevada stammten, ließen sich vor rund 3.500 Jahren an diesem Flecken Erde nieder. Ihre Siedlungen konzentrierten sich dort, wo es für sie am sinnvollsten war: in unmittelbarer Nähe des Flusses, der sich quer durch das Becken zwischen den San Gabriel Mountains und dem Pazifik zog und den Jägern und Sammlern das ganze Jahr über alles gab, was sie zum Überleben brauchten.

Als die spanischen Kolonisten kamen, taten sie es den Tongva zunächst gleich. Ihre erste Siedlung, Pueblo de Nuestra Señora la Reina de Los Ángeles, entstand 1781 an den Gestaden des Los Angeles River. Bis 1900 bildete er die wichtigste Wasserquelle für die neue Stadt, die sich zuerst in überschaubarem Rahmen und ganz langsam, dann aber plötzlich und immer schneller zur Boomtown auszuwachsen begann. Aber selbst in den ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts hätte niemand, der auch nur halbwegs bei Trost war, zu prophezeien gewagt, dass der Fluss – ohne den Los Angeles vielleicht für immer jenes Dorf am Rand der westlichen Welt geblieben wäre, das es lange war – das erste Opfer auf dem Weg zur globalen Metropolis werden würde.

Heute gilt die Ecke Bassett Street und Owensmouth Avenue als Ursprung des Flusses. Die vierspurige Autobrücke ist die erste von über zwei Dutzend, die sich über den 82 Kilometer langen Flusslauf verteilen. Der erst jüngst eröffnete Gehweg, der die ersten paar Flusskilometer begleitet, streckt sich entlang des von Menschenhand generierten Zusammenflusses zweier Rinnsale namens Bell Creek und Arroyo Calabasas. Wie um den Kontrast zwischen dem, was die Ureinwohner einst als Beginn des Flusses definierten, und dem Punkt, an dem der heutige Los Angeles River beginnt, noch zu verstärken, gibt das zur Kanalisierung des Wassers verwendete Material die Tonlage vor; jenes Material, das sich erbarmungslos von hier bis Long Beach ziehen wird, wo der Fluss schließlich in den Pazifischen Ozean mündet.

Die Masse an Beton, die das U. S. Army Corps of Engineers ab Ende der Dreißigerjahre einsetzte, um den Strom ein für allemal zu bändigen, stellt immer noch fast alles in den Schatten, was seinerzeit wie heute für vergleichbare Mega-Projekte überall auf der Welt aufgewendet wurde und wird. Als man die Arbeiten knapp über zwei Jahrzehnte später abschloss, hatten zwei Generationen an Soldaten, Arbeitern und Freiwilligen mehr als 1,2 Millionen Tonnen Stahlbeton verbaut. Das Motiv für diesen Aufwand epischen Ausmaßes war ein uramerikanisches. Einerseits der Schutz von Menschenleben – aber auch, seit der Gründung des Landes 160 Jahre zuvor traditionell noch wichtiger: der von Eigentum und Kapital.

Waren die Ureinwohner wie die frühen Kolonialisten noch darauf bedacht gewesen, zwischen dem Fluss und ihren Häusern einen Respektabstand zu wahren und sich nur dort anzusiedeln, wo die Gefahr von Überflutungen gering war, verschwendeten die hunderttausenden Neuankömmlinge, die die Bevölkerungsexplosion von Los Angeles und seiner Satellitenstädte in den Zehner-, Zwanziger- und Dreißigerjahren verantworteten, daran nicht auch nur einen Gedanken. Wiewohl der Los Angeles River buchstäblich seit Jahrtausenden für seine Fähigkeit bekannt war, sich während der kalten Jahreszeit binnen weniger Stunden von einem Rinnsal zu einem reißenden Strom auszuwachsen, ignorierten sie beständig alle Warnungen.

Große Filme mit Schauplatz Fluss

→ To Live and Die in LA (1985) Zwei FBI-Agenten entkommen in den Kanälen ihren Verfolgern. Motto: Hier kennt sich keiner aus.

→ Terminator 2 (1991) Arnold Schwarzenegger brettert am Motorrad durch das Gerinne des Bell Creek, bis es für seinen Verfolger im Lkw zu eng wird. Wir sehen: Auch Zuflüsse sind fotogen.

→ Drive (2012) Ein Gangster kutschiert seine hübsche Nachbarin durchs Flussbett. Er wird die Zeit mit ihr als die beste seines Lebens bezeichnen. Wir lernen: Romantik blüht auch im Beton.

Im Lauf der Zeit bauten sie ihre Häuser immer näher an seine Ufer heran. So lange und so nahe, bis es irgendwann nur mehr eine Frage der Zeit war, bis die Katastrophe eintreten würde. Ende Februar 1938 war es so weit.

Nachdem es in den San Gabriel Mountains an einem einzigen Tag mehr geregnet hatte als sonst im ganzen Jahr und vier weitere Tage nicht mehr auf hörte, trat der Los Angeles River über seine Ufer und riss alles mit, was ihm im Weg stand. Von Echo Park im Nordosten über Compton im Südwesten bis zur Küste: Alles stand unter Wasser. Mindestens 100 Menschen starben. Als der Regen endlich auf hörte, lag die Zahl der zerstörten Häuser bei mehr als 1.500.

Was dem Unglück jene Art von Publicity bescherte, die Politiker nach Hilfe aus Washington, D.C., und nach dem Einsatz des Militärs schreien ließ, war jene Industrie, die Los Angeles zu diesem Zeitpunkt längst über die Grenzen Amerikas hinaus berühmt gemacht hatte. Laut der „L.A. Times“ waren während der Flut „so viele Filmstars auf ihren Ranches im Valley und anderswo gestrandet, dass die im Biltmore Hotel in der Innenstadt geplante Oscar-Verleihung um eine Woche verschoben werden musste“.

Wiewohl die überwältigende Mehrheit der Toten und Verletzten keine Filmleute waren und sich die materiellen Schäden der noch jungen Filmstudios in Grenzen hielten, bekamen die lokalen Politiker Angst, dass der Los Angeles River die erblühende Industrie – der erste Tonfilm, „The Jazz Singer“, war erst knapp ein Jahrzehnt zuvor entstanden – ernsthaft gefährden könnte.

Den Rest erledigte die Bundesregierung, angeführt von Präsident Franklin Delano Roosevelt. Dem Demokraten, der mit seinem „New Deal“ als erstes US-Staatsoberhaupt eine sozialdemokratische Beschäftigungspolitik nach europäischem Modell forcierte, um sein Land aus der Großen Depression herauszuholen, kam das Projekt, den Fluss mit gigantischem Aufwand buchstäblich einzumauern, mehr als gelegen. Während das United States Army Corps of Engineers die Planung erledigte, gesellten sich zu den Soldaten abertausende Arbeiter, die sich im Rahmen der neuen öffentlichen Beschäftigungsprogramme umgehend an die Arbeit machten. Wer heute den ersten Abschnitt des Los Angeles River entlangwandert, der sich von Canoga Park bis Burbank erstreckt, bekommt eine Ahnung von der Knochenbrecherarbeit, die diese Leute verrichteten.

Und dann schloss sich der Kreis: Schnell erfasste Hollywood die poetische Qualität des Flusses als einzigartiges Monument westlichen Zivilisationsverfalls und machte den steinernen Fluss zur Filmkulisse.

Dabei sind es, wie sich im Laufe des Spaziergangs am Ufer herausstellt, bei weitem nicht nur die Angehörigen der südkalifornischen Obdachlosenarmee, die seinen Lauf zu Hunderten bevölkern. Wenn einem entlang des Los Angeles River Menschen begegnen, die nicht dort leben, sondern ebenfalls einfach nur den Strom entlanggehen, fällt das Ritual stets gleich aus. Man wahrt Respektabstand und tastet sich aus den Augenwinkeln ab. Stellt man fest, dass vom anderen keine Gefahr ausgeht, nickt man sich im Moment des aneinander Vorbeigehens stumm zu; ein wenig so, wie sich Nachbarn grüßen, die in derselben Straße wohnen und jeden Morgen zur gleichen Zeit in die Arbeit fahren, aber vom anderen nicht einmal den Vornamen wissen.

Wenn man auf seiner Wanderung meilenweit keiner Menschenseele begegnet, wie es mit Ausnahme der heute nahezu durchgentrifizierten Glendale Narrows – dem einzigen Abschnitt des Los Angeles River, in der ihm ein naturnahes Bett erhalten geblieben ist – die Regel ist, sind es entsprechend nicht die Menschen, sondern einzig die Brücken, die einem Orientierung und Halt geben. Immer wenn man glaubt, dass man vereinsamen oder verloren gehen könnte, ist da die nächste Überführung, und mit jeder weiteren treten in der Ferne die Umrisse von Hochhäusern, Containerdepots und Docks deutlicher hervor, die von der Erlösung von der Einsamkeit künden.

Fast jede Brücke ist für Autos gebaut, die spärlichen Eisenbahn- und Fußgängerquerungen aber erinnern einen daran, dass man selbst hier, in einer Stadt, in der die Leute, wenn sie Wege erklären, von den Nummern der Freeways sprechen, auch ohne Führerschein eine Existenzberechtigung hat. Gleichzeitig dienen die Brücken als ständiges Memento, dass man auch hier dem Moloch nicht entkommt, so entrückt und abstrakt er auch scheinen mag; und, vielleicht am wichtigsten, erinnern sie an die Sinnhaftigkeit dieses bizarren Gebildes, das vordergründig besehen nichts zu bieten hat als sich selbst.

Sosehr sich seine Erscheinungsform im Laufe seiner Geschichte auch gewandelt haben mag, hat der Los Angeles River den einen, ihn kennzeichnenden Charakter bis heute nicht verloren: Er ist und bleibt ein Fluss der Extreme. Auch nach der Zäsur im Jahr 1938 ist die Gleichung dieselbe geblieben. Wenn es in den San Gabriel Mountains regnet, stürzt das Wasser, aus dem er sich speist, nahezu ungebremst zu Tal. Die Zuflüsse des Los Angeles River, allen voran der Arroyo Seco, pumpen ihn binnen kürzester Zeit mit Wassermassen voll, die er ohne Hilfe des Betons niemals halten könnte. Es ist dieser Mechanismus, der die Sinnhaftigkeit jeglicher Vollrenaturierung des Flusses – von der Naturliebhaber heute träumen – als das enttarnt, was sie immer war: eine Illusion.

Für sie, deren erster Reflex, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, das Zücken ihrer Smartphone-Kamera darstellt, ist es undenkbar, sich der steinernen Poesie dieses Ortes mit Muße auszusetzen.

Was aus all dem werden soll?

Auch wenn die Vorschläge für die Revitalisierung des Los Angeles River heute zahlreicher aus dem Boden sprießen denn je – engagiert vorgetragen von der nach eigenen Angaben bis zu zehntausend Mitglieder starken NGO „Friends of the Los Angeles River“ über die führenden Landschaftsgestalter der lokalen Eliteuniversitäten bis hin zu Stararchitekt Frank Gehry –, hat sich an seiner Rezeption bis heute in Wahrheit wenig geändert. Vielleicht wirken die Debatten über seine Zukunft für die durchschnittlichen Einwohner der Stadt aber auch deshalb so akademisch-entrückt, weil dabei meistens gar nicht die Rede vom Fluss an sich ist, sondern von dem, was an seinen Ufern liegt.

Mit Ausnahme der Forderungen nach einer nachhaltigen Begrünung seines Laufs, die angesichts seiner Funktion als Instrument der Flutkontrolle nur äußerst bedingt Sinn ergeben, scheint selbst durch die unschuldigst wirkenden Argumente für seine Behübschung zuvorderst eines durch: die Interessen der Immobilienlobby, gestern wie heute die mächtigste im Bundesstaat Kalifornien. Für sie stellen sämtliche Maßnahmen, die zu einer Abmilderung des Images des Flusses als Niemandsort für Niemandsleute führen, vor allem anderen eines dar: eine Geschäftsgelegenheit, die sie auf keinen Fall verpassen wollen.

Wie das konkret aussieht, lässt sich am besten in den Glendale Narrows betrachten, an deren Ufern sich die jungen bis mittelalterlichen schick Wohlstandsverwahrlosten von Los Angeles ihren Avocado-Toast und ihren Latte macchiato schmecken lassen. Hinter den schmucken kleinen Parks, von denen die meisten erst im vergangenen Jahrzehnt entstanden sind und die sich hinter beiden Ufern des Flusses finden, reihen sich zwischen Los Feliz und dem Elysian Valley heute normierte Coffee-Shops an normierte Restaurants und normierte Second-Hand-Läden, die normierten „Bio“-Kaffee, normiertes „organisches“ Essen und normierte „hippe“ Kleidung an Leute verkaufen, die mit dem beständigen Konsum Nämlicher krampfhaft die Illusion eines Individualismus aufrechterhalten wollen, den sie weder denken noch leben können oder wollen.

Wenn sich diese Leute an den Fluss verirren, gehen sie selbst in den Narrows nicht zu Fuß, sondern fahren mit dem Rad. Für sie, deren erster Reflex, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, das Zücken ihrer Smartphone-Kamera darstellt, ist es undenkbar, sich der steinernen Poesie dieses Ortes mit Muße auszusetzen, weshalb sie ihn nur im Vorbeifahren – also mit einer gewissen Geschwindigkeit – ertragen. Verweilen? Viel zu gefährlich.

Aber vielleicht ist das auch ganz gut so, weil sie mit ihrer Feigheit am Ende des Tages den Fluss denjenigen überlassen, die ihn für das schätzen, was er ist und wie er ist – ein in Beton gegossenes Manifest der menschlichen Vorstellungskraft, einfach, rau, grobschlächtig, brutal; eine steinerne, formvollendete Abgründigkeit, die einem nur eines erlaubt: bedingungslose Verehrung.

L. A.