Lesezeit ca. 12 Min.
arrow_back

Der Sturm trug Blu Infinito, der Lichtbildkünstler Kalkweiß


Logo von ramp
ramp - epaper ⋅ Ausgabe 57/2022 vom 05.05.2022

Für die einen ist es die größte Freude, in einen Maserati MC20 steigen und ihn in Italien fahren zu dürfen.

Für die anderen eher nicht.

Der MC20 wartete vollgetankt auf dem Kunstrasen vor dem Showroom des Maserati Werkes in der Viale Ciro Menotti in Modena. Schon allein sein Blau haute mich um. Blu Infinito, wie die Italiener sagen. Blauer als blau. Es ist das Blau eines Swimmingpools in den Hügeln oberhalb von Malibu, aber nur für ein paar Minuten am Tag, wenn die Sonne gerade über dem Pazifik untergegangen ist und nichts mehr glitzert. Aus der Farbe tauchte die Form des Maseratis empor wie die einzig richtige Lösung: So und nicht anders hat ein Mittelmotor- Zweisitzer unserer Tage auszusehen: gieriges Maul, erhöhte Radkästen, massiges Hinterteil, Flyline-Silhouette. Ein Kunstwerk von einem Supersportwagen, exzeptionell, da legst dich nieder! Erschaffen von einer mythengeschwängerten Marke, die ...

Artikelbild für den Artikel "Der Sturm trug Blu Infinito, der Lichtbildkünstler Kalkweiß" aus der Ausgabe 57/2022 von ramp. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ramp, Ausgabe 57/2022

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ramp. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 57/2022 von Geht’s noch?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geht’s noch?
Titelbild der Ausgabe 57/2022 von Contributors. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Contributors
Titelbild der Ausgabe 57/2022 von … UNTERWEGS …. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… UNTERWEGS …
Titelbild der Ausgabe 57/2022 von Countdown. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Countdown
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Geht’s noch?
Vorheriger Artikel
Geht’s noch?
Geht ab
Nächster Artikel
Geht ab
Mehr Lesetipps

... Autos schon baute, als Enzo Ferrari noch in der Nase bohrte und gerade mit dem Stimmbruch durch war.

Ich war nicht allein nach Modena gereist. Der großartige Fotograf Oliver Gast begleitete mich. Neben Autos – wie an diesem Tag – und allerhand Sonstigem lichtet er mit Vorliebe stark geschminkte Frauen in lasziven Posen ab – oder wenn sie mit ihren Fingern in cremigen Desserts stochern. Ich verstehe nicht viel davon, aber für mich sind das Arbeiten, die bei der Art Basel ausgestellt sein könnten, für sagen wir eine Million Dollar pro Kunstwerk. »Eine Million ist gar nicht so arg, er sollte mit dem Preis nach oben gehen«, hörte ich in meiner Fantasie das kundige Publikum fachsimpeln. Oliver und ich hatten schon öfter zusammen das Vergnügen. Aber es ist lange her, dass er mein Beifahrer war – ein denkwürdiger Sommertag im Jahre 2006: Ich testete in Andalusien den BMW Z4. Das Coupé erfrischte mein Herz. Hemmungslos trieb ich es zwischen Olivenhainen die Serpentinen hinauf und hinunter. Olivers kalkweißen Teint (damals kannte ich ihn erst ganz kurz) führte ich fälschlicherweise auf seine Bochumer Herkunft zurück. Wer aus der Mitte des Ruhrpotts kommt, dachte ich, kann gar nicht anders aussehen, Herbert Grönemeyer ist ja auch die Bleichsucht in Person. Plötzlich eine Schafherde mit Jungtieren mitten auf der Straße, ausgangs einer schnellen, unübersichtlichen Kurve. Erster Gedanke: wird eng. Zweiter Gedanke: Lammragout à la Bayerische Motoren Werke oder rechts in die Wildnis abbiegen? Der tierliebende Fahrer entschied sich für Zweiteres. Wir pflügten durch den Schotter und über ausgetrocknetes Gestrüpp. Ich hörte Oliver noch »Ich kann nicht mehr!« wehklagen,

So und nicht anders hat ein Mittelmotor-Zweisitzer unserer Tage auszusehen: gieriges Maul, erhöhte Radkästen, massiges Hinterteil, Flyline-Silhouette.

als der Wagen in einer tiefen Mulde zusammengestaucht wurde, dann ein klein wenig abhob und nach der Landung k. o. ging – Bruch der Vorderachse. Von Lappalien wie einem abgerissenen Auspuff oder zwei kaputten Felgen reden wir jetzt nicht. Die Schafe, die nicht wissen konnten, wie nah sie ihrer Abberufung vom irdischen Schauplatz gewesen waren, blökten unbeeindruckt. Oliver aber taumelte aus dem Auto und spie wie ein Reiher. Ich reichte ihm ein Taschentuch. Er nahm es und sagte zum Dank: »Mit Dir fahr ich nie wieder!«

Aber auch für Oliver Gast gilt ein Zitat Voltaires: »Heute behaupte ich etwas, morgen zweifle ich daran, übermorgen leugne ich es, und jeden Tag kann ich mich irren.« So ließen wir die Scherentüren des Maseratis hochschwingen, krochen in die mit dunklem Leder, Alcantara und Kohlefaser ausgestattete Höhlung und glitten in die Sitze. Platzangebot und Kopffreiheit setzten uns in Erstaunen, gefühlsmäßig hätten wir uns sogar noch Cowboyhüte aufsetzen können. Der MC20 ist zweifellos das ideale Weihnachtsgeschenk für den klaustrophobisch veranlagten Tempobolzer. Die 210.000 Euro sollten nicht das Problem sein, oder was meinen Sie, liebe Mütter, Ehefrauen und Lebensgefährtinnen? Was mich aber störte im Cockpit war dieser Querbalken von einem Bildschirm, Touch-Infotainment genannt. Versorgt mich mit allem, was ich nicht brauche in einem Straßenrenner: Smartphone-Kopplung, WLAN- Hotspot, Alexa und weiß der Kuckuck. Was sollte ich hier von Alexa wollen – »Alexa, sei so gut, spiel die gute Fee für mich und mach, dass ich in diesem Maserati den bestehenden Rundenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife für Serienfahrzeuge pulverisiere bis in alle Ewigkeit«? Unwahrscheinlich. Am liebsten hätte ich den Bildschirm abmontiert und aus dem Fenster geschmissen. Fairerweise muss man sagen, dass es Menschen geben soll, deren Denken neuzeitlicher ausgerichtet ist.

Es ist das Blau eines Swimmingpools in den Hügeln oberhalb von Malibu, aber nur für ein paar Minuten am Tag, wenn die Sonne gerade über dem Pazifik untergegangen ist und nichts mehr glitzert.

Maserati MC20

Bei Standgas grummelt der MC20 wie der Magen des Mondbären. Oder hört man falsch? Könnte es nicht genauso gut ein heraufziehendes Gewitter sein?

Nachdem er sich angegurtet hatte, fragte Oliver mich: »Es wird aber nicht wieder so ausarten wie damals in Spanien?« Ich antwortete unklar: »Das kannst Du Dir selbst ausrechnen. Schau, der BMW Z4 hatte mickrige 265 PS – dieser hingegen (ich tätschelte das Lenkrad und schnalzte mit der Zunge) sechshundertdreißig! Und wie soll man wissen, ob nicht hinter irgendeiner Kurve wieder Schafe spazieren gehen? Betrachte es als eine neue Herausforderung, eine neue Aufgabe. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.« Und dann erzählte ich ihm die Geschichte eines französischen Fotografen, der ebenfalls an einer Aufgabe gewachsen war, damals in Le Mans, beim Sieg der Bentleys anno 2003. Thierry war sein Name. Gegen Mitternacht stand ich mit ihm auf dem Boxendach, das Rennen war zu diesem Zeitpunkt acht Stunden alt. Da sagte er völlig unvermittelt, er brauche jetzt seinen Schlaf und würde sich ins Hotel zurückziehen. Hatte ich schlecht gehört? Es handle sich um ein 24-Stunden-Rennen, redete ich auf ihn ein, er könne sich doch jetzt nicht einfach aufs Ohr hauen, das sei nicht der Deal gewesen, morgen nach der Zielflagge könne er so lange schlafen wie er wolle. Er blieb dabei, sein Schlaf sei ihm heilig, außerdem hätte ich Wichtigtuer ihm gar nichts zu sagen. Puh, was blieb mir denn jetzt noch übrig? Ich holte das Handy hervor, klingelte meinen Chefredakteur aus dem Bett und verpetzte diesen Vollpfosten: »Der Kerl will schlafen gehen!« Als ich dem Franzosen dann sagte, dass wir sein komplettes Honorar streichen würden, gab er klein bei. Allerdings meinte er, Deutsche und Österreicher seien immer noch stramme Nazis. Wieder griff ich nach meinem Handy und verpetzte ihn ein zweites Mal: »Er hat gesagt, wir seien stramme Nazis.« – »Lass ihn reden und ruf mich ja nicht mehr an!« Thierry, der nie wieder auch nur ein einziges Wort mit mir wechselte, verrichtete ohne Murren bis zum Ende des Rennens seinen Dienst.

Der MC20 (MC steht übrigens für Maserati Corsa, also Rennaffinität – die Zahl 20 für das Jahr bzw. Jahrzehnt des Aufbruchs) ist kein brüllender Wüterich. Das ist die erste Erkenntnis nach dem Starten des 3-Liter-V6-Twinturbos. Bei Standgas grummelt er wie der Magen des Mondbären. Oder hört man falsch? Könnte es nicht genauso gut ein heraufziehendes Gewitter sein, mit der Aussicht auf Sturm und Radau? Wir verließen die Stadt Richtung Süden (sehr kommod im GT-Modus), hatten nach einer halben Stunde die Ausläufer des Apennins erreicht, wo es auf schmalen, kurvigen und wenig frequentierten Straßen bis in die Toskana geht. Bald war der Gipfel des noch schneebedeckten Monte Cimone zum Greifen nah. Oliver wiegte sich in Sicherheit, er machte Landschaftsfotos aus dem offenen Fenster heraus und sprach in gutgläubigem Tonfall Sätze wie »Hier gibt es bestimmt auch ganz tolle Wanderwege«. »Mag schon sein«, sagte ich dann uninteressiert. Und wechselte von »GT« auf »Corsa«. Der Maserati spannte die Muskeln und veränderte dabei seinen Charakter wie der Seemann nach dem fünften Glas Rum. Mit rauer Kehle begehrte er auf gegen diese Touristenfahrt. Die Auspuff-klappen waren jetzt offen, die Dämpfer härter, das 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe auf schärferen Durchzug getrimmt. Ich fühlte den Sturm aufkommen und schaltete einen Gang zurück. Der Maserati wurde dadurch – wie der Gaul, der die Gerte spürt – nur noch hitziger. Mein Beifahrer roch den Braten, denn er legte seinen Fotoapparat in den Schoß und fixierte die Straße: »Vorsicht, da kommt uns einer entgegen!« – »Seh ich selber.« – »Pass auf, ein Radfahrer!« – »Seh ich selber.« Er schmiss die Nerven weg, obwohl ich immer noch fuhr wie ein altes Weib. Es war Zeit, ihm reinen Wein einzuschenken. Er müsse jetzt stark sein und sich zusammenreißen. Die Schonfrist sei vorüber. Ich würde den Ofen nun anheizen, wie es sich gehört. Und gleich würde hier ganz fürchterlich die Luft brennen. Wenn ihm die Magensäure hochkomme, solle er geschwind die Augen zumachen, dann würde es sofort wieder vergehen. Er solle mir ruhig vertrauen. Nur, wie gesagt, für Schafe aus heiterem Himmel könne ich nichts. Oliver wirkte gefasst. »Soll ich Dir was verraten?«, sagte er, »Ich habe diesen Job nur angenommen, weil sie mir in der Redaktion gesagt haben, Du seist eh nicht mehr der Alte, ein müder Bleifußkrieger in der Auslaufrunde, Deine Tage des Donners seien gezählt. Aber für ein paar nette Stories würde es immer noch reichen.« Mich traf der Schlag: »Wer hat das behauptet?« – »Das darf ich Dir nicht sagen.« – »Du lügst.« – »Meinetwegen, dann lüg´ ich halt.«

»Soll ich Dir was verraten?«, sagte er, »ich habe diesen Job nur angenommen, weil sie mir in der Redaktion gesagt haben, Du seist eh nicht mehr der Alte.«

Ob er mit gespaltener Zunge sprach oder nicht – ich sagte mir: jetzt erst recht!

Die zwei Turbolader sammelten all ihre Kräfte. Dann kam der Anfall. Zwischen 3.500 und 4.000 Umdrehungen. Der Südländer fiel ins Delirium hystericum. Höchstgradiger Beschleunigungsdrang. Ungeheuerlich, wie der Tobsüchtige sich aufführte, als wolle er sich jeglicher Kontrolle entziehen. Das Turbopfeifen betörte mich wie Odysseus der tödliche Gesang der Sirenen, aber ich wusste nicht, wo ich jetzt so schnell Wachs herbekäme, mit dem ich mir die Ohren zuschmieren könnte (so wie es Odysseus mit seinen Gefährten auf dem Schiff gemacht hatte, bevor er sich an den Mast binden ließ). Bei 7.000 Umdrehungen erfuhr ich eine Ahnung von Transzendenz, denn ich fühlte mich wie das Auge eines durch die Emilia-Romagna fegenden Hurrikans. Diese schaurig-schönen Wahnvor- stellungen kamen nicht von ungefähr – der MC20 hat Formel 1-DNA im Organismus: zwei Brennkammern und zwei Zündkerzen pro Zylinder. Gibt’s in keinem anderen Serienmotor. Hinzu kommt eine doppelte Einspritzung (Direkteinspritzung mit 350 bar sowie Einspritzung in die Vorkammer mit 6 bar). Ebenfalls unschlagbar: 207 PS pro Liter und ein Leistungsgewicht von 2,33 Kilo pro PS. Zum ersten Mal seit 20 Jahren entwickelte Maserati wieder ein eigenes Triebwerk (vorbei sind die Zeiten, da man sich diesbezüglich bei Ferrari bediente), und dann kommen sie wie Kai aus der Kiste mit einer Power zurück, die uns die Falten aus dem Gesicht zieht – alle Achtung. Ich konnte mich nicht beherrschen in dieser hinreißenden Kurvenorgie. Alles andere als unaufhörliches Pushen schien mir undenkbar. Der Maserati lag wundervoll und ließ sich mit Leichtigkeit dirigieren. Manchmal, wenn ich absichtlich übertrieb, kam er über die Hinterachse, ließ sich aber spielerisch wieder einfangen. Die Bremsmanöver waren hart und unerbittlich und ein großes Vergnügen. Leider bin ich nicht davor gefeit, immer mal wieder an die – wenn auch unwahrscheinliche – Möglichkeit eines Bremsdefektes zu denken. Auch diesmal ging’s mir durch den Kopf: Wenn ich jetzt null Bremswirkung hätte, fliegen wir ab bis Bologna. Und wie meist bei diesem Gedankenspiel, so kamen auch jetzt wieder die Bilder vom legendären Crash des Hans Herrmann beim F1-GP auf der Avus hoch – 1959. Der Deutsche raste mit 290 km/h auf die Südkehre zu. Das Bremspedal ließ sich widerstandslos bis zum Bodenblech durchtreten. In seiner Verzweiflung lenkte Herrmann den B.R.M. gegen die regennassen Strohballen, wurde herausgeschleudert und schlitterte über den Asphalt. Der Wagen überschlug sich mehrmals in hohem Bogen, Herrmann überlebte wie durch ein Wunder. Es gibt dieses berühmte Foto, da kauert »Hans im Glück« auf dem Boden und schaut dem durch die Luft fliegenden Wrack nach. Und ein Zitat von ihm ist nicht weniger legendär als der Unfall selbst: »Ich hab nachgeschaut, ob ich tot bin.« Aber die Bremsen des MC20 ließen nichts zu wünschen übrig, ach, die packten zu wie ein Pitbull, was denn sonst? Gibt es denn, frage ich mich, überhaupt einen aktuellen Sportwagen eines namhaften Herstellers, der Scheiß-Bremsen hat? Oder ein Scheiß-Getriebe? Oder eine Scheiß-Lenkung? Oder ein Scheiß-Fahrwerk? Mir fällt keiner ein. Dabei wäre das mal eine willkommene Abwechslung für den etwas eintö- nig gewordenen Automobiljournalismus: »Die Bremsen sind eine Zumutung, die Lenkung eine Frechheit, und das Fahrwerk können Sie sich komplett sonstwohin schieben.«

Was sollte ich hier von Alexa wollen – »Alexa, sei so gut, spiel die gute Fee für mich und mach, dass ich in diesem Maserati den bestehenden Rundenrekord auf der Nürburgring-Nordschleife für Serienfahrzeuge pulverisiere bis in alle Ewigkeit«? Unwahrscheinlich.

Ich hatte mich in einen Rausch gefahren und ganz vergessen, dass einer neben mir saß. Er war aber auch so still, gab keinen Ton von sich, brav. Blass war er wieder. Wir rollten hinter einem Lkw her. »Wie geht’s Dir?«, fragte ich. »Schlecht. Warum wird mir nur neben Dir schlecht beim Autofahren?« – »Vielleicht, weil die anderen nicht wirklich Auto fahren.« – »Können wir irgendwo anhalten? Ich will eine rauchen.« – »Ob’s dann besser wird? Wir sind gefahren wie die Feuerwehr, und Du hast Dich bis jetzt nicht übergeben. Das ist schon eine Leistung!« Es war nicht mehr weit bis in die Toskana. Wir fuhren auf einer Landstraße. Ich hielt auf dem Parkplatz vor einer geschlossenen Pizzeria. Oliver stieg aus und zündete sich eine Zigarette an. Da ich mir Notizen über die gewonnenen Fahreindrücke machen wollte, blieb ich im Wagen sitzen. Leider konnte ich mich nicht konzentrieren, da der Fotograf vor dem Maserati paffend auf und ab ging. Ich sah ihn mir genau an. Er trug so eine schwarze Hose mit extrem tiefem Schritt (fast bis zu den Knien). Dazu eine merkwürdig zerknitterte Lederjacke wie frisch aus der Mülltonne und weiße, knöchelhohe und ausgelatscht wirkende Schuhe. Ich stieg aus und sagte ihm, er hätte sich ruhig was Gescheites anziehen können. Wir seien schließlich in Italien, im Mode-Mekka, und bestimmt würden wir heute in Bologna noch in ein schönes Restaurant gehen. Aber in der Faschingskostümierung? Oliver blieb ungerührt. Er gab mir zu verstehen, dass es nicht seine Art sei, groß über seine Klamotten zu reden. Ich würde ihn jetzt aber dazu nötigen. Die Hose, fing er an aufzuzählen, sei von Boris Bidjan Saberi (nie gehört). Die Lederjacke von Neil Barrett (nie gehört). Die Schuhe, übrigens aus Pferdeleder, ebenfalls von Saberi. Aber das sei noch nicht alles: Auch Schal und T-Shirt stammten aus dem Atelier von BBS! Der Gesamtpreis belaufe sich auf 4.700 Euro. Er nahm einen letzten Zigarettenzug: »Darf ich fragen, was Dein Outfit gekostet hat?« Ich sah an mir herab. Ich kam mir sehr billig vor. Ich sagte nur: »Lass uns weiterfahren.«

Als wir wieder im Cockpit saßen, warf ich ihm einen rachsüchtigen Blick zu: »Schnall Dich gut an, Jenkinson.« – »Jenkinson?«, fragte er verwundert. »Dein Name ist Denis Jenkinson, und zwar bis ans Ende dieser Fahrt. By the way, ich bin Stirling Moss.« Ich stellte die Stoppuhr ein, lenkte den Wagen auf die Straße und war nicht mehr ansprechbar. In meinem Kopf startete das epische Rennen: der Sieg von Moss/ Jenkinson bei der Mille Miglia 1955 im Mercedes 300 SLR. Die Fabelzeit von 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden wurde nie unterboten. Im Hier und Jetzt fuhren Molzer/Gast auf Maserati MC20 von irgendeinem Kaff in Norditalien zurück nach Modena – doppelt so schnell wie sie hergekommen waren. Der Beifahrer gab an der Stadtgrenze panische Zeichen zum Anhalten.

Er taumelte aus dem Wagen und spie wie ein Reiher. Ich reichte ihm ein Taschentuch. Zum Dank sagte er: »Mit Dir fahr ich nie wieder!«

»Wie geht’s Dir?«, fragte ich. »Schlecht. Warum wird mir nur neben Dir schlecht beim Autofahren?« – »Vielleicht, weil die anderen nicht wirklich Auto fahren.«