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Der Tanz ihres Lebens TANGO


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Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.09.2022
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Perfekte Pose Für dieses Bild hat der Fotograf die beiden Tänzer in das alte Patrizierhaus Patio Ezeiza an der Calle Defensa im historischen Viertel von Buenos Aires gebeten. Eine gut gewählte Kulisse, denn als einst die Reichen das Viertel verließen, entstand hier der Tango.

Tango in Buenos Aires

Der Tanz wurde im Schmelztiegel geboren, der zum Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien entstanden war, als hier Millionen von Wirtschaftsflüchtlingen aus Europa strandeten und auf afrikanische Einflüsse stießen. Die Ausdrucksform der Unterdrückten stieß schnell auf Ablehnung der Obrigkeiten, daraufhin entwickelte sie sich in geheimen Tanzlokalen umso hitziger weiter. In Europa wurde aus dem Tanz der formell strengere Standardtanz Tango Argentino – ein Begriff, den in Argentinien keiner kennt, hier wird einfach „Tango“ getanzt und improvisiert. 2009 adelte die UNESCO den Tango zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

D

DIESE GESCHICHTE BEGINNT IM NIE-MANDSLAND DER NACHT. Wenn sich der Donnerstag im Freitag verliert, dann beginnt Juernes im Zentrum von Buenos Aires. Der Begriff setzt sich zusammen aus der ersten Silbe des spanischen Wortes für den vierten Wochentag ...

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... und aus der zweiten und dritten des fünften. Keine Leuchtreklame, kein Hinweisschild will werben für das, was jetzt beginnt. Lediglich eine offene Tür in einem geschlossenen Rollladen führt hinein in das, was man eine Zeitkapsel nennen könnte.

Hier erklingt jene Musik, die dereinst die Welt betörte, von Hollywood bis Helsinki. Die Österreichs Kaiser Franz Joseph mit Verboten belegte, die Papst Pius X. mit seinem Widerwillen strafte: Tango! Dieses Amalgam aus Hoffnung und Heimweh, aus Sinnlichkeit und Schwermut, Verlangen und Verrat. Dieses Substrat aus afrikanischen, in- digenen, kubanischen, spanischen, tschechischen und polnischen Rhythmen. Instrumentalisiert zumeist mit Klavier, Geige, Cello, Kontrabass und zwei Bandoneons, diesen schluchzenden Quetschkommoden aus dem Ruhrgebiet.

„Hier wird der Tango getanzt, in Touristenlokalen wird er vorgeführt.“ Dieser Überblick kommt vom Fach: An der Theke im Fonds des Lokals grüßt ein großer, schlanker, dunkelhaariger Mann in schwarzem Sakko und Jeans. Jesús Paez ist Profi-Tänzer. Er wartet hier auf seine Lebens- und Tanzpartnerin Iara Duarte. Die beiden leben Tango – und sie leben von ihm. Als Schautänzer, als Lehrer, als Kulturbotschafter in fernen Ländern oder, wie an diesem Winterabend, einfach nur als Teil jener argentinischen Jugend, die auch in einer Musikwelt voller Electro-Beats noch zu Grammofonklängen tanzen will, selbst wenn diese von einer Laptop-Festplatte kommen.

An die weiß getünchten Wände des bescheiden bestuhlten Etablissements haben die Veranstalter ein paar alte Schellackplatten gehängt und dazu Plakate, die außerirdische Wesen abbilden. „Wer heute in Buenos Aires noch Tango tanzen will, kommt sich leicht vor wie von einem anderen Stern“, grinst Jesús und steuert einen Tisch am Rand der Tanzfläche an.

TANGO Ein Takt, viele Spielarten

Ein Tanz für jede Lebenslage: Tango ist gelebte Tradition, Feierabendvergnügen, Trendsportart und – ein Kommerzprodukt.

Von hier öffnet sich der Blick auf 15 Paare, die meisten deutlich jünger als in den anderen Milongas von Buenos Aires. Während manche Damen in Tanzschuhe mit Absätzen geschlüpft sind, tragen viele Herren Sneakers.

Die meisten Melodien im Universum des Tangos verfolgen nicht eine musikalische Idee, sondern diverse, die sich voneinander absetzen durch Pausen. Die zu antizipieren, zu trennen und auszugestalten, das ist die Herausforderung an die Tänzer. Und so etwas ist niemandem in die Wiege gelegt, selbst hier nicht, ein paar hundert Meter entfernt vom Obelisken, dem Wahrzeichen von Buenos Aires, dem Geburtsort des Tangos.

Im Jahr 1870 hatte die Stadt gerade einmal 200.000 Einwohner – doch in den folgenden 40 Jahren wuchs die Bevölkerung auf über 1,5 Millionen, und Buenos Aires war plötzlich eine der größten Metropolen der Welt. In den Nachtclubs der Einwanderer- und Elendsvierteln, in denen Europäer, Afrikaner und Indigene aufeinandertrafen, entstand der Tango criollo, also die Musik der Kreolen. Eine Gruppe von Musikern und Komponisten, heute „die alte Garde“ genannt, sorgte ab 1895 dafür, dass der Tango eigenständiger wurde; sie drängten Einflüsse, etwa der kubanischen Musik, zurück. Und er wurde seinerseits zum Exportartikel: Als 1912 in London die Musicalkomödie „The Sunset Girl“ samt Tango-Einlage Premiere feiert, verabredeten sich die Damen und Herren der feinen Gesellschaft zum „Tango Tea“, um den neuen Tanz aus Übersee zu üben. Wenig später tanzte sich halb Europa ins Tangofieber. Der Tango verkörpere kulturelle Vielfalt und ermuntere zu kulturellem Dialog, stellte die UNESCO fest, als sie den Tango zum 2009 zum Teil des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit ernannte.

Profi Jesús lässt die Tanzfläche keinen Takt lang aus den Augen. Gefragt, bei welchem Paar er Potenzial erkenne, bleibt er vorerst stumm.

Erst zwei Runden später sichtet er einen Kandidaten – und der ist ausgerechnet der älteste Gast in dieser Nacht. Ein schmächtiger Herr, Glatze, Goldknopfsakko und Metallbrille, der seine zehn Zentimeter größere und zwanzig Jahre jüngere Partnerin mit genau dem führt, was ausschlaggebend ist, wenn zwei Körper unabhängig voneinander agieren, obwohl sie durch eine innige Umarmung vereint sind: Ruhe, Präzision, Pausen. Während andere Paare versuchen, dem Hin und Her der Melodie mit Pirouetten, Drehungen und Ornamentierungen zu folgen, und diese oft nicht rechtzeitig abschließen, ist der Veteran mit schlichten wie wohlgewählten Manövern stets rechtzeitig dran. Er markiert die Pause und gibt seiner Dame den Impuls für die nächste Phrase. Dabei bleibt sein Oberkörper ruhig, die Umarmung innig und die Miene grimmig, was sich so gehört, seitdem diese Balz vor anderthalb Jahrhunderten in Bordellen und Spelunken begann. Ganz zu Anfang tanzten gar Kerle mit Kerlen, was in den vergangenen Jahren Forschungsarbeiten und Zeitungsberichte vor dem Hintergrund der Genderdebatte motiviert hat. Aber Historiker vermuten, dass der Mann-Mann-Engtanz vor allem in dem Umstand wurzelte, dass einfach nicht genügend Damen den Immigrantenschiffen entstiegen waren.

Eines aber blieb bis heute: „Tango ist Männersache“, sagt Jesús. „Ich kann mir ausdenken: Okay, hier könnte ein Sprung hinpassen, gefolgt von einer Drehung. Aber wie kann ich das mitteilen, ohne Worte? Die Frau muss spüren und irgendwie antizipieren, was ich mit ihr vorhabe.“

Den meisten jungen Männern auf der Tanzfläche fällt diese Art der Kommunikation offenbar schwer, aber Jesús versichert, dass in anderen Milongas wie etwa dem berühmten Salon Canning oder im ehrwürdigen Ballsaal La Nacional das Niveau der Herren deutlich höher liege – der Altersdurchschnitt aber eben auch. „Tango ist ein Tanz fürs ganze Leben“, sagt er und führt Osvaldo Cartery an, der 2004 mit über sechzig immerhin die Tango-Weltmeisterschaft gewann.

Iara Duarte ist jung, schwarzhaarig, schlank und langbeinig. Eine Tangoschönheit wie aus einem Werbekatalog – und sie tanzt noch besser, als sie aussieht. Als sie um halb zwei Uhr früh in schwarzen Röhrenhosen auftaucht, heben die beiden das Niveau der Tanzveranstaltung um mehrere Stufen. Dabei tun sie genau das, was der alte Könner mit dem Bürogesicht vorgetanzt hat. Sie umfangen einander, sie bewegen sich halb so schnell wie der Rest, aber stets im Takt. Sie halten inne. Kein Fuchteln, kein Fuhrwerken. Verschmelzung pur.

TANGO

Schrittfolgen, Figuren, Pirouetten und Phrasen sind der Rohstoff des Tanzes. Die Magie aber kommt von woanders.

So wird Tango in Argentinien getanzt ...

EIN „ZWEIKÖPFIGES UNGEHEUER, EIN VIERBEINIGES TIER, träge oder lebendig, das für die Dauer eines Liedes lebt und mit dem letzten Takt verendet“.

So beschrieb die argentinische Schriftstellerin Alicia Dujovne Ortiz den Tanz, bei dem fast alles wichtiger ist als die propere Schrittfolge.

Tango besteht aus vier Grundelementen: der engen Umarmung, dem Schritt, dem Schnitt (corte) und dem Bruch (quebrada). Dabei bilden die ersten zwei Teile die Basis, die Elemente drei und vier lassen Platz für Improvisation und Figuren. Vor allem aber muss der Tango als Körpersprache getanzt werden, in der es darum geht, ein Gefühl der Sinnlichkeit und nicht der Sexualität auszudrücken.

Perfekte Technik ist wertlos, wenn der Ausdruck der Tänzer kein Gefühl vermittelt. Im Tangotanz ist alles eins – Blicke, Arme, Hände, jede Körperbewegung. Ein perfekter Tango ist wie eine dreiminütige Romanze zwischen zwei Menschen, die sich womöglich gerade erst kennengelernt haben und die im wirklichen Leben oft gar kein Liebespaar sind.

… und so wird er in Europa gelehrt Das sind die ersten Schritte des Tango Argentino: Er tritt zurück, sie geht mit, er geht seitlich an ihr vorbei und dreht sie. Auch hier ist der gemeinsam vollzogene Tempowechsel heikel.

Jesús sagt über Iara: „Ella tiene tango“ – sie hat Tango. Und Iara hatte ihn wohl schon, noch ehe sie wusste, wie der Tanz überhaupt hieß, den ihre Lehrerin ihr beibrachte, weil sie das größte Mädchen der ersten Klasse war. Für das Schulfest zum Nationalfeiertag sollte sie üben – und als dieser vorüber war, da wollte sie weitermachen. Und hatte das Glück, in ihrer Nähe unweit der alten Großmarkthalle El Abasto die beste Tangoschule der Stadt zu finden. Fragen nach anderen Berufsperspektiven hat sie sich nie gestellt. Mit neunzehn, bei einem Schautanz in der Fußgängerzone, lernte sie Jesús kennen, der, zwölf Jahre älter, gerade von einer Europa-Tournee zurückkam.

Sie wurden ein Paar, erst im Leben, dann auch im Ballsaal. Ein Jahr später begann ihre gemeinsame Wanderschaft, nicht einmal die Pandemie konnte sie bremsen. Als in Europa und auch in Buenos Aires der Engtanz verboten wurde und tausende Kollegen unter ihr Existenzminimum rutschten, konnten die beiden in Südkorea gastieren. Mehr als zwanzig europäische Länder hatten sie schon bereist. In Wien verbrachten sie 2019 einen ganzen Monat, gaben Unterricht auf Englisch, Italienisch und Spanisch und führten ihre Choreografien vor, die sie regelmäßig erneuern.

Drei Viertel des Jahres auf Tour, das mag sich für viele junge Menschen in dem geografisch abgelegenen und ökonomisch abgehängten Argentinien wie ein Traum lesen. Aber Iara stöhnt, denn Flüge, Bahnfahrten und Bustransfers zehren gewaltig an jener Substanz, von der Spitzentänzer nun einmal leben müssen. Ein perfektioniertes Vier-Minuten-Programm, bei dem der Schritt, jeder Sprung, jeder Wurf und auch jede Grimasse wirklich passt, schlauche ihn wie eine Stunde im Fitnessstudio, erzählt Jesús bei einem Besuch im

Atelier von Iaras Mutter, Irma Yolanda Gomez, mitten im quirligen Textilviertel Once.

Als Iara seinerzeit in der Grundschule anfing, da wusste ihre Mutter, die 1.500 Kilometer von der Hauptstadt aufgewachsen war, praktisch nichts über Tango. Doch heute ist sie eine der wichtigsten Ausstatterinnen hunderter junger Damen aus Buenos Aires, die sich im Takt des Tangos durch die Welt bewegen. Im Nähsalon hängt auf einer Schneiderpuppe eine violette Pracht voller Pailletten, die, unschwer zu erkennen, der Tochter auf den schmalen Leib geschneidert wurde. Sie wird das Kleid ein paar Tage später tragen, auf der Bühne einer Premierengala.

An einer Wand im Atelier hängen gerahmt Plakate und Programmhefte von Iara und Jesús in koreanischer, lateinischer und kyrillischer Schrift. Das neueste ist aus der Ukraine, die das Paar nur wenige Tage vor dem russischen Einmarsch verlassen hat. Dort hatten sie großen Erfolg. „Wir haben uns da sehr wohlgefühlt, denn die Ukrainer sind ähnlich emotional wie wir Latinos“, sagt Iara. „Die haben keine Kontaktscheu, wenn es darum geht, den Partner in den Arm zu nehmen.“ Und sie wollen wohl auch nicht immer alles ganz genau verstehen wie Deutsche, Schweizer, Skandinavier.

Tatsächlich hatten die beiden schon beschlossen, sich in der Ukraine niederzulassen, denn wie viele Paare aus Buenos Aires vor ihnen, wollen auch sie auf der Nordseite der Welt eine Tanzschule eröffnen. In Kiew oder Charkiw ist die Konkurrenz nicht so groß wie in Mailand oder Madrid.

Und was nun? Mal sehen – die Welt ist alles andere als einfacher geworden.

Argentinien bekommt es wieder doppelt ab. Erneut ist eine globale Krise auf eine hausgemachte gekippt. Wieder steht das Land vor einem finanziellen Kollaps. Wie in den 1930er-Jahren, die als „infames Jahrzehnt“ in die Geschichtsbücher eingingen. Damals war Tango der Klangteppich über Buenos Aires. Aus Rundfunkempfängern drangen die Stimmen von Carlos Gardel und Tita Merello, aus Grammofonen tönten die Orchester von Juan D’Arienzo, Osvaldo Fresedo oder Carlos di Sarli. 700 Kapellen spielten Tag und Nacht in Cafés, Bars, Konzerthallen, aber auch auf Straßenfesten und in Markthallen wie dem Mercado San Telmo, dem kolonialen Kopfsteinpflaster-Viertel. Lange war das ein übles Grätzel, doch heute lieben es die Touristen – und deren fotogene Hauptattraktion, die Tangopaare.

Auch Iara und Jesús drehen gelegentlich immer noch ein paar Achter dort, er im Dandylook, sie ganz in Rot, für ein paar geschwinde Dollars. Vor allem in den Sommermonaten, wenn enorme Kreuzfahrtschiffe Publikum in die Stadt bringen.

Die Touristen lieben Fotos mit Tangopaaren. Und je nach Budget finden sie vor allem im Viertel San Telmo Tangobars mit Schautanz zum Nachtmahl aus Steak und Malbec. Oder sie bekommen erst das Essen und dann die Show wie im Mitte Juli wiedereröffneten Kult-Club Michelangelo, dessen Besitzer pro Gast 100 Dollar berechnet, was in Argentinien heute fast einer Mindestrente entspricht.

Die Tangopaare in San Telmo sind Buenos Aires’ Antwort auf die Lipizzaner oder die Wiener Sängerknaben. Hoch begabte, exzellent harmonierende und perfekt gekleidete Produkte einer Industrie, die sich aus der Reproduktion speist. Oder, freundlicher formuliert: aus der Tradition. Mehrere Regierungen hatten den Tango verboten, andere untersagten Texte im Unterklassen-Slang Lunfardo. Doch heute ist der einstige Gossentanz zum Herzstück der städtischen Tourismusstrategie avanciert. Die Stadtregierung organisiert seit 2003 alljährlich die Tango-Weltmeisterschaft in der Usina del Arte, der Kulturfabrik im alten Hafenviertel La Boca, wo der Tango einst entstand.

Iara und Jesús wollen diese Weltmeisterschaft unbedingt gewinnen, viermal schon erreichten sie das Finale der letzten zwanzig Paare, und 2019 eroberten sie gar den dritten Platz. In diesem Jahr haben sie monatelang trainiert. Ein Weltmeistertitel würde ihren Marktwert in der Ferne noch deutlich steigern, das ist klar. Aber klar ist ihnen auch, dass Tango ohne Nähe nicht funktioniert. Damit „das Paar nicht flach wird“, wie Jesús sagt, müssen die beiden jährlich heim. Die Akkus aufladen, heimatlichen (Tanz-)Boden spüren, Juernes durchtanzen mit Freunden sowie Unbekannten, irdischen und außerirdischen.

Und die gibt es nur in Buenos Aires.