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Die Angst vor dem Ende


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2010 vom 18.11.2010

Der Rohstoffboom nimmt immer beängstigendere Ausmaße an. Dabei ist längst klar: So wie bisher kann es mit der Ausbeutung des Planeten nicht weitergehen. Mit technischem Fortschritt allein ist das Problem der schwindenden Ressourcen nicht zu lösen.


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Von einer Krise ist weit und breit nichts zu merken. Keine Angst vor der Zukunft und auch keine vor Umweltschäden und Gesundheitsgefahren. Der Markt für Rohstoffe aller Art boomt, als gäbe es kein Morgen. Ob Massenware wie Eisenerz und Kohle oder auch edle Metalle wie Palladium und Gold – alles wird gefördert, gekauft, gelagert und zu ...

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Von einer Krise ist weit und breit nichts zu merken. Keine Angst vor der Zukunft und auch keine vor Umweltschäden und Gesundheitsgefahren. Der Markt für Rohstoffe aller Art boomt, als gäbe es kein Morgen. Ob Massenware wie Eisenerz und Kohle oder auch edle Metalle wie Palladium und Gold – alles wird gefördert, gekauft, gelagert und zu Spekulationszwecken an Börsen zu fernen Terminen gehandelt. Was für Mineralien gilt – die unbelebten Schätze aus der Vergangenheit –, gilt kaum weniger für die Produkte der Landwirtschaft, also das, was immer wieder nachwächst. Ob Zucker, Kakao oder Mais, die Preise schwanken heftig und sind fern jeder Berechenbarkeit. Das ist nicht gut für Produzenten wie Konsumenten, welche die Rohstoffe und Lebensmittel für ganz konkrete Zwecke und nicht nur als Spielmasse zur Geldvermehrung brauchen.

Möglich ist am Rohstoffmarkt alles; er ist ein Spiel ohne Grenzen: So verzeichnete der Preis für das Edelmetall Palladium einmal innerhalb von zwölf Monaten einen Preissprung von 1.200 Prozent – ein einsamer Spitzenwert. Aber selbst gewöhnliches Eisenerz war in diesem Sommer mehr als doppelt so teuer wie im Krisensommer 2009. Anlageberater und Finanzjongleure, die mit Spekulationen auf Rohstoffe gewaltige Vermögen machen, sprechen in diesem Zusammenhang gern von einem „Superzyklus“.

Die Gründe für diesen Markt der unbegrenzten Möglichkeiten sind kein Geheimnis. So sorgt die Aufholjagd von Ländern wie China und Indien für eine hohe Nachfrage nach allem, was die Erde hergibt. Die Bevölkerung wächst in einem rasanten Tempo, das den Bau von Wohnungen und ganzen Städten nebst dem dazugehörigen Straßennetz erfordert. Zum Bauen wird Stahl und anderes Metall gebraucht, zum Beispiel für elektrische Leitungen. Auf den Straßen sollen Autos fahren – das verschlingt Benzin und Diesel, also Öl. Die Menschen, zu einem bescheidenen Wohlstand gelangt, wollen essen, möglichst Fleisch, was den Bedarf an Getreide vervielfacht. Die Spirale von steigendem Bedarf, steigendem Verbrauch, steigenden Preisen dreht sich ohne Unterlass und immer schneller.

Die Ressourcen werden knapp

Der offenbar unstillbare Rohstoffhunger der Welt bleibt nicht ohne schwerwiegende Folgen. Neben der Verwüstung des zusehends dichter bevölkerten Planten droht die Knappheit einzelner, besonders wichtiger Rohstoffe. Die Europäische Kommission stuft die Lage bei 14 von 41 überprüften Mineralien offiziell als kritisch ein. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Nachfrage nach wichtigen Metallen voraussichtlich verdreifachen, vermuten die EU-Strategen. Erschwert wird die Lage für die europäische Wirtschaft auch dadurch, dass die meisten der betroffenen Rohstoffe nicht durch andere Stoffe ersetzt werden können.

Zur Mangelware zählt heute schon eine Gruppe, die unter dem irreführenden Namen „seltene Erden“ zusammengefasst wird, obwohl es keine Erde, sondern Erz ist. Diese seltenen Erden gibt es in ökonomisch verwertbarer Gestalt praktisch nur in China, das 97 Prozent der Weltproduktion beisteuert. Ohne seltene Erden gibt es keine Elektronikindustrie;iPhone und Hybridantrieb wären vielleicht noch nicht einmal Träume, kaum aber eine Realität.

Dergleichen Verhältnisse sind nicht geeignet, Ruhe an den Rohstoffmärkten zu stiften. Auch für weit gewöhnlichere Mineralien wird die Versorgungslage nicht einfacher. Entlegene Weltregionen müssen aufgesucht werden, um Erz und Öl zu bergen. Das treibt die Kosten und erhöht die Risiken, wie der britische Ölkonzern BP in seinem monatelangen Bohrloch-Desaster im Golf von Mexiko vorführt. Die Tiefsee wird nicht nur für Rohöl, sondern auch für Edelmetalle wie das Mangan in den sogenannten Manganknollen auf dem Meeresboden zur Schürfstätte der Zukunft.

Der Trend ist überwältigend: Es ist der Bedarf in China, der innerhalb von knapp 20 Jahren zum beherrschenden Faktor für den weltweiten Verbrauch am Zukunftsmetall Aluminium geworden ist.


Foto: Laurentin lordache/Fotolia.com

Rohölförderung offshore: Der Rohstoffmangel lässt die Unternehmen immer höhere Risiken zulasten der Umwelt eingehen. Die Kosten müssen alle tragen – über die Preise.


Foto: BP

Zudem gewinnt die Sicherung von Rohstoffquellen in fernen Ländern neue Freunde. Es sind nicht mehr die alten Kolonialmächte, die mit Kanonen den Nachschub sicherten, sondern die finanziell flüssigeren Schwellenländer, die sozusagen mit dem Scheckbuch auf Beutezug gehen. China kauft Lagerstätten und Förderunternehmen, wo immer es sie bekommen kann. Dabei ist Afrika das liebste Ziel, aber auch in den USA und Australien nehmen die Chinesen, was zu haben ist. Damit will das Land auch die eigenen Reserven schützen und betreibt so eine Politik der Nachhaltigkeit eigener Art.

Schließlich die Spekulanten. Sie sorgen für weit heftigere Preisbewegungen, als alle realen Faktoren zusammen. Die Summe der an den Terminbörsen gehandelten Mengen übersteigt gewöhnlich den tatsächlichen Bedarf um ein Vielfaches. Dadurch werden die Notierungen an den internationalen Warenbörsen weit stärker als durch die tatsächliche Nachfrage geprägt. Die Rohstoffpreise schwanken auch heftiger als etwa die für Devisen oder Zinsen und Aktien: „Rohstoffe sind volatiler als andere Risikoklassen“, heißt das in der Sprache der Anleger.

Die Preisschwankungen behindern nicht nur die Geschäfte jener Industrien, die auf Rohstoffe angewiesen sind; sie haben sich auch zu einer großen Gefahr für die Stabilität der Wirtschaft entwickelt: „Es droht, sich eine gewaltige Blase auf dem Rohstoffmarkt zu bilden. Von den Dimensionen her könnte sie sogar größer werden als das Immobilienproblem in den USA vor zwei Jahren“, sagt Ekkehard Schulz, Vorstandschef des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp. Damit würde dann die Neuauflage der großen Kapitalismuskrise des Jahres 2008 unmittelbar bevorstehen, aber die Regierungen hätten nicht die Mittel, noch einmal ein gigantisches, schuldenfinanziertes Rettungsprogramm aufzulegen.

Deshalb kann es längst keine Frage mehr sein: So wie bisher kann das nicht weitergehen. Rund 250 Jahre lang haben die Industrieländer etwas in Gang gehalten, was der Ökonom Elmar Altvater als „Extraktionsökonomie“ be-zeichnet. Die Menschen, jedenfalls die wohlhabenderen, die nicht allein von dem lebten, was die karge Krume hergab, haben alles ausgegraben, was sie zu Geld machen konnten. Diese Epoche geht nun zu Ende.

Die Stahlproduktion boomt weltweit. Inzwischen liefert China gut ein Drittel der Weltproduktion, doppelt soviel wie die Hütten in den EU-Staaten.


Der Prozess des Wandels hat schon begonnen, wenn auch nur schleppend. Sozusagen im Fußgängertempo schlendert die industrialisierte Welt in Richtung Rohstoffeinsparung. Dabei ist es höchste Zeit, den Turbo zuzuschalten. Es geht nicht auf Dauer, dass „zwei deutsche Schäferhunde mehr Ressourcen verbrauchen als ein Mensch in Bangladesch“, reklamiert Erik Assadourian vom Worldwatch Institute, das sich mit Nachhaltigkeit und der Bedeutung umweltschonender Technologien beschäftigt.

Die Preise für Rohstoffe steigen

Wenigstens ist es in Deutschland gelungen, den Zusammenhang von wachsendem Güterangebot und steigendem Rohstoffverbrauch zu durchbrechen. Der Ressourcenverbrauch im Lande sinkt trotz wachsender Wirtschaft. „Während das reale Bruttoinlandsprodukt immer weiter gestiegen ist, liegen Primärenergieverbrauch und globaler Materialaufwand in Deutschland seit 1991 unter ihrem Ausgangswert“, stellt das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie in einer Studie zur Ressourceneffizienz fest. Getrieben wird diese Entwicklung auch vom Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft. Der Stahlverbrauch beispielsweise, seit jeher Maßstab für den Grad der Industrialisierung eines Landes, steigt nicht immer weiter an, wenn erst ein bestimmtes Niveau erreicht ist. Bis etwa rund 20.000 Dollar Wirtschaftsleistung pro Mensch und Jahr wächst er auf etwa 1.100 Kilogramm je Einwohner. Danach schwächt er sich meist sogar leicht ab. Da aber der Stahlverbrauch in Indien beispielsweise erst bei 20 Kilogramm je Kopf und Jahr liegt, sind global die Wachstumsaussichten der Branche natürlich immens.

Selbst in reichen Ländern und bei aller aufwendigen Materialforschung ist Stahl auch nicht ohne Weiteres zu ersetzen. Das ist ökologisch noch nicht einmal wünschenswert. So wurde die Umweltbelastung verschiedener Materialien für Fahrradrahmen untersucht. Rohstoff- und Energieverbrauch waren dabei die wesentlichen Kriterien, und verglichen wurden Stahl, Aluminium und kohlefaserverstärkter Kunststoff. Das Ergebnis war eindeutig: Stahl ist der weitaus überlegene Werkstoff für Fahrradrahmen; das Wort „Drahtesel“ bleibt passend.

Durch die steigenden Preise für Rohstoffe und die bei einzelnen Materialien drohende Knappheit sind die Unternehmen schon im eigenen Interesse gut beraten, mit Ressourcen nicht herumzuaasen. Schließlich ist Effizienz ein ökonomischer Begriff. Deshalb auch ist die „Verbesserung der Rohstoffeffizienz für die im internationalen Wettbewerb stehende deutsche Elektroindustrie eine strategische Notwendigkeit“, heißt es in einer Untersuchung, die der Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) gemeinsam mit der Commerzbank vorgenommen hat.

Freilich ist die Einsicht in die „strategische Notwendigkeit“ des sparsamen Rohstoffeinsatzes unterschiedlich weitverbreitet. Umweltberater Philipp Mihajlovic von der Unternehmensberatung Baum findet die größte Bereitschaft, auch in der Krise etwas für das große Ziel zu tun, eher im Mittelstand als in den großen Konzernen: „Es sind gerade kleinere, familiengeführte Unternehmen, die für entsprechende Maßnahmen aufgeschlossen sind“, sagt er. Die seien „der Region verhaftet, wollen auch etwas für die Umwelt tun.“ Allerdings braucht die Großindustrie weniger die Hilfe der Berater, um beim Umweltschutz voranzukommen. Der Chemiekonzern BASF will beispielsweise zwischen 2002 und 2020 die Energieeffizienz um 25 Prozent verbessern.

In der Tat sind es vor allem die Energiesparbemühungen, die zu der bislang erreichten Entkoppelung von Wohlstand und Rohstoffverbrauch beigetragen haben. Die Energie wird vorerst auch der wichtigste Schlüssel bleiben, um Ressourcen zu schonen. In Europa, so das Wuppertal-Institut, können 20 bis 30 Prozent Endenergieeinsparung „mit den heute verfügbaren Technologien und organisatorischen Lösungen“ wirtschaftlich umgesetzt werden. Dazu sei es lediglich notwendig, beim Ersatz altersschwacher Gerätschaften oder der Sanierung maroder Gebäude auf die jeweils effizienteste – das heißt auch die auf Dauer billigste – Lösung zu wählen. BASF rechnet für die von ihm produzierten Dämmstoffe mit einem Energiesparfaktor von drei. In deutschen Altbauten könnte damit der Heizölbedarf von rund 21 Litern je Quadratmeter und Jahr auf durchschnittlich sieben Liter verringert werden.

Rasante Ausbeutung

Foto: ccvision.de

Die Zeichen der Krise: Während die Goldproduktion 2009 global wegen der starken Nachfrage von sicherheitssuchenden Anlegern um vier Prozent zulegte, sank die Stahlerzeugung um 13 Prozent. Doch schon in diesem Jahr werden die weltweiten Konjunkturprogramme wieder in allen Bereichen für Zuwachs sorgen. Der hier gezeigte Verlauf zeugt vom Wachstum der Industriestaaten. Doch zunehmend wird die Entwicklung vom Aufstieg der Schwellenländer geprägt. Eine erneute Vervielfachung der Produktion wird aber die Natur kaum verkraften. Bleibt nur, die Rohstoffe effizienter zu nutzen.

Recycling-Anstrengungen ernster nehmen

Allerdings gibt es Zielkonflikte: Die Energieeinsparung ist umso größer, je mehr Dämmmaterial eingesetzt wird, und energiesparende Transformatoren brauchen mehr Kupfer als weniger effizientes Gerät. „Der Kostenvergleich der einzelnen Alternativen, aber auch der Vergleich der ökologischen Wirkungen, müssen dabei jeweils über die gesamte Lebensdauer und über alle Ressourcen erfolgen“, sagen die Experten aus Wuppertal.

Die gesamte Lebensdauer der von ihr eingesetzten Rohstoffe will auch die europäische Nichteisenmetallindustrie nicht nur betrachten, sondern eindeutig verlängern. Ihr Verband Eurometaux hat gemeinsam mit dem Öko-Institut Vorschläge für eine effizi-entere Ressourcennutzung entwickelt. „Die relativ rohstoffarme Europäische Union muss besser mit den in der EU vorhandenen Sekundärrohstoffen umgehen“, sagt Matthias Buchert vom Öko-Institut. Das bedeute nicht nur für die europäischen Unternehmen, ihre Recycling-Anstrengungen weitaus ernster zu nehmen als bisher und alte Autos und Computer gezielter um brauchbare Inhalte an Kupfer, Platin oder Gold zu erleichtern. Europa müsse auch die zweifelhafte Schrottentsorgung in Entwicklungsländer unterbinden, um unter anderem „unnötige Umweltbelastungen und Wettbewerbsverzerrungen“ zu vermeiden.

Auch bei nachwachsenden Rohstoffen gibt es gute Aussichten, zukünftig den Raubbau abzumildern. Der Chemiekonzern BASF baut mit hohen Wachstumsraten, wenn auch noch geringen Mengen, sein Geschäft mit biotechnisch erzeugten Rohstoffen aus. Was freilich im Fall der genveränderten KartoffelAmflora , die Rohstoffe für die Papiertechnik liefern soll, zu wütenden Protesten in der Bevölkerung geführt hat. Weniger Streit gibt es bei der sogenannten „weißen Bio-Technologie“, die mithilfe von Mikroben oder Enzymen Pflanzen in Kunststoffe und anderes verwandelt. Eine Studie der Europäischen Union rechnet für das Jahr 2030 damit, dass die Bio-Technik rund ein Drittel aller global erzeugten Produkte liefern wird.

Mehr als nur altes Eisen. Elektronikschrott und andere High-Tech-Abfälle werden in Zukunft zur wichtigen Rohstoffquelle für die Industrieländer.


Foto: irisblende.de

Wir müssen verzichten lernen

Alle diese gesammelten Anstrengungen, des Rohstoffproblems Herr zu werden, die Versorgung sicherzustellen, den Spekulanten das Leben schwerer zu machen und den Planeten nicht weiter zu verwüsten, sind gut und schön. Sie sind allerdings nicht mehr als ein Anfang. Effizienterer Rohstoffeinsatz, Recycling und neue Werkstoffe allein reichen nicht. Hinzukommen muss auch der Verzicht auf Überflüssiges. Schon der ehemalige US-amerikanische Vizepräsident Al Gore, ein Veteran beim Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz, hat 1992 erkannt, dass alle Fortschritte der Technik zwar notwendig, aber allein nicht genug sind: „Die Vorstellung, neue Technologien böten die Lösung aller unserer Probleme, ist ein zentraler Bestandteil der falschen Denkweise, die überhaupt erst zu der Krise geführt hat.“ Vielmehr müssen wir „unsere Beziehung zur Umwelt neu definieren“, so Gore. Notwendig ist wohl oder übel „eine grundlegende Veränderung der Produktions- und Konsummuster“, wie das Wuppertal-Institut in seiner Studie zur Ressourceneffizienz feststellt – so schwer das Produzenten und Konsumenten auch fallen mag.

Die Menschen sollten sich „hin zur Eleganz der nachhaltigen Kultur“ weiterentwickeln, formuliert im gleichen Tenor Ernst Ulrich von Weizsäcker. Ziel sollte nach Ansicht des Naturwissenschaftlers zunächst sein, die Ergiebigkeit von Energie- und anderen Rohstoffen um den Faktor fünf zu verbessern, ihre Effizienz im Einsatz also zu verfünffachen. Am Beispiel des Autos würde dies mithin bedeuten, künftig nicht mehr acht Liter Benzin für 100 Kilometer Fahrtstrecke zu verbrennen, sondern nur noch 1,6. DerFaktor fünf , so auch der Titel des neuen Buches von Weizsäckers, soll für alle Bereiche der Wirtschaft und des Verbrauchs gelten. „Wenn wir Ernährung, Häuser, Autos, Lampen, Zementproduktion, Logistik, Informationstechnik um einen Faktor fünf effizienter machen können als heute, also mit 20 Prozent der Rohstoffe und Energie gleich viel Wohlstand erzeugen, dann ändert das die Richtung des technischen Fortschritts“, so der Professor. Technisch sei das durchaus möglich, „praktisch quer durch die Bank und alle Branchen.“

Selbst VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ist schon öffentlichkeitswirksam mit einem Einliterauto von Wolfsburg nach Hamburg gefahren. Gebracht hat das nicht viel. Bei den Autofahrern ist bislang jedenfalls noch keine überwältigende Bereitschaft zum Spritsparen festzustellen. Die technisch erreichte Effizienzsteigerung beim Kraftstoffverbrauch wurde teilweise durch den Wunsch nach stärkerer Motorisierung aufgebraucht. War vor 15 Jahren der VW-Golf mit 75 PS das am häufigsten nachgefragte Modell in Deutschland, entscheiden sich heute 60 Prozent der Kunden für die Variante mit rund 100 PS. Zwar hat VW sein Erfolgsmodell auch noch mit einer 80-PS-Maschine im Programm, doch die wollen nur 15 Prozent der Kunden haben.

Um die Entwicklung nachhaltig in die gewünschte Richtung zu lenken, müssen die Energiepreise die tatsächlichen Kosten des Energieverbrauchs widerspiegeln. Das schließt natürlich auch jene Schäden ein, die durch die Förderung und das Verbrennen von Kohlenwasserstoffen für die Umwelt entstehen. Neu ist das Konzept keineswegs. Ökonomen sprechen in entsprechenden Fällen von der Internalisierung externer Kosten. „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“, formuliert Wissenschaftler von Weizsäcker den Sachverhalt.

Über wie viele Rohstoffe verfügt die Erde?

Reichweite in Jahren

Foto: Jasmin Merdan/Fortolia.com

Wie lange lässt sich der verschwenderische Umgang mit den Ressourcen noch fortsetzen? Ein beliebter Maßstab dafür ist die Reichweite der Erzreserven. Er zeigt an, in wie vielen Jahren die Lagerstätten, die bekannt sind und zu heutigen Preisen profitabel ausgebeutet werden können, leer sind. Doch die Verhältnisse wandeln sich: So machen etwa neue Abbautechniken bislang unrentable Vorkommen nutzbar und mit steigenden Preisen werden zuvor unrentable Lagerstätten abbauwürdig. Aber die Daten sind auch mit Vorsicht zu betrachten: Die Bergbaukonzerne forschen erst nach neuen Lagerstätten, wenn die alten zur Neige gehen – und gern erwecken sie den Eindruck, dass ihre Produkte immer knapper werden, um den Preis zu treiben.

Quelle: U.S. Geological Survey 2010 Grafik: ÖKO-TEST

Preise müssen ökologische Wahrheit sagen

Dazu bedarf es des Eingriffs des Staates. Der muss Entwicklungen, die von den Marktkräften nicht allein zuwege gebracht werden, in die gewünschten Bahnen lenken. Zu diesem Zweck muss das Steuersystem so verändert werden, dass das Konsumverhalten der Menschen und die Anstrengungen der Unternehmen zu einem scharfen Kurswechsel führen. Von Weizsäcker und sein Team wollen die Energie- und Ressourcenpreise jedes Jahr so stark anheben, wie die Energieeffizienz im Vorjahr gestiegen ist. „Wenn die Autoflotte 2010 um zwei Prozent effizienter wird als 2009, dann darf der Sprit um zwei Prozent plus Inflation teurer werden, und doch wird der gefahrene Kilometer nicht teurer“, kalkuliert von Weizsäcker. Sozialpolitisch gewünschte Korrekturen könnten in dieses System eingebaut werden, indem etwa die ersten 15 Liter pro Monat begünstigt würden. Zusätzlich antreiben ließe sich der Umbau der Wirtschaft hin zu Ökologie und Ressourcenschonung, wenn zum Beispiel die Steuern für Transportenergie Jahr um Jahr zusätzlich um 2,5 Prozent steigen würden. „Die Verteuerung könnte teilweise über den langsamen Abbau von Pendlerpauschalen laufen.“

Die Pendlerpauschale, des deutschen Autofahrers liebste Subvention, ist ein gutes Stichwort, um den erbitterten Widerstand ahnen zu lassen, der auf gutwillige Politiker zukommt. Auch das lautstarke Geheul, das sich landesweit erhob, als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler die Erhöhung der Benzinpreise zur Sprache brachte, beschreibt die Dimension der öffentlichen Erregung.

Der Protest gegen vernünftige energiepolitische Maßnahmen ist keineswegs auf die Verbraucher und deren politischen Interessenvertreter beschränkt. Auch Leute, die es wirklich besser wissen sollten, reihen sich in die Riege der Widerständler ein. Das durfte im Juli Finanzminister Wolfgang Schäuble erleben, als er das Abschaffen des Nachlasses bei der Öko-Steuer für energieintensive Unternehmen ins Gespräch brachte. Die Öko-Steuer auf Strom und Mineralöl verteuert Energie. Allerdings können Branchen, die aufgrund ihrer Produkte besonders viel Energie verbrauchen, einen Rabatt von maximal 95 Prozent auf diese Steuer bekommen. Ein Gesetzentwurf im Bundesfinanzministerium sah vor, diesen Rabatt zunächst auf 80, von 2012 an auf 60 Prozent zu verringern. Dieser Subventionsabbau würde dem Bund nicht nur bereits 2011 eine Milliarde Euro einbringen, er triebe auch den Umbau zu effizienterer Nutzung der Energie voran.

Höhere Benzinpreise? Mit solchen Korrekturen das Konsumverhalten umzusteuern, kommt bei Autofahrern nicht gut an.


Foto: ccvision.de

Die Ex-und-hopp-Mentalität ablegen

Schäuble aber hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Der Bundesverband der Deutschen Industrie äußerte sich sogleich „entsetzt und fassungslos“ über die Pläne und der Verband der Chemischen Industrie sah in dem Vorschlag „Gift für den Aufschwung“. Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie erkannte, dass „durch die geplante Kürzung die energieintensiven Industrien in Deutschland weiter geschwächt“ würden, wenngleich sie darin auch nichts Positives zu erkennen vermochte. Flugs wurde die nur angedachte Neuregelung entschärft.

Doch: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, um die Dichterin Ingeborg Bachmann zu zitieren. Schließlich führt an der harten Realität letzten Endes kein Weg vorbei.

Einfacher – oder vielleicht überhaupt erst möglich – wird der Kurswechsel, wenn er den Menschen mit sozialen Wohltaten schmackhaft gemacht werden kann. „Schließlich wird die Justierung der Märkte auf Nachhaltigkeit hin die Kosten der täglichen Lebenshaltung erhöhen. Wenn die Preise die ökologische Wahrheit sprechen, werden Wasser, Strom, Heizöl, Treibstoff, Transport, Lebensmittel teurer werden“, heißt es in einer Studie verschiedener Umweltinstitutionen mit dem TitelZukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt . Die einfache Schlussfolgerung lautet: „Eine Umweltpolitik, die sich nicht gleichzeitig um Sozialpolitik kümmert, wird keinen Erfolg haben.“

Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel sieht gar eine Renaissance der menschlichen Arbeit auf die Industrieländer zukommen. Steigende Preise für Rohstoffe und Energie, so sein Kalkül, würden, relativ betrachtet, die menschliche Arbeitskraft preiswerter machen. Das wiederum ließe „immer größere Teile der industriellen Wertschöpfung von der rohstoff- und energieintensiven Neuproduktion in die arbeitsintensiven Bereiche von Erneuerung und Reparatur“ wandern (siehe Interview S. 25). Auf diesem Weg würden sich die Menschen vom Verbraucher zum „Gebraucher, zum Nutzer entwickeln und ihre Ex-und-hopp-Mentalität ablegen“. An die Stelle ständig neuer Produkte kämen „das sorgsam gepflegte, solide und mit Erinnerungen verbundene alte Haus, Fahrzeug, Möbel und vielleicht sogar Kleidungsstück.“ Das würden viele sogar als Wohlstandsgewinn betrachten.


Quelle: U.S. Geological Survey 2010. Daten für 2009 geschätzt. Grafik: ÖKO-TEST