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Die Henne und das Ei


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green Lifestyle - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 12.10.2022
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Bildquelle: green Lifestyle, Ausgabe 4/2022

Die Legehenne Lotta ist erschöpft und gestresst. Es ist laut und eng in ihrem Stall. Die Luft ist staubig und das Atmen fällt ihr schwer. Dicht gedrängt mit tausenden anderen Hennen lebt Lotta Tag und Nacht in einem Stall ohne Zugang zum Freien. Gerne würde sie ausgelassen mit den Flügen schlagen, aber immer, wenn Lotta ihre Flügel ausbreiten will, stößt sie mit ihren Artgenossen zusammen. Manchmal picken die anderen Hennen mit ihren harten Schnäbeln nach ihr. Wie alle Hühner hat Lotta den Drang, an der frischen Luft frei zu laufen, im Erdreich nach Würmern und Insekten zu picken, ihre Flügel in der Sonne auszubreiten. Das entspräche ihrer Natur. Aber einen freien Auslauf wird sie niemals kennenlernen: Lotta lebt in Bodenhaltung.

So wie Lotta geht es den meisten Legehennen in Deutschland. Über 60 Prozent von ihnen leben in Bodenhaltung. In dieser Haltungsform können sie nur schwer bis gar nicht ...

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... ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben. Hühner sind naturgemäß Waldbewohner und leben in kleinen Gruppen von wenigen Tieren mit einer festen Rangordnung zusammen. Eine soziale Struktur, auch Hackordnung genannt, kann sich in der Enge der Bodenhaltung und bei den vielen Tieren nicht ausbilden. Bis zu 6000 Hühner dürfen hier pro Stallabteil zusammen gehalten werden. Bis zu neun Tiere teilen sich einen Quadratmeter, in einer sogenannten Voliere sogar doppelt so viele. Eier von Hühnern aus Bodenhaltung sind mit der Nummer 2 gekennzeichnet und aus Tierschutzsicht abzulehnen. Deshalb sagt die Tierschutzorganisation Provieh: „Kein Ei mit der 2 – weil Hühner freien Auslauf brauchen!“

Hochleistungszucht macht krank

Zusätzlich zur nicht-tiergerechten Haltung macht den Legehennen wie den Masthühnern ihre Zucht auf Hochleistung zu schaffen. Die Geflügelwirtschaft ist auf Gewinnmaximierung ausgerichtet: Auf der einen Seite schuf sie rasant wachsende Masthühner, die nur auf eine schnelle Gewichtszunahme und das Ansetzen von Fleisch getrimmt wurden; auf der anderen Seite Legehennen, die einzig für die Produktion möglichst großer Mengen Eier gezüchtet wurden. Damit einher gehen für die Hühner schwere leistungsbedingte Krankheiten. So erkranken Legehennen beispielsweise häufig an Osteoporose und Brustbeindeformationen, Masthühner leiden an Beinerkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Problemen.

Hilft das Verbot des Kükentötens?

Da sich hohe Legeleistung und schneller Fleischansatz genetisch ausschließen, wurden die männlichen Nachkommen dieser Hochleistungs-Legehennen bis Ende 2021 als unwirtschaftliches Nebenprodukt aussortiert und am ersten Tag getötet, während die weiblichen Tiere zu neuen Legehennen heranwuchsen. Die Tötung der männlichen Tiere nach dem Schlupf entfällt nun seit diesem Jahr, denn seit Anfang 2022 ist das Töten von Küken verboten. Den Legehennen und Masthühnern hilft das nicht, denn sie leiden weiter unter der Hochleistungszucht und den leistungsbedingten Krankheiten. Diese Probleme können nur behoben werden, wenn nicht mehr die Hochleistung das vorrangige Zuchtziel ist. Im Übrigen sollte das Tierschutzgesetz endlich ernst genommen und konsequent umgesetzt werden, denn nach TschG §3 Absatz 1 ist es verboten, einem Tier Leistungen zuzumuten, denen es nicht gewachsen ist. Dies ist bei Legehennen sowie Masthühnern eindeutig der Fall.

Der großartige Meilenstein für den Tierschutz, als der uns dieses Gesetz verkauft wurde, ist das Ende des Kükentötens daher aus Sicht von Provieh nicht. Männliche Küken der Hochleistungs-Legehennen werden nun zwar nicht mehr vergast, sondern bereits im Ei aussortiert oder im Rahmen von Bruderhahn-Projekten aufgezogen, aber das Grundproblem wird nicht einmal im Ansatz angegangen. Die vom Bundeslandwirtschaftsministerium präsentierte Lösung der Geschlechtserkennung im Ei lehnt Provieh daher ab. Das neue Gesetz ist vor allem auf eine technische Lösung ausgerichtet und lässt tierschutzkonforme Alternativen überwiegend unberücksichtigt. Denn mit der Gesetzesänderung werden die Ursachen nicht beseitigt, die überhaupt erst zum Problem des Kükentötens führten. Es gibt aber längst eine bessere Alternative, für die Provieh seit vielen Jahren kämpft: die (Re-)Etablierung des Zweinutzungshuhns. Das sind Hühner von Rassen, die sowohl Eier legen als auch zur Mast geeignet sind. Sie wachsen langsamer und legen weniger Eier, dafür sind sie robuster und es können beide Geschlechter gehalten werden.

Auf Eierkartons findet sich jetzt häufig der Aufdruck „Eier ohne Kükentöten“. Dies gibt aber noch keine Auskunft über die Haltungsform der Hennen. Wem eine gute Haltung wichtig ist, sollte beim Einkauf zudem darauf achten, dass die Eier möglichst aus Haltungsformen stammen, in denen die Hennen ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigen können. Ein Auslauf, wie er in der Bio- und Freilandhaltung zur Verfügung steht, gekennzeichnet durch die 0 und die 1 auf dem Ei, bietet den Hennen die Möglichkeit, frei zu rennen, ein ausgiebiges Sonnenbad zu nehmen und Insekten zu „jagen“. Deshalb kämpft die Tierschutzorganisation im Rahmen der neuen Kampagne „Kein Ei mit der 2 – weil Hühner freien Auslauf brauchen!“ aktuell für die Auslistung der Bodenhaltungseier aus dem Frischei-Segment. Durch Gespräche mit dem Einzelhandel, öffentlichkeitswirksame Protestaktionen und Verbraucheraufklärung macht sich Provieh dafür stark, dass stattdessen tierschutzgerechtere Haltungsformen gefördert werden, damit Hennen wie Lotta künftig freien Auslauf genießen können.

Welche Alternativen gibt es?

Wirtschaft und Politik müssen die Geflügelhaltung grundlegend neu denken. Weder die Geschlechtsfrüherkennung im Ei noch die Bruderhahn-Aufzucht lösen das grundlegende Problem der getrennten Zuchtlinien und der hochleistungsbedingten Krankheiten. Die Aufzucht, bei der die Hähne der Legelinie gemästet werden, ist als Zwischenlösung aus Tierschutzsicht der Geschlechtsfrüherkennung im Ei vorzuziehen. Da es keine gesetzlichen Haltungsvorschriften für die Bruderhähne gibt, ist aber nicht sichergestellt, dass sie tiergerecht aufgezogen werden. Hier muss gesetzlich also dringend nachgebessert werden. Die Zukunft liegt in der Haltung von gesunden Zweinutzungshühnern. Doch obwohl das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sich immer öfter mit der Förderung von Zweinutzungshühnern schmückt, wäre eine höhere Förderung dringend nötig.

Es gibt bereits gute Eier-Initiativen, wo die Haltung stimmt und die Bruderhähne aufgezogen werden: Haehnlein oder Bruderhahn-Initiative Deutschland bieten beispielsweise Eier aus Biohaltung und Bruderhahn-Aufzucht an. Bei den Initiativen Ei Care oder Herrmannsdorfer Landhuhn stammen die Bio-Eier sogar von Zweinutzungshühnern. Auch auf dem Wochenmarkt finden sich mittlerweile wieder vermehrt Anbieter, die Eier von Zweinutzungshühnern verkaufen. Eine bessere Haltung, eine längere Mastdauer und eine geringere Eieranzahl verursachen zwar Mehrkosten, aber es lohnt sich, einen höheren Eier-Preis für deutlich mehr Tierschutz zu zahlen. Konsumenten können mit dem Kaufverhalten zu einer besseren Haltung von Legehennen beitragen. Durch einen gemäßigten, bewussten Konsum von Eiern aus Initiativen, die Wert auf gesunde Hennen und eine gute Haltung legen, sowie eine angemessene Bezahlung von Eiern und Fleisch, könnte Hühnerleid durch Hochleistungszuchten schon bald der Vergangenheit angehören. Zudem gibt es bereits ein reiches Angebot an wohlschmeckenden pflanzlichen Alternativen und Rezeptvarianten, die ohne Ei auskommen, sodass sich häufig ohne Probleme auf ein Ei verzichten lässt.

Wer glückliche Hühner will, muss sich selbst darum kümmern

Eine Möglichkeit zum bewussten Eierkonsum ist die Haltung von eigenen Hühnern. Provieh empfiehlt jedoch vorher einen reflektierten Blick auf die eigene Situation zu werfen. Hühner können immerhin bis zu acht Jahre alt werden und haben arteigene Ansprüche an Haltung und Fütterung. Sie wollen vor Beutegreifern geschützt und gut umsorgt werden. Daher gilt es, vor der Anschaffung unter anderem folgende Fragen zu klären:

Wer kümmert sich täglich um die Hühnerschar?

Wer macht regelmäßig den Stall sauber?

Habe ich einen Tierarzt, der sich mit Hühnern auskennt?

Wer übernimmt die Urlaubsvertretung?

Sieben plus eins!

In freier Wildbahn lebt ein Hahn mit ungefähr sieben Hennen zusammen. Daher empfiehlt sich zum Einstieg eine Hühnerherde in ungefähr dieser Größe. So kann sich eine stabile Hackordnung ausbilden. Mit mehr Hähnen kann es zu Streitereien kommen. Hühner sollten außerdem niemals allein gehalten werden, es sind Herdentiere.

Beachten Sie zudem, dass das Krähen des Hahnes eventuell auf Unmut in der Nachbarschaft stößt. Sprechen Sie sich daher mit Ihren Nachbarn ab. Eine reine Hennenhaltung funktioniert ebenfalls, der Hahn übt jedoch eine positive Wirkung auf die Hennen aus. Je nach Bundesland gibt es unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen für die Anschaffung von Hühnern. Informieren Sie sich vorher, welche gegeben sein müssen! Melden Sie beispielsweise die Hühnerhaltung bei der zuständigen Behörde an und fragen Sie nach einer Baugenehmigung für den Hühnerstall. Erst wenn die rechtlichen Grundlagen bekannt und abgearbeitet sind, können Sie anfangen, den Hühnerstall zu bauen und die Tiere einziehen zu lassen.

Mehr Informationen zur Hühnerhaltung im Garten und regelmäßige Berichte über die neuesten Tierschutzentwicklungen finden Sie auf der Webseite und im Vereinsmagazin Respektiere Leben von Provieh. Die Organisation setzt sich für eine artgemäße Tierhaltung ein, in der auch Legehennen ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben dürfen. Provieh ist Deutschlands erfahrenste Tierschutzorganisation für Nutztiere. Seit 1973 setzt sie sich für eine artgemäße und wertschätzende Tierhaltung in der Landwirtschaft ein und arbeitet dabei wissenschaftlich und sachlich. Die Organisation versteht sich als Schnittstelle zwischen Verbrauchern, Lebensmitteleinzelhandel, Politik und Landwirten. Grundlegende Motivation ist das Verständnis von Nutztieren als intelligente und fühlende Wesen. Dabei freut sich Provieh über Unterstützung: