Lesezeit ca. 7 Min.

Die pure Lust am Machen


Logo von Max
Max - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 31.03.2022

Artikelbild für den Artikel "Die pure Lust am Machen" aus der Ausgabe 1/2022 von Max. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Max, Ausgabe 1/2022

MAX: Wie alt waren Sie, als Ihnen klar war: Ich möchte Künstler werden?

Lars Eidinger: Da war ich sechs Jahre. Ich weiß es so genau wegen meines bei Hatje Cantz erschienenen Fotobuches, „Autistic Disco“. Das erste Bild darin hab ich mit sechs Jahren gemacht, 1982. Es zeigt unseren Hamster Speedy in einer Klorolle, in gewisser Weise eine Art Freiheitsberaubung.

MAX: Heute sind Sie ein multimedialer Künstler – Sie sind Schauspieler, Regisseur, Fotograf, DJ, machen Videos und Kunstprojekte, Musik ...

Eidinger: Für mich ist ein Schauspieler auch ein Künstler, Schauspiel ist eine Kunstform. Abgehen davon halte ich es mit Joseph Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler.

MAX: Direkt nach der Schule sind Sie auf die renommierte Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin gegangen.

Eidinger: Von ’95 bis ’99, das war ein toller Jahrgang, unter anderem mit Nina Hoss, Fritzi Haberlandt, Mark Waschke und ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Max. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Die Ukraine ist überall. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Ukraine ist überall
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Contributors. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Contributors
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Hier ist das Volk. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hier ist das Volk
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von EINE NEUE EPOCHE DER Freiheit?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EINE NEUE EPOCHE DER Freiheit?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Digitale VERFÜHRER VON RECHTS – und wie wir uns dagegen
Vorheriger Artikel
Digitale VERFÜHRER VON RECHTS – und wie wir uns dagegen
intimität und intensität
Nächster Artikel
intimität und intensität
Mehr Lesetipps

... Devid Striesow. Ich bin Schauspieler geworden wegen meiner Lust am Spielen, damals weniger wegen einer Faszination für das Theater – die kam später. Und vorher, noch sehr jung, trat ich als Kind in der Sendung „Moskito“ auf, stand schon sehr früh, mit zwölf, vor der Kamera. Jedenfalls hab ich rasch gemerkt, dass die Ausbildung an der Ernst Busch mir schauspielerische Türen öffnen würde. Und diese Ausbildung hatte immer etwas sehr Lustvolles und Spielerisches, das war ganz wunderbar.

MAX: Alsdann folgte ein bis heute währendes Engagement an der Schaubühne in Berlin.

Eidinger: Es war mein großes Glück, dass Thomas Ostermeier auch 1999 an der Schaubühne anfing, deren Künstlerischer Leiter er bis heute ist. Ist schon verrückt, damals war Thomas gerade mal 30 Jahre, als er die Schaubühne übernommen hat.

MAX: Im Theater haben Sie zahlreiche Klassiker gespielt beziehungsweise als Regisseur inszeniert, etwa „Hamlet“ – wie bringt man so ein klassisches Stück in die Moderne?

Eidinger: Das Verblüffende an Shakespeare ist, dass sich die Auseinandersetzung relativ schnell im spielerischen Moment auflöst. Man denkt schon am Anfang: „Was soll ich jetzt in einen Text, einen Monolog wie ‚Sein oder Nichtsein‘ noch reininterpretieren? Mit welcher Rechtfertigung stell ich mich da hin und sag zum tausendsten Mal ‚Sein oder Nichtsein.‘?“ Dann merkt man im Laufe der Zeit, es ist immer wieder individuell. Und dass es vor allem die Persönlichkeit zeigt. Sie können sich den Text von zig Schauspielern anhören – er wird immer anders klingen, er wird immer etwas anderes bedeuten.

MAX: 2008 haben Sie zum ersten Mal Regie geführt bei Schillers „Die Räuber“. Warum fiel die Wahl auf dieses Theaterstück? Es ist ein Stück der Aufklärung, in dem es mithin um das Spannungsverhältnis Freiheit und Gesetz geht.

Eidinger: Mich hat schon auf der Schauspielschule der Bösewicht in „Die Räuber“, Franz Moor, in den Bann gezogen. Der Grund, warum ich mich mit ihm auseinandergesetzt habe, war, dass mir attestiert wurde, ich könne keine bösen Charaktere spielen, weil ich eine zu liebe Ausstrahlung hätte. Dabei sind die sogenannten Bösen meist die interessanteren Rollen: Der Joker ist interessanter als Batman, Mephisto ist interessanter als Faust. Und Franz Moor ist interessanter als Karl Moor. Den klassischen Helden gibt es nur in der Fiktion. Mit Antihelden haben wir viel mehr gemein und können uns viel besser identifizieren. Ich versuche nicht, einen Bösewicht zu spielen. Um „Hamlet“ zu zitieren: „For there is nothing either good or bad, but thinking makes it so.“ Sind unsere Fehler, sind unsere Abgründe nicht das, was uns als Mensch überhaupt ausmacht? In meiner Wiener Ausstellung wird es eine Skulptur geben von mir, die Jesus Christus als Uhr zeigt. Jesus ist der Minutenzeiger, das Kreuz ist der Stundenzeiger. Ich finde es kurios, dass man sich das Kruzifix ins Wohnzimmer hängt. Also dass man sich den idealen Menschen, der gekreuzigt wurde, von uns Menschen gekreuzigt wurde, mahnend ins Zimmer hängt. Und nicht den Teufel, was ja auf den ersten Blick viel sinnfälliger wäre. Es soll uns daran erinnern, dass wir unsere Ideale verraten und dass dem menschlichen Dasein etwas zutiefst Destruktives innewohnt.

MAX: Sie waren und sind viel im Theater, Fernsehen oder Kino zu sehen. Besonders aufgefallen ist mir „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.

Eidinger: Ehrlich gesagt wollte ich immer den Mackie Messer spielen. Aber es ist schwierig, in Berlin die Aufführungsrechte zu bekommen, weil diese von den Erben direkt verwaltet werden. Nun, in dem Film spielt Tobias Moretti den Mackie Messer, ich spiele Bertolt Brecht. Für mich ist Brecht nach Shakespeare der Größte. Und das war dann schon eine Überwindung zu sagen: „Ich spiel den jetzt“. Und zwar im Brecht’schen Sinne, „zu zeigen, dass man zeigt“.

MAX: Dann sind Sie etwas später in eine ganz andere Rolle, die des „Stern“-Reporters Heidemann, reingegangen, in „Faking Hitler“. Haben Sie Heidemann getroffen?

Eidinger: Ich sollte ihm begegnen, aber ich bin dann fälschlicherweise positiv auf Corona getestet worden in jener Woche, dadurch ist unser Treffen nicht zustande gekommen. Vielleicht war das ein bisschen schicksalhaft.

MAX: War das in gewisser Weise ein schwieriges Projekt?

Eidinger: Ich war sehr vorsichtig mit dem Projekt. Weil ich die Gefahr witterte, ich könne auf die Attraktion dieses Themas, die Sensation, die dieses Thema ausstrahlt, selbst reinfallen. Und das wollte ich nicht. Dazu ist mir viel zu allgegenwärtig, wofür Adolf Hitler steht. Ich wollte eine ambivalente Figur zeigen. Ich bin bemüht, meine persönliche Sicht auf die Figur rauszuhalten, um die Darstellung nicht dahingehend zu verfälschen, dass ich die ganze Zeit eine Kommentarebene mitliefere.

MAX: Was muss Journalismus heute leisten? Im Angesicht des „Stern“-Skandals oder des „Relotius“-Fiaskos des „Spiegel“?

Eidinger: Es gibt eine interessante Parallele zum Schauspieler. Ich habe für mich immer verstanden, dass das höchste Gut einer Schauspielerin oder eines Schauspielers die Glaubwürdigkeit ist. Wenn man das verspielt, dann funktioniert man nicht mehr. Und die wird natürlich auch ständig bedroht, weil man ständig infrage gestellt wird, ständig in Zweifel gezogen wird. Und das hat dem Stern das Genick gebrochen. Und in dem Moment, in dem man seine Glaubwürdigkeit verliert, verliert man im Grunde seine journalistische Daseinsberechtigung.

MAX: Themenwechsel – Künstler gelten als Menschen, die sich ihre Freiheiten nehmen...

Eidinger: Ich merke immer wieder, dass ich in solchen Kategorien – etwa Schauspiel, Video, Musik, Fotografie, Installation – gar nicht denke. Also ich habe noch nie irgendetwas gemacht, um diesem Anspruch zu genügen, den Titel „Künstler“ tragen zu können. Sondern ich mache Projekte immer aus einem kreativen Impuls heraus. Oder aus dem Motiv, sich auszudrücken. Oder ganz oft – und das würde ich immer an erste Stelle setzen – aus purer Lust am Machen.

„Mit Antihelden haben wir viel mehr gemein und können uns viel besser identifizieren“

MAX: Es gab und gibt keine Karriereplanung?

Eidinger: Wenn ich jetzt den Plan hätte, in Hollywood Karriere zu machen, wie soll ich das anstellen? Ins Flugzeug steigen und dann die wichtigsten Schauspielagenturen abklappern? Brief und Siegel, das funktioniert nicht. Ich habe am Anfang, als unbekannter Schauspieler, die übliche Tour durch die Casting-Agenturen gemacht. Ohne Erfolg. Letztes Jahr habe ich mit Noah Baumbach und Adam Driver und Greta Gerwig einen Film für Netflix gedreht. Plötzlich klingelt das Telefon, und Hollywood ist dran. So war das. Dafür habe ich allerdings nichts getan – außer vorher meine Arbeit gut gemacht.

MAX: Seit Jahren fotografieren Sie, fast täglich. Erzählen Sie uns etwas zu Ihrer Fotografie...

Eidinger: Es ist zu einer sehr wichtigen Ausdrucksform für mich geworden. Ich kann mich über die Fotografie zeigen, meine Persönlichkeit, meinen Blick auf die Welt. Und es hilft mir dabei, Unerklärliches darzustellen in der Sprache der Bilder.

MAX: Sie haben einmal den Satz gesagt: „Ich glaube nicht, dass man das Leben festhalten kann.“

Eidinger: Es geht um die Tragik des Daseins. Wir alle haben eine Sehnsucht, den Moment festzuhalten – aber das ist eine Utopie. Das, was Leben beschreibt, ist Bewegung. Und der Tod ist Stillstand. Deswegen lautet der letzte Satz bei Hamlet: „Der Rest ist Stille.“ Und eben nicht „Der Rest ist Schweigen.“ Stille herrscht an einem Ort, an dem niemand anwesend ist. Schweigen herrscht an einem Ort, wo Menschen anwesend sind, die nichts sagen.

MAX: Von Ende November ’21 bis Ende März ’22 stellten Sie, gemeinsam mit Stefan Marx, in der Hamburger Kunsthalle aus, unter dem Titel „Klasse Gesellschaft“.

Eidinger: Das kam auf Initiative von Sandra Pisot, der Kuratorin, zustande. Sie hat mich eines Tages angeschrieben und gesagt, sie sieht Parallelen in meinen Fotografien zu den alten Meistern. Ich wusste gar nicht, was sie meint. Weil ich nicht den Anspruch erheben würde, als zeitgenössischer Künstler irgendwie mit der Klassik zu konkurrieren. Trotzdem habe ich, als sie mir die Bilder gezeigt hat, verstanden, dass das Überraschende gar nicht unbedingt ist, dass man in meinen Bildern Motive von den alten Meistern findet. Sondern umgekehrt, dass die alten Meister sich sehr oft mit alltäglichen Situationen beschäftigt haben. Und in meinen Fotografien – auch jenen, die ich in MAX zeige – spielt der Alltag eine außerordentliche Rolle.

MAX: Gab es in der Musik jemanden, der für Sie eine überragende Rolle gespielt hat?

Eidinger: Als ich das erste Mal „Endtroducing“ von DJ Shadow gehört habe, da hab ich gedacht: „Das ist genau meine Musik.“ Und dann habe ich angefangen, Sample Based Music zu machen. Und bei der Fotografie war’s ebenso. Juergen Teller war für mich die wichtigste Inspiration – schon vorher, bevor ich ihn kennengelernt habe. Inzwischen sind wir sehr gut befreundet. Ach, mir fällt gerade eine Geschichte zu dem Yves-Saint-Laurent-Porträt ein, das hängt vorn, wenn man hier in der Berliner „Paris Bar“ auf die Toilette geht – es ist von Juergen Teller. Yves Saint Laurent hat zu ihm gesagt: „Du hast fünf Minuten für das Bild.“ Und dann hat Juergen drei Minuten gebraucht. Da war Saint Laurent total perplex.

MAX: Ist in diesem Jahr eine große Veränderung bei Ihnen zu erwarten?

Eidinger: Die größte Veränderung kann dieser Netflix-Film bringen, den ich mit Noah Baumbach gedreht habe, dem Regisseur von „Marriage Story“, mit Adam Driver und Scarlett Johansson. Mit Noah habe ich letztes Jahr „White Noise“ gedreht. Das ist die Verfilmung eines Don-DeLillo-Romans, auch mit Adam Driver und mit Greta Gerwig.

MAX: Wann und wo wird man den Film sehen?

Eidinger: Ich gehe davon aus, dass er Ende 2022 laufen wird. Und dann kommt ein Film in die Kinos, den ich mit Isabelle Huppert gedreht habe. Der lief gerade auf der Berlinale. Der heißt „A propos de Joan“. In dem Film bin ich der Geliebte von Isabelle. Ich kenne wirklich kaum einen Menschen, der so theaterbegeistert ist wie sie. Sie hat alle Stücke gesehen, die ich in Paris gespielt habe. Sie ist eine Schauspielerin, die einem bewusst auf Augenhöhe begegnet, damit man den falschen Respekt vor ihr ablegen kann. Während der Dreharbeiten in Frankreich waren wir zusammen in einem Hotel untergebracht. Eines Tages hat sie gesagt „Ich wollte heute Abend noch schwimmen gehen im Pool im Garten, kommst du mit?“ Dann sind wir um 23 Uhr eine Stunde zusammen geschwommen. Na ja, genau genommen war das Becken sehr flach – ich bin durchs Wasser gegangen, sie ist nebenher geschwommen.