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DIE STARTHELFERINNEN: 90 ANRUFE, 1 HEBAMME


ÖKO-TEST Spezial Kinder & Familie - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 11.04.2019

Ob Nachsorge oder Kreißsaal: Immer weniger Hebammen stehen immer mehr Geburten gegenüber. Der Mangel wird immer größer, die Maßnahmen der Regierung greifen zu kurz. Catherine Ciglia hat sich die Finger wund telefoniert und 89 Absagen kassiert.


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Der 90. Anruf brachte ihr Glück: Catherine Ciglia (rechts) hat ihre Hebamme Cristina Levu mit viel Hartnäckigkeit gefunden.


Foto: Nina Flauaus/ÖKO-TEST

Catherine Ciglia hatte 89-mal kein Glück. Sie hat 89 Hebammen angerufen oder angemailt – und 89 Absagen kassiert. Die 33-Jährige stand vor dem gleichen Problem wie unzählige andere werdende Mütter: Es gibt zu wenig. ...

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... Zu wenig Hebammen, zu wenig Geburtskliniken, zu wenig Kreißsäle – besonders in den Großstädten und in einigen sehr ländlichen Gebieten ist die Versorgung knapp.

Ciglia wusste zwar schon vor ihrer Schwangerschaft, dass es nicht leicht sein würde, eine Hebamme zu finden, noch dazu in einer Großstadt wie Frankfurt. „Aber ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, mich vor der zwölften Woche darum zu kümmern.“ Die Angst vor einer Fehlgeburt war zu groß – und die Angst davor, dass es umso schlimmer würde, je mehr sie bis dahin schon in die Wege geleitet hätte. Die zwölfte Woche, also ein halbes Jahr vor der Geburt, ist aber oft schon zu spät, um noch eine Hebamme zu finden. Denn: Viele Frauen kümmern sich aus Angst davor, keine mehr zu finden, direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest darum.

Schon voll, zu spät, keine Chance – Catherine Ciglia kennt die Antworten der völlig überlasteten Hebammen nur zu gut. „Viele gehen gar nicht erst ans Telefon oder antworten nicht auf E-Mails“, erzählt die 33-Jährige, die stundenlang Listen abtelefonierte. Einige schrieben auf ihrer Homepage, dass sie erst ab Juni wieder Termine frei hätten. „Das war rechnerisch überhaupt nicht möglich“, wundert sich die Mutter darüber, dass einige Hebammen ein ganzes Jahr lang keine neuen Schwangeren annehmen. „Wie lange sind die denn schwanger?“

Elisa nimmt gut zu: Catherine Ciglia hatte zu Anfang Sorge darum. Hebamme Cristina Levu wog die Kleine regelmäßig und gab Entwarnung.


Foto: Nina Flauaus/ÖKO-TEST

Der Mangel an Hebammen betrifft nicht nur die Vor- und Nachsorge der Mütter. Auch in den Kreißsälen sind Geburtshelfer knapp. So werden Frauen immer wieder trotz vorheriger Anmeldung weggeschickt, wenn sie mit Wehen vor den Kreißsälen stehen. Dabei haben sie „während der Schwangerschaft, bei und nach der Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung sowie auf Hebammenhilfe einschließlich der Untersuchungen zur Feststellung der Schwangerschaft und zur Schwangerenvorsorge“ – so weit die Theorie, so weit das Sozialgesetzbuch. In der Praxis sieht das für viele Schwangere allerdings ganz anders aus. Der Deutsche Hebammenbund fordert Frauen, die keine Hebamme finden, auf, sich auf der Internetseite unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden/zuregistrieren – knapp 25.000 Einträge gibt es dort zurzeit. Und das sind nur diejenigen, die sich registrieren. Genaue Erhebungen, wie viele Hebammen es gibt und wie viele es geben sollte, existieren nicht.

Der Mangel hat sich auch verschärft, weil es immer mehr Geburten in Deutschland gibt: Waren es 2007 laut dem Statistischen Bundesamt noch 684.862 Geburten, sind im Jahr 2017 schon 784.901 Babys auf die Welt gekommen, also gut 100.000 mehr. Das ist ein Anstieg von rund 15 Prozent in nur zehn Jahren. Die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfe hingegen ist konstant gesunken: Von 1.186 im Jahr 1991 auf gerade mal noch 672 im Jahr 2017.

Laut dem Deutschen Hebammenbund betreuen Geburtshelferinnen in Deutschland etwa doppelt so viele Gebärende in den Kreißsälen wie Hebammen in anderen europäischen Ländern. Das heißt: „Wenn die Geburtshilfe in Deutschland internationalen Vergleichen standhalten soll, benötigen wir mindestens doppelt so viele Hebammen in den Kreißsälen“, fordert Nina Martin vom Deutschen Hebammenbund. Ihr Vorwurf: „In den Kliniken wurde über Jahre hinweg die Lösung drängender Probleme wie des Personalmangels komplett vernachlässigt.“ Im Schnitt seien bereits 1,6 Planstellen pro Kreißsaal nicht besetzt, Tendenz steigend. Die Ursachen: schlechte Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen. Dadurch entsteht eine Abwärtsspirale. Denn der Mangel an Geburtshelfern führt zu einer Überlastung der verbleibenden Hebammen, was den Beruf unattraktiv macht und viele Hebammen aufgeben lässt. Dass die Situation nicht bleiben kann, wie sie ist, hat auch das Bundesgesundheitsministerium erkannt. Im Januar hat das Ministerium ein Eckpunktepapier mit Maßnahmen veröffentlicht, die das Problem beheben sollen, darunter die ohnehin beschlossene Akademisierung des Hebammenberufs. Zudem soll zunächst einmal ein Gutachten erstellt werden, das die „mögliche Unterversorgung“, so heißt es im Papier, analysiert. Außerdem soll die Suche vereinfacht werden und für Hebammen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. So richtig konkret hört sich das alles nicht an.


Es ist paradox: Immer mehr Geburten stehen immer weniger Hebammen und immer weniger Kreißsälen gegenüber.


`Elisa lacht: Dank ihrer hartnäckigen Mutter kümmert sich eine Hebamme um sie.


Foto: Nina Flauaus/ÖKO-TEST

„Das Eckpunktepapier ignoriert den Hauptgrund der Missstände: zu wenig Personal im Kreißsaal wegen zu schlechter Arbeitsbedingungen“, kritisiert der Elternverein Motherhood, der sich für eine bessere Hebammenversorgung werdender Mütter einsetzt. „Auch wenn das Thema viel komplexer ist, bringe ich es auf den Punkt: Geburtshilfliche Leistungen müssen deutlich besser vergütet werden“, fordert Katharina Desery von Motherhood. Außerdem müssten die Rahmenbedingungen verbessert werden: „Es gibt keine Vorgabe, wie viele Frauen eine angestellte Hebamme während der Geburt betreuen darf“, kritisiert Desery. Die Politik müsse hier endlich Richtlinien für verbindliche Personalschlüssel anstreben. Die gibt es tatsächlich nicht, und so betreuen Hebammen in Kliniken oft mehrere Geburten gleichzeitig. Solche schlechten Arbeitsbedingungen führen dann wiederum dazu, dass viele Hebammen ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aufgeben.

Catherine Ciglias Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Sie gab nämlich nicht auf. Und der 90. Anruf brachte ihr Glück. Über ein Frankfurter Krankenhaus hat- te sie Kontakt zu einer Hebamme bekommen, die dort arbeitet, aber auch Wochenbettbetreuung anbietet. Und die hatte gerade ihren Urlaub verschoben. „Das war super“, erzählt Ciglia – die Hebamme kümmerte sich schon in den letzten Wochen der Schwangerschaft um sie und war sogar dabei, als die Geburt im Bürgerhospital begann. Und als sie sich nach der Geburt ihrer kleinen Elisa Sorgen machte, dass sie nicht genug zunehmen könnte, war sie total darüber erleichtert, eine Hebamme zu haben.

Total entspannt: Catherine Ciglia weiß, dass sie ihre Hebamme immer anrufen kann, wenn was ist. Ob Stillen, Gewichtszunahme oder Pflege – sie hilft ihr immer weiter.


Foto: Nina Flauaus/ÖKO-TEST

Wenn eine weiß, wie anstrengend der Hebammenberuf ist, dann ist das Cristina Levu – der 90. Anruf von Catherine Ciglia. Sie hat eine volle Stelle als Geburtshelferin in einer Klinik, arbeitet dort im Schichtdienst und betreut danach noch Mütter wie Ciglia im Wochenbett. Und zu Hause wartet ihre neunjährige Tochter auf Sie. Ideal ist das nicht. Daran aufzugeben, hat sie aber nie gedacht: „Niemals“, sagt sie bestimmt und schaut die kleine Elisa liebevoll an, „dafür ist der Beruf viel zu schön.“

FÜNF TIPPS: SO FINDET MAN EINE HEBAMME

► Es ist nie zu früh: Die Suche lohnt sich gleich nach dem positiven Test. Zum einen steigen dadurch die Chancen, überhaupt eine zu finden, zum anderen haben viele Schwangere gerade in der ersten Zeit starke Beschwerden. Auch da können Hebammen helfen.
► Listen holen: In Arztpraxen, Geburtskliniken und bei Ämtern liegen Hebammenlisten mit Kontakten aus. Weil man zunächst einmal mit vielen Anrufbeantwortern telefonieren wird, lohnt sich eine Checkliste. Wo haben Sie schon angerufen? Wo auf den Anrufbeantworter gesprochen? Wo eine E-Mail hingeschickt? ffIm Netz suchen: Auf hebammensuche.de, hebliste.de und babyclub.de/hebamme sind viele Hebammen mit Kontaktadressen hinterlegt. Eine Postleitzahlenfunktion vereinfacht die Suche.
► Sonderfall Beleghebamme: Wer eine Beleghebamme sucht, die also neben Vor- und Nachsorge auch die Betreuung bei der Geburt übernimmt, wendet sich am besten an die Klinik, in der die Geburt stattfinden soll. Dort kann man nach einer Liste mit Beleghebammen fragen. Es ist allerdings sehr schwierig, eine Hebamme zu finden, die auch die Entbindung betreut. Beleghebammen sind sehr früh ausgebucht.
► Alles nichts gebracht? Wer keine Hebamme gefunden hat, muss weiter recherchieren: In vielen Städten bieten Hebammen auch ambulante Wochenbettsprechstunden an. Das ist auf jeden Fall besser als nichts.

„Hebammenberuf wird durch Studium sehr viel attraktiver“

INTERVIEW

Deutschland ist das einzige EU-Land, in dem Hebammen nicht verpflichtend an Hochschulen ausgebildet werden. Das ändert sich aufgrund einer Richtlinie. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) fordert schon seit Längerem eine Akademisierung des Berufes. ÖKO-TEST sprach mit DHV-Präsidiumsmitglied Susanne Steppat über die Chancen, die sich daraus ergeben, und über die Veränderungen des Berufsalltags.

Susanne Steppat vom Deutschen Hebammenverband: „Hebammen arbeiten heute bereits auf akademischem Niveau.“


ÖKO-TEST: Warum sollen Ihrer Ansicht nach Hebammen studieren?
Susanne Steppat: Dafür gibt es zwei Hauptgründe, und zwar einen gesetzlichen und einen inhaltlichen: Die EU hat beschlossen, dass die Ausbildung für Hebammen ab Januar 2020 an Hochschulen erfolgen muss. Das ist für alle EU-Mitgliedsstaaten verpflichtend. Der zweite Hauptgrund liegt in der Berufstätigkeit selbst begründet.

Inwiefern? Hat sich der Hebammenberuf gewandelt?
Ja, unser Beruf hat sich enorm weiterentwickelt. Eine Fülle an neuen Tätigkeiten ist hinzugekommen, und das eigenständige Arbeiten hat sehr stark zugenommen. Allein diese Veränderungen begründen ein höheres Bildungslevel. Hebammen arbeiten heute bereits auf akademischem Niveau.

Welche Chancen bietet die Akademisierung?
Das Studium sollte und muss mehr Lerninhalte bieten. Dies könnte sich ganz konkret auf die tägliche Arbeit und die Aufgabenverteilung im Kreißsaal auswirken. Wenn zum Beispiel auch Hebammen Ultraschalluntersuchungen anbieten und durchführen würden, kann man das Aufnahmeprozedere im Kreißsaal anders strukturieren. Der Bachelorabschluss eröffnet für die Kolleginnen neue Berufsperspektiven und Karrierewege: Aufbauende Masterstudiengänge bieten im Anschluss ein breites Feld für weitere Qualifizierungen. Passende Masterstudiengänge stehen in Zukunft in ganz Europa zur Verfügung. So wird der Beruf der Hebamme für noch mehr Menschen attraktiv!

Müssen Hebammen, die nicht studiert haben, künftig um ihren Job bangen?
Nein. Denn zum einen haben wir einen Hebammenmangel, zum anderen kann die Berufszulassung nicht aberkannt werden. Jede Hebamme wird ihre Hebammenurkunde behalten und ist uneingeschränkt zur Berufsausübung berechtigt. Bereits heute wird nicht zwischen Hebammen mit Bachelorabschluss und Hebammen mit berufsschulischem Abschluss unterschieden.

HEBAMMEN BERATEN ONLINE

Onlineportale wiekinderheldin.de undcall-a-midwife. de bieten für Frauen, die keine Hebamme gefunden haben, telefonisch und per Chat Beratung an. Allerdings kann ein solcher Service kaum die Hebamme vor Ort ersetzen. Kommt eine Hebamme ins Haus, zeigt sie Eltern, wie sie den Säugling beim Baden am besten halten, und überprüft, ob sich Babys Gewicht gut entwickelt und die Narben von Kaiserschnitt oder Geburtsverletzungen gut abheilen. Zudem müssen Eltern die Kosten für die reine Onlineberatung aus eigener Tasche zahlen, da die Beratungsportale nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkasse gehören. Je nach Portal starten die Kosten bei acht Euro pro Beratung, zudem gibt es Flatrates für 29,90 Euro und (deutlich) mehr. Derzeit diskutieren die Hebammenverbände und die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) über die Finanzierung der Onlinehebammen durch die GKV.


Foto: © Deutscher Hebammenverband, Fotograf: Hans-Christian Plambeck