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Die Vordenkerin grüner Städte


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Gärten - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 05.09.2022
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1 Der VanDusen Botanical Garden (2011) zählt zu den wichtigsten Werken von Cornelia Hahn Oberlander.

Während mehr als 70 Jahren hat sie die Landschaftsarchitektur beeinflusst und war eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten. Viele ihrer über 600 Projekte sind international bekannt. Sie gestaltete urbane Landschaften – öffentliche Plätze, Parks, Privathäuser, Gärten und Hunderte von Kinderspielplätzen – und wirkte mit an Entwürfen und der Umgebungsgestaltung zahlreicher bekannter Gebäude in Kanada, wie der National Gallery of Canada in Ottawa, des Museums of Anthropology an der University of British Columbia, des Legislative Assembly Buildings der Northwest Territories oder der East Three School in Inuvik.

Ihr Markenzeichen waren Dachgärten. Zu ihren berühmtesten Landschaften gehört das als Robson Square bekannte Dach des Gerichtsgebäudes in Vancouver, zugleich das erste grüne Dach Nordamerikas, sowie die Dachlandschaft des VanDusen Botanical Gardens oder das begrünte Dach der kanadischen Botschaft ...

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... in Berlin. Ihre Projekte wurden in Fachzeitschriften und in renommierten Tageszeitungen diskutiert.

2013 erschien Cornelia Oberlanders Biografie „Making the Modern Landscape“, die Auf- und Nachzeichnung eines faszinierenden Lebens. Susan Herrington verknüpft darin die Geschichte der modernen Landschaftsarchitektur mit Oberlanders Immigrations- und Integrationsgeschichte in den USA und in Kanada in den 1950er-Jahren und beschreibt, was die sozial- und umweltpolitisch engagierte Landschaftsarchitektin anspornte, neue Projekte anzupacken und zukunftsfähige Städte zu schaffen.

Mit ihren Projekten setzte Oberlander Maßstäbe. Sie war Vorbild, vermittelte Selbstvertrauen und Unterstützung für Frauen in einem Beruf, der bis dahin noch von Männern dominiert war. Kurz, sie ebnete den Weg für Landschaftsarchitektinnen. Und sie war ihrer Zeit immer voraus. Ihre Außenraumgestaltung ist Beispiel dafür, wie sie Architektur, Natur und Landschaft vereinte. Wenn sie einen Park gestaltete, wurde daraus kein Grünraum mit exotischer Bepflanzung, sondern eine naturnahe Oase.

Oberlander lebte und arbeitete auf dem Campus der University of British Columbia (UBC) in Vancouver. Bis zu ihrem Tod im Alter von 99 Jahren setzte sie ihr Lebenswerk unbekümmert und mit großem Elan fort: Sie forschte, gestaltete, reiste, gab Interviews, hielt Fachvorträge, führte durch ihre Projekte, prangerte an und empfing alle prestigeträchtigen Auszeichnungen, die es auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene gibt, um Landschaftsarchitektinnen zu ehren. Und: Sie war offen und interessiert daran, ihre Einsichten zu teilen – wie ich selbst erfahren konnte.

KANADA – GEMEINSAME INTERESSEN

Kennengelernt habe ich Cornelia Oberlander 2011 in Zürich am Kongress des Internationalen Verbandes der Landschaftsarchitekten (IFLA), wo sie für ihr Lebenswerk mit dem Sir Geoffrey Jellicoe Award ausgezeichnet wurde. Als geradezu phänomenal bezeichnete der Verband damals ihre Leistungen in der Landschaftsarchitektur. Eine Gemeinsamkeit zeichnete alle ihre Projekte aus: die Sorge um Natur, Umwelt und Mensch. Als Geografin und Ethnologin und damit wohl eine Außenseiterin unter den teilnehmenden Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten am Kongress – ich präsentierte zum Thema „Food Urbanism: Städtebau und urbane Landwirtschaft“ – beeindruckte mich die Ansprache der dezidiert auftretenden Person an der Preisverleihung. Wer war diese faszinierende Frau und warum hatte ich noch nie von ihr gehört, obwohl wir im selben Land – Kanada – lebten: sie im Westen und ich im Osten?

Später, nach der Verleihung, entdeckte ich Oberlander im Gespräch mit zwei Frauen – Schweizer Freundinnen aus alten Zeiten. Diese verabschiedeten sich. Ob ich mich bis zum Galadinner um Cornelia, wie sie alle nannten, kümmern könne? So kam es, dass wir kurze Zeit später zusammen auf einer Sitzbank am Zürichsee ins Gespräch kamen. Oberlander war großzügig mit ihrer Zeit und ihrem Interesse an meiner Arbeit. Sie wollte es genau wissen. Wir entdeckten gemeinsame Themen: grüne Städte, Ernährungssicherheit oder in- digene Kulturen. „You have to see my projects and write about them.“ „Du musst dir meine Projekte ansehen und darüber schreiben“, sagte sie bestimmt. Zuerst galt es, einen Termin zu finden. Ihre zukunftsgerichteten Gestaltungsideen waren gefragt: „I am off to Hawaii to give a lecture on Inuvik at the University. Will be back in March.“ – „Ich bin auf dem Weg nach Hawaii, um an der Universität eine Vorlesung zu meinem Inuvik-Projekt zu geben. Ich werde im März wieder zurück sein.“ Ein anderes Mal schrieb sie: „The VanDusen Visitor Center is now finished and I am working on a renewal Landscape Masterplan for Pearson College on Vancouver Island. There is never a dull moment. Soon more“. – „Das Besucherzentrum des Botanischen Gartens VanDusen ist jetzt fertig. Ich arbeite bereits an einem neuen Landschafts-Masterplan für das Pearson College auf Vancouver Island. Es wird nie langweilig. Bald mehr.“ Fast verließ mich mein Mut bei der nächsten Mail: „I am very busy with a writer in New York for my project in Inuvik but hope to fit you in.“ – „Ich bin sehr beschäftigt mit einer Journalistin in New York für mein Projekt in Inuvik. Ich hoffe, dass ich dich für ein Treffen bald berücksichtigen kann.“ Mir blieb also reichlich Zeit, um über ihre Projekte und ihre Biografie zu recherchieren.

„WALK LIGHTLY ON THE LAND“ – HINTER-LASSE KEINE SPUREN

Wer sich mit ihrer Biographie befasst, stößt auf einen vielfältigen Lebenslauf und eine spannende Immigrationsgeschichte. Immigration kann vieles ermöglichen und Perspektiven eröffnen: Cornelia war eine Frau, die sich in einer Männerdomäne durchsetzte, sich nicht beirren ließ und ihren Weg, der sie 18-jährig, zusammen mit ihrer Mutter Beate Hahn aus Nazi-Deutschland flüchten ließ und 1939 in die USA führte, konsequent ging. Die mit elf Jahren beschloss, dass sie später Parks anlegen wollte, und als eine der ersten Frauen an der Graduate School of Design der Harvard-University Kunst und Landschaftsarchitektur studierte. Die von den angesehensten Planern des 20. Jahrhunderts ausgebildet wurde und deren Weg 1953, zusammen mit ihrem Mann Peter Oberlander, nach Vancouver führte, wo sie ihre Firma „Cornelia Hahn Oberlander Landscape Architects“ gründete. Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Vancouver begann sich damals als Westküstenstadt zu etablieren, Cornelia brachte aus ihrer Zeit und ihrem Studium die Fähigkeit mit, zu erkennen, was die Stadt und ihre Menschen damals brauchten. So betonte auch ihre Biografin Susan Herrington bei einer Tagung über „Women and Modernism in Landscape Architecture“, dass es diese junge Fluchtgeneration war, die die Fähigkeit mitbrachte, beruflich im neuen Land zu brillieren. Cornelia bezeichnete ihren Beruf, die Landschaftsarchitektur, denn auch als „die Kunst des Möglichen“, was der Art und Weise entspricht, wie sie gelebt hat.

Noch anfangs der 1970er-Jahre entwirft Oberlander Kinderspielplätze, Privatgärten und die Umgebungsgestaltung für soziale Wohnbauprojekte – immer mit einem scharfen Blick für die jeweiligen Bedürfnisse. Sie gestaltet den Außenspielplatz des Kanadi- schen Pavillons für die Weltausstellung Expo 67 in Montreal. Das hügelige Gelände mit Pfaden, Kanälen und einem strandähnlichen Bereich mit Treibholz und Pflanzen sollte kreatives Spielen fördern – die Art Spielplätze, die heute bei uns nach der Plastikphase realisiert werden. Ihre Projekte wurden beachtet in einer Zeit, als es Ziel der Landschaftsgärtner war, Gärten zu jäten, sauber zu putzen und die Natur „zu pflegen“. Es gab keine Anleitungen für Design und Planung wilder Natur in der Landschaftsarchitektur.

Oberlander wurde auch von Mentoren wie dem Harvard-Professor und Architekten Walter Gropius beeinflusst, dem Gründer der Kunstschule „Bauhaus“ (1919). Bei ihm begann sie sich für soziale Belange zu engagieren und erkannte die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit – Ideale, die sie im Laufe ihrer Karriere erweitern sollte. Später arbeitete sie mit dem bekannten Landschaftsarchitekten Dan Kiley zusammen. Sein Leitmotiv „Walk lightly upon the land“ („Hinterlasse keine Spuren“) berücksichtigte Oberlander in ihren Plänen immer wieder. So sagte sie auch, dass sie überallhin hingehen könne, um eine Landschaft zu entwerfen. Sie zwinge dem Gelände keine fremde Ökologie auf und zerstöre die bestehende Natur nicht, sondern ergänze diese. Die Verwendung einheimischer Pflanzen sei der Schlüssel dazu.

„MEET ME UNDER THE TREE“ – TREFFEN UNTER DEM BAUM

Endlich – der Besuch in Vancouver zwei Jahre später. Datum, Ort und Zeit standen fest: 15 Uhr, Parkplatz VanDusen Botanical Garden, unter dem großen Baum in der oberen Ecke. Das Besucherzentrum sowie seine Umgebungsgestaltung tragen Oberlanders Handschrift. Zudem ist das 2011 eröffnete Gebäude eines ihrer wichtigsten Projekte. Es wurde weltweit als erstes mit dem Living Label, später mit LEED Platin und 2013 mit dem IGRA Green Roof Leadership Award ausgezeichnet und 2014 von den World Architecture News als nachhaltigstes Gebäude des Jahres.

Das Projekt markierte einen Wendepunkt in ihrer jahrzehntelangen Arbeit. Erstmals begann sie mit ihrem botanischen Wissen über Form und Funktion von Pflanzen die architektonische Form des Gebäudes zu beeinflussen: „Es war mein Anspruch, zwischen der gebauten Form und der Landschaft zu vermitteln“, betont eine energiegeladene Oberlander später auf unserer Tour. Und für die Architekten war ihr Vorschlag, ein Gebäude zu bauen, dessen Struktur an das Pflanzenleben erinnert, perfekt: „Der Bau sollte harmonisch wirken und sich den fließenden Formen der Natur anpassen“, erinnert sich Oberlander. „Ich wollte sicher kein Flachdach.“

Von oben betrachtet hat das Gebäudedach die Form einer Orchideenblüte. Die Orchidee wurde zum Symbol für das Dach und schafft eine eindrucksvolle Balance zwischen Architektur und Natur. Die Designphilosophie von Architekten und Landschaftsarchitektin ging jedoch weiter. Dach, Gebäude und Umgebung wurden als Einheit ausgebildet und gehen nahtlos ineinander über. Das Dach wurde so zu einem integralen Element des Besucherzentrums.

Detailliert erklärt mir die „Grande Dame des grünen Designs“ die technischen und botanischen Aspekte der Planung, jedoch nicht ohne sich immer wieder zu versichern: „Did you get this?“ – „Hast du das verstanden?“ Oder darauf hinzuweisen, dass ich das Buch des englischen Mediziners und Botanikers Archibald Menzies (1754–1842), das sie mir in der Bibliothek auf die Seite legen ließ, lesen müsse, um zu verstehen, warum sie welche Pflanzen für das Orchideendach und die Umgebungsgestaltung verwendet hatte. Sie hatte gründlich recherchiert. Das Dach wurde so gebaut und begrünt, dass auf Bewässerung verzichtet werden konnte.

Heute wachsen auf dem Dach mehr als 20 verschiedene Pflanzenarten, die die Graslandschaft an der pazifischen Nordwestküste imitieren, diejenigen Pflanzen, die Menzies 1792 auf seinen Expeditionsfahren entlang der kanadischen Nordwestküste gefunden hat. Auch die Umgebung wurde naturnah konzipiert und der Baumschutz – ein weiteres Beispiel für ihre Sorge um die Natur – berücksichtigt. Das Terrain um das Besucherzentrum wurde so gestaltet, dass rund 300 alte Douglasien, Kastanien- und Nussbäume erhalten werden konnten. „Ich habe darauf bestanden“, betont sie mit Blick auf die Bäume.

Der Rundgang war Outdoor-Vorlesung und Expedition in die Vergangenheit. Zwischen technischen Details erzählte Cornelia aus ihrem Leben, von weiteren Projekten, von der Zusammenarbeit mit bekannten Architekten und stellte sich ungezwungen vor die Linse des begleitenden Fotografen.

INTERNATIONALER AWARD

Die Internationale Cornelia-Hahn-Oberlander-Auszeichnung wurde von der Kulturlandschaftsstiftung Cultural Landscape Foundation (TCLF) geschaffen, um ihre Werke und ihr Engagement für die Landschaftsarchitektur zu ehren. Die Auszeichnung in Höhe von 100. 000 US-Dollar wird seit 2021 alle zwei Jahre vergeben. Die erste Gewinnerin ist die amerikanische Landschaftsarchitektin Julie Bargmann. Sie hat nun den Auftrag, während zwei Jahren öffentliche Auftritte zu bestreiten, um ihre Arbeiten sowie die Landschaftsarchitektur verbreitet vorzustellen.

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„PLANT WHAT YOU SEE“ – BERÜCKSICH-TIGE DEN ORT

Das VanDusen-Dach war nicht das erste Projekt, bei dem sich ihre Gestaltung in das architektonische Gesamtkonzept einfügt und das sie zusammen mit den Architekten entwickelte. Es war dies der Robson Square in Vancouver. Der als urbane Oase konzipierte Dachgarten – an sich ein zwischen 1978 und 1983 errichteter Platz – wurde von Oberlander und dem Architekten Arthur Erickson als durchgehender Dachgarten mit einem Wechsel von geschlossenen und offenen Bereichen entworfen. Er erstreckt sich über drei Gebäude und verschmilzt auf den verschiedenen Ebenen aus ebenerdigen und unterirdischen städtischen Gebäuden mit der Landschaft. Steine aus Beton, Wasser und Holz sind seine Gestaltungselemente, Wasserfälle übertönen den Verkehrslärm.

Der Park ist ein frühes Beispiel für die Integration der Dachbegrünung: Große Bäume sollten auf den Dächern wurzeln. Innovativ, wie sie war, erforschte und entwickelte Cornelia ein eigenes, leichtes und nährstoffreiches Substrat. Mit diesem Projekt lancierte Oberlander ihre Karriere, denn Erickson beauftragte sie anfangs der 1970er-Jahre auch mit der Außenraumgestaltung des Museums of Anthropology (MOA) auf dem Campus der University of British Columbia. Sein modern gebautes Museum aus Beton und Glas – eine moderne Interpretation der indianischen Kultur an der Westküste – liegt spektakulär mit Blick auf Pazifik und umliegende Bergketten.

Obwohl uns Cornelia nicht zum MOA begleiten konnte, war alles für unsere Arbeit organisiert. Der Ort dann: fast schon spirituell. Gegenwart und Vergangenheit sind spürbar – auch das eines ihrer Markenzeichen. Wichtig war ihr eine Auseinandersetzung mit dem Genius Loci, dem Geist des Ortes, was unweigerlich in die Vergangenheit führte. Das Museum liegt auf dem Land der Musqueam First Nations. Zudem zeigt das MOA indigene Kunst und legt den Fokus auf die Kultur der Westküstenindianer, speziell der Haida-Indianer. Cornelia schlug vor, für die Außengestaltung die Natur- und Küstenlandschaft der abgelegenen Haida-Gwaii-Inselgruppe vor der Küste Britisch-Kolumbiens nachzugestalten. Damit setzte sie ihre Landschaftsplanung in einen direkten Bezug zum Lebensraum der Haida.

Ganz so einfach war es jedoch nicht: „Woher hätte ich wissen können, welche Vegetation dort vorkommt?“, erinnert sie sich fast 40 Jahre später. „Die Reise in den Norden hätte zu viel gekostet.“ Sie ließ sich aber nicht beirren – auch eine ihrer zentralen Eigenschaften – und identifizierte die Gräser von Fotografien aus dem Buch „This is Haida“ (1968, Anthony Lawrence Carter) mit einem Vergrößerungsglas. Aus ihren Erkenntnissen wurde eine Samenmischung zusammengestellt, die die Grasvegetation auf den Inseln simuliert. Diese Mischung wurde auf den Hügeln und der Graslandschaft um das Museum ausgesät.

So begann sie erstmals mit der Verwendung von für die Ureinwohner lebenswichtigen Pflanzen als Mittel zur Darstellung kultureller Praktiken, die einen bestimmten ökologischen und spirituellen Kontext vermittelten. Oberlander beließ es jedoch nicht bei Gräsern. Noch fehlte ein zentrales Element in ihrer Gestaltung: „Im Buch war auch die Küstenlandschaft der Inseln mit den Meeresarmen und den flachen Kies- und Muschelstränden abgebildet.“ In der Folge wurde ein solches vor dem Museum ausgehoben und ein flacher Strand angelegt.

Nach dem Besuch des MOA machten wir eine Pause, saßen auf alten Baumstämmen am Strand. Später habe ich erfahren, dass es Cornelias Idee war, an öffentlichen Stränden in Vancouver Stämme als Sitzgelegenheit zu platzieren.

Klar wurde nach den Besichtigungen, dass hinter jedem ihrer Projekte eine umfangreiche Forschung und Arbeitsdisziplin steckt. Ihre Arbeitsweise nennt sie selber „The Art of the possible“ – „die Kunst des Möglichen“. In einem Interview erklärte sie: „Ich gehe Risiken ein, übernehme Verantwortung und forsche, dazu kommen Vision, Vorstellungskraft und Motivation.“ Richtungsweisend seien ihre fünf Prinzipien Geduld, Beharrlichkeit, Höflichkeit, Professionalität und Passion.

„DO NOT INTERVENE“ – PHILOSOPHIE DER GERINGSTEN INTERVENTION

Die Einladung von Erickson für die Planung des Robson Square und des MOA (1976) war der Beginn einer engen Zusammenarbeit, die sich über viele seiner renommiertesten Projekte erstreckte. Und sie blieb am Ball: „I am so lucky to have my good health.“ – „Meine gute Gesundheit ist mein Glück“, sagte sie mir während eines Gesprächs. So arbeitete sie bis weit in die 2000er-Jahre an neuen Projekten, auch als die Klimaerwärmung Thema wurde. Ein wichtiger Impuls kam vom Brundtland-Bericht „Our Common Future“ (1987), der Umweltfragen und das Konzept der nachhaltigen Entwicklung auf die politische Agenda brachte. Oberlander setzte diese Erkenntnisse um, so bei der Umgebungsgestaltung des Legislaturgebäudes in Yellowknive und bei der East Three School in Inuvik, beide Northwest Territories, wo sie den auftauenden Permafrost erlebte: Sie sank bis zu den Knien ein.

Als Reaktion auf die klimatischen Einschränkungen und den Wunsch, die Auswirkungen der Bauarbeiten zu verringern, entwickelte sie die Philosophie der geringsten Intervention – das unsichtbare Reparieren der Landschaft nach einem Eingriff. Die Philosophie wurde zu ihrer Entwurfsästhetik. Auch in der Planung für das C.K.-Choi-Gebäude auf dem Campus der University of British Columbia (UBC) (1996) hat sie die nachhaltige Zukunft umgesetzt. Heute ist das Gebäude das Vorzeige-Umweltgebäude der UBC mit seinen innovativen Ansätzen zur Einsparung von Energie, Wasser, Materialien und dem Baumschutz.

Bald zwei Jahre nach ihrem Tod am 22. Mai 2021 sind Cornelias Anliegen, für die sie sich schon lange eingesetzt hatte, dringender als je zuvor. Was mich fasziniert, ist ihre Weitsicht. Nicht umsonst wird sie auch Visionärin genannt. Sie sprach von Dachbegrünung und Stadtbäumen, als noch jede Fläche zugeteert wurde und jeder Baum, stand er im Weg, gefällt wurde. Hätte sie eine Stadt geplant, wären heute Schwammstädte kein Thema, da ihre Städte schon immer grün gewesen wären. Bereits 1977 griff Oberlander mit ihrem Buch „Trees in the City“ das Trendthema Urban Forestry auf. Das Buch ist eine Anleitung zum Pflanzen von Bäumen in der Stadt und betont die ökologische, ästhetische, soziale und politische Bedeutung der Stadtbäume. 2002 schrieb sie das erste Handbuch für begrünte Dächer in Kanada.

Ausgebildet in den USA und in einem Nischenberuf in Kanada tätig, war sie in Europa weniger bekannt. Erst durch den IFLA Award änderte sich dies und natürlich auch, weil sich der Fokus in der Landschaftsarchitektur heute auf Inhalte richtet, die Oberlander schon lange vorher bearbeitet hat. Der New York Times sagte sie im Interview: „Die Sehnsucht nach der Natur ist in unseren Genen verankert.“ Das sei die treibende Kraft hinter ihrer Arbeit.

Jetzt mit Cornelia auf einem alten Stamm am Strand zu sitzen, mit ihrer Biografie im Kopf über resiliente Städte zu diskutieren – wenn nicht mit ihr, mit wem sonst?

Wichtige Werke (Auswahl)

• 70 Spielplätze in Kanada

• National Gallery of Canada, Ottawa, Moshe Safdie Architects, 1988

• Arctic Garden, National Gallery of Canada, Moshe Safdie Architects, 1989

• Kanadische Botschaft, Washington, Arthur Erickson Architects, 1989

• Ottawa-City-Hall-Erweiterung, Moshe Safdie Architects, 1991

• Vancouver Public Library, Moshe Safdie Architects, 1995

• Legislativgebäude der Nordwest-Territorien, Yellowknife, Matsuzaki, Wright Architects, 1995

• C.K.-Choi-Gebäude, UBC, Matsuzaki Wright Architects, 1996

• Liu Center for Global Relations, UBC, Arthur Erickson Architects, 1998

• Therapeutic Roof Top Garden, Burns and Plastics Unit, Vancouver General Hospital, 2000

• New York Times Building, Atrium, Renzo Piano Architects, HM White Site Architects, 2002

• Botanischer Garten der Hebräischen Universität Jerusalem, 2004

• Dach kanadische Botschaft, Berlin, Kuwabara Payne McKenna Blumberg Architects, 1999–2005

• Museum of Anthropology, UBC, Vancouver, Arthur Erickson Architects und Stantec Architecture, 1976 und ab 2003

• Robson-Square, Landschaftsarchitektur, Vancouver, Arthur Erickson Architects, 1974–1983 und ab 2003

• East Three School, Landschaftsumgebung, um 2000

• VanDusen Botanical Garden, Peter Busby Architects, Perkins und Will Architects, 2011