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Die Welt retten mit Tofu?


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ÖKO-TEST Spezial Vegetarisch und Vegan - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 03.11.2022

Mit Tofu die Welt retten

Artikelbild für den Artikel "Die Welt retten mit Tofu?" aus der Ausgabe 11/2022 von ÖKO-TEST Spezial Vegetarisch und Vegan. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Was wir essen hat einen Einfluss auf das Klima. Und wenn wir die Klimakrise stoppen wollen, müssen wir umsteuern, alle. Der weltweite Sojaanbau steigt ? das ist gut, aber wir müssen das Soja selbst essen und nicht länger verfüttern.

W ersich bei Tisch als Tofu-Esser outet, bekommt meist postwendend etwas zu hören. Der Genuss von Soja sei extrem schlecht für die Umwelt. Für den Anbau in Monokulturen würde tropischer Regenwald vernichtet und die Pflanze intensiv mit Glyphosat gespritzt. Auch würde Gentechnik auf dem Teller landen. Und tatsächlich: In den Erzeugerländern wie Brasilien und Argentinien weichen täglich Wälder dem Sojaanbau, und es wird, wie in der Savanne Cerrado, wertvoller artenreicher Trockenwald zerstört. Auch kommt gentechnisch verändertes Saatgut in den Boden, und dies wird intensiv mit dem Unkrautvernichter Glyphosat gespritzt. Doch „extrem schlecht für die Umwelt“ ist deswegen nicht Tofu, sondern in erster Linie Fleisch.

Denn die so erzeugten Sojabohnen landen fast ausschließlich im Futtertrog von Schweinen und Geflügel. Sojaöl wird auch für Kosmetik und Körperpflegemittel genutzt und ...

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... ist Teil des Agrosprits. Nur sechs Prozent der globalen Sojaernte landen auf dem Teller als Tofu, Sojasoße und Bohne – vor allem in Asien, wo Soja eine lange Tradition in der Küche hat, so der WWF-BerichtTofu und Fleischalternativen aus oder mit Soja, die wir in Deutschland und Europa essen, werden hingegen vor allem aus europäischem, zu einem wachsenden Teil auch aus heimischem Soja hergestellt. Oft ist es Bio und immer frei von Gentechnik. „Wer sich daraus hergestellte Produkte schmecken lässt, unterstützt die heimische oder europäische Bio-Landwirtschaft und entscheidet sich gegen

Gentechnik“, erklärt Dr. Markus Keller, Leiter des Forschungsinstituts für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE) in Biebertal bei Gießen.

Wir essen 715 Tiere

Wir können also ohne schlechtes Gewissen zum Tofu greifen. Ja, wir sollten es sogar tun, betont Markus Keller. Denn wir essen viel zu viel Fleisch und andere tierische Lebensmittel wie Käse, Joghurt, Milch und Quark. 55 Kilogramm Fleisch und Wurst kommen statistisch gesehen bei jedem Deutschen jährlich auf den Teller. Das ist zwar etwas weniger als noch vor einigen Jahren, aber immer noch zu viel. In Tieren ausgedrückt summiert sich der Konsum im Laufe eines Menschenlebens auf eine ganze Herde, nämlich auf 715 Zwei- und Vierbeiner, also Rinder, Kälber, Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten, Gänse und Puten, errechnete der Agrarökonom Dr. Jonas Luckmann von der Humboldt-Universität zu Berlin für die Heinrich-Böll-Stiftung. Und dieser Konsum bringt fünf (Haupt-)Probleme mit sich:

Landflucht für Sojaanbau

Wir leben also über unsere Verhältnisse und auf Kosten anderer. Oft kein Thema ist, dass die für unseren Konsum benötigten landwirtschaftlichen Flächen anderswo nicht vom Himmel fallen. In der brasilianischen Savanne Cerrado werden beispielsweise seit vielen Jahren Menschen für neue Sojaflächen von ihrem Grund und Boden vertrieben, notfalls mit Gewalt, kritisiert derWeltagrarbericht.Die damit verbundene Landflucht führt zu Verelendung der Menschen und fördert das Wachstum der Slums in den Städten.

„Wir müssen nicht alle Veganer werden, aber wir sollten deutlich veganer essen.“

Dr. Markus Keller Leiter des Forschungsinstituts für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE) in Biebertal bei Gießen

Pflanzen essen ist gut fürs Klima

„Wir müssen nicht alle Veganer werden, aber wir sollten deutlich veganer essen“, erklärt Dr. Markus Keller mit Blick auf die globalen Probleme, die der Konsum von Fleisch und Wurst mit sich bringt. „Jedes Schnitzel weniger hilft“ – den Menschen in fernen Ländern, dem Klima und der Gesundheit. „Je weniger Fleisch auf dem Teller landet, desto weniger Soja muss generell angebaut werden“, ergänzt Axel Grunt, Pressereferent bei Donau Soja Wien – einer Multi-Stakeholder-Organisation, die den nachhaltigen und gentechnikfreien Sojaanbau, die Verarbeitung und Vermarktung von Soja ohne Gentechnik in Europa fördert.

Die Lösung heißt „plant-based“ – pflanzenbasierte Ernährung also. Denn sie ist auch klimafreundlicher. Das zeigt schon ein einfacher Vergleich. So schlägt ein Kilo konventionelles Rindfleisch mit 13,6 Kilogramm Kohlendioxidäquivalent zu Buche, ein Kilo Tofu nur mit einem Kilo. Das CO2-Äquivalent ist eine Maßzahl, die beschreibt, wie stark verschiedene Gase, also Kohlendioxid, Methan und Lachgas, zum Treibhauseffekt beitragen.

Dr. Toni Meier von der Universität Halle-Wittenberg verglich zudem verschiedene Ernährungsstile – klassische Mischkost, die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mit wenig Fleisch, Eiern und Milchprodukten sowie vegetarische und vegane Ernährung. Fazit: Essformen ohne oder mit wenigen tierischen Lebensmitteln haben die Nase vorn. In Bezug auf Treibhausgase, Flächenbedarf für den Anbau und Energieverbrauch brachten die vegetarische und vegane Kost die geringsten Belastungen mit sich.

Essen für den Planeten

Ein globales Konzept, wie wir zu mehr Pflanze und weniger Tier auf dem Teller kommen, bietet diePlanetaryHealthDiet.Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 16 Ländern definierten 2019 erstmals auf Basis umfangreicher wissenschaftlicher Daten diese Ernährungsform, die gesund für alle Menschen und für den Planeten ist. Sie ist so bemessen, dass sie dazu beiträgt, die im Pariser Klimaabkommen definierten Ziele zu erreichen und den Anstieg der globalen Temperatur auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen – in Bezug auf vorindustrielle Zeiten. Auch kann die weltweite Bevölkerung von künftig knapp zehn Milliarden Menschen (bis zum Jahr 2050) damit gesund satt werden. Und das, ohne Böden auszulaugen, Wälder abzuholzen und Meere leer zu fischen.

Für den Teller heißt das: Darauf kommen mindestens 80 Prozent pflanzliche Lebensmittel; der Rest kann, muss aber nicht von Tieren sein. Von diesem Planetenmenü sind wir allerdings noch weit entfernt. Der Verzehr von Fleisch und Zucker muss sich darum halbieren, der von Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Nüssen verdoppeln.

Es gibt auch eine Tabelle, die die Lebensmittelgruppen und die empfohlenen täglichen Mengen der Planetenkost auflistet. Allerdings ist sie ein wenig alltagsfern. Da werden zum Beispiel am Tag 13 Gramm Ei und 11,8 Gramm Öle mit vielen ungesättigten Fettsäuren empfohlen.

Eiweiß ist lebenswichtig

Näher am Alltag dran sind zwei Gießener Lebensmittelpyramiden. Die eine ist „plant-based“, also pflanzenbasiert oder vegetarisch, und wurde ursprünglich an der Universität Gießen in Zusammenarbeit mit dem Vollwert-Experten Professor Claus Leitzmann entwickelt, die andere ist rein pflanzlich und kommt vom IFPE. Ein wichtiger Punkt ist auch hier das Eiweiß. Es ist (lebens)wichtig, da es unter anderem am Aufbau von Muskeln, Knochen und Organen beteiligt ist. Für das rein pflanzliche Essen wird eine Portion (100 bis 125 Gramm) Hülsenfrüchte wie gegarte Linsen und Bohnen am Tag empfohlen, alternativ auch Sojaprodukte wie Tofu, der fermentierte Tempeh, Seitan aus Weizen und Lupinenprodukte (50 bis 100 Gramm). Dazu Milchalternativen wie Sojadrinks und -joghurts.

Dass Tofu, Seitan und Co. das „Vleisch“ der Zukunft sind, weiß auch die Lebensmittelindustrie. Was Bio-Hersteller seit Jahrzehnten anbieten, wollen nun auch die großen Lebensmittelkonzerne verkaufen. Doch weil Käse- und Wurstmachen anders geht als die Produktion von Sojabratlingen und -drinks, gab es in den vergangenen Jahren diverse Firmenübernahmen. Große Milchkonzerne kauften kleinere Veggies. So übernahm der Milchproduktehersteller Danone 2017 die Firma The White Wave Foods Company, einen Produzenten von pflanzlichen Lebensmitteln und Getränken. Auch die Marke Alpro mit der Bio-Marke Provamel lag im Einkaufskorb. Der US-amerikanische Foodgigant Campbell Soup Company verleibte sich Pacific Foods, Hersteller von haltbaren Bio-Milchersatzprodukten, ein.

In Deutschland produzieren rund 50 Firmen über 60 verschiedene vegane und vegetarische Lebensmittelmarken, so die TrendanalyseFleischderZukunftdes Umweltbundesamts von 2019. Somit liegen Fleischalternativen nicht mehr nur in Bio-Läden, sondern auch in Supermärkten und bei Discountern.

Bio-Ersatzprodukte sind meist besser

Darunter sind gute Fleischalternativen wie viele der von uns ab Seite 18 getesteten Tofus, aber manches ist nicht das Gelbe vom Ei. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, nahm das IFPE im Auftrag der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt 80 vegane und vegetarische Fleischalternativen und auch 27 herkömmliche Fleischprodukte unter die Lupe – jeweils bio und konventionell. Auf den Prüfstand kamen neben der Eiweißmenge und -qualität auch der Kalorien- und Fettgehalt, der Gehalt an Salz und Zusatzstoffen und Aromen. „Konventionelle Fleischalternativen machen eine deutlich schlechtere Figur als Bio-Produkte“, so ein Ergebnis der Studie. Konventionelle vegane Ersatzprodukte enthielten im Schnitt zwei und vegetarische Ersatzprodukte 3,5 Zusatzstoffe je Produkt. Und häufig auch Aromen. Die Bio-Veggie-Produkte hatten durchschnittlich nur einen Zusatzstoff pro Produkt in sich und waren frei von zugesetzten Aromastoffen. Das zeigen auch viele Untersuchungen vegetarischer und veganer Fleischalternativen von ÖKO-TEST. Zudem waren Fleischersatzprodukte in unseren Tests auch häufig mit Mineralölbestandteilen verunreinigt. Das ist aber kein alleiniges Problem der Ersatzprodukte. Auch „echtes“ Fleisch ist häufig damit verunreinigt, wie unser aktueller ÖKO-TEST Grillwurst (ÖKO-TEST Magazin 7/2022) zeigt. Der für diese Ausgabe untersuchte Naturtofu war überhaupt nicht mit Mineralölbestandteilen belastet.

Sojaanbau in Deutschland

Ob Vleisch oder Fleisch: Soll Soja zukünftig eine gewisse Rolle in der Ernährung spielen, muss es umweltverträglich erzeugt werden – ohne Raubbau in der Welt. Darum ist es gut, dass Soja zunehmend auch von hiesigen Äckern kommt. Seit 2016 hat sich in Deutschland die Anbaufläche mehr als verdoppelt – auf 34.300 Hektar im Jahr 2021, so das Statistische Bundesamt. Schon 27 Prozent dieser Anbaufläche wird kontrolliert biologisch beackert. Möglich wäre es sogar, in Deutschland etwa zwei Millionen Tonnen Sojabohnen jährlich zu produzieren – und so 40 bis 50 Prozent des Bedarfs zu decken, rechnet Martin Miersch vom Deutschen Sojaförderring vor, der auch Leiter des Sojazentrums beim Hersteller Taifun-Tofu ist. Das Unternehmen war eines der ersten in Deutschland, das

„Je weniger Fleisch auf dem Teller landet, desto weniger Soja muss angebaut werden.“

Axel Grunt Donau Soja

WISSEN

Wie gesund ist Tofu?

Soja ist gesund

Grundsätzlich haben die Bohnen und damit auch Tofu einen guten Eiweißgehalt. Auch die Qualität, ausgedrückt in der „biologischen Wertigkeit“, ist top. Sie gibt an, wie viel körpereigenes Eiweiß aus dem jeweiligen Lebensmittel hergestellt werden kann. Bei Sojabohnen beträgt sie 86 – und ist damit vergleichbar mit der Wertigkeit von Käse und Milch.

Soja als Blutdrucksenker

Sojabohnen senken auch den Blutdruck und vermindern das Risiko für einen Hirninfarkt. Denn sie enthalten Kalium und Ballaststoffe und diese wirken blutdrucksenkend. Das zeigen zahlreiche Studien. Allerdings wurden die meisten Untersuchungen in Asien gemacht. Dort ist Tofu sozusagen das täglich Brot, es wird also viel mehr davon gegessen als bei uns. Teils gelten die Ergebnisse auch für fermentierte Lebensmittel wie fermentierten Tofu, Tempeh, Miso, Natto und Sojasoße. Durch die Fermentation sind die Inhaltsstoffe der Bohne für den Körper besser verfügbar, zum Beispiel Isoflavone. Das sind hormonähnliche Substanzen, die antioxidativ wirken und Entzündungen stoppen. Allerdings: Etwa 0,3 Prozent der Menschen in Europa leiden an einer Sojaallergie. Sie müssen je nach Ausprägung einige oder sämtliche Lebensmittel mit Soja meiden.

Tofu aus eigenen Sojabohnen erzeugt hat. Heute lässt es auf rund 3.000 Hektar Fläche Bio-Sojabohnen anbauen. Auch in Europa schreitet der Sojaanbau voran. Rund 4,5 Millionen Hektar wird die europäische Sojaanbaufläche dieses Jahr betragen – ein Plus von 4,3 Prozent zum Vorjahr, so derMarketReportvon Donau Soja. Das entspricht etwa zehn Millionen Tonnen Sojabohnen. Doch auch in Europa geht noch was, mehr Bio ist möglich. „Bio-Soja wächst in Europa ausgezeichnet und erreicht ein gleich hohes (Ertrags-) Niveau wie konventionell angebautes Soja“, erklärt Axel Grunt von Donau-Soja.

Soja gegen die Krise

„Soja ist eine tolle Pflanze“, schwärmt Martin Miersch. Die Bohne habe einiges zu bieten – gerade in der aktuellen Situation. So explodieren zurzeit die Preise für Düngemittel aufgrund steigender Energiepreise. Soja aber benötigt zum Wachsen und Gedeihen kaum Dünger. Soja hat auch eine gute sogenannte Bodengare. Das bedeutet, der Boden ist nach der Ernte schön locker und quasi bereit für die nachfolgende Saat in der Fruchtfolge. Es geht also (fast) ohne Pflug, und das wiederum spart Arbeit und Energie.

Natürlich ist das in Deutschland und Europa verwendete Saatgut GVO-frei, denn in Europa dürfen keine gentechnisch veränderten Sojabohnen angebaut werden. Rund 60 Sorten Sojabohnen stehen zur Auswahl. Es gibt ertragreiche, robuste und inzwischen auch kältetolerante Sorten. Soja mag es zwar naturgemäß warm und trocken. Dank Züchtung gelingt der Bohnenanbau heute aber auch in kühleren, regenreicheren Regionen wie dem Norden Deutschlands. Somit ist Soja auch eine ideale Pflanze für sich ändernde Klimabedingungen.

Mit Tofu die Welt retten?

Nicht ein einziges Lebensmittel wird die globalen Ernährungsprobleme lösen, das ist klar. Doch Soja und damit auch Tofu können eine wichtige Rolle bei „plantbased“ spielen, also einer Ernährung, die überwiegend pflanzlich ist. Denn Soja bietet hochwertiges Eiweiß, ist vielfältig verwendbar und macht sich auf dem Acker gut.

Die Weltrettung klappt aber nur, wenn viel weniger Fleisch und andere Lebensmittel vom Tier gegessen werden – und auf den Flächen, die bisher für Tierfutter reserviert waren, pflanzliches Essen für den Direktverzehr entsteht.

Damit könnte auch dem Hunger in der Welt maßgeblich etwas entgegengesetzt werden. Wissenschaftler der US-amerikanischen Universität von Minnesota errechneten: Würden alle momentan als Tierfutter angebauten Ackerfrüchte wie Soja, Getreide und Ölsaaten direkt für die Ernährung der Menschen verwendet, könnten weltweit sofort 70 Prozent mehr Nahrungskalorien für Menschen zur Verfügung stehen. Diese Kalorienmenge wiederum würden zusätzlich vier Milliarden Menschen satt machen. Und das, ohne einen einzigen Hektar mehr Ackerfläche zu erschließen. „Wir haben also weder zu wenig Ackerfläche noch zu wenig Lebensmittel“, betont Dr. Markus Keller vom IFPE. Das Problem sei vielmehr die ungerechte Verteilung und die Verschwendung wertvoller pflanzlicher Lebensmittel als Tierfutter.

INTERVIEW

„Öf ter mal die Sau rauslassen“

Unsere Gier nach Fleisch macht uns krank, heizt die Klimakrise an, quält Tiere und vertreibt Menschen aus ihrer Heimat – für den Anbau von Tierfutter. Die Ernährungswissenschaftler Dr. Markus Keller und Annette Sabersky erklären, was sich ändern muss – und was jeder tun kann.

ÖKO-TEST: Sie empfehlen eine pflanzenbasierte oder sogar rein pflanzliche Ernährung. Für Männer gilt die aber nicht, oder? Männer brauchen doch Fleisch …

Markus Keller:Schaut man sich in einer typischen Uni-Mensa um, stehen da immer noch die Männer häufiger bei der Currywurst und die Frauen beim vegetarischen Essen an. Fleisch hat nach wie vor die kulturelle Bedeutung von männlicher Kraft, Stärke, Macht und Potenz – und das geht weit zurück in der menschlichen Evolution. Eine gesunde Ernährung geht aber nachweislich sehr gut ohne oder mit deutlich weniger Lebensmitteln vom Tier. Gut zusammengestellt ist sie sogar besser für unsere Gesundheit als die übliche Mischkost. Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen etwa treten bei pflanzenbasiertem Essen nachweislich seltener auf.

Was ist mit Eiweiß?

Keller: Die meisten Menschen essen bei der heute üblichen Ernährung mehr Eiweiß als empfohlen wird. Hier muss also niemand Sorge haben, zu kurz zu kommen. Bei Vegetariern ist die Proteinzufuhr meist ähnlich hoch wie bei Fleischessern und auch bei Veganern üblicherweise völlig ausreichend. Wichtiger als die absolute Menge ist die Proteinqualität. Die bekommt man aber auch pflanzlich sehr gut hin – durch bestimmte Kombinationen von eiweißreichen Lebensmitteln. Top sind zum Beispiel Falafel, also Kichererbsenbällchen im Fladenbrot aus Weizen, oder Vollkornreis mit Linsensoße, ein typisches Currygericht also.

„Das viele Fleischfuttern ist nicht zeitgemäß, denn es bringt eine Menge Probleme mit sich.“

Annette Sabersky Journalistin, Sachbuchautorin, Ernährungswissenschaftlerin und ÖKO-TEST-Autorin

Das klingt lecker …

Annette Sabersky:… und ist zeitgemäß. Das viele Fleischfuttern ist es nicht. Denn es bringt eine Menge Probleme mit sich, nicht nur gesundheitliche. Die heute übliche Tierhaltung in Massenställen ist nicht tiergerecht und die Arbeitsbedingungen für die Menschen in den Fleischfabriken sind oft katastrophal. Für den Anbau von Soja als Futtermittel wird in Drittländern wertvoller Regenwald zerstört. Das vertreibt die Bewohner von ihrem Grund und Boden und sie flüchten nicht selten in die Slums der Großstädte. Die Brandrodungen der Wälder heizen das Klima auf.

Sind Bio-Fleisch und Öko-Eier eine Lösung?

Sabersky: Die Haltungsbedingungen für Bio-Tiere sind schon etwas besser. Doch es reicht nicht aus, konventionelle durch Bio-Lebensmittel zu ersetzen. Es muss sich auch etwas an unseren Konsumgewohnheiten ändern. Weltweit essen immer mehr Menschen nach Western-Style-Diet-Art, sie konsumieren also sehr viel Fleisch, Käse und tierisches Fett. Doch für die Erzeugung tierischer Lebensmittel wird viel Getreide, Soja und andere Ackerfläche benötigt, da Nutztiere ja Pflanzen als Futter bekommen. Die Erzeugung von Fleisch und Co. ist sehr ineffizient, weil sie den Umweg über die Pflanze macht. Günstiger wäre es, diese Pflanzen direkt zu essen.

Warum müssen wir die Ackerfläche für Tierfutter begrenzen?

Keller: Damit zukünftig alle Menschen satt werden. Im Jahr 2050 werden voraussichtlich 9,6 Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben. Bei 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche stehen dann jedem Bewohner rechnerisch 1.441 Quadratmeter Boden zur Verfügung. Davon abgezogen werden müssen noch 276 Quadratmeter für Pflanzen, die zum Beispiel der Herstellung von Textilien dienen. Macht 1.165 Quadratmeter für die Ernährung. Im Jahr 2015 lebten 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde, und da waren es für jeden Bewohner noch 1.929 Quadratmeter Ackerfläche. Wir müssen also in Zukunft intelligenter mit der verfügbaren Fläche umgehen.

Wir sollten also alle Veganer werden?

Keller: Wir müssen nicht alle Veganer werden, aber wir sollten immer veganer werden. Die EAT-Lancet-Kommission rät im Rahmen ihrer Planetary Health Diet zu einem Anteil von mindestens 80 Prozent pflanzlichen Lebensmitteln auf dem Teller. Dem kann ich nur zustimmen.

Wie sagt man das eingefleischten Männern?

Sabersky: Man rät ihnen, öfter mal die Sau rauszulassen. Am besten ist es, mit einer grünen Mahlzeit am Tag zu beginnen, statt gleich alles auf den Kopf zu stellen. Zum Beispiel kann man sich mittags eine große Portion Pasta mit Veggie-Pesto schmecken lassen. Auch gute Fleischalternativen, diese aber bitte in Bio-Qualität, sind ab und an in Ordnung. Sie erleichtern den Umstieg auf plant based – und werden meist auch von Männern akzeptiert.

Wir essen zukünftig also vor allem Gemüse und Salat, um Menschen, Tiere und die Umwelt zu schützen?

Sabersky: Auch wenn Grünzeug einen großen Teil auf dem Teller ausmacht, es kommt ja noch viel mehr drauf.

Pflanzendrinks und -joghurts, Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen und Bohnen, auch in Nudelform oder als gut gewürztes Veggiehack, Nüsse, Kürbisoder Sonnenblumenkerne, bringen Abwechslung, sind superlecker, gesund und damit lässt sich kreativ kochen. Von Spätzle mit Veggiewürstchen über Bohnen-Burger bis hin zur Gemüsepizza – alles ist möglich!

„Eine gesunde Ernährung geht nachweislich sehr gut ohne oder mit deutlich weniger Lebensmitteln vom Tier.“

Dr. Markus Keller Leiter des Forschungsinstituts für pflanzenbasierte Ernährung (IFPE), Autor und Lehrbeauftragter

BUCHTIPP

Dr. Markus Keller, Annette Sabersky: Öfter mal die Sau rauslassen! Wie wir mit pflanzenbasierter Ernährung ganz entspannt gesünder leben und das Klima retten | Ulmer Verlag 2022 | 400 Seiten | 20 Euro